Mit großer Freude habe ich gesehen, dass endlich wieder ein neues Buch von Patrick Rothfuss erscheint. Wie so viele habe ich erst gedacht, es geht endlich weiter mit Kvothe und der Königsmörder Chronik. Die erste Enttäuschung: Das Buch ist keine Fortsetzung. Zweite Enttäuschung: Das Buch ist kein Buch, sondern vom Umfang her nur ein kleines Heftchen. Für den Preis von 17,95 Euro wird hier alleine von der Menge her nicht viel geboten. Anna Karenina mit lediglich 16,90 Euro für knapp 1300 Seiten feinster Literatur ist hier das andere Extrem, das aber zeigt wie absurd wenig man mit „Die Musik der Stille“ bekommt. Gut der Vergleich hinkt, aber die Preisgestaltung ist für mich hier nicht nachvollziehbar.

Das Buch selbst ist, wie vom Klett-Cotta Verlag gewohnt sehr schick und hat zudem einige hochwertige Illustrationen von Marc Simonetti. Da macht dem Klett Verlag sonst keiner so schnell was vor. Ich hab zahlreiche Bücher (meist in gebundener Form) von Klett Cotta, der mein absoluter Lieblingsverlag in Sachen Fantasy ist.

Ich habe die Bücher der Königsmörder Chronik alle gelesen und fand sie sehr unterhaltsam. Allerdings ist die Lektüre schon einige Zeit her und ich hab schon vieles wieder vergessen. Ich weiß nicht ob es daran liegt, oder daran, dass ich einen Knacks habe, der einfach nicht dem Knacks entspricht, den dieses Buch hat. Ich glaube es stimmt: entweder man findet das Buch spitze, oder man hält es für kompletten Mist. Ich gehöre zur letzteren Fraktion.

Patrick Rothfuss ist jemand, der hinsichtlich narrativer Elemente alle Register zieht, die man als Geschichtenschreiber so ziehen kann. Er erzeugt einen Mangel und ködert den Leser die ganze Geschichte damit, er schmeichelt den Narzissmus eines Lesers, er gibt dem Leser Wissensvorsprung und nutzt alle sonstigen, kleinen, dreckigen Tricks um eine Geschichte spannend zu machen. Das kam bei seinen bisherigen Büchern so deutlich heraus, dass es mir noch mehr Spaß gemacht hat, sie zu lesen. Manchmal liebt man es verführt, hinters Licht geführt und durch alle Täler und Berge menschlichen Seins gezerrt zu werden.

Ausgehend von diesem Standpunkt kann ich es verstehen, dass Rothfuss hier einmal etwas komplett anderes machen möchte. So hat er diese Kurzgeschichte geschrieben, in der er eine Nebenfigur aus seinen Büchern mit allen psychischen Zwangsneurosen ausstattet, die man so als normaler Mensch sich vorstellen kann. Vom Kontrollzwang angefangen über Waschzwang bis hin zu Panikanfällen. Dabei verzichtet er auf alle Mittel, die er in seinen anderen Büchern in vollem Maße ausschöpft und schreibt eine Geschichte, die nahezu ausschließlich aus Handlungen besteht und die Person nur durch ihren verzerrten, emotional gefärbten Blick auf die spartanische Umgebung geprägt ist. Zentrale Triebfeder der Geschichte ist ein völlig auf die Spitze getriebener Anthropomorphismus.

Dieser puristische Stil mag dem ein oder anderen als kurzes Zwischenspiel gefallen. Was Literatur angeht, bin ich aber alles andere als ein Minimalist. Ich mag es pompös, ich will Menschen, die so echt sind, dass sie mir nicht ihre einfältige Andersartigkeit zeigen, sondern die mit allen ihren Fassetten der vielschichtigen Persönlichkeit, die ein jeder Mensch hat, mir etwas vor Augen führt, dass bemerkenswert ist. Das muss nicht immer aufregend sein, aber echt.

Der ganze Rahmen hat mich geärgert. Die Geschichte hat keine 173 Seiten wie angegeben. Zahlreiche leere und halbe Seiten bei Kapitelwechsel und die Illustrationen schmälern den Roman auf eine knappe Kurzgeschichte. Und die skizziert eine junge Frau, die vielleicht durch ihre Attraktivität und besondere Sichtweise auf die Welt besticht, aber ansonsten hat die Geschichte nichts zu bieten. Dem ein oder anderen mag die Naivität, die Einfachheit und die Reinheit faszinieren. Mich konnte das ganze Konzept nicht im Ansatz überzeugen. Und die Tatsache, dass es bei einem so kurzen Buch ein 9 (!!!) seitiges Nachwort gibt, in dem sich der Autor entschuldigt, dass seine Geschichte derart missglückt ist und er sie ja eigentlich gar nicht veröffentlichen wollte, sie aber ja alle so toll fanden, dann hinterlässt dieses Nachwort auf einer weiteren Ebene einen sehr fahlen Nachgeschmack.

Vom Klett-Cotta Verlag bin ich schwer enttäuscht. Das Konzept ein so kurzes Büchlein herauszubringen kenne ich von „Der brennende Mann“ von Tad Williams. Da ist das durchaus gelungen und die kurze Geschichte erinnert ein bisschen an eine Kurzfassung einer Ouvertüre. Die Grundmelodie, das Gefühl, die unendliche Tiefe der Welt von Osten Ard wird hier deutlich spürbar angedeutet, hat mich nochmal berührt und mich an die großartige Geschichte erinnern lassen. Aber auch dieser Effekt ist bei „Die Musik der Stille“ bei mir nicht aufgekommen.

Fazit: Das Buch ist für mich der Flop des Jahres. Ich bin schwer enttäuscht und werde künftig ganz genau hinschauen, wenn von Patrick Rothfuss ein neues Buch erscheint. Sowohl von der Geschichte, der einen und einzigen jungen Frau, die darin vorkommt und dem vollständig reduzierten Inhalt kann ich von einer Lektüre nur in vollem Umfang abraten.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Die Musik der Stille

Titel: Die Musik der Stille
Autor: Patrick Rothfuss
VerlagKlett-Cotta Hobbit Presse
Erschienen: 21. Februar 2015
Seiten: 173 Seiten

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verfasst von Tobi

    6 Kommentare

  1. Filia Libri 27. Februar 2015 at 17:14 Antworten

    Hey 🙂

    Ich gehöre – wie du ja schon festgestellt hast – zur anderen Fraktion, der dieses „Büchlein“ wirklich gut gefallen hat.

    Deine Ansicht kann ich allerdings auch total nachvollziehen und gerade beim Preis-Leistungsverhältnis muss ich dir Recht geben, hier gibt es wirklich herzlich wenig Geschichte für relativ viel Geld…

    Schöne Rezension, auch wenn ich es natürlich schade finde, dass ausgerechnet dieses Buch für deinen ersten Verriss herhalten musste 😉

    Liebe Grüße
    Filia

  2. Marie 4. März 2015 at 16:55 Antworten

    Huhu 🙂

    Immer wieder habe ich dieses Cover in den letzten Tagen gefunden und doch ist das die erste Rezension, die ich dazu gelesen hab! Ich fand das Cover wirklich schön – nicht gerade außergewöhnlich für das Genre, aber doch schön – und der Titel gefiel mir irgendwie, dieser Kontrast hat doch etwas Geheimnisvolles 😉

    Schade, dass es dich nicht überzeugen konnte – aber ein Buch kann ja auch nicht jeden begeistern 😉

    Liebe Grüße,
    Marie

    • tobi 6. März 2015 at 10:31 Antworten

      Hallo Marie,

      also was die Covers angeht, da ist Klett Cotta einfach super. Mir haben auch die Covers von der Tad Williams immer sehr gut gefallen. Die hat der Maler Kerem Beyit gezeichnet, den ich von deviantart her schon kannte (siehe kerembeyit.deviantart.com). Ich finde das schon wichtig, dass ein Buch auch ordentlich aussieht und schick gemacht ist. Das Auge liest ja schließlich mit 😉

      Liebe Grüße
      Tobi

  3. nomadenseele 23. März 2015 at 18:53 Antworten

    Dann werde ich wohl warten, bis es das Buch günstig gebraucht gibt. Schade, schade…. .

    • tobi 23. März 2015 at 20:23 Antworten

      Es gibt viele, denen hat das Buch sehr gut gefallen. Also kann durchaus sein, dass es trotzdem deinen Geschmack trifft. Aber denke, wer die ersten beiden Bücher von Rothfuss wegen seines Stils klasse fand, wird sich mit dem Buch schon schwer tun. Skepsis ist auf jeden Fall angebracht.

      Liebe Grüße
      Tobi

  4. Pingback: Klett-Cotta Verlag | lesestunden 11. Juli 2015 at 21:07

    […] ist, diese Bücher zu mögen und ein gewisser Grad an Kommerzialität vorhanden ist (manchmal auch zu viel davon). Aber auch abseits dieser großen Titel gibt es sehr lesenswerte Bücher. Ein Beispiel, […]

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