Blogtour Agatha Christie 125. Geburtstag
Es ist soweit, die Blogtour zum 125. Agatha-Christie-Geburtstag ist bei mir angekommen und nun findet ihr hier den fünften Teil der Geschichte und auch die dazugehörige Frage. Wenn ihr euch fragt, was das hier soll, dann findet ihr hier alle Informationen zu diesem Gewinnspiel.

Viel Spaß beim Lesen und Rätseln.

Die Parlinenschachtel Teil 5

Wortlos wandte sie sich ab. Einige Minuten später kehrte sie zurück und reichte mir einen Zettel mit der Adresse. Ich verließ das Haus. Draußen wartete François auf mich. Er sah mich gespannt an.

›Gibt es etwas Neues, Monsieur?‹

›Noch nicht, mon ami.‹

›Ah! Pauvre Monsieur Déroulard!‹, seufzte er. ›Ich war der gleichen Ansicht wie er. Ich habe nicht viel für Priester übrig. Nicht, dass ich das im Haus sagen würde. Die Damen sind alle fromm – vielleicht ist das auch gut so. Madame est très pieuse – et Mademoiselle Virginie aussi.‹

Mademoiselle Virginie ›très pieuse‹? Bei dem Gedanken an ihr verweintes, leidenschaftliches Gesicht an jenem ersten Tag kamen mir Zweifel.

Ich besaß jetzt Monsieur de Saint Alards Adresse und verschwendete keine Zeit. Unverzüglich fuhr ich in den Teil der Ardennen, wo sein Château lag, doch es dauerte ein paar Tage, ehe ich einen Vorwand fand, um Zutritt zu dem Gebäude zu erhalten. Letztendlich gelang es mir – stellen Sie sich bloß vor, als Installateur, mon ami! Es war nur eine Angelegenheit von wenigen Minuten, in seinem Schlafzimmer ein wenig Gas austreten zu lassen. Ich ging wieder, um meine Werkzeuge zu holen, und achtete darauf, zu einem Zeitpunkt zurückzukehren, wo ich mehr oder weniger allein auf weiter Flur wäre. Was ich eigentlich suchte, wusste ich selbst kaum. Das Einzige, was mir wirklich genützt hätte, würde ich auf keinen Fall finden, da war ich mir sicher. Er wäre nie das Risiko eingegangen, es aufzuheben.

Trotzdem konnte ich, als ich sah, dass das Schränkchen über dem Waschtisch abgeschlossen war, der Versuchung, es zu durchsuchen, nicht widerstehen. Das Schloss war recht einfach zu knacken. Die Tür schwang auf: nichts als alte Fläschchen. Mit zitternder Hand nahm ich eins nach dem anderen heraus. Plötzlich stieß ich einen Schrei aus. Stellen Sie sich vor, mon ami, ich hielt eine Flasche in der Hand, auf der ein Etikett von einem englischen Apotheker klebte. Darauf stand: ›Glyceroltrinitrat-Pillen. Je nach Bedarf ein Kügelchen einnehmen. Für Mr John Wilson.‹

Ich hielt meine Emotionen in Schach, schloss das Schränkchen, ließ die Flasche in meine Tasche gleiten und ging die undichte Gasleitung reparieren! Man muss schon methodisch vorgehen. Dann verließ ich das Château und nahm den erstbesten Zug zurück in mein Heimatland. Spätabends traf ich in Brüssel ein. Als ich am nächsten Morgen einen Bericht für den préfet schrieb, brachte man mir eine Nachricht. Sie stammte von der alten Madame Déroulard, die mich unverzüglich zu sich in die Avenue Louise bestellte.

François öffnete mir die Tür.

›Madame la Baronne erwartet Sie.‹

Er geleitete mich in ihre Räume. Sie saß gravitätisch in einem großen Sessel. Von Mademoiselle Virginie fehlte jede Spur.

›Monsieur Poirot‹, sagte die alte Dame. ›Ich habe soeben erfahren, dass Sie nicht der sind, als der Sie sich ausgegeben haben. Sie sind ein Polizeibeamter.‹

›So ist es, Madame.‹

›Sie sind hierhergekommen, um die Umstände zu untersuchen, unter denen mein Sohn zu Tode kam?‹

Erneut lautete meine Antwort: ›So ist es, Madame.‹

›Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir darlegen könnten, wie Sie vorankommen.‹

Ich zögerte.

›Zuerst wüsste ich gern, wie Sie das alles erfahren haben, Madame.‹

›Von jemandem, der nicht mehr von dieser Welt ist.‹

Ihre Worte sowie ihr schwermütiger Tonfall ließen mein Herz gefrieren. Ich war zu keiner Antwort fähig.

›Deshalb, Monsieur, möchte ich Sie eindringlich bitten, mir genauestens darzulegen, wie Sie mit Ihren Ermittlungen vorankommen.‹

›Madame, meine Ermittlungen sind beendet.‹

›Mein Sohn?‹

›Wurde vorsätzlich getötet.‹

›Sie wissen, von wem?‹

›Ja, Madame.‹

›Also von wem?‹

›Monsieur de Saint Alard.‹

›Sie irren sich. Monsieur de Saint Alard wäre zu solch einem Verbrechen nicht in der Lage.‹

›Ich habe den Beweis in Händen.‹

›Ich möchte Sie nochmals bitten, mir alles genauestens darzulegen.‹

Diesmal kam ich ihrem Wunsch nach und schilderte jeden einzelnen Schritt, der mich zur Wahrheit geführt hatte. Sie hörte aufmerksam zu. Zum Schluss nickte sie.

›Ja, ja, es war alles so, wie Sie sagen – bis auf eins. Monsieur de Saint Alard hat meinen Sohn nicht umgebracht. Ich habe es getan, ich, seine Mutter.‹

Ich starrte sie an. Sie nickte auch jetzt noch sanft.

›Es ist gut, dass ich Sie herbestellt habe. Durch eine Fügung Gottes hat Virginie mir vor ihrer Abreise ins Kloster erzählt, was sie getan hatte. Hören Sie, Monsieur Poirot! Mein Sohn war ein böser Mensch. Er verfolgte die Kirche. Er lebte in Todsünde. Er zog nicht nur seine eigene Seele, sondern auch die der anderen in den Schmutz. Aber es kam noch viel schlimmer. Als ich eines Morgens hier in diesem Haus aus meinem Zimmer trat, sah ich meine Schwiegertochter oben an der Treppe stehen. Sie las einen Brief. Plötzlich schlich sich mein Sohn von hinten an sie heran. Ein rascher Stoß und sie stürzte und schlug mit dem Kopf auf die Marmorstufen. Als man sie aufhob, war sie tot. Mein Sohn war ein Mörder, und nur ich, seine Mutter, wusste davon.‹

Für einen Moment schloss sie die Augen. ›Sie können sich, Monsieur, meine seelischen Qualen nicht vorstellen, meine Verzweiflung. Was sollte ich tun? Ihn bei der Polizei anzeigen? Das brachte ich nicht über mich. Es war meine Pflicht, doch mein Fleisch war schwach. Und außerdem, würde man mir glauben? Mein Augenlicht hatte schon eine Zeitlang abgenommen – man würde behaupten, ich hätte mich geirrt. Ich schwieg. Doch mein Gewissen ließ mir keine Ruhe. Durch mein Schweigen wurde ich selbst zur Mörderin. Mein Sohn erbte das Geld seiner Frau. Er breitete sich aus und grünte wie ein Lorbeerbaum. Und jetzt sollte er auch noch einen Ministerposten bekommen. Seine Verfolgung der Kirche würde eskalieren. Und dann war da noch Virginie. Das arme Kind, hübsch und von Natur aus fromm, war fasziniert von ihm. Er hatte eine seltsame, furchtbare Macht über Frauen. Ich sah es kommen. Ich war außerstande, es zu verhindern. Er hatte nicht die Absicht, sie zu heiraten. Schließlich war es so weit: Sie war bereit, ihm alles zu geben.

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AGATHA CHRISTIE® POIROT®
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Für die deutschsprachige Ausgabe
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5. Frage

Als was verkleidet gelangt Poirot in das Haus von Monsieur de Saint Alard? Der 4. Buchstabe gehört an die 6. Stelle/ ans Ende unseres Lösungsworts.

Morgen erscheint schon der letzte Teil der Blogtour. Den findet ihr morgen bei Nina auf frauhauptsachebunt.de.

 

verfasst von Tobi

    1 Kommentar

  1. Pingback: Blogtour Agatha Christie mit Hercule Poirot | Kielfeder 12. September 2015 at 14:13

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