Dieses Buch war einige Zeit auf meiner Wunschliste und im Nachhinein weiß ich nicht so recht, wieso es so lange gedauert hat, bis ich es mir endlich geholt habe. Ein Buch mit dem Namen Alexandre Dumas auf dem Cover hat mich bisher noch nie enttäuscht, auch wenn es sich hier nicht um den Autoren von Der Graf von Monte Christo oder Die drei Musketiere handelt, sondern um seinen Sohn, Alexandre Dumas der Jüngere genannt.

Seit langem hat mich kein Buch mehr so berührt, so gepackt und mich emotional so mitgerissen. Eine bewegenden Liebesgeschichte packt mich eigentlich immer, wenn sie aber so geschickt, so echt ist wie in diesem Buch, dann wird mir meine Empathie zum Verhängnis.

Ich liebe Gesellschaftsromane und kann von dieser Art Roman einfach nicht genug bekommen. Das Treiben der gehobenen Gesellschaft, die vielschichtigen Dialoge, die nie einem Schema folgen, sondern immer auch überraschen und spannend zu verfolgen sind, machen solche Bücher immer auf ihre eigene Weise spannend. Die Einblicke in eine Gesellschaft in zwischenmenschliche Kontakte in einer Zeit, die irgendwie erstaunlich greifbar ist, das ist ein Genuss zu lesen.

Und so handelt auch diese Geschichte Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris von einem jungen Mann, der in besten Kreisen verkehrt. Armand Duval, der Protagonist begegnet der wunderschönen Kurtisane Marguerite Gautier und verliebt sich in sie. Eine Liebe, die nicht in die gesellschaftlichen Normen passt, denn darin sind zwar Kurtisanen ein akzeptierter Bestandteil, allerdings nur in ihrer festgeschriebenen Rolle als Geliebte. So liegt also auch in diesem Buch wieder eine Menge Gesellschaftskritik, ganz typisch für diese Zeit, in der diese Ordnung immer wieder in Frage gestellt wurde. Darin erinnert es stark an Effi Briest, Madame Bovary oder Anna Karenina, was nicht verwundert, denn es entstand ebenfalls im Realismus und damit ist der Blick verstärkt auf den Einzelnen gerichtet und darin spürt man eben den Wunsch nach dessen freien Entfaltungsmöglichkeit. Ein gesellschaftlicher Blick, der uns in dieser Zeit, in der Werbung und Industrie uns permanent einlullt, nicht mehr auffällt, weil er selbstverständlich geworden ist. Diese Bücher erinnern daran, dass dem nicht immer so war.

Aber all das ist es nicht, was mich bei diesem Buch so ergriffen hat. Es ist die Art und Weise, wie Dumas die Liebe, nein die ungestüme Verliebtheit zum Leben erweckt. Jeder hat sich auf die ein oder andere Weise schon einmal verliebt, jeder kennt dieses heftige Gefühl, das einen packen und den Verstand und auch den Körper vollkommen vereinnahmen kann, das einen kompromisslos in ungeahnte Höhen hinauf schwingen, einen aber auch zu Tode betrüben kann. Die Zweifel, die Hoffnung, den Rausch und egal wie diese Verliebtheit ihr Ende gefunden hat, in der Liebe, im Nichts, oder irgendetwas dazwischen, wir kennen das Gefühl und wir haben eine unstillbare Sehnsucht danach. Dumas hat es mit diesem Roman geschafft, in mir dieses Gefühl bzw. die Erinnerung daran zu wecken und mit seiner Geschichte zu verweben. Und weil es nicht nur mir so erging ist dieser Roman so erfolgreich geworden, davon bin ich überzeugt.

Wie macht Dumas das? Ich glaube es liegt an mehreren Dingen. Zum einen orientiert sich Dumas an einer Liebesgeschichte, die ihm selbst mit der Kurtisane Marie Duplessis widerfahren ist. Natürlich hat Dumas seine eigene Liaison mit Marie ausgeschmückt, aber ich denke im Kern, also in der Schilderung der Gefühle von Armand Duval findet sich sehr viel von Dumas wieder. Angeblich hat der das Buch in nur vier Wochen geschrieben, was dafür sprechen würde, dass er frische Gedanken und Gefühle schnell zu Papier bringen wollte. Vielleicht um über seine Liebesgeschichte hinweg zu kommen. Aber das sind nur Spekulationen, wer kann das schon sagen. Tatsache ist, dass er die Gefühle zwischen den beiden meisterhaft aufbaut und auf den Leser überträgt.

Andererseits schafft der vertraute Ich-Erzählstil ein hohes Maß an Nähe. Der Protagonist berichtet aus seiner eigenen Perspektive, aber auch Marguerite gibt direkten Einblick in ihre Gefühle, indem sie erzählt und auch schreibt. Man hat das Gefühl zusammen mit Armand und Marguerite alle Höhen und Tiefen zu durchleben. Die Gedanken der Protagonisten sind nachvollziehbar, auch wenn ich nicht in jeder Situation so gehandelt hätte, sind die Entscheidungen plausibel.

Ein drittes Stilmittel ist die Art und Weise, mit welcher klaren Direktheit Dumas Gefühle und die Rahmenbedingungen beschreibt. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und spricht dem Leser oft aus der Seele.

Denn hätte man zu mir gesagt: „Heute noch wirst du diese Frau besitzen, und morgen wirst du schon tot sein“, so wäre ich bereit gewesen. Hätte man aber gesagt: „Geben Sie zehn Louis, und sie werden ihr Liebhaber sein“, so hätte ich es abgeschlagen und geweint wie ein Kind, das beim Erwachen sein in der Nacht geschautes Traumschloß entschwinden sieht.

Wenn man dieses Buch liest, hat man ausgenommen von dem Setting nicht das Gefühl einen Klassiker in den Händen zu halten. Die Sätze sind angenehm zu lesen und die Ich-Perspektive schafft einen angenehmen Lesefluss. Mit einem Blick auf die Bücher seines Vaters muss ich sagen, dass er ihm in nichts nachsteht. Szenen in Der Graf von Monte Christo haben mich auf ähnliche Weise gefesselt.

Fazit: Die Kameliendame ist auch nach jetzigen Maßstäben ein absolut lesenswertes Buch, nicht nur für Liebhaber von Klassikern, sondern gerade für all jene empfehlenswert, die keinen 1500 Seiten Schinken lesen wollen, aber trotzdem in einen hervorragenden und fesselnden Gesellschaftsroman aus der Zeit des Realismus eintauchen wollen. Die Liebesgeschichte hat mich sehr in ihren Bann gezogen und ich konnte die Verliebtheit zum greifen nahe spüren. Eine Liebesgeschichte in dieser Qualität gibt es nicht oft, alleine dafür ist dieses Buch ein Meisterwerk. Wer den Fehler macht und das Buch so lange auf der Wunschliste belässt wie ich, der sei gewarnt: Ihr könntet es später bereuen.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Die Kameliendame

Titel: Die Kameliendame
Autor: Alexandre Dumas der Jüngere
Verlag: dtv Verlag
Übersetzung: Michaela Meßner
Erschienen: 1. November 2008
Erstveröffentlichung: 1848
Seiten: 272 Seiten

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verfasst von Tobi

    6 Kommentare

  1. Astrid 14. Mai 2015 at 20:22 Antworten

    Toll, dass mal wieder jemand über dieses Buch schreibt! Ich habe es vor langer Zeit auch mit Begeisterung gelesen und es hat immer noch einen ganz besonderen Platz in meinem Regal.
    Auf unserem Blog gibt es auch gerade einen Klassiker . Man sollte sich da viel häufiger ranwagen. Schließlich muss es einen Grund haben, warum diese Bücher zu Klassikern geworden sind.
    LG Astrid

    • tobi 15. Mai 2015 at 9:01 Antworten

      Liebe Astrid,

      da gebe ich dir absolut recht, Klassiker enttäuschen nur sehr sehr selten und bei Bücher wie „Die Kameliendame“ wo man dazu eine richtig schöne Liebesgeschichte bekommt, da ist das eigentlich ausgeschlossen. Aktuell lese ich mehr Klassiker als aktuelle Bücher. Besonders schön finde ich Neuentdeckungen, wie „Horcynus Orca“ oder „Ein Liebesabenteuer“ von Dumas eines ist (über letzteres werde ich in Kürze noch bloggen).

      Dürrenmatt ist echt nicht schlecht. Hab erst „Besuch der alten Dame“ von ihm gelesen und das war zwar kurzweilig, aber echt gut. Hast du auch die Bücher von Alexandre Dumas der Ältere gelesen? Der ist auch ein genialer Autor.

      Es freut mich auf jeden Fall, dass sich Liebhaber von Klassiker hier zu Wort melden. Ich bin also nicht alleine 😉

      Liebe Grüße
      Tobi

  2. Uwe Rennicke 22. Mai 2015 at 16:47 Antworten

    Ich trau mich auch an Reihe von klassischen Büchern nicht richtig ran. DER GRAF VON SAINTE HERMINE z.B. war eher abschreckend. Und doch interessant.
    Die Kameliendame allerdings kenne ich wenigstens als Film. Der mit Isabelle Hupert war ein guter Film.
    Und LA TRAVIATA (Verdi) ist auch tolle Musik.
    Vielleicht aber greif ich doch eines Tages zum Buch.
    Viele Grüße
    Uwe

    • tobi 25. Mai 2015 at 11:39 Antworten

      Hallo Uwe,

      da kann ich dich nur ermutigen, besonders die bekannten Klassiker sind meistens sehr angenehm zu lesen. Also ich denke da an „Der Graf von Monte Christo“ oder „Krieg und Frieden“. Hier im Blog findest du Klassiker die einfach der Knaller sind. „Anna Karenina“ oder „Sturmhöhe“ sind Bücher, die vom Unterhaltungswert aktuelle, zeitgenössische Literatur in nichts nachstehen. Und Die Kameliendame ist eines von den Büchern die so schnell vorbei sind, wie man sie angefangen hat 😉

      Liebe Grüße und vielen Dank für deinen Besuch
      Tobi

  3. Uwe Rennicke 25. Mai 2015 at 11:52 Antworten

    „Monte Christo“ habe ich natürlich gelesen. „Krieg und Frieden“ auch.
    Die Kameliendame sollte ich vielleicht lesen, schließlich ist die nicht vom alten Dumas.
    Grüße aus Meck-Pom

    http://www.litterae-artesque.de

  4. Pingback: Manon Lescaut von Abbé Prévost 17. April 2016 at 8:53

    […] man Geschichten in dem Format eher im 19. Jahrhundert. So soll Manon schließlich auch Dumas zu Die Kameliendame inspiriert haben. Ich kann die Faszination durchaus verstehen. Selbstbewusste Frauen, Kurtisanen […]

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