Es gibt sehr schöne Kinderbücher und aus der Sicht von einem Erwachsenen fällt die Wahl manchmal nicht ganz leicht. Ich habe festgestellt, dass es Kinderbücher gibt, die eigentlich dafür gemacht sind, Erwachsene vom Kauf zu überzeugen, bei Kinder dann aber wenig ankommen. Oder so kunstvoll sind, dass sie einfach zu abstrakt sind und daher die Aufmerksamkeit der kleinen Leser nicht für sich gewinnen können. Natürlich ist das auch immer eine Frage des Alters, aber es gibt dann doch immer wieder Bücher, die es durchgängig schaffen, zu begeistern. Richtig schwierig wird es, wenn ein Buch sowohl Kinder, als auch Erwachsene gefallen soll.

Die Reise und Die Suche von Aaron Becker

Die Reise ist ein Glücksgriff gewesen und ich kann einfach nicht anders und muss dieses Buch und auch die Fortsetzung davon, Die Suche hier vorstellen. Einmal weil ich schöne Illustrationen einfach liebe. Auch außerhalb der Literatur klicke ich mich gerne durch Konzeptkunst von Künstler für Computerspiele oder durch einschlägige Galerien für schöne Illustrationen und Zeichnungen. Zum Anderen weil Die Reise und Die Suche einer Besonderheit unterliegen: Sie haben keinen Text. Die Ironie liegt vielleicht nun darin, dass ich hier auf einen Buchblog, wo es ja gerade um das geschriebene Wort geht, nun zwei Bücher vorstelle, die komplett ohne die Mittel der Sprache auskommen und trotzdem eine wirklich liebevolle und rührende Geschichte erzählen. Ein Abenteuer, mit einem geheimnisvollen Wald, mit einer Stadt mit goldenen Kuppeln, einer Stadt aus 1001 Nacht und nicht zuletzt von Freundschaft.

Die Reise und Die Suche von Aaron Becker

Die Reise handelt von einem kleinen Mädchen aus einer Stadt, dem es langweilig ist. Aber niemand erbarmt sich ihrer und weder ihre Eltern, noch ihre Schwester wollen mit ihr spielen. Da entdeckt sie eine rote Kreide, malt eine Tür an ihre Kinderzimmerwand und schlüpft hindurch, mitten hinein in eine abenteuerliche Zauberwelt. Diese Welt kann sie aber gestalten, indem sie ihren roten Stift schwingt und sich einfach das malt, was sie sich wünscht oder gerade benötigt. Auf der nächsten Seite werden diese groben Skizzen dann Realität und sind nützliche Werkzeuge oder Lebewesen für das Mädchen und in Die Suche auch für ihren Gefährten, der über einen lila Stift verfügt.

Die Reise und Die Suche von Aaron Becker

Es ist faszinierend, wie diese Abfolge von wirklich sehr schönen und fantasievollen Illustrationen einen beim Betrachten in seinen Bann zieht. Jede Doppelseite verströmt dabei eine ganz eigene Stimmung und greift Elemente auf, die man auf verschiedensten Settings kennt. Samurais, ein Wald mit Lampions, einem Luftschiff das einen Hauch von Steampunk hat, einer Stadt aus Tausendundeine Nacht und noch einige andere Einflüssen, die sich ganz harmonisch zu einer neuen fantasievollen Welt zusammensetzen.

Die Reise und Die Suche von Aaron Becker

Die Frage ist nun, wie das hinsichtlich dem Vorlesen funktioniert und ich kann sagen, entgegen verschiedener Vorbehalte ist das Buch eingeschlagen wie eine Bombe. Immer wieder muss ich es vorlesen, manchmal mehrmals direkt nacheinander in Folge. Und es ist tatsächlich ein Vorlesen und zwar aus der Welt der Bilder in die der Sprache. Nachdem man automatisch seine eigenen Worte wählt, wirkt das um so stärker, denn es ist die Stimme, die Sprache, die das Kind schließlich kennt, vertraut ist und sozusagen die Vorstellung mit prägt. Von der Wirkung liegt das ungefähr zwischen dem Vorlesen und dem Freestyle-Erzählen eines Märchens aus dem Gedächtnis.

Aaron Becker hat ein wunderbares Gespür für Bilder und die Kunst mit ihnen eine Geschichte zu erzählen. Das verwundert auch nicht, denn bevor er diese Bücher gezeichnet hat, war er als Zeichner an der Produktion von Kinderfilmen wie The Polar Express, Cars oder Disneys Eine Weihnachtsgeschichte tätig. Auf seiner Webseite stellt er seine Arbeiten genauer vor und verkauft auch signierte Kunstdrucke seiner Bilder. Auch einen Blog hat er und schreibt über seine Reisen und über die Fortschritte seiner Arbeit. Auf seiner Seite findet ihr auch ein Making Of von Die Reise, das wirklich sehr interessant ist, weil es zeigt, wie viel Aufwand dahinter steckt und wie Becker vorgegangen ist. Zwei bis drei Monate hat er gebraucht um die Story zu entwerfen und es ist spannend seine Skizzen und Storyboards zu sehen. Zudem hat er alles in Wasserfarben gezeichnet, was wohl eine ziemliche Herausforderung ist. Aber er hat sich an seine eigenen Kinderbücher erinnert und da waren seine liebsten Bücher eben auch mit Wasserfarben gezeichnet. Wer das Buch einmal gelesen hat, dem kann ich nur ans Herz legen, das sehr schön gemachte Video anzusehen, wo man auch ein wenig über Aarons Leben erfährt.

Zu den beiden Büchern hat er auch Trailer erstellt, die ich euch an der Stelle nicht vorenthalten will, weil sie einen guten Eindruck geben und ebenso sehr liebevoll gemacht sind, so wie die Bücher eben auch. Hier einer der Trailer für Die Reise:

Mit einer gewissen Ungeduld hab ich dann Die Suche erwartet. Die Freude, das Buch dann zu haben, war nicht nur für mich sehr groß. Wichtig ist dabei zu erwähnen, dass laut Webseite vom Verlag die Bücher ab fünf Jahren empfohlen werden. Die Altersangabe könnt ihr (wie bei allen Kinderbücher) komplett knicken. Ich habe das Buch bisher nur einem zweijährigen Kind vorgelesen und das liebt es und versteht auch die Story. Sicherlich nicht in seiner gesamten Feinheit, aber das, was dort geschieht, was dort vorkommt, der Vogel, das Mädchen, die Dinge, die das Mädchen zeichnet, all das fasziniert und bleibt im Gedächtnis. Selbst dann, wenn man vor dem Einschlafen die Geschichte, ganz ohne Buch, Revue passieren lässt. Das hat mich sehr fasziniert, denn das hätte ich so nicht vermutet.

Die Reise und Die Suche von Aaron Becker

Die Fortsetzung, die den Titel Die Suche trägt, handelt von einem Abenteuer, das erneut in die Welt mit der Stadt mit den goldenen Kuppeln führt. Nur diesmal hat das Mädchen Beistand und als sie zusammen mit dem Jungen unter einer Brücke vor dem Regen Schutz suchen, werden sie erneut durch eine wundersame Tür in die Welt zurück geführt, wo sie einem König helfen, die Stadt aus den Fängen der bösen Samurais zu befreien. Mir gefallen hier die stimmungsvollen Szenen besonders gut, die vom Wetter, den dunklen Wolken, den verregneten Horizont oder der gleißenden Sonne, die diffus vom Meer her die Landschaft bestrahlt, eine ganz besondere Atmosphäre erschaffen. Verschiedenste Landschaften zaubert hier Aaron Becker hervor. Einen Dschungel mit einer alten Stadt, das Gebirge, eine Unterwasserwelt und natürlich wieder die Stadt mit den goldenen Kuppeln und den Wasserstraßen. Als ich Die Suche hinter der bereits bekannten Die Reise hervorgezogen habe, war die Begeisterung sehr groß und ich musste die Bücher beide zweimal vorlesen. Irgendwas müssen diese Zeichnungen also haben, auch wenn ich mir noch nicht sicher bin, was es ist.

Fazit: Die Reise und Die Suche sind liebevoll gestaltete Kinderbücher, die ganz ohne Text und nur mit der Sprache der Bilder eine sehr schöne Geschichte erzählen. Als freestyle Vorlesebuch ist es auch für kleinere Kinder ab zwei Jahren sehr gut geeignet, regt die kindliche, aber auch die Phantasie der Erwachsenen an und ist hinsichtlich ihrer bis ins Detail kunstvoll und fassettenreichen Illustrationen ein echter Genuss. Aaron Becker ist ein Profi und legt hier zwei Bücher vor, die auch über einen längeren Zeitraum interessant sind. Nur zu kurz sind sie, zu schnell sind die Abenteuer vorbei und im Lesefluss hat man manchmal das Gefühl tatsächlich irgendwie eine Mischung aus Film, Computerspiel und Buch zu lesen. Bücher für Groß und Klein, die ich jeden nur empfehlen kann und die darüber hinaus mit ihren wunderschön gezeichneten Illustrationen auch kleine Kunstwerke sind.

Wertung in Sternen

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Über die Bücher

Die Reise von Aaron BeckerTitel: Die Reise
Autor/Illustrator: Aaron Becker
Verlag: Gerstenberg Verlag
Erschienen: 26. Januar 2015
Seiten: 40 Seiten

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Die Suche von Aaron BeckerTitel: Die Suche
Autor/Illustrator: Aaron Becker
Verlag: Gerstenberg Verlag
Erschienen: 25. Januar 2016
Seiten: 40 Seiten

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verfasst von Tobi

    4 Kommentare

  1. Kathrin 17. Januar 2016 at 12:07 Antworten

    Da halte ich so oft Bilder-/Vorlesebücher in der Hand, aber Aaron Becker und seiner Bücher waren bisher unbekannt. Danke für den (Geheim-)Tipp!

    • Tobi 17. Januar 2016 at 16:40 Antworten

      Liebe Kathrin,

      Geheimtipps sind das glaub ich schon. Ich find das nicht so leicht, richtig gut gemachte Bücher für Kinder zu finden. Es gibt viele, die schön sind, aber wenige die so richtig begeistern.

      Liebe Grüße
      Tobi

  2. huebi 17. Januar 2016 at 17:05 Antworten

    Schade, ich hab niemanden mehr für diese Bücher. Ich musste immer Der Wolf und die sieben Geißlein vorlesen. Wieder und Wieder und wieder, manchmal auch direkt hintereinander. Hat dann aber auch nichts gefruchtet, irgendwann waren und sind Bücher uninteressant. Meine Mutter hat mir auch immer vorgelesen, hatte dann aber die Frechheit, einfach mittendrin aufzuhören. Da blieb mir dann nichts anderes übrig, als selbst zu Ende zu lesen 🙂 Zu meiner Zeit waren da gerade die Schneider-Bücher in Schreibschrift in, ich kann mich noch erinnern dass es bei meinem ersten Buch um eine Familie mit 2 Kindern gib, die in ihrem Garten das LKeben eines Igels beobachteten. Autor und Titel unbekannt.
    Aber wo ist eigentlich definiert, dass ein Buch Texte enthalten muss? Und wieso widersprechen sich „Lesen“ und textlose Dokumente? Ich kann auch Karten, Fahrpläne, Musiknoten und Fährten lesen.

  3. Pingback: Opas Insel von Benji Davies 7. August 2016 at 21:45

    […] will ich euch ein Kinderbuch vorstellen, das vorzulesen ein wahrer Genuss ist. Ähnlich wie bei Die Reise und Die Suche schafft es Opas Insel eine zauberhafte Welt zu erschaffen und entführt in eine […]

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