Maupassant ist ein Autor, der bei mir immer wieder zum Zuge kommt. Seine Bücher und Novellen sind einfach ein zu großer Genuss, als dass ich mich dem entziehen kann und so war es nur eine Frage der Zeit, dass ich mir auch den Band 2 seiner Novellen aus dem Manesse Verlag einverleiben würde. Den ersten Band habe ich bereits rezensiert und es stellt sich vielleicht die Frage, wieso ich ausgerechnet den Band 2 ebenfalls hier vorstelle. Die Beschaffenheit und die hohe Qualität der Novellen ist auf jeden Fall, wie erwartet, von gleicher Art wie beim ersten Band. Trotzdem macht es für mich Sinn ein wenig von diesen großartigen Autoren, aber auch von den schönen Manesse Büchern zu berichten.

Die Lektüre dieser Sammlung an Novellen ist ungefähr so, wie wenn man sich mit einer kompletten Staffel Big Bang Theorie vor die Glotze legt. Man kann nicht aufhören, fühlt sich gut unterhalten und zieht sich eine Folge nach der anderen rein. Wenn dann der Abend rum ist, fragt man sich, wie die Zeit so schnell vergehen konnte. Vieles hat man dann unmittelbar vergessen, aber einige Szenen sind einem doch lebhaft in Erinnerung. Maupassant ist sowohl unterhaltsam, als auch tiefsinnig und natürlich in einem erheblich höherem Maße als eine Sitcom.

Etwa dreihundert Novellen hat er geschrieben und so ist es nicht verwunderlich, dass die fünfzig Novellen in Band 2 sich weder vom Thema, noch vom Stil oder dem Umfang vom ersten Band unterscheiden. Erneut werden hier die verschiedensten Szenen, kurzen Geschichten, Begebenheiten und Anekdoten erzählt. Oft sehr bissig, manchmal lustig, mit einer Prise Witz, oft mit Zynismus oder Ironie, meistens aber immer mit dem Finger auf die Wunde legend, gibt hier Maupaussant Geschichten zum besten, die es in sich haben. Quer durch alle sozialen Schichten werden die Schwächen im menschlichen Denken und Handeln gnadenlos offen gelegt. Oft mit einer gar nicht so bombigen Pointe, aber wenn man sich die Novellen dann nochmal so durch den Kopf gehen lässt, dann merkt man, dass die eher flache Pointe genau für den starken Effekt sorgt.

Die Novellen haben meist so eine Länge von etwa zehn Seiten und sind somit perfekte Häppchen für zwischendurch. Also für jeden, der es schafft das Buch dann nach einer Novelle zur Seite zu legen. Und genau in der Kürze liegt auch die hohe Kunst und der Grund, weshalb Maupassants Novellen der Weltliteratur zugerechnet werden. Auf nur wenige Seiten schafft es Maupassant Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergrund darzustellen, zu charakterisieren und gibt ihnen sowohl etwas sehr Individuelles, aber auch etwas Allgemeingültiges. Mit wenigen und klaren Worten und einer klaren Sprache entwirft er ein Bild, das einem Gemälde gleicht, das sich dem Betrachter Stück für Stück erschließt. Oft handeln die Geschichten vom Tod, der dann zumeist ein Geheimnis, eine Begebenheit preis gibt, von Jagdgeschichten, natürlich von der Liebe und der Ehe und Erlebnisse aus dem Bereich des Militärs. Zwei Schauergeschichten haben mich überrascht, denn sie passen so gar nicht zum restlichen Stil, zeigen aber, wie vielseitig Maupassant ist.

Novellen Band 2 von Guy de Maupassant

Ich frage mich immer, was für ein Mensch jemand sein muss um solche Geschichten zu schreiben. Wenn man sich dann ein wenig über Maupassant informiert, wird klar, dass er kein gewöhnliches Leben geführt hat. Zumindest mutet es so an. Er starb mit nur Anfang vierzig in geistiger Umnachtung, hatte schon die Jahre zuvor Angst, wie sein Bruder, verrückt zu werden, hatte Syphilis und einen Selbstmordversuch hinter sich. Auf seiner Yacht, der Bel-Ami, unternahm er einige Reisen und auch sonst liest sich sein Lebenslauf ziemlich abenteuerlich. Mit Auf See hat er ein Buch verfasst, in dem er einige seiner Gedanken schildert und über eine Fahrt mit der Bel-Ami an der Südküste Frankreichs berichtet.

Bisher ist jedes Buch von ihm fünf Sterne Premiumlektüre und er zählt zu meinen ganz großen Favoriten. Dazu kann ich euch auf die anderen Rezensionen zu seinen Büchern verweisen, über die ich schon gebloggt habe. Mir gefällt es, wie er mit seinen Erzählungen seine Protagonisten Stück für Stück skizziert und während das Bild seiner Figuren immer genauer wird, kristallisiert sich dabei immer ein generalisierter Kern heraus. Ganz oft ertappe ich mich dabei wie ich ihm nur zustimmen kann. „Ja, so sind sie, die Menschen.“ ist ein Resumé, zu dem ich ganz oft gekommen bin. Das faszinierende dabei ist, dass sich Maupassant durchaus bewusst war, dass auch er selbst nicht von diesen Schwächen ausgenommen werden konnte, genau so, wie man immer glaubt, dass die ganze Manipulations-Supermarkt-Psychologie bei einem selbst nicht wirkt, man aber dennoch jeden Tag ein Opfer davon wird. Zumindest unterstelle ich ihm das und lese das auch aus Auf See zwischen den Zeilen heraus.

Novellen Band 2 von Guy de Maupassant

Ein paar Worte möchte ich unbedingt zu den Manesse Büchlein noch schreiben. Mittlerweile liebe ich diese kleinen, kompakten und in edles Leinen gebundenen Büchlein. Sie sind einfach sehr schön handlich, wertig und für mich eindeutig im qualitativ höherwertigen Bereich anzusiedeln. Dafür haben sie auch ihren Preis und tatsächlich wirken sie auf den ersten Blick klein und im Vergleich mit so mancher Ausgabe aus anderem Verlag eher schmächtig. Für mich ist das ein Trade-off zwischen gebundenem und edlem Buch und Handlichkeit. Der Manesse Verlag trifft hier ganz gut meinen Nerv.

Hinzu kommt, dass der Verlag ähnlich dem dtv oder dem Hanser Verlag für mich für hochwertigen Inhalt und guter Übersetzung steht. Man kann sich ohne Sorgen zu machen ein Manesse Büchlein aus den 70er Jahren holen und bekommt hier trotzdem was ordentliches geboten. Eine Tatsache, die mich gegen jeglichen Niedergang der Verlagskultur gleichgültig werden lässt. Ok, ich übertreibe, aber es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass es da Tonnenweise Klassiker gibt, die recht leicht bei Antiquariate zu bekommen sind und für mehr als ein Leben reichen. Erstaunlicherweise haben aber auch diese alten Ausgaben noch immer ihren Preis.

Novellen Band 2 von Guy de Maupassant

Fazit: Maupassant ist einer meiner absoluten Lieblingsautoren und mit dieser Sammlung an weiteren fünfzig Novellen trifft er bei mir genau so wie mit dem ersten Band genau meinen Geschmack. Die vielseitigen Novellen, die gnadenlos menschliche Schwächen offen legen, aber auch oft witzig, bissig, versöhnlich, spannend und einfach nur unterhaltsam sind, machen einfach süchtig. In aller Kürze schafft es Maupassant den Leser zu fesseln und immer wieder einzelne Einblicke in das Leben höchst unterschiedlicher Menschen aus allen sozialen Schichten zu geben. Seine Themen sind so zeitlos, wie die schönen, kleinen, handlichen und wertigen Manesse Bücher, die diesen Texten eine mehr als angemessene Heimat geben. Ein Buch, das mein Herz inhaltlich wie von der Aufmachung höher schlagen lässt.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Novellen Band 2 von Guy de Maupassant Titel: Novellen Band 2
Autor: Guy de Maupassant
Verlag: Manesse Verlag
Übersetzung: N. O. Scarpi
Erschienen: 16. Oktober 2006
Erstveröffentlichung: um 1880
Seiten: 664 Seiten

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verfasst von Tobi

    11 Kommentare

  1. Devona 19. Februar 2016 at 22:17 Antworten

    „Die Lektüre dieser Sammlung an Novellen ist ungefähr so, wie wenn man sich mit einer kompletten Staffel Big Bang Theorie vor die Glotze legt. Man kann nicht aufhören, fühlt sich gut unterhalten und zieht sich eine Folge nach der anderen rein. Wenn dann der Abend rum ist, fragt man sich, wie die Zeit so schnell vergehen konnte. Vieles hat man dann unmittelbar vergessen, aber einige Szenen sind einem doch lebhaft in Erinnerung. “

    Tobi, you made my day. Ich hoffe, ich kriege mich wieder ein. Ich stelle mir jetzt Sheldon Cooper im Gespräch mit Maupassant vor. Das ist durch nichts, aber auch gar nichts zu toppen. Das ist Horizonterweiterung der völlig anderen Art. Danke!!!

    • Tobi 20. Februar 2016 at 11:38 Antworten

      Liebe Devona,

      du siehst, ich bin mir um keinen Vergleich zu schade 😉 Aber das Schöne ist einfach, dass Klassiker genauso gut unterhalten und gleichzeitig entspannen können wie eben ein gechillter Fernsehabend. Sheldon und Maupassant, das wär natürlich eine krasse Kombi, zumal Letzerer ja ungefähr ein inverser Autist war 😉

      Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende
      Tobi

  2. Merowinger 20. Februar 2016 at 13:46 Antworten

    Wie sieht es denn bei diesen Manesse-Bänden mit der Schriftgröße aus? Bei den kleinen Ausmaßen befürchte ich eine Schriftgröße ähnlich der Reclam UB und das fände ich bei diesem Preis deutlich zu klein. Ich weiß dass es engstirnig klingt aber bei einem solchen Preis erwarte ich auch ein GUT LESBARES Buch, da kann die Aufmachung noch so schön sein. So gut sind meine Augen nämlich nicht, das viele Lesen und Arbeiten am Computer haben ihren Tribut gezollt.

    • Tobi 20. Februar 2016 at 16:03 Antworten

      Lieber Merowinger,

      ich habe das mal mit den Büchern von dtv und dem Mare Verlag verglichen. Im Vergleich mit den Taschenbücher aus dem dtv Verlag ist die Schriftgröße identisch. Verglichen mit den Bücher aus der Klassiker Schuber-Reihe vom Mare Verlag ist die Schrift etwa 25% kleiner würde ich mal schätzen. Hier mal ein Vergleich in Fotos, rechts ist immer das Manesse Bändchen:
      dtv – Manesse
      mare – Manesse

      Rein optisch und auch vom Lesetempo würde ich aber schließen, dass weniger auf einer Seite ist. Also etwa 1600 Anschläge als sonst der 1800. Aber die Lesbarkeit hatte ich noch nicht auf dem Schirm. Meine Augen sind noch ganz gut, aber dank der vielen Stunden am Rechner merke ich auch schon langsam, dass das nicht ewig so sein wird. Also vielleicht gibts in zwanzig Jahren hier die schönsten Großdruckbücher 😉

      Herzliche Grüße
      Tobi

      • Merowinger 22. Februar 2016 at 15:48 Antworten

        Danke für den anschaulichen Vergleich! So geht das ja noch in Ordnung, da hatte ich Schlimmeres erwartet. Das bedeutet dass ich nun keine Ausrede mehr habe NICHT zuzuschlagen. Ich denke ich werde mich für „Die Elenden“ von Victor Hugo entscheiden. Das Buch wollte ich schon immer mal lesen und die Manesse-Ausgabe ist ein Augenschmaus.

  3. BuecherFaehe 21. Februar 2016 at 13:22 Antworten

    Lieber Tobi,

    deine Rezension macht definitiv Lust auf das Buch, auch wenn ich jetzt nicht in den nächsten Buchladen spurte, aber ich behalte es im Hinterkopf. Der Autor ist mir auch schon öfter begegnet, gelesen habe ich bis jetzt aber noch nichts von ihm. Die „Novellen“ hätten mich auch wohl nicht so schnell angesprochen: Kurzgeschichten sind eigentlich nicht so meins. Aber da du so begeistert klingst… Mal sehen. 🙂 Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel.

    Liebe Grüße,
    Jenny

    • Tobi 21. Februar 2016 at 20:44 Antworten

      Liebe Jenny,

      ich war ja auch lange Zeit sehr skeptisch was Novellen und Kurzgeschichten angeht. Ich liebe es, in eine umfangreiche Geschichte einzutauchen. Mittlerweile schätze ich kürzere Geschichten sehr. Maupassant hat das auf die Spitze getrieben. In seine Charaktere und Settings ist man sehr schnell drinnen und dann ist es einfach faszinierend ihr Treiben zu beobachten. Ähnlich unterhaltsam fand ich auch „Die Inseln auf denen ich strande“, einem zeitgenössischen Buch, das ich hier auch schon rezensiert habe.

      Liebe Grüße
      Tobi

  4. Josch Pöllath 23. Februar 2016 at 15:22 Antworten

    Lieber Tobi,
    da hast Du Dir ja eine ziemlich anspruchsvolle Lektüre ausgewählt. Aber eben Weltliteratur! Und das finde ich wunderbar. Ich habe großen Respekt vor Menschen, die sich auf so eine „Lesereise“ begeben.
    Übrigens: Vielen Dank für Deinen Kommentar, über den ich mich sehr gefreut habe (auf meinem Blog meine ich).
    Liebe Grüße,
    josch

  5. […] ich es, mich nur wenigen Seiten lang zu zerstreuen. Perfektioniert hat das ja Maupassant, der mit seinen Novellen in die Weltliteratur eingegangen ist. Bei Fünf Viertelstunden bis zum Meer habe ich einige Zeit […]

  6. Pingback: 69 Hotelzimmer von Michael Glawogger 12. März 2016 at 20:31

    […] schönsten Buch 2015 gekürt hat. Erst Monate später, als ich nach der Lektüre von Guy de Maupassants Novellen noch richtig Lust auf Kurzgeschichten hatte, bin ich auf diese schöne Ausgabe gestoßen und konnte […]

  7. Pingback: Manesse Verlag 16. Mai 2016 at 15:33

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