Dieses Buch zu lesen hat mich sehr gefreut, denn bisher hatte ich Jugendbücher so gar nicht auf meiner Liste. Zu einem interessanten Beitrag zum Thema Bildungsroman im Bits Magazin von Arte habe ich in der Vergangenheit schon etwas geschrieben und auch wenn in der Diskussion die literaturwissenschaftliche Exaktheit bemängelt wurde, blieb die große Frage, was denn Jugendromanen so beliebt macht, ungeklärt. Für mich Motivation genug zu einem Buch dieser Art zu greifen und es war klar, dass es irgendetwas sehr kommerzielles und schmonzettiges sein muss.

Das Buch selbst ist ziemlich schnell gelesen und die rund 370 Seiten waren gefühlt nur halb so viele. Die Lektüre lässt mich mit gemischten Gefühlen zurück und ich kann vorweg sagen: Teil zwei und drei sind ziemlich weit oben auf meiner Wunschliste gelandet.

Zu Beginn des Buches wird kurz das Leben der Protagonistin America beschrieben, einem jungen, hübschen, musikalisch begabten Mädchen, das leider in eine Familie in einer der ärmlicheren Kasten aufgewachsen ist. Die Handlung ist in der Zukunft in dem Staat Illeá angesiedelt, einer Monarchie, die sich während des vierten Weltkrieges gebildet hat und die Gesellschaft über ein strenges staatlich organisiertes Schichtensytem strukturiert ist. Insgesamt ist diese Zukunftsvision mit altbekannten Elementen aus Huxleys Schöne neue Welt und Orwells 1984 angereichert. So gibt es eben streng voneinander getrennte Schichten (Orwell), die hinsichtlich ihrer Arbeit und des Vermögens durch den Staat reguliert werden (Huxley). Dabei befindet sich der Staat in einem ständigen Konflikt d.h. kriegsähnlichen Zustand, der natürlich von seinen Bürgern einen permanenten Patriotismus abverlangt (Orwell). Staatliche Kontrolle, die sich mit einem ordentliche Bürokratismus, klaren Regeln für beispielsweise standesübergreifenden Ehen ausgestattet ist, Zensur von Geschichtsbüchern, sowie eine gewisse, abgeschwächte Überwachung (Sperrstunden) sind auch beigemischt und haben mich auch recht stark an Orwell erinnert.

Besonders glaubhaft ist diese Zukunftsvision nicht, zuweilen nimmt sie eher komische Züge an. In einer beschriebenen Geschichtsstunde erfährt der Leser, dass China die USA in einem Krieg annektiert hat, da diese ihre Schulden nicht begleichen wollten bzw. konnten und das Land wurde dann schlicht zu den „Amerikanischen Staaten von China“. Anschließend kamen dann die Russen und irgendwie hat sich das ehemals amerikanische Volk, unter der Führung des künftigen Monarchen, dann von beiden Mächten befreit und wurden so zu dem Staat Illeá. Eine erdachte Vorgeschichte, die mich dann ein wenig an der Qualität der Studiengänge in Geschichte in der USA hat zweifeln lassen, den ein etwas glaubwürdigerer Hintergrund hätte dem Buch sicher nicht geschadet.

Wenn ich wieder an den Arte Beitrag über den Bildungsroman zurück denke, dann dürfte Selection wohl ein Musterbeispiel dafür sein. Alle geschilderten Elemente sind darin wieder zu finden. Die Protagonistin ist ein junges Mädchen, die gerade ihre erste Liebe erlebt und sich völlig unsicher in einer Welt bewegt, die ihr ungerecht erscheint und sie auf verschiedenen Ebenen mit Unsicherheit erfüllt. Sowohl was die eigene Zukunft angeht, aber auch die Frage, wie sie sich innerhalb ihrer Familie und Gesellschaft positionieren will. Auch ein jugendlicher Optimismus bis hin zu einem Narzismus ist deutlich zu spüren. Eine Mutter, die auf sie einen gewissen Druck ausübt, dabei aber natürlich nur Bestes für ihre Tochter im Sinne hat (den sozialen Aufstieg) und den eigenen Wünschen und Sorgen Americas, die dem entgegen stehen. Wobei es gar nicht nötig gewesen wäre den Roman als Dystopie auszulegen, denn all diese Konflikte würden sich auch problemlos innerhalb eines realistischen Szenarios in der Gegenwart finden lassen. Aber natürlich geben gewisse phantastische Elemente der Geschichte noch ein bisschen mehr Spannung und ein offensichtlich ungerechtes System, das dem demokratischen Gedanken der Gleichheit aller Bürger entgegen steht, lässt sich wesentlich instrumentalisieren um Emotionen beim Leser zu wecken.

Das Buch ist in der Ich-Perspektive geschrieben und der Leser sieht die Welt Americas aus ihren Augen und erfährt zu jeder Zeit all ihre Gedanken und Emotionen. Das schafft eine große Nähe und man fühlt sich sehr schnell in die Hauptfigur ein, freut sich und leidet mit ihr. Ansonsten ist das Buch von der Sprache her so ziemlich das Minimum, was man in Buchform bieten kann. Vom Niveau her würde ich Selection sprachlich ungefähr auf die Kategorie der Kurzgeschichten einordnen, die man in Frauenzeitungen, wie die „Neue Post“ so zu lesen bekommt (oh ja, auch die hab ich schon gelesen ;). Diese einfache Bildzeitungsprache zieht sich auch konsequent durch das ganze Buch hindurch und selbst erfahrene Moderatoren, die Königsfamilie oder Regierungsbeamte, gleich welchen Alters, haben die gleiche, naive Sprache der Hauptfigur.

Von seiner Story ist das Buch wie eine Mischung aus „Der Bachelor“ und „Germanys Next Topmodel“. Mit den besten Elementen aus den Sendungen: Ein großes Umstyling, Zickenterror, den Mit-XYZ-hatte-er-schon-zwei-Einzeldates-mit-mir-aber-noch-keines-Diskussionen und einer wöchentlichen, sehr populären TV Show. In seiner schlichten Einfachheit und zusammen mit diesen Elementen aus Realitysoaps muss man einfach sagen, dass es echt Spaß macht so etwas zu lesen. Denn in Summe bedient sich die Autorin aller narrativen Elemente, die Literatur so spannend macht: Sie schafft eine hohe Empathie mit der Hauptfigur, bedient mit der Tändeleien zwischen America und dem Prinzen den Wunsch nach erfüllter Liebe, mit dem Gezicke der Konkurrentinnen das Bedürfnis nach Klatsch und Tratsch, durch die offensichtlich ungerechte Gesellschaft den Wunsch nach Gerechtigkeit. An vielen Stellen wird also ein emotionaler Mangel im Leser erzeugt, der sich schlussendlich nach der Erfüllung, nach dem Ausgleich dieses Mangels sehnt und das ist ein Stilmittel, das schon in jeder Soap funktioniert, aber auch großen Klassikern in den verschiedensten Ausprägungen und Formen dienlich war, um eine Geschichte voran zu treiben und sie spannend zu machen. Mich hat es ein wenig gewundert, dass der Leser keinen Wissensvorsprung bekommt, denn das ist die plumpeste und beliebteste Form um Spannung zu erzeugen. Auch an klischeehaften Szenen spart die Autorin nicht. Im wunderschönen Palastgarten sinkt die Protagonistin verwirrt, weinend auf eine Parkbank, während der männliche, muskulöse Prinz sie mit seiner Großherzigkeit tröstet. Oder das unscheinbare Mädchen bekommt im wallenden Kleid plötzlich seinen großen Auftritt. Nicht zu vergessen das alt bewährte Aschenputtelsetting mit dem viel begabten, bescheidenen aber natürlich auch wunderschönen und für Höheres bestimmten jungen Mädchen, die im Verlauf der Geschichte erst noch wach geküsst werden muss und natürlich auch wird.

Da bin ich ehrlich: Für so etwas bin ich als Leser schon sehr empfänglich. In Büchern muss es auch mal ordentlich zur Sache gehen. Da können gerne mal alle Register gezogen werden. Natürlich mag ich auch andere Stilmittel, da gibt es Bücher die diese Klischees der Erzählkunst so gar nicht erfüllen aber dennoch wahnsinnig spannend sind. Aber man will ja nicht immer einen schweren Monumentalfilm anschauen oder ausschließlich leichte Komödien. Es macht einfach Spaß dieses Buch zu lesen, die Geschichte von America zu verfolgen und an verschiedenen Stellen mit ihr zu schmachten oder auch über einige platte Elemente zu schmunzeln. Ohne Extrem, aber immer mit einem gewissen Maß an Spannung ist dieses Buch sehr unterhaltsam und in jeder Hinsicht eine sehr entspannende Lektüre. Ich mag einfach Liebesgeschichten und wenn sie alte Elemente neu verpacken, dann sowieso. Um es mal etwas präziser zu formulieren: Die nächsten beiden Teile muss ich unbedingt haben und zwar aus dem gleichen Grund, aus dem man nach zwei Folgen „Der Bachelor“ den TV wieder einschaltet.

Fazit: Trotz der deutlichen Schwächen in der Geschichte, dem Hintergrund und der sehr einfachen Sprache ist dieses Buch eine Empfehlung. Es macht einfach Spaß America in diesem bunten Treiben, das stark an Reality Soaps wie „Der Bachelor“ oder „Germanys Next Topmodel“ erinnert, zu folgen. Eine entspannende Lektüre, die ohne extreme Spannung mich durchgängig gut unterhalten hat. Die nächsten beiden Teile werde ich auf jeden Fall lesen, immerhin will ich wissen ob America ihren Mr. Right auch findet.

Wertung in Sternen

star star star star star

Über das Buch

Selection

Titel: Selection
Autor: Kiera Cass
Verlag: Fischer Sauerländer
Erschienen: 11. Februar 2013
Seiten: 368 Seiten

Klappentext anzeigen
verfasst von Tobi

    4 Kommentare

  1. Romina Agus 6. Juni 2015 at 13:19 Antworten

    Hallo liebe Tobi : )

    also bisher habe ich mich immer um die Bücher rum gedrückt. Denn ehrlich gesagt bin ich eben keine “Der Bachelor” oder “Germanys Next Topmodel” Schauerin 🙂 Im Gegenteil habe ich immer das Gefühl das ich mich da fremd schämen muss *lach*. Daher kam das Buch einfach bisher noch nicht für mich in frage.

    Durch deine ausführliche Rezension, die ich neugierig und ab und an schmunzelnd verfolgt habe, bin ich inhaltlich schon etwas schlauer geworden. Gegen typische schnulzen Szenen habe ich nichts, wenn sie gut geschrieben sind kann es einfach nicht genug geben : ) Aber gegen dieses anbiedern habe ich was *grübel*

    Ich werde deine Rezensionen zu den folge Bänden im Auge behalten und bin gespannt wie deine Meinung tief gehender ausgehen wird.

    Und bzgl. der „geschichtlichen“ Hintergründe finde ich das ziemlich unterhaltsam : ) Denn wenn man einen Roman schreibt bleibt einem ja eben diese Freiheit : ) Ich glaube wenn ich mal eine Dystopie schreibe werde ich Neu Seeland die Welt regieren lassen ^^

    Ganz liebe Grüße
    Romi

    • tobi 6. Juni 2015 at 19:50 Antworten

      Liebe Romi,

      aus meiner Sicht sind das nun keine Bücher, die man unbedingt gelesen haben muss. Aber wie schon geschrieben: Es hat schon Spaß gemacht die Story zu lesen. Sendungen wie „Der Bachelor“ sind natürlich keine gute Werbung und ziemlich verschrien, aber das trifft es ziemlich gut. Ich habe mir damals die ersten Folgen angesehen und kann eben gut verstehen, wieso man da erneut einschaltet und bei diesem Buch ist der Effekt schon ähnlich. Nachdem die Formate ja nichts neues bieten, ist mir die Zeit zu schade und der TV bleibt eigentlich nahezu immer aus. (Der letzte Versuch endete damit, dass die Batterien in der Fernbedienung ausgelaufen sind 😉

      Diese überzogenen Szenen, die hat man mit so einem Buch wie Selection natürlich. Allerdings muss ich schon sagen, dass die Dialoge durchaus anregend sind, wenn auch Lichtjahre von Dialogen entfernt, wie man sie beispielsweise in Anna Karenina geboten bekommt. Aber der Vergleich macht von vornherein keinen Sinn.

      Ich bin auf die nächsten beiden Teile gespannt. Aber eigentlich sind es ja eher kurze Zwischenspiele, denn die 350-400 Seiten sind ja wie nix weg. Den ersten Teil zu lesen kann ich dir also durchaus empfehlen, viel Zeit würdest du nicht verlieren und ausgehend von dem Stil fällt es einem echt nicht schwer das Buch zu mögen.

      Die Anspielung auf den geschichtlichen Hintergrund führe ich als kleine Spitze gegen die Autorin an, die laut Biographie ja Geschichte studiert hat und der ich durchaus ein realistischeres Setting zugetraut hätte. Am Ende ist das aber für das Lesevergnügen nicht ausschlaggebend.

      Liebe Grüße und vielen Dank für deinen Besuch und deine Gedanken
      Tobi

  2. Nordbreze 9. Juni 2015 at 22:45 Antworten

    Ich hab jetzt den ganzen Tag dieses Fenster offen gehabt, um mich daran zu erinnern, dass ich noch einen Kommentar schreiben wollte …

    Jedenfalls – ich musste erst ein bisschen schmunzeln, als ich gesehen habe, dass du Selection gelesen hast. Und dann habe ich einen bösen Verriss erwartet. Aber nein! Hurra! Alle lassen sich von Selection fangen. Ich liebe die Reihe, schäme mich aber auch ein klein wenig dafür. So, wie ich mich früher für GNTM geschämt habe.

    • tobi 10. Juni 2015 at 12:24 Antworten

      Huhu Marina,

      cool, so mach ich das auch oft und irgendwann muss man dann kommentieren, weil man sonst ausversehen das Fenster schließt 😉

      Ich hab mich schon vor der Lektüre auf einen bösen Verriss vorbereitet und war dann enttäuscht, dass das mit meinen schönen und gut gepflegten Vorurteilen nichts geworden ist. Selection ist alleine schon von der Aufmachung ein Buch, für das man als Mann in der S-Bahn schon komisch angeschaut wird. Aber so what, ein solches Buch gut zu finden ist auch nicht peinlicher als sich Schmonzetten auf ZDF reinzuziehen und das dann in Kommentaren auf den eigenen Blog dann auch noch zuzugeben 😉

      Liebe Grüße
      Tobi

Kommentar verfassen