Wenn man wie ich in der S-Bahn liest, dann kommt man oft nicht darum herum, sich gegen das zumeist oberflächliche Geschwätz abzuschirmen. Zumindest, wenn man besonders schöne Texte vor sich hat und gerade den besonderen Klang der Sätze genießen möchte. Aber auch Zuhause steigert es das Lesevergnügen die Zeilen mit einer schönen Hintergrundmusik zu verschönern. Hört man dann einen Song oder ein Album wieder, das vor langer Zeit die Lektüre eines Buches begleitet hat, so erinnert man sich sofort daran. Das Besondere daran ist die Tatsache, dass ich mich dabei nicht so richtig an die Geschichte, sondern vielmehr an das Gefühl, an die dem Buch ganz eigene Stimmung erinnere. Dabei ist es gar nicht so entscheidend, dass das Buch sehr emotional ist. Vielmehr ist es irgendwie eine Verbindung zwischen den Gedankenfluss in einem Buch und der Melodie.

„Die Menschen behielten ihre Bücher, […], nicht, weil sie sie noch einmal lesen wollten, sondern weil die Bücher ihre Vergangenheit enthielten – die Struktur des eigenen Ichs an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit, ein Ausschnitt des eigenen Intellekts jeder Band, egal, ob man ihn geliebt oder verachtet hatte oder ob er auf Seite vierzig zum Einschlafen gewesen war.“ (Aufstieg und Fall großer Mächte von Tom Rachman, S. 485)

Generell würde ich nicht sagen, dass es Musiktipps für das Lesen gibt. Jeder hat da seinen eigenen Geschmack und meiner Erfahrung nach, müssen auch Buch und Musik nicht unbedingt zusammen passen. Wenn sie das tun, erhöht das aber den Effekt des Gelesenen durchaus. Ich denke da daran zurück, wie ich Horcynus Orca gelesen habe. Dabei habe ich die Chillout-Sampler von Blank & Jones gehört und das passt einfach hervorragend zusammen. Die Sätze von Stefano D’Arrigo haben eine ganz besondere Melodie, einen Sprachrythmus der wie das beständige Rauschen und Wogen des Meeres erklingt. Zusammen mit tatsächlichen Meeresrauschen und Musik, die dahin fließt, hat das dann eine durchaus berückende Wirkung, die mir sehr gut im Gedächtnis haften geblieben ist. Wenn ich dann wieder eine von den Alben auflege, dann ertappe ich mich oft dabei, wie ich mir dazu einige Zitate aus dem Buch durchlese, die ich mir einmal herausgeschrieben habe.

Ich finde es schön, dass ein Buch ganz schlicht daher kommt und natürlich so ganz ohne Multimedia auskommt. Manchmal ist es aber erstaunlich, wie gut manche Songs zu einem Buch oder seinen Szenen passen und wie stark die Wirkung davon beeinflusst wird. Eine rasante Szene kann beispielsweise mit einem schwermütigen Titel eine ganz andere emotionale Färbung bekommen, als mit schneller und actiongeladener Musik. Daher kann es aus meiner Sicht gar nicht den Tipp für Musik geben und oft sind es Songs, auf die man gerade einfach Lust hat, die dann doch irgendwie zum Gelesenen passen, weil sie ganz bestimmte Emotionen in einem selbst auslösen.

Regelmäßig gehe ich in der Sparte Soundtracks auf Suche und schaue mir die Neuheiten an. Ohne einen der Filme gesehen zu haben, kenne ich von zahlreichen Streifen die Musik. Dabei orientiere ich mich oft an den Komponisten. Ebenfalls sehr empfehlenswert sind die Soundtracks zu Computerspielen. Letztere haben ein Budget, dass das von Filmen weit übersteigt. Kein Wunder also, dass hier musikalisch oft sehr hohe Qualität geboten wird. Um hier ein Beispiel zu geben, sei der Komponist Garry Schyman erwähnt, der für die BioShock Reihe die Musik komponiert hat. Für BioShock Infinite hat er ein kleines Streicherensemble zusammengestellt und legt herausragende Melodien und Themen vor. Ebenfalls sehr schöne Pianomusik macht Brian Crain, was sich zu traurigen Schmonzetten durchaus anbietet. Zu Abenteuerromanen höre ich gerne Musik mit viel Streichorchester, die oft zu den schönen Landschaften und Settings passen.

Welche Rolle spielt Musik für euch beim Lesen? Hört ihr regelmäßig oder manchmal zur Lektüre Musik? Welche Interpreten und Alben könnt ihr empfehlen?

verfasst von Tobi

    12 Kommentare

  1. Merowinger 1. April 2016 at 11:52 Antworten

    Musik hören und lesen in Kombination klappt bei mir eher selten, zu oft wirkt die Musik letztendlich ablenkend auf mich. Natürlich kommt es sowohl auf die Musik als auch auf das Buch an. Im Prinzip gilt: wenn beim Lesen Musik dann nur instrumental. Und dann auch keinen Techno oder ähnliches sondern Klassik oder ruhigen Jazz, gerne auch Ambient. Letztens habe ich im Zug auf der Fahrt nach Bamberg „Der Untergeher“ von Thomas Bernhard gelesen und spontan die Idee gehabt via Spotify Glenn Gould zu hören um den es ja in dem Buch u.a. auch geht. Die Klaviermusik und die Lektüre haben sehr gut zusammengepasst. Ich kann mich auch noch gut an eine Sache aus meiner Kindheit erinnern. Damals habe ich mit Begeisterung das Buch „Der Greif“ von Wolfgang und Heike Hohlbein gelesen. Während des Lesens lief ständig eine CD mit irgendeiner Popband die bei GZSZ aufgetreten ist (ja, damals waren sowohl mein Musik- als auch mein Literaturgeschmack noch deutlich weniger anspruchsvoll). Als ich Jahre später im Supermarkt eines dieser Lieder wieder gehört habe hatte ich ein sehr intensives Déjà-vu mit Gänsehaut und allem drum und dran.
    Zuhause höre ich sehr selten Musik während des Lesens, wohl auch weil ich keine Stereoanlage habe und Musik grundsätzlich nur über den PC höre. Und wenn ich lese ist der meistens aus. Bin ich unterwegs habe ich meistens „leichte Kost“ dabei und kann dabei bequem Musik hören die dann einerseits der Abschirmung als auch der Atmosphäre dient.

  2. Josch Pöllath 1. April 2016 at 11:58 Antworten

    Lieber Tobi,
    ich kann beim Lesen keine Musik hören, da könnte ich mich nicht mehr auf den Text konzentrieren. Manchmal lese ich sogar mit Ohropax, weil mich das Reden meiner Familie stört. Natürlich kann ich Mails oder die Zeitung mit Begleitmusik lesen, aber nicht Bücher. Auch beim Redigieren geht es mir so: Ich brauche absolute Ruhe. Sonst wird die Fehlerquote unverhältnismäßig hoch.
    So hat eben jeder seine Eigenheiten beim Lesen.
    Viele Grüße
    josch pöllath

  3. Harald 1. April 2016 at 12:35 Antworten

    Musik hören beim Lesen geht bei mir gar nicht — die Musik lenkt mich zu sehr ab. Zu sehr ist meine Phantasie damit beschäftigt ein Bild des Geschehens zu Malen, Musik kann ich mir dabei aber durchaus auch ausdenken, von aussen einwirken lassen geht nicht. Das mit den Soundtracks als Untermalung stelle ich mir auch schwierig vor: der Soundtrack ist ja an die Szenen im Film angepasst und ändert sich auch entsprechend im Thema. Auch beim Arbeiten ist das so: beim Programmieren kann ich wunderbar Musik hören … da muss ich mich nicht besonders konzentrieren: sobald ich aber etwas konzentrierter Nachlesen / Nachschlagen oder über ein Problem nachdenken muss, stört mich die Musik.

  4. Catherine 1. April 2016 at 14:10 Antworten

    Bei mir ist es ähnlich, wie bei den Vorrednern. Ich kann beim Lesen auch keine Musik hören. Hat sie Text, dann singe ich mit. Hat sie keinen, versuche ich mitzusummen oder träume mich weg. Da fällt es schwer den Buchstaben auf dem Papier zu folgen. Anders ist es beim Schreiben von Texten. Da finde ich absolute Stille schon beinahe bedrückend. Meistens höre ich dann irgendwas klassisches, ruhiges. Das hat auch schon beim Schreiben meiner Magisterarbeit wunderbar geholfen. Und auch im Büroalltag dudelt immer irgendwas vor sich hin.

    Viele Grüße
    Cat

  5. Devona 1. April 2016 at 22:24 Antworten

    Mir geht`s wie den meisten Anderen hier….Musik UND Lesen ist für mich Multitasking, geht nicht. Wobei ich beim Lesen sehr gut mit „Umgebungsgeräuschen“ in freier Natur oder Balkon kann (Vogelzwitschern, Straßengeräusche, ich brauche es nicht steril STILL). Unterwegs in öffentlichen Verkehrsmitteln geht Lesen auch nicht, weil in Berlin komplett sinnlos. Hier steigen an jeder Haltestelle die ganz furchtbaren musikalischen Zwangsbespaßer-Bettler ein (Gitarre verstimmt, stimmliche Qualität unterirdisch), die ich mit eigenem MP3 -Player blocke…zumindest versuche ich es. Allerdings höre ich unterwegs Hörbücher. Da ich selber Musik mache, sind das wirklich 2 verschiedene Welten für mich. Ich höre auch Musik sehr bewusst.

  6. Neyasha 2. April 2016 at 10:00 Antworten

    Ich lese zuhause zwar nie mit Musik, aber im Zug fast immer, um die Gespräche rundherum ausblenden zu können.
    Wenn ich beim täglichen Weg in den öffentlichen Verkehrsmitteln lese, bin ich interessanterweise relativ immun gegen die Geräusch ringsum, weil die so vielfältig sind, dass ich sie einfach nur als unklare Geräuschkulisse wahrnehme. Bei Zugfahrten dagegen habe ich eher das Problem, dass man meist nur ein paar Leute reden hört und von denen gleich das gesamte Gespräch mitbekommt. Das kann ich dann ohne Musik im Ohr nicht ausblenden.
    Welche Musik, ist bei mir eher egal, ich wähle also nicht die Musik bewusst zum Buch aus. Ich brauche einfach nur instrumentale Musik, die ich schon gut genug kenne, dass ich mich nicht mehr direkt darauf konzentriere.

  7. Tinka 2. April 2016 at 12:10 Antworten

    Lieber Tobi,

    also ich höre fast immer Musik beim Lesen. Meistens Rock & Metal. Ich mag das sehr gerne und halte komplette Stille einfach fast gar nicht aus, aber ich verbinde die Bücher nicht mit der Musik, die läuft eher im Hintergrund ab. Vielleicht liegt es aber daran, dass es halt Rockmusik ist 🙂

  8. BuecherFaehe 3. April 2016 at 18:14 Antworten

    Bis jetzt habe ich noch nicht ausprobiert, ob ich neben dem Lesen Musik hören kann, bezweifle es aber stark. Ich bin „eigentlich“ sehr geräuschempfindlich, nur in der Straßenbahn habe ich mich an den Lärm gewöhnt und komme da ganz gut mit zurecht.

  9. Pingback: Seite nicht gefunden – Lesen macht glücklich 9. April 2016 at 23:14

    […] Bücher und Musik –  lesestunden […]

  10. Thomas 17. April 2016 at 13:57 Antworten

    Hallo Tobi,
    Lesen und Musik hören gleichzeitig funktioniert bei mir meistens nicht. Allerdings habe ich für Notfälle wie von dir geschildert (nervende Bahnmitfahrer) immer ein paar ruhigere Musikstücke auf dem MP3-Player bzw. Smartphone. Tatsächlich funktioniert Blank&Jones ganz gut, habe zum Lesen allerdings nur den „Relax“-Sampler benutzt. Mit der „So80s“-Reihe funktioniert das nicht so gut. Ansonsten geht auch ruhige Soul-, Pop-Musik wie z.B. Alicia Keys oder Melody Gardot oder die alten Klassiker von Roxy Music/Bryan Ferry. Auch Klassik funktioniert prima und das ist dann auch mein fast einziger Einsatzbereich für Klassik-Sampler. Dafür kann ich dann die KuschelKlassik-Reihe empfehlen oder, wenn noch erhältlich, die „Night-Music“-Reihe des Naxos-Labels. Für zu Hause wäre natürlich perfekt der Movie-Channel von Klassik-Radio (ausschließlich Filmmusik) zu empfehlen.
    Fast vergessen: Immer wenn ich Edgar Allan Poe lese (kommt hin und wieder vor) greife ich kurz danach immer zu „Tales of Mystery and Imagination“ vom Alan Parsons Project, was für mich die perfekte Verbindung von Musik und Literatur ist.
    Liebe Grüße
    Thomas

    • Tobi 17. April 2016 at 20:53 Antworten

      Lieber Thomas,

      ich bin ja echt überrascht, dass so viele nicht gleichzeitig lesen und Musik hören. Irgendwie passt das bei mir schon gut zusammen. Allerdings wie bei dir auch mit der Einschränkung, dass man nicht alles zum Lesen hören kann. Gerade Gesang ist manchmal schwer.

      Die Relax Edition von Blank&Jones hab ich auch, die sind auch echt klasse. Klassik finde ich hingegen eher störend, außer eben Filmmusik oder Stücke mit viel Streicher. Oper würde z.B. gar nicht gehen. KuschelKlassik ist auch gut geeignet, da geb ich dir recht. Aber davon hab ich nur ein paar wenige.

      Vielen Dank auf jeden Fall für deine Musiktipps. Also Night-Music muss ich mals suchen und Tales of Mystery and Imagination. Das kenn ich noch nicht.

      Liebe Grüße
      Tobi

  11. Pingback: #netzrundschau 04/2016 | SchöneSeiten 2. Mai 2016 at 7:30

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