Rudyard Kipling ist ein Autor, den ich bisher noch gar nicht wahrgenommen habe, dessen bekanntestes Werk aber dennoch jeder kennt. Von ihm stammt Das Dschungelbuch und nicht nur dafür bekam der in Bombay geborene britische Schriftsteller 1907 den Literaturnobelpreis und ist damit bis heute der jüngste Preisträger. Mit Von Ozean zu Ozean liegt zum ersten Mal eine vollständige deutsche Übersetzung seiner Reiseberichte vor, die er zwischen 1887 bis 1889 verfasst hat. Ein schönes Andenken zum 150. Geburtstag dieses großen Autors.

Ohne von diesen Hintergründen zu wissen, wollte ich das Buch sofort haben, als ich das erste Mal im Herbstprogramm vom Mare Verlag darauf gestoßen bin. Schon lange wollte ich einmal etwas über Indien lesen. Aber nichts vom Hier und Jetzt, sondern von dem Indien der Kolonialzeit, das geheimnisvoll, wild und unerforscht, mit seiner exotischen Kultur und wunderschönen Landschaft lockt. Dieses Buch strahlt in seiner Schlichtheit all das aus und hat mit seinem Erscheinen im Rahmen der Schuber Reihe ein gewisses Gütesigel.

Ich beginne nun, anders als sonst, nicht mit dem Inhalt des Buches, sondern mit seinem Erscheinungsbild, denn Von Ozean zu Ozean ist eines der schönsten Bücher in meinem Regal. Von der Mare Schuber Reihe bin ich hinsichtlich Aufmachung verwöhnt, diese Ausgabe ist aber ein Meisterwerk der hohen Buchkunst. Der Schuber hat einen weißen Farbton mit einem ganz sanften Sepiaton, der zusammen mit dem im Stile eines Kupferstich gehaltenen Elefanten auf dem Cover und der in stimmigen Farben gehaltenen, mit Serifen versehenen Schrift sofort Assoziationen zu alten Abbildungen, Fotos und Schriften zum wunderschönen Indien der Kolonialzeit weckt. Eine geschönte und verfälschte Nostalgie, denn der Kolonialismus war alles andere als etwas Erstrebenswertes.

Lässt man nun das in rostrotes Leinen gebundene, mit 800 Seiten angenehm in der Hand liegende, dicke Buch aus dem Schuber gleiten, so fällt auch dort der Blick zuerst auf das schöne Täfelchen, dass den Titel des Schubers noch einmal aufgreift. Das Leinen schimmert ganz leicht und fühlt sich edel und gleichzeitg sehr stabil an, wenn man mit den Finger vorsichtig darüber streicht.

Von Ozean zu Ozean von Rudyard Kipling

Wenn man es nun aufschlägt, dann stellt man zwei Dinge fest: Einmal dass es wunderbar in der Hand liegt (ich weiß ich wiederhole mich) und dass es ein graues Vorsatzpapier hat, das einen wunderbaren Kontrast zum Leineneinband liefert. Das mag ein Detail sein, aber die Farben sind so perfekt kombiniert, dass mein bibliophiles Herz sofort höher schlägt. Warum sind nicht alle Bücher so einer Hingabe und so viel Liebe zum Detail umgesetzt?

Zudem hat dieses Buch zwei Lesebändchen, in den Farben des Einbandes und des Vorsatzpapiers. Ich glaube das einzige Buch in meinem Regal, dass so etwas hat und nicht nur sehr schön aussieht, sondern auch sehr praktisch ist. Denn eines kann man als Lesezeichen verwenden, das Zweite kann im Glossar oder vor den Anmerkungen verweilen.

Von Ozean zu Ozean von Rudyard Kipling

Schlägt man das Buch nun auch, so findet man darin erneut den Elefanten, der auch auf dem Einband abgebildet ist. Das Papier ist identisch mit dem der anderen Klassiker der Schuber Reihe, cremeweiß, ein wenig dicker als bei gewöhnlichen Bücher und sehr geschmeidig beim Umblättern. Was soll ich sagen, das Buch ist ein Fest. Lieber Mare Verlag, gründet einen zweiten Verlag und legt Klassiker aller Couleur in diesem Format auf. Was würde ich darum geben große Werke von Autoren wie Tolstoi, Dumas oder Flaubert in so einer Fassung in Händen halten zu dürfen.

Von Ozean zu Ozean von Rudyard Kipling

Jetzt habe ich wahnsinnig viel über das Aussehen geschrieben, wie verhält es sich nun mit den inneren Werten dieses Buches? Von der Qualität des Textes bin ich hin- und hergerissen. Das Buch besteht aus drei Teilen. Je eines für Kiplings Reisen nach Indien, Asien und Amerika. Kipling hat für verschiedene Redaktionen als Journalist geschrieben und im Rahmen dieser Tätigkeiten hat er seine Reiseberichte verfasst und auch veröffentlicht.

Indien und Kalkutta

Im ersten Teil, seinem Bericht über Indien, bedient er sich eines Stilmittels, das er von Mark Twain abgekupfert hat und beschreibt seine Reise aus der Sicht eines Engländers, dessen typisches Verhalten eines Weltenbummlers er mit einem gewissen Maß an Geringschätzung und bissigen Spott schildert. Heute würde man sagen, er war ein typischer Touri der damaligen Zeit. Sozusagen mit dicker Kamera über dem Hawaihemd, Socken in Sandalen und einem Hang zu billigen Souvenirs. Natürlich bekommt dieser Tourist nichts von der tatsächlichen Seele Indiens mit und Kipling lässt den Leser hinter die Kulissen blicken, während er dennoch den Engländer wie einem roten Faden folgt.

Die Erzählungen haben aus meiner Sicht höchst unterschiedliche Qualität. An vielen Stellen haben sie es geschafft das schöne, mystische Indien, mit seinem rötlichen und grauen Gebirgszügen, den einsamen Seen der Provinz und den prächtigen Palastanlagen in mir zum Leben zu erwecken. Eine sehr schöne Episode ist beispielsweise der Besuch der verlassenen Palastanlage von Amber oder Chitor, wobei Kipling bei Letzeren auch einen unterhaltsamen, kurzen Abriss seiner Geschichte gibt. Andere Abschnitte hingegen, wie beispielsweise die Beschreibungen zu Jaipur, habe ich als langweilig empfunden. Auch die Besichtigung eines Gestüts in Jodhpur fand ich eher langatmig und wenig unterhaltsam. Ausflüge zu Anekdoten und Geschichten zu den Königen und Menschen lockern die Lektüre auf und geben ein Bild vom Leben und der Kultur der Inder. Beispielsweise beschreibt er eine Schweinejagd von indischen Aristokraten und englischen Kolonialherren.

Ich habe etwa die ersten 50 Seiten gebraucht, um mich in Kiplings Art zu schreiben einzufinden. An vielen Stellen entsteht das zauberhafte Indien mit seiner ganz eigenen Ausstrahlung vor dem geistigen Auge, manchmal ist es mir aber auch schwer gefallen mir die Orte vorzustellen. Zu fragmentiert erschienen mir seine Schilderungen und ein so richtiges Gefühl dafür, wie beispielsweise Kalkutta in seiner Gesamtheit wohl aussieht, hatte ich am Ende nicht. Das kann aber durchaus auch an mir liegen, denn von Indien weiß ich recht wenig und auch Fotografien davon habe ich bisher wenige gesehen. Eine Lücke, die ich noch füllen werde, denn eine gewisse Faszination strahlt dieses Land auf jeden Fall aus.

Asien

Seine Asienreise sind Thema des zweiten Teils des Buches, dem ebenfalls eine Karte und auch ein eigenes Vorwort vorangestellt ist. Nachdem Kipling in der literarischen Welt erste Erfolge verzeichnen konnte, wollte er sein Karriere in England fortsetzen und neuen Auftrieb geben. Zu Kiplings Bekanntenkreis zählte damals die mit einem Professor verheiratete Frau Edmonia Hill, für die er scheinbar auch etwas übrig gehabt hatte. Zusammen mit dem Ehepaar, die zu ihrer Familie nach Kalifornien reisen, begleitet Kipling sie durch Burma, Singapur, Hongkong und Japan. Dabei schlüpft er selbst in die Rolle eines Touristen und berichtet oft mit einem zynischen Unterton und manchmal eher unsympathisch wirkenden Ansichten. So befürwortet er beispielsweise den Imperialismus von England und blickt doch häufig auf die Menschen der Länder herab, die er bereist und nimmt implizit eine Überlegenheit der Kultur von England an. Dabei ist er aber dann doch erstaunlich weltoffen, nimmt aber das ihm gut bekannte Indien immer als Maßstab und zum Vergleich.

Die Berichte fand ich eher langweilig, mit zwar ganz netten Schilderungen von Pagoden, Elefanten, den großen Städten wie Singapur oder Hongkong mit seinen Einwohnern, aber er verliert sich auch immer wieder in Details, wie beispielsweise nervige Passagiere. Andere Passagen wirken irgendwie unvollständig, als ob er sich ein paar bemerkenswerte Elemente herausgepickt hätte, aber nicht großen Wert auf eine umfassende Beschreibung gelegt hätte. Die Orte sind nicht vor meinem geistigen Auge sichtbar geworden, wie das bei seinen Berichten über Indien mit den prächtigen, verlassenen Tempelanlagen der Fall war. Recht ausführlich schildert Kipling seine einmonatige Japanreise, die mir stellenweise wieder sehr gut gefallen hat. Aber auch hier verliert er sich dann wieder in ganz genaue Schilderungen von Tempeln, dem Stadtbild oder den politischen Verhältnissen, was wenig fesselnd ist und tatsächlich eher einen Bericht gleicht. Er selbst tritt hier oft abweisend, arrogant und manchmal auch fast aggressiv auf und erinnert stark an einen englischen Aristokrat, der die Einheimischen tanzen lässt.

Amerika

Seiner Reisebriefe über San Francisco hat mir wieder sehr gut gefallen. Hier legt er den Finger in die Wunde, schreibt über die Korruption, das kaputte demokratische System, die amerikanischen Frauen (die ihm sehr zusagen), die Alkoholprobleme und die Gesellschaft der Staaten. Er macht das aber auf eine ganz amüsante Weise, vorurteilsbehaftet und trotzdem wirkt er hier weniger arrogant. Einige Berichte sind hier aber auch eher weniger spannend. Recht ausführlich beschreibt er, wie er nach Lachs angelt und das ist nicht sonderlich fesselnd. Sein Besuch im Yellowstone Nationalbark war wieder sehr unterhaltsam. Sehr gut fand ich das Ende dieses Abschnitts, wo er doch sehr treffend das Amerika beschreibt, das auch das der Gegenwart entspricht. Ein von Kapitalismus durchzogener Sumpf, mit Menschen, welche die Natur rücksichtslos ausbeuten und einer Masse, die durch eine von Eliten gesteuerte Presse verblödet wird.

Fazit

Das Buch ist von der Aufmachung einfach perfekt. Mit viel Liebe zum Detail wurde es gestaltet und zusammengestellt, das sieht man sofort. Der Inhalt hingegen konnte mich nicht ganz überzeugen. Kiplings Indienreisen haben mir sehr gut gefallen, hier schildert er große und faszinierende Tempelanlagen, die das mystische und wundersame Indien zum Leben erwecken. Es fällt leicht sich diese schönen Orte vorzustellen und in eine ganz fremde Welt inmitten einzigartiger Natur vorzustellen. Einige Berichte seiner Amerikareise sind eine unterhaltsame Lektüre, besonders wie er über die Menschen und die Gesellschaft schreibt. Seine Asienreise konnte mich weniger überzeugen. Zu oft verliert er sich aber in allen drei Teilen in Details, in uninteressante und wenig reizvolle Betrachtungen und wirkt als Weltenbummler eher unsympathisch und abgehoben. Nachdem es sich um Reiseberichte handelt, beschränkt sich das Geschriebene tatsächlich auf das, was er gesehen und besichtigt hat. Spannende Episoden, Begegnungen und Erlebnisse findet man in diesem Buch nur sehr wenige. Wer hingegen neugierig darauf ist, wie sich Indien, Asien und Amerika Ende des 19. Jahrhunderts präsentiert hat, dem kann ich das Buch nur empfehlen.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Von Ozean zu Ozean von Rudyard Kipling

Titel: Von Ozean zu Ozean
Autor: Rudyard Kipling
VerlagMare Verlag
Übersetzung: Alexander Pechmann
Erschienen: 13. Oktober 2015
Erstveröffentlichung: 1887 bis 1889
Seiten: 800 Seiten

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verfasst von Tobi

    8 Kommentare

  1. […] Von Ozean zu Ozean von Rudyard Kipling 6. November 2015 at […]

  2. lapismont 9. November 2015 at 9:25 Antworten

    Kipling wird ja immer wieder vorgeworfen (besonders von Orwell), in seinen Indien-Berichten dem imperialen Kolonialismus zu frönen und entsprechend herrschaftlich über Indiens und dessen Kultur zu schreiben. Du benutzt das Wort geringschätzig – wie ist Dein Eindruck insgesamt zu Kipling im Bezug auf diese Art des Rassismus?

    • Tobi 9. November 2015 at 14:37 Antworten

      Die Art wie Kipling seine Sicht auf die Menschen der bereisten Länder gibt, ist sehr stark von seinen imperialistischen Ansichten geprägt. Das kann man nicht von der Hand weisen. Nachdem er doch oft einen bissigen und spöttischen Unterton hat, stellt sich oft die Frage, ob es nun seine eigene Überzeugung ist, die zum tragen kommt, oder er sich nicht doch eines journalistischen Stilmittels bedient. Die Anmerkungen des Übersetzers gehen auf diese Frage ein und er kommt zu dem Schluss, dass Kiplings Sichtweise nicht konsistent war. So gibt es Texte, in denen er sich erstaunlich weltoffen zeigt (beispielsweise was die Rechte der Frau angeht), an anderer Stelle widerspricht er sich dann selbst. Auch die jeweiligen Auftraggeber haben scheinbar einen Einfluss auf seinen Stil gehabt.

      Vom jetzigen Standpunkt aus betrachtet ist er mir an viele solcher Stellen einfach unsympathisch und wenig weltoffen. Er verallgemeinert oft rigoros und hat keinen Zweifel daran, dass England als Kolonialmacht der Welt überlegen ist. Das war wohl auch eine Frage des Zeitgeistes.

      Viele Grüße
      Tobi

  3. Norman 22. November 2015 at 16:43 Antworten

    Hallo Tobias,
    ich habe mir das Buch in der zu Ende gehenden Woche nun auch gekauft, bislang aber erst betrachtet und angefaßt. Zum lesen bin ich leider auch heute noch nicht gekommen.
    Viele Grüße
    Norman

    • Tobi 22. November 2015 at 20:20 Antworten

      Hallo Norman,

      da bin ich gespannt, wie dir das Buch gefällt. Inhaltlich bin ich hin und her gerissen, aber was die gesamte Erscheinung angeht, ist das Buch einfach nur gelungen. Mit „Über Bord“ ist bei der Büchergilde allerdings ein Buch erschienen, dass ich einfach haben muss. Auch von Kipling und da bin ich gespannt, wie seine Geschichten so sind.

      Liebe Grüße und viel Spaß bei der Lektüre
      Tobi

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    […] Von Ozean zu Ozean von Rudyard Kipling 6. November 2015 at […]

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