Von schönen Büchern war ich immer schon fasziniert und in letzter Zeit habe ich gezielt nach solchen Ausschau gehalten. Natürlich müssen auch die inneren Werte überzeugen, weshalb es gar nicht so leicht ist auf die Kombination aus optischer Eleganz und fesselndem Inhalt zu stoßen. Irgendwie bin ich auf einem Blogbeitrag zu diesem Thema gestoßen und bin dort in den Kommentaren auf eine Buchempfehlung von Ulrike Sokul gestoßen, die das Buch Die Spieluhr von Ulrich Tukur auf ihrem Blog rezensiert hat.

Das kleine Bändchen ist mit 160 Seiten eine kurzweilige Zwischenlektüre und als Novelle perfekt geeignet, um sie an einem kalten Winterabend am Stück zu genießen. Die Geschichte wird aus Sicht eines Schauspielers erzählt, wobei ihm immer wieder andere Personen etwas schildern, so dass der Leser über diesen Umweg doch Einblick in die Gedanken anderer bekommt. Tukurs Stil ist sehr angenehm zu lesen und sehr schnell taucht man in seine Welt ein, die unweit von Paris spielt und mit wunderschöne Kulissen aufwartet. Er entführt den Leser in ein altes, fast gruselig anmutendes Schloss, barocken Salons oder einem kleinen beschaulichen Dörfchen. Man spürt eine alte, muffige und längst vergangene Atmosphäre, die über allem hängt und zusammen mit dem Erzähler, der aus der Ich-Perspektive berichtet, taucht man in das fesselnde Schicksal um eine geheimnisvolle Marquise ein.

[…]und alles war Lob der Natur, und im üppigen Blattwerk der Bäume, die auf der Leinwand Wurzeln schlugen, wuchsen und gelb, smaragdgrün und rot leuchteten, sangen die Engel und sahen sie aus umwimperten Augen freundlich an. (S. 18)

Ähnlich wie Dunkelsprung oder Baba Jaga von Toby Barlow würde ich diese Novelle in eine neues Genre „Modernes Märchen“, oder etwas in der Art, eingruppieren. Auch wenn Die Spieluhr in der Vergangenheit spielt, hat es doch etwas von dieser ganz neuartigen Magie, die ich liebe und nur schwer beschreiben kann. Mich hat die Geschichte auf jeden Fall von Anfang an gefesselt und so kurz wie sie ist, kann man sie nur schwer wieder beiseitelegen. Was bemerkenswert ist, dass ist die bildhafte Sprache und man merkt, das Tukur in der Filmbranche Zuhause ist. Er schafft es sehr gut die Realität mit dem Unwirklichen zu verschmelzen, greift dabei aber stark auf optische Effekte zurück. Das hat mich an Tad Williams neuere Bücher (z.B. Shadowmarch) erinnert. Interessant ist die Tatsache, dass auch in Klassikern die Szenen oft sehr genau beschrieben werden (beispielsweise Victor Hugo hat das oft sehr ausführlich gemacht), aber dabei wird nie auf „Special Effects“ zurückgegriffen. Bei aktuellen Bücher wabert schon mal eine gelbliche Kugel im Geiste eines Magiers, was sozusagen die Magiequelle darstellt. Oder auch in Baba Jaga kam eine actiongeladene Szene vor, die auch ohne große Anpassungen in einem Drehbuch hätte stehen könnte. Die Wirkung von Film, Fernsehen und Games auf Literatur ist einfach nicht von der Hand zu weisen (und auch nicht zu verurteilen).

Es war … vielleicht …. wie in einem Film, in dem die Kamera langsam zurückfährt, und während das Cembalo zur dramatischen Begleitmusik wurde, enthüllte sich mir ein zweites Auge und dann Stück für Stück das Geischt einer Frau, bis sie schließlich ganz zu sehen war. (S. 34)

In Summe ist die Geschichte zwar sehr nett zu lesen, aber auch nicht außergewöhnlich. Es passt alles zusammen, vieles bleibt am Ende auch ungeklärt aber insgesamt kommt Die Spieluhr einem kurzem Märchen gleich, das über die Lektüre hinaus mich wohl nicht mehr groß beschäftigen wird. Also ein typisches Häppchen für zwischendurch, das unterhaltsam ist, Spaß macht zu lesen und das man leicht nach ein paar Jahren erneut zur Hand nehmen kann, ohne dass viel von der Spannung verloren geht.

Was das Aussehen dieses kleinen Büchleins betrifft, hat mich Ulrikes Empfehlung nicht enttäuscht. Es ist in grünes Leinen gebundenen und auf dem Cover findet sich eine verschnörkelte, golden schimmernde Farbprägung. Es strahlt etwas altmodisches aus und mit dem Motiv wirkt es edel, ein wenig klassisch und romantisch. Mir gefällt es sehr gut und für meinen Bücherregal ist es eine wunderbare Bereicherung. Schön ist die Stimmigkeit zwischen Optik und Inhalt, was einige Verlage einfach gut hinbekommen und auch hier durchweg gelungen ist.

Die Spieluhr: Eine Novelle von Ulrich Tukur

Fazit: Wer wundersame Geschichten schätzt, die dazu noch in einem ganz klassischen, altmodischen und romantischen Rahmen eingebettet sind, der wird dieses Buch lieben. Geheimnisvolle Figuren, wie die wunderschöne Marquise, Geschichten verlorener Liebe, die Magie, die Kunst der Musik, aber auch das Ergründen eines alten Geheimnisses, das über hundert Jahre zurück reicht, machen diese Lektüre zusammen mit einem klaren Erzählstil zu einem Lesevergnügen. Naturgemäß ist eine Novelle nicht besonders umfangreich, daher ist hier der Lesegenuss schnell vorüber und auch nicht besonders nachhaltig. Für mein Empfinden ist dieses Büchlein viel zu kurz. Ein schön gestaltetes und stimmiges Buch, das ich nur empfehlen kann.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Die Spieluhr: Eine Novelle von Ulrich Tukur

Titel: Die Spieluhr: Eine Novelle
Autor: Ulrich Tukur
Verlag: Ullstein Verlag
Erschienen: 11. Oktober 2013
Seiten: 160 Seiten

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verfasst von Tobi

    14 Kommentare

  1. Anton Goldberg 12. November 2015 at 0:02 Antworten

    Ja, diese Novelle vom talentierten Herrn Tukur hatte ich mir auch mal zugelegt. Ein schönes, nostalgisches Buch. Herr Tukur macht mit seinen Rhythm Boys übrigens auch ganz feine Musik in Anlehnung an vergangene Zeiten. Sehr zu empfehlen.

    • Tobi 12. November 2015 at 12:34 Antworten

      Lieber Anton,

      Rhythm Boys, da muss ich mal reinhören. Mir war vorher gar nicht bewusst, dass Tukur ein scheinbar recht bekannter Schauspieler ist. Liegt wohl daran, dass ich fast kein TV schau.

      Danke für den Tipp.
      Viele Grüße
      Tobi

  2. Ulrike Sokul 12. November 2015 at 0:17 Antworten

    Lieber Tobi,
    danke, daß Du im Rahmen Deiner Besprechung auf meine Spieluhr-Rezension hinweist und verlinkst.
    Solche Querverweise erweitern stets den Leserradius.
    Und das wünschen wir uns doch alle: LESEN & GELESEN WERDEN!

    In der Nennung meines Namens (in Deinem Fließtext) hat sich ein zusätzliches O hereingeschmuggelt. Es wäre nett, wenn Du dieses diskret entferntest, und Du kannst von mir aus anschließend auch den diesbezüglichen Kommentarabsatz wieder löschen.

    Nachtaktive Grüße
    Ulrike Sokul von Leselebenszeichen

    • Tobi 12. November 2015 at 12:37 Antworten

      Liebe Ulrike,

      arr, sorry das wollte ich nicht. Und ich hab bei der letzten Durchsicht noch kurz gezögert und wollte deinen Namen checken und hab das, warum auch immer, nicht gemacht. Ist natürlich korrigiert!

      Das Buch war auf jeden Fall ein guter Tipp. Vielen Dank dafür! Mittlerweile weiß ich auch wieder wo du das kommentiert hast. Und zwar auf Charlottes Blog (https://besondersbuch.wordpress.com/besondere-bucher/) den ich echt liebe, weil sie immer wunderschöne Bücher empfiehlt. Es lohnt sich also doch zu kommentieren 😉

      Liebe Grüße
      Tobi

  3. lapismont 12. November 2015 at 11:02 Antworten

    Mir gefiel damals vor allem die Verbindungen zwischen dem Leben der Séraphine Louis und den Dreharbeiten zum Film (den ich immer noch nicht gesehen habe). Und das Buch selbst ist natürlich ein wunderschönes Schmuckstückchen.

    • Tobi 12. November 2015 at 12:40 Antworten

      Ich hätte nun nicht weiter nach Séraphine Louis gesucht, aber der gesamte Hintergrund von „Die Spieluhr“ ist sehr schön gewählt. Aber gibt es den Film wirklich? Nachdem ich nun nicht der große Filmeschauer bin, wär das auf jeden Fall mal ein interessantes Thema.

      Liebe Grüße
      Tobi

  4. Ulrike Sokul 12. November 2015 at 16:31 Antworten

    Danke, lieber Tobi,
    für die Korrektur, solche Tippfehler oder Buchstabendreher passieren halt – ist nicht dramatisch, aber gleichwohl schöner, wenn es wieder stimmig ist.
    Den Spielfilm über „Séraphine Louis“ habe ich eine ganze Weile vor der Lektüre der „SPIELUHR“ gesehen. Ich fand diesen Film interessant und charakterstark, aber auch erschütternd.
    Deiner Einschätzung von Charlottes Blog „Besondersbuch“ stimme ich voll und ganz zu. 🙂
    Musische Grüße von
    Ulrike

  5. Merowinger 13. November 2015 at 19:05 Antworten

    Ich bin damals auch durch die wunderschöne Aufmachung auf das Buch aufmerksam geworden und war überrascht weil ich Tukur bis dahin nur als Schauspieler kannte. Der Kauf war dann eher spontan und meine Bauchentscheidung war richtig. Die angenehm altmodische Schreibe hat mir von Anfang an gefallen und das Buch war nach 2 Tagen gelesen. Alles in allem auch von mir ein klarer Tipp.

    • Tobi 13. November 2015 at 19:44 Antworten

      Du hast scheinbar auch einen echt guten Geschmack. Wo ist dein Blog? 😉

      Im Laden stoße ich auf solche Bücher eigentlich nie, was schade ist und so kommt es auch nie zu Spontankäufen, die meistens auch recht spannend sind. Aber gibt kaum gute Buchläden in meiner Nähe.

      Liebe Grüße
      Tobi

      • Merowinger 15. November 2015 at 10:26 Antworten

        Danke. Einen Blog in den Sinne wie du einen hast habe ich nicht. Nur einen Ort wo ich hin und wieder Gedankengänge und Zitate poste: https://findesiecle86.wordpress.com/

        Wir haben hier leider auch kaum richtige Buchläden, vor allem die Klassiker die ich so gerne lese sind da nur selten im Angebot. Kürzlich war ich in Weimar und habe es dort genossen durch die Läden zu ziehen und Bücher auf die altmodische Art zu entdecken.

        • Tobi 16. November 2015 at 8:48 Antworten

          Schade, also ich bin mir sicher, dass du gute Themen für einen Buchblog hättest! Aber sowas kostet auch immer Zeit, also das muss man sich schon überlegen.

          Was die Buchläden angeht, da geht es mir ähnlich wie dir. Weimar ist da echt schön, besonders wenn ich an die Hoffmann’s Buchhandlung denke. Da macht das Stöbern schon viel Spaß. Wir müssen auch erst einmal mindestens 45 Minuten fahren, bis wir bei einer guten Buchhandlung sind. Und die Klassikerabteilung schrumpft auch immer weiter zusammen, weil das keinen interessiert. Bleibt also doch nur das gute alte Internet 😉

          Liebe Grüße
          Tobi

  6. Petra Gust-Kazakos 17. November 2015 at 18:05 Antworten

    Lieber Tobi, das Buch ist wirklich ganz wunderschön gemacht. Die Story fand ich hübsch, ein bisschen Schwarze Romantik, fast schon altmodisch, aber das macht mir ja nichts aus. Schön, dass du es noch mal in Erinnerung rufst. Liebe Grüße
    Petra

    • Tobi 18. November 2015 at 12:29 Antworten

      Hallo Petra,

      das altmodische und klassische Flair des Buches macht natürlich eine Menge aus. Eine geheimnisvolle und schöne Marquise ist einfach ein Element, das funktioniert. Auf jeden Fall ist es ein Buch, das ich mir durchaus nochmal durchlesen könnte. Auf jeden Fall stehen einige gute Bücher in deinem Schrank, wenn auch das hier dazu gehört.

      Liebe Grüße
      Tobi

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