Die Schäreninseln und das ländliche Leben Schwedens haben eine ganz eigene, magische Wirkung auf mich. Ich liebe den hohen Norden und die skandinavischen Länder und so ist es nicht das erste Mal, dass ich ein Buch über diese Region in die Hand nehme. Als mir diese vier Bände im edlen Schuber in die Hände gefallen sind, wußte ich sofort, dass ich sie haben muss. Johan August Strindberg war ein bekannter und angesehener Autor seiner Zeit und es ist nicht das erste Mal, dass ich über ihn stolpere. Allerdings sind es die ersten Bücher, die ich von Strindberg gelesen habe und werden sicher nicht die Letzten sein.

Das erste Buch, das ich gelesen habe ist Die Hemsöer und beschreibt, wie der Knecht Carlsson bei der Witwe Flod eine Stellung annimmt, um den vernachlässigten Hof wieder auf Vordermann zu bringen. Die Schäreninsel Hemsö ist ein fiktiver Ort, denn eigentlich beschreibt Strindberg in diesem Roman Kymmendö, eine Schäreninsel, auf der er mehrfach seinen Urlaub verbracht hat und an deren Natur und Ruhe er gefallen gefunden hat. Die Bewunderung für dieses Idyl findet man auch in Die Hemsöer wieder. Mit einer recht geradlinigen Sprache berichtet er von dem Alltag, den Eindrücken und dem Schaffen Carlssons. Dabei porträtiert er dieses bäuerliche Leben sehr realitätsnah und mit Charakteren die voller Fehler, aber auch mit einigen Tugenden ausgestattet sind. Der Blick auf eine ganz andere Kultur, der etwas ruppige Umgang, aber auch der unterschwellige Humor haben mir sehr gut gefallen. Ich mag es sehr gerne in ein komplett anderes Leben zu blicken und den unverstellten Blick auf menschliche Wesenszüge erhaschen zu können, die sich doch stark von meinem Denken unterscheidet. In diesem Fall ist das ein durchaus archaisches Bild, das sich einem darstellt.

Das zweite Buch, das ich gelesen habe ist Am offenen Meer und handelt von dem Fischereiinspektor Axel Borg. Auch hier geizt Strindberg nicht mit wirklich schönen Beschreibungen der Schäreninseln, die ein echtes Lesevergnügen sind.

Ultramarinblau breitete sich das Wassersegment vor dem Boot aus, ein ganzes Stück weit, bis das Treibeis begann und eine vollkommmen arktische Landschaft zeigte. Inseln, Buchten, Förden, Sunde zeichneten sich ab wie auf einer Karte, und wo das Eis auf Riffe hinaufgeritten war, hatten sich Berghöhen gebildet […] (S. 42)

Die Geschichte selbst ist ein bisschen Schräg. Der Protagonist, ein Beamte der den Fischfang auf einer Insel modernisieren soll, ist so ungefähr wie Sheldon von Big Bang Theory: Ein ziemlich kluger Mensch, allerdings ziemlich abgehoben und menschenfeindlich gesinnt. So hält er sich selbst für außergewöhnlich und über den Pöbel stehen, im Unterschied zu Sheldon steht er allerdings schon auf schicke Frauen und so entsteht in dem Roman auch eine etwas sonderbare Liebesgeschichte. Auch wenn Strindberg mit der Ausgestaltung von Borgs Charakter ordentlich übertreibt, gibt er hier einige sehr schöne Einsichten in die Kultur, Politik und Wissenschaft dieser Zeit. Ich glaube ein wenig schreibt hier Strindberg schon auch über sich selbst bzw. aus seiner eigenen Sicht. Dabei spart er nicht mit Kritik an der Gesellschaft, was wirklich ein Vergnügen zu lesen ist, denn sie passt so hervorragend auf die dieser Zeit, dass es manchmal wirklich frappierend ist.

Überall aber sah er, wie die Menschen derselben Epoche dieselben Meinungen über dieselben Dinge äußerten, die Meinung der Mehrheit als ihre eigene hinstellen, Phrasen von sich gaben anstelle von Gedanken, und er entdeckte dabei, dass es eigentlich die Gedanken einiger weniger Geister waren, die von den Massen wiedergekäut wurden. (S. 65)

Interessant ist auch die Tatsache, dass die Bücher während seiner Trennung von seiner Ehefrau Siri von Essen geschrieben wurden. Das erklärt auch die Geringschätzung, die der Intendent aus dem Roman Am offenen Meer Frauen und auch der Gesellschaft entgegen bringt. Hier hat Strindberg sich wohl auch ein bisschen die Frust von der Seele geschrieben und so erklären sich wohl auch die überspitzten Wesenszüge seines Protagonisten.

Im dritten Bändchen Das Leben der Schärenleute werden in zehn Erzählungen verschiedene Schicksale der Bewohner der Schäreninseln zum Besten gegeben, wobei die erste Kurzgeschichte mit knapp hundert Seiten das halbe Buch umfasst. Die erste Geschichte hat mir nicht so gut gefallen, sie war stellenweise recht langatmig und nicht sonderlich fesselnd. Insgesamt aber scheint Strindberg von den Schärenbewohner nicht all zuviel zu halten bzw. er zeigt ihr Wesen auf ungeschönte Weise. Wie auch schon in den beiden Romanen beschreibt er sie als rückständig, von eher ruppigen Charakter, verschlossen, ungebildet und als Menschen, die hinsichtlich der Moral auch mal grenzwertige Entscheidungen treffen. Ein bisschen wie in sich gekehrte Insulaner, die ein bäuerliches Leben und den täglichen Kampf um Nahrungsmittel ganz für sich in der Einsamkeit ausfechten und damit auch etwas von der schonungslosen Wildnis in ihrem eigenen Charakter tragen. Damit schafft er einen ganz deutlichen Kontrast zur Natur, die Strindberg in den schillerndsten Farben darstellt.

Das letzte Buch ist dem Nachwort und den Anmerkungen zu den Texten von der Übersetzerin und Herausgeberin Angelika Gundlach gewidmet. Hier beschreibt sie recht ausführlich, wie Strindberg sowohl privat, als auch in seinen schriftstellerischen Schaffen sich immer wieder auf die Schäreninseln bezieht. Ich fand das ganz interessant und man erfährt hier, dass Strindbergs Beschreibungen aus seiner Urlaubszeit auf Kymmendö herrühren, dass er das Buch Die Hemsöer aus einer Sehnsucht nach der schönen Urlaubsinsel heraus geschrieben hat, während er allerdings in Lindau am Bodensee verweilte. Überhaupt hat er an den verschiedensten Orten gelebt und ist nicht mehr nach Kymmendö zurückgekehrt, hat aber die Schönheit der Schäreninseln immer über alle anderen Orte gestellt. Die einzelnen Personen aus Die Hemsöer hat er den tatsächlichen Bewohnern der Schäreninsel nachempfunden und einiges hinzu erfunden. Die Hemsöer kommen allerdings nicht gerade gut weg in dem Roman und so war Strindberg auf der hübschen Urlaubsinsel nicht mehr erwünscht.

Die einzelnen Anmerkungen zu den Texten fand ich in dem extra Buch etwas unpraktisch, weil ich in der S-Bahn dann immer mit zwei Büchern unterwegs war. Drei Bände, die jeweils ihre eigenen Anmerkungen enthalten, wären hier praktischer gewesen.

Sowohl am Nachwort, als auch an der Qualität der Texte merkt man allerdings recht deutlich, dass Angelika Gundlach sehr bewandert ist und sich intensiv mit den Erzählungen Strindbergs auseinandergesetzt hat. Es bleibt kein Zweifel daran, dass man hier erstklassige Qualität in Händen hält. So wird im Nachwort deutlich, dass beispielsweise Die Hemsöer vielleicht fiktive Elemente enthalten, dabei aber sehr realistisch das Milieu der Schäreninseln wiedergeben. Und das merkt man auch an der Art, wie diese Erzählungen aufgebaut sind. Ohne die typischen Mitteln der Erzählkunst, wie man sie in aktuellen und auch in vielen Romanen der damaligen Zeit findet, bestehen diese Bücher aus recht gleichmäßigen Berichten mit eher mäßigen Pointen und einem geradlinigen Erzählstil. Etwas, das die Welt von Strindbergs Schäreninseln noch plastischer, noch realistischer macht. Man fühlt sich nicht mit seinen Figuren verbunden, ist stiller Beobachter, aber fiebert nicht mit ihnen oder wünscht sich einen möglichst günstigen Ausgang herbei.

Fazit: Die Schäreninseln bieten einen wunderschönen Hintergrund für die realistischen und wunderbar beschriebenen Erzählungen von August Strindberg. Es ist unterhaltsam in diese ganz eigene, ursprüngliche und einsame Wildnis und zu ihren Bewohnern darin vorzudringen. Wer das Meer und die Natur liebt, und wer gerne in eine realistische Welt abseits der Zivilisation eintaucht, wird diese Bücher lieben. Große dramatische Geschichten bekommt man hier nicht geboten, aber Einblicke in eine ganz andere Gesellschaft und in ganz eigene, ruppige, eigenwillige Charaktere, die keine guten Menschen, aber sicher auch nicht unsympathisch oder schlecht sind, sondern eben ganz wie aus dem Leben gegriffen in einer unwirtlichen, wenn auch schönen Natur um das tägliche Brot kämpfen.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Bis ans offene Meer

Titel: Bis ans offene Meer
Autor: August Strindberg
Verlagmare Verlag
Übersetzung: Angelika Gundlach
Erschienen: 12. März 2013
Erstveröffentlichung:
Seiten: 792 Seiten

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verfasst von Tobi

    4 Kommentare

  1. Merowinger 15. September 2015 at 19:49 Antworten

    Das ist nun nach „Ein Leben“ von Guy de Maupassant bereits das zweite Buch vom Mare Verlag das mich außerordentlich reizt. Leider sind die Ausgaben, gemäß der Aufmachung, ziemlich teuer. Der oben besprochene Schuber kostet bei Amazon satte 78 Euro was für mich ein Haufen Geld ist. Aber auf der Wunschliste landen sie auf jeden Fall, vielleicht hat man ja mal Glück und kann bei einem gebrauchten Exemplar zuschlagen.

    • Tobi 15. September 2015 at 20:03 Antworten

      Da hast du sicher recht, preislich rangiert der Mare Verlag natürlich nicht gerade im unteren Bereich. Die edle und wertige Aufmachung ist natürlich ein Teil des Konzepts. Mittlerweile habe ich alle Schuber Bücher und einige habe ich mir gebraucht über Amazon und Abebooks geholt. Die sind dann meistens auch in einem 1A Zustand, dann aber um einiges günstiger. Bis ans offene Meer hab ich bisher auch nur neu gesehen.

      Viele Grüße
      Tobi

  2. Pingback: mare verlag | lesestunden 17. März 2016 at 20:37

    […] Bis ans offene Meer von August Strindberg 15. September 2015 at […]

  3. Pingback: Bücher und das Vergessen 3. Februar 2017 at 20:34

    […] „Engel“ aussieht oder wie die wunderschöne Schäreninsel aussieht, die der Beamte in Am offenen Meer besucht. Einige willkürliche Beispiele aus hier rezensierten Büchern, wobei nicht jede Szene […]

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