Wenn man ein Buch von Tolstoi in die Hand nimmt, dann kann man eigentlich nichts falsch machen. Anna Karenina hab ich mir einige Zeit aufgehoben, und erst einmal in meiner Bücherqueue warten lassen. Es war klar, dass dieses Buch ein Genuss wird und ich kann vorneweg sagen, dass es tatsächlich so war. Was macht dieses Buch zu einem Meisterwerk? Es gibt viele Rezensionen, Buchbesprechungen und Kommentare, die recht gut beschreiben, was dieses Buch so außergewöhnlich macht. Mich haben an diesem Buch einige Dinge besonders fasziniert. Eigentlich passiert in dem Buch nicht viel, wenn man sich den Handlungsstrang betrachtet, und mit anderen Büchern vergleicht, dann passiert auf den über 1000 Seiten oft viel mehr. Das ist aber nur die oberflächliche Betrachtung: Tolstoi ist einfach ein Meister darin die vielen Nuancen des menschlichen Seins und der Interaktion zwischen den verschiedenen Protagonisten auf eine so realistische Weise darzustellen, dass man sehr schnell das Gefühl hat, über tatsächlich lebende Menschen zu lesen. Anna ist so echt wie Lewin oder Kitty und alle haben irgendwie etwas in ihrem Denken, das ich auch in mir wieder finde. Ob es Lewins Suche nach dem Sinn des Lebens, nach Gott und der Suche nach dem Selbstgefühl, ob es Annas Bestreben nach erfüllter Liebe oder Kittys zum Teil berechnender Wankelmut ist, alle diese Fassetten menschlichen Denkens sind auch in einem selbst wieder zu finden.

Zwei Dinge werden, wie bei so vielen Klassiker auch bei Anna Karenina sehr deutlich. Zum einen ist der Roman aktuell und voll auf der Höhe der Zeit. Wer glaubt, dass sich die Menschen in den letzten 150 Jahren gravierend verändert haben, der irrt. Natürlich zeigt sich im Vergleich die Emanzipation, die veränderte Rolle die ein Mann (zumindest in dieser Hemisphäre) familiär einnimmt oder auch die gesellschaftlichen Normen verändert, aber die Art zu Denken, die moralischen Vorstellungen und die Entscheidungsfindung ist auch jetzt noch völlig plausibel, nachvollziehbar und dien Tugenden von damals sind immer noch Tugenden von heute geblieben. Ich konnte Annas Handeln immer verstehen, immer nachvollziehen und auch wenn ich einige Entscheidungen nicht so getroffen hätte (insbesondere in Bezug auf ihre Kinder), so kann ich mir vorstellen, dass viele Menschen aus der jetzigen Zeit auch so handeln würden. Eine zweite Tatsache, die mich bei Klassiker immer wieder fasziniert ist das Gefühl der Menschen zu jeder Zeit modern zu sein. Immer haben die Menschen geglaubt weltgewandt, klug und absolut auf der Höhe der Zeit zu sein. Natürlich stimmt das auch zu einem gewissen Teil, Anna Karenina erinnert uns aber doch recht schnell daran, dass ein großer Teil der Entscheidungen, die wir für unser Leben treffen, außerhalb von unserem Wirkungsbereich liegen, ein Ausdruck von etwas ist, dass weit aus der Vergangenheit kommt und ein so tiefer Teil von uns ist, dass wir darüber vielleicht reflektieren, es aber nur schwer beeinflussen können.

Hier spannt Tolstoi auch den Bogen zu Lewin. Ich liebe ja die Darstellungen des russischen Landlebens zur Zeit des 19. Jahrhunderts und insbesondere die Jagd, die so farbenfroh und lebendig beschrieben wird, dass man sich sowohl die Fauna und Flora aber auch die Jagdgesellschaft gut vorstellen kann. Besonders schön finde ich die Tatsache, dass immer zwischen den Zeilen die Liebe mitschwingt. Natürlich die romantische Liebe, aber auch die zu dem Wesen der Dinge, dem Wesen der einzelnen Personen, dem Landleben, dem gesellschaftlichen Schaffen. Die Bauernbefreiung, die Neuordnung der Gesellschaft, der Tod und der Glaube sind große Themen und Tolstoi beleuchtet sie so vielschichtig, dass eines deutlich wird: das Ringen um eine bessere Gesellschaft und auch das Erstreiten von Bürgerrechte sind ein hohes Gut (auch wenn diese von vielen Menschen meiner Generation leider mit Füßen getreten und Ignoranz betrachtet werden).

Ein sehr spannender Stil ist das Verweben der Geschichte einer Familie, die in Niedergang begriffen ist, mit einer Familie, die gerade am Entstehen und Erblühen ist. Mit Liebesgeschichten gewinnt man mich als Leser eigentlich immer und so verwebt Tolstoi verschiedene Handlungsstränge auf eine ganz subtile Art. Dieses unterschiedlich geprägte Spiegelbild bringt die Geschichte voran, schafft einen guten Rahmen. Was Tolstoi zu einem Meister macht ist etwas anderes: Seine Charaktere sind keine Stereotypen, sind nicht statisch sonder leben, sie entwickeln sich weiter und seine Protagonisten sind immer auf der Suche. Sie ändern ihre Ansichten, sind sich selbst untreu, finden wieder zu sich selbst zurück, sind unsicher und erkämpfen sich ihr eigenes Selbstgefühl. Ein sehr gutes Beispiel ist Kitty, die nach ihrer Enttäuschung einen Ausweg im Altruismus sucht, dann aber bemerkt, dass sie einfach kein selbstloser, aufopferungsvoller Mensch ist und sie findet zu einer Persönlichkeit zurück, in der sie diese Zeit aber auch nicht abschüttelt wie einen alten Mantel, sondern wo genau dieses Einfühlungsvermögen ein Teil von ihr wird (wie man später dann sieht, wo sie Lewins Bruder pflegt und sich um ihn kümmert).

Was mir zudem sehr gut gefällt ist die Beschreibung der Gesellschaft. Wie die Menschen miteinander umgehen, neben den Worten die gesprochen werden mit der ganzen Körpersprache kommuniziert wird. Das ist typisch für die Bücher dieser Zeit und fesselt mich immer wieder ganz stark. Es ist einfach spannend die Reaktionen der einzelnen Personen zu „sehen“, es ist einfach realistisch wenn jemand den richtigen Zeitpunkt etwas zu sagen verpasst und es schafft eine starke Identifikation mit dem Charakter, wenn sich dieser darüber auch bewusst wird.

Wie immer bei Klassiker, habe ich hier zur aktuellsten Auflage gegriffen. Das Buch ist die neueste Übersetzung, wobei Anna Karenina ungefähr 1000mal übersetzt wurde. Der dtv Verlag bietet aber eine herausragende Qualität und lieber gebe ich etwas mehr für ein Buch aus und habe eine ordentliche Fassung. Bisher habe ich das noch nie bereut.

Fazit: Wer glaubt in Anna Karenina einen langweiligen, alten Schinken zu finden, der irrt sich gewaltig. Selten habe ich ein Buch von dieser Qualität in Händen gehalten. Anna, Lewin, Kitty oder auch die Oblonskis sind echt, sie leben und sind so vielschichtig wie Menschen nur sein können. Und sie sind auf der Suche, nach ihrem Glück, nach Erfüllung, nach der Philosophie ihres Lebens und Seins, nach Menschlichkeit aber auch Eigennutz. Tolstoi ist ein Meister, zieht einen in seinen Bann und man liest dieses Buch wie man selbst die Dinge erlebt, man ist den Protagonisten so nahe, dass man nicht nur mit ihnen fühlt, sondern auch mit ihnen erlebt und erfährt.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

annakareninaTitel: Anna Karenina
Autor: Lew Tolstoi
Verlag: dtv
Übersetzung: Rosemarie Tietze
Erschienen: 1. Mai 2011
Erstveröffentlichung: 1877/78
Seiten: 1269 Seiten

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verfasst von Tobi

    8 Kommentare

  1. Pingback: Zum Jahresende 2014 | lesestunden 31. Dezember 2014 at 22:38

    […] ist schon echt schräg, für mich war das aber so. Er schreibt einfach klasse und wenn ich nur an Anna Karenina denke, dann weiß ich, dass ich mit dem Autoren noch nicht fertig bin. Ich kann euch nur empfehlen […]

  2. Ulrike Sokul 3. Januar 2015 at 13:30 Antworten

    Lieber Tobi,
    „Anna Karenina“ ist eines meiner Lieblingsbücher. Ich habe diesen Klassiker vor vielen, vielen Jahren in der Übersetzung von Fred Ottow (erschienen beim Verlag Artemis & Winkler) gelesen und die Charaktere sind mir trotz des langen Leseabstandes noch LEBHAFT in Erinnerung. Dies ist für mich ein Zeichen für die sprachliche, psychologische QUALITÄT dieses Meisterwerkes.
    Diese feinnuancierte zwischenmenschliche und literarische Tiefgründigkeit hast Du in Deiner Besprechung sehr schön gewürdigt und beschrieben!

    Da Dir differenzierte Charakterbilder gefallen, kann ich Dir noch „Jahrmarkt der Eitelkeit“ von William M.Thackeray empfehlen. Ich habe in diesem Falle auch die dtv-Klassik-Ausgabe (übersetzt von Theresa Mutzenbecher) konsumiert.

    Bibliophile Grüße
    Ulrike von Leselebenszeichen

    • tobi 4. Januar 2015 at 20:13 Antworten

      Hallo Ulrike,

      vielen Dank für das Feedback und den Büchertipp! Das hört sich echt gut an, hab das Buch mal auf meine Liste gesetzt. Diese klassischen Gesellschaftsromane zu lesen macht einfach Spaß.

      Liebe Grüße
      Tobi

  3. Pingback: Madame Bovary • Gustave Flaubert | lesestunden 14. Januar 2015 at 15:09

    […] ist einfach spannend. Besonders wenn es sich um Bücher aus der Epoche des Realismus handelt. Anna Karenina war hier schon ein echtes Meisterwerk. Entsprechend erwartungsvoll war ich, als ich Madame Bovary […]

  4. Pingback: Effi Briest • Theodor Fontane | lesestunden 10. Februar 2015 at 11:54

    […] Anna Karenina und Madame Bovary ist nun Effi Briest die dritte Ehebrecherin im Bunde. Bisher hat keiner dieser […]

  5. Laura 25. Februar 2015 at 10:16 Antworten

    Da ging es uns tatsächlich sehr ähnlich bei dieser Lektüre! Deine Besprechung fasst ganz toll zusammen, welche Punkte den Klassiker so besonders machen. Ich finde vor allem dein detailliertes Eingehen auf die Figuren und deren Authentizität und Nachvollziehbarkeit in ihrem Handeln bemerkenswert. Wie du denke ich, dass es einen richtig guten Roman ausmacht, dass die Figuren nicht stereotyp sind, sondern sich entwickeln und an ihren Aufgaben wachsen – oder eben auch mal scheitern. Das ist bei Tolstois Anna Karenina definitiv der Fall. Hast du auch andere Klassiker von ihm gelesen?
    Im übrigen denke ich ebenfalls, dass der Roman sich dadurch auszeichnet, dass er auch auf unsere Zeit übertragen werden kann und dadurch Aktualität besitzt – insbesondere in den Bereichen des Zwischenmenschlichen. Allerdings haben sich einige Dinge ja schon gravierend verändert, ob nun in der russischen Gesellschaft (glaube ich zumindest =)) oder auch im Verhältnis von Mann und Frau (wenn es um solche Dinge geht wie Anerkennung des Ehepartners durch die Eltern, gesellschaftliche Ächtung nach einer Trennung / Scheidung …) Darüber bin ich froh und umso schöner ist es, davon zu lesen und sich bewusst zu machen, dass das nicht immer so war bzw. das die Menschen sich in mancher Hinsicht doch weiterentwickeln. Zumindest ein wenig =)

    So oder so ein herausragender Roman, den man immer wieder lesen kann, da er sehr viele verschiedene Ebenen enthält, über die man auch viele Jahre später noch nachdenken kann und sollte!

    Herzliche Grüße, Laura

  6. […] bin ein großer Fan der drei großen Ehebruchromane des 19. Jahrhunderts. Ob Emma, Anna oder Effi, ich find die drei einfach klasse und könnte auch gar nicht genau sagen wieso. […]

  7. Pingback: Effi Briest von Theodor Fontane 22. Juni 2015 at 15:16

    […] Anna Karenina und Madame Bovary ist nun Effi Briest die dritte Ehebrecherin im Bunde. Bisher hat keiner dieser […]

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