Ich bin ein großer Fan der drei großen Ehebruchromane des 19. Jahrhunderts. Ob Emma, Anna oder Effi, ich find die drei einfach klasse und könnte auch gar nicht genau sagen wieso. Vielleicht weil es einem eben leicht fällt mit Frauen, die durch gesellschaftliche Konvention in ihrer Freiheit eingeschränkt wurden, mitzufühlen. Zumindest mit dem demokratisch geprägten Verständnis der heutigen Zeit. Alle drei Bücher (Madame Bovary, Anna Karenina und Effi Briest) habe ich auch bereits in diesem Blog rezensiert und es ist natürlich klar, dass auch Die Kunst des Ehebruchs hier besprochen werden muss.

Die Kunst des Ehebruchs gliedert sich in drei Teile. Der erste Teil konzentriert sich auf die Beteiligten. Das sind die Ehemänner, an denen Matz nicht viel Gutes lässt und besonders den guten Charles von Madame Bovary als ziemlichen Idioten herausarbeitet. Wobei aber auch Herr Karenin und Geert nicht ungeschoren davon kommen. Anschließend wirft er einen Blick auf die Ehefrauen, ihre Eigenschaften und was sie zum Ehebruch treibt. Dann sind die Liebhaber dran. Im zweiten Teil widmet sich Matz in jeweils einem eigenen Kapitel den einzelnen Romanen und beleuchtet diese und gibt Hintergrundinformationen zu der Struktur und den sprachlichen Details der Werke. Der dritte Teil zeigt, das Thema Ehebruch im Kontext der gesellschaftlichen Entwicklung und aktuellerer Literatur.

Den ersten Teil fand ich zwar sehr unterhaltsam, aber wirklich viele neue Informationen liefert er nicht. Natürlich ist es klasse wieder in diese Welt der drei hervorragenden Romane einzutauchen, allen voran Madame Bovary. Aber Matz seziert doch einige allgemein bekannte Tatsachen und das, was er zu den einzelnen Personen zu sagen hat, bietet wenig Neues, wenn man die drei Bücher gelesen hat. Es wird natürlich die Rolle der Ehe im 19. Jahrhundert genauer dargestellt, was ich ganz unterhaltsam zu lesen fand. Allerdings haben die drei Autoren die Gesellschaft dieser Zeit und ihre Position gegenüber der Ehe so detailliert dargestellt, dass dieses Buch diese Tatsachen zwar schön zusammenfassen und herausarbeiten, aber dem nicht viel ergänzen kann. Ein wirklichen übergreifendes, verallgemeinerndes Bild gelingt Matz leider nicht und das ist den drei Romanen geschuldet, die doch, jeder auf seine Weise, völlig unterschiedliche Schicksale erschaffen und präsentieren. Es gibt einfach keinen einzigen Kamm, über den man Emma, Anna und Effi, ihre Männer oder ihre Liebhaber scheren kann. Ein Resümee, dass mir so nicht bewusst war, aber irgendwie schräg ist: Nur Anna begeht den Ehebruch aus Liebe. Und nur Emma verschleißt gleich zwei Liebhaber. Ganz klar, dass sie meine Favoritin ist, immerhin ist sie die Wildeste im Bunde.

Der zweite Teil hat mir sehr gut gefallen, besonders das erste Kapitel zu Madame Bovary. Hier erfährt man etwas über den Rahmen des Buches, also was Flaubert eigentlich so zwischen den Zeilen sagt und wie er das umsetzt. Zusammengefasst habe ich folgendes mitgenommen: Flaubert erweckt zwar mit seinem Stil einen dem Realismus entsprechenden Roman, aber seinen Figuren legt er eine sehr stark romantische Sprache in den Mund, die eine deutliche romantik-kritische Dimension aufweist. Im Rahmen eines Romans wirken die Figuren und die Geschichte realistisch, im Vergleich mit der Realität nicht. Wenn ich an die stark überzeichneten Figuren denke, dann ist da ganz sicher was dran. Letzten Endes ist aber dieses Übertreiben, diese besondere Sprache und diese extremen Figuren genau das, was den Roman so lesenswert macht. Das hat mich als Leser mitgezogen und das habe ich genossen. Genauso der Sarkasmus, die Doppeldeutigkeit der Sprache, die vielen erotischen Anspielungen, all das macht Matz hier sehr schön mit Zitaten und Erklärungen deutlich. Der vermeintlich neutrale, auktoriale Erzähler vermittelt durch die Wortwahl und den Aufbau der Sätze durchaus subjektive Eindrücke, der erlebten Rede. Manches ist mir während der Lektüre aufgefallen, manches habe ich unbewusst wahrgenommen, einiges ist aber auch an mir vorbei gezogen. Ein deutliches Zeichen, dass ich Madame Bovary auf jeden Fall nochmal lesen werde. Vermutlich werde ich aber nicht auf diese Details achten und mich wieder in das Buch saugen lassen, völlig einem Bovarysmus ergeben.

Das zweite Kapitel im zweiten Teil geht auf Anna Karenina ein und da muss ich definitiv sagen, dass der Umfang zu gering ist, um dieses riesige Werk in seiner Gesamtheit zu analysieren. Das Buch ist wahnsinnig diffus, hat unzählige kleine Anspielungen, Nebenhandlungen, verschiedenste Charaktere und alleine Anna, und wie sie sich im Laufe der Geschichte verändert zusammenfassend zu betrachten, das ist ungefähr so wie ein Nachruf: Es fehlt einfach zu viel um den Menschen wirklich vollständig greifbar zu machen und Anna Karenina wird man nur mit einer umfassenden Betrachtung gerecht. Was mir bei dieser Analyse gefallen hat ist einfach das Nachdenken über Anna, über Wronski und auch wenn es nur Fragmente herausgreift und sich in dieser Kürze auch nur auf einzelne Elemente konzentrieren kann, ist es einfach eine Freude wieder über die Ereignisse nachzudenken, sich daran zu erinnern.

Wirklich aufschlussreich ist dann das dritte Kapitel (immer noch im zweiten Teil). Dort zeigt Matz die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten von Effi Briest und die waren mir in dieser Form nicht bewusst. Die vielen Andeutungen und die große Menge an Geschehnissen, die im Verborgenen ablaufen, die erlauben natürlich mehrere Sichtweisen. Einmal die, welche ich bisher hatte: Effi wird in ihrer Jugend als Opfer der durch Männer aufgestellten Gesellschaftsregeln gesehen. Eine andere erlaubt es Effi als gewissenlose junge Frau zu sehen, die einem redlichen Umfeld vor den Kopf stößt und ich muss zustimmen: Auch wenn ich das bisher nicht so interpretiert hätte, man kann das Buch auch aus dieser Perspektive verstehen. Ein Buch so zu schreiben, das ist schon eine Leistung. Weiter zeigt Matz die Parallelen zwischen Effi Briest und Madame Bovary und folgert daraus, dass Effi Briest eine Antwort auf Flauberts Roman war und zeigen sollte, dass die plumpe und geradlinige Darstellung der Charaktere und Situation dem Menschen eben nicht gerecht wird. Sprich Theodor Fontane bricht eine Lanze für das von Flaubert kritisierte moralische Gesellschaftssystem. Mit Effi Briest geht Matz dann sehr hart ins Gericht. Mir wurde hier deutlich, dass ich von den drei Romanen Effi Briest mit am wenigsten Aufmerksamkeit gelesen habe und mir um die Geschichte auch im Nachgang am wenigsten Gedanken gemacht habe. Der tiefgreifende, vielschichtige Blick auf die menschliche Psyche, die Anna Karenina so besonders gemacht hat und die poetische, sprachgewaltige und faszinierende Portraitierung der Gesellschaft und der zügellosen Emma fehlen Fontanes recht nüchternen Werk. Ich glaube es wäre jetzt schon spannender auf die vielen Andeutungen zu achten und sich Effi als Schuldige und nicht als Opfer zu konzentrieren.

Der dritte Teil hat mir am wenigsten gefallen. Hier wurde ein Kapitel eingeschoben, in dem es um Tolstoi geht und wie er das Thema Ehe in seiner Literatur und auch zusammen mit seiner Ehefrau literarisch verarbeitet hat. Anschließend folgt ein Blick in die Literatur nach diesen Ehebruchromanen bis hin in das 20. Jahrhundert und geht auch auf weiterführende Themen wie Sexualität oder die Rolle der Gesellschaft und deren Entwicklung ein. Hier verliert das Buch für meinen Geschmack zu sehr den Bezug zu den drei großen Romanen. Auch die Erkenntnisse runden das Thema zwar gut ab, aber der Blick auf die aktuelleren Romane fand ich weniger interessant.

Matz Stil ist sehr angenehm zu lesen und wenig wissenschaftlich. Man merkt seine Begeisterung für das Thema und auch die Tatsache, dass er sich in dem Gebiet sehr gut auskennt. Er hat definitiv was zu sagen und seinen Ausführungen zu folgen hat auch ein wenig von einer sehr unterhaltsamen Vorlesung. Ich kannte auf jeden Fall Professoren, die von ihrem Thema so begeistert waren, dass sie die Inhalte ähnlich gut vermittelt haben.

Fazit: Allen begeisterten Lesern von Madame Bovary, Anna Karenina und Effi Briest kann ich dieses Buch nur ans Herz legen. Es hat Spaß gemacht in die doch sehr unterschiedlichen Werke einzutauchen, einige Details und Hintergründe dazu zu erfahren. Insgesamt ergeben sich aber nicht sonderlich viele neue oder überraschende Einblicke und für jeden, der die drei Bücher nicht mehr ganz so präsent hat oder von ihnen nicht begeistert war, dem dürfte dieses Buch als ausführliche Besprechung eher langweilen. Mehr als einige fragmentartige Eindrücke zu diesen umfangreichen Meisterwerken sind in einem Buch mit recht geringem Umfang auch kaum möglich. Der zweite Teil mit der Betrachtung der einzelnen Werke macht dieses Buch aber definitiv lesenswert.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Die Kunst des Ehebruchs

Titel: Die Kunst des Ehebruchs
Autor: Wolfgang Matz
Verlag: Wallstein Verlag
Erschienen: 1. März 2014
Seiten: 304 Seiten

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verfasst von Tobi

    3 Kommentare

  1. loralee 11. Juni 2015 at 20:40 Antworten

    Hallo Tobi,
    ich habe bei Leseratz deinen Kommentar gefunden. Wenn du momentan auf dem Klassiker-Trip bist, dann schau doch bei „Schlaue Eule“ vorbei. Sie starten heute die Aktion „Sommer der Klassiker“ Vielleicht ist das was für dich . 🙂
    Lieben Gruß
    loralee

    • tobi 12. Juni 2015 at 19:48 Antworten

      Huhu Loralee,

      gemeinsames Klassiker Lesen ist eine gute Idee. Hab noch so einige Bücher auf der Liste und werde wohl momentan primär bei Klassiker bleiben. Vielen Dank für den Hinweis!

      Liebe Grüße
      Tobi

      • loralee 12. Juni 2015 at 22:42 Antworten

        Hab ich gerne getan 🙂
        Schönes Wochenende
        loralee

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