Dieses Buch habe ich auf Petras Blog entdeckt und ist für mich ein perfektes Beispiel dafür, dass man auf Bücherblogs einfach gute Tipps findet. Von selbst hätte ich das Buch wohl nie gefunden, denn es ist vergriffen und es gibt auch keine Neuauflage davon. An der Stelle ein herzliches Dankeschön an Petra für ihre hervorragende Beiträge, denn sie hat genauso wie ich etwas für die französische Literatur des 19. Jahrhunderts übrig. Und wie sie, habe auch ich die Manesse Bücher lieb gewonnen. Allerdings war es nicht so leicht, an dieses vergriffene Büchlein zu kommen.

Die Ausgabe, die ich dann endlich für einen akzeptablen Preis ergattern konnte, ist aus dem Jahr 1974 und genau so sieht sie auch aus. Lasst euch von dem Bild hier nicht täuschen, es ist vergilbt, müffelt und ist alles andere als ansehnlich. Ich hab es gerade für ein paar Stunden raus auf die Terrasse gelegt. Aber es müffelt immernoch. Was soll ich sagen: Ich mag so ranzige Bücher einfach nicht und bin sehr verwöhnt von den schönen Neuauflagen, insbesondere bei Klassikern. Warum noch niemand dieses Buch für sich entdeckt hat um es neu zu übersetzen und als schmucke Ausgabe zu veröffentlichen, ist mir ein Rätsel. Aber die Neugierde hat gesiegt und lieber den Spatz, ein durchgelutschtes Buch, in der Hand, als ein sehr vielversprechendes Werk gar nicht haben.

Die Geschichte wird aus der Sicht von Roger, dem Liebhaber von Fanny, einer etwa zehn Jahre älteren und verheirateten Frau erzählt. Beide wohlhabend, sehen sich einmal die Woche und geben sich dort zärtlichen Stunden hin, wobei ihre Liebe nicht mit Glück erfüllt ist. Roger ist unzufrieden und der zentrale Fokus der Geschichte liegt auf der Gefühlswelt des Liebhabers. Eifersucht auf den Mann und der Anspruch Fanny alleine zu besitzen, peinigen den jungen Mann. Die Konflikte mit Fanny, aber auch mit sich selbst und die Auseinandersetzung damit, erschaffen einen Ehebruchroman, der so völlig anders aufgebaut ist, wie viele andere, die ich bisher gelesen habe. Anstatt Begebenheiten oder Gesellschaftliche Konflikte zu beschreiben, wird alles ausgehend von Rogers Innenleben aus aufgebaut. Wie er sich fühlt, wie er nach der vollendeten Liebe strebt, wie er Fanny anbetet und wie diese wiederum mit ihrem häuslichen Glück, materieller Sicherheit und den Gedanken an ihren Kindern auf der einen Seite und dem Liebhaber für schöne Musestunden auf der anderen Seite, sich eben nicht im Sturm der Liebe erobern und entführen lässt. Es ist ein ungleiches Paar, wenig harmonisch und so hat die Geschichte nichts von einer geschönten, stürmischen und romantischen Liebesgeschichte.

Zentrales Sujet ist also die Eifersucht des Liebhabers, sein Leiden und nicht die des betrogenen Ehemanns. Es ist der Kampf, den der Liebhaber für sich und mit seiner Geliebten ausfechtet und der Mangel an Ansprüche und der Überfluss an Liebe, die er für Fanny empfindet. Feydeau bedient sich dabei einer sehr direkten Sprache, die kein Blatt vor den Mund nimmt und die Emotionen klar umreißt und mit einer Schärfe darstellt, welche die Gedankenwelt des Protagonisten nachvollziehbar macht. Er findet dafür oft sehr schöne Worte.

„Häufig in meinen Träumen stelle ich mir vor, dass wir uns freiwillig in die Unendlichkeit einer Einsamkeit verbannen, wo wir, unter einem immer blauen Himmel, im Schatten immer grünender Bäume, am Gestade eines immer friedlichen Meeres, auf dem immer blühenden Moosteppich, einander genießen, als wäre unser verdoppeltes Dasein nicht mehr als eine greifbare Erinnerung.“ (S. 88)

Interessant an dem Buch ist die Tatsache, dass darin eigentlich nur drei Personen vorkommen. Und der Ehemann ist eher eine Randerscheinung. Diese starke Einschränkung auf das Gefühlsleben von Roger habe ich ein wenig als bedrückend empfunden, hat das Wechselbad der Gefühle noch deutlicher hervortreten lassen. Die wenigen Dialoge wirken dabei noch lebhafter und gewinnen an Ausdruckskraft.

„Die Liebe – das ist dir nie in den Sinn gekommen – denkt an nichts und behält sich nichts vor, was nicht sie selbst ist.“ (S. 193)

Ernest Feydeau ist, genauso wie sein Freund Flaubert 1821 geboren und veröffentlichte Fanny kurz nachdem Flaubert seinen Prozess wegen Verstoßes gegen die guten Sitten (aufgrund seines veröffentlichten Buches Madame Bovary) gewonnen hat. Auch wenn der Vergleich nahe liegt, mit Flaubert würde ich Feydeau allerdings weder vom Stil, noch vom Aufbau seiner Geschichte in Verbindung bringen. Beide waren befreundet und Flaubert hat ihn bei seinem Romanprojekt beraten. Auch hinsichtlich des Themas, dem Ehebruch, sowie einer damals gewagten Szene kann man natürlich Parallelen sehen. Das Buch hat mich allerdings von seiner Ausrichtung her eher an Stark wie der Tod von Guy de Maupassant erinnert. Auch darin wird aus Sicht der Liebhabers berichtet, der mit der Situation nur mäßig zufrieden ist, sowie einer Ehefrau, die auf ihre gesellschaftliche und finanzielle Sicherheit nicht verzichten will. Feydeau kann sich mit Maupassants Schreibstil, seinen Sätzen und dem feinen, durchdachten und geschickten Aufbau der Erzählung nicht messen, da ist Letzterer einfach in einer anderen Liga unterwegs. Dennoch ergibt sich ein ähnlicher Blick auf die Probleme, die ein Liebhaber hat, wenn er die Frau, die er liebt für sich alleine haben will.

Wer nach Feydeau googelt stößt erst einmal auf seinen Sohn Georges, der Komödiendichter und wesentlich bekannter als sein Vater war. Ernest Feydeau, der Bankangestellter und Börsenmakler war und sich für Ägyptologie und Altertumsforschung interessierte, war primär für diesen Roman Fanny bekannt. Es gibt zwar noch ein paar weitere Bücher von ihm, aber als er 1873 starb, war er schon halb vergessen. So berichtet es zumindest das Nachwort und das passt auch zu der geringen Popularität, die Feydeau auch heute genießt.

Fazit: Fanny ist ein lesenswertes Buch, das eine fesselnde Geschichte bietet, aber nicht außergewöhnlich oder in einem hohen Maße bewegend oder faszinierend ist, wie das beispielsweise bei den Romanen seiner Zeitgenossen wie Flaubert oder Maupassant der Fall ist. Sehr schön beschreibt er aus Sicht des Liebhabers den Schmerz und die Eifersucht, stellt den Ehebruch aus einer anderen Perspektive dar. Mit einer direkten und angenehmen Sprache wird hier eine Situation beschrieben, die etwas Echtes und Authentisches an sich hat, auch wenn die Geschichte frei erfunden ist. Das Buch ist definitiv ein kleiner Geheimtipp und es ist schön, etwas abseits der großen, ausgetretenen Pfade zu lesen und ein mittlerweile eher unbekanntes Buch aus dieser Zeit zur Hand zu nehmen.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Fanny von Ernest FeydeauTitel: Fanny
Autor: Ernest Feydeau
Verlag: Manesse Verlag
Übersetzung: N. O. Scarpi
Erschienen: 1974
Erstveröffentlichung: 1858
Seiten: 256 Seiten

verfasst von Tobi

    6 Kommentare

  1. Merowinger 19. Juni 2016 at 10:27 Antworten

    Endlich mal ein Buch mit Seele auf diesem Blog! 😉

    Nein, Spaß beseite: Tolle Rezension, wie immer. Weder Autor noch Buch sagen mir etwas aber das klingt alles sehr interessant. Bei Booklooker ist noch das eine oder andere Exemplar zu finden (in der eher schlichten DTV-Ausgabe) und da werde ich wohl bald zuschlagen.

    Du hast ganz offensichtlich ein Faible für französische Autoren aus dieser Zeit, vielleicht kann ich dich auch für andere Autoren erwärmen? Oscar Wilde, James Joyce usw? Von Joyce gibt es glaube ich auch die eine oder andere schicke Ausgabe. Vielleicht würde dir sogar Yeats gefallen? 😉

    • Tobi 20. Juni 2016 at 9:02 Antworten

      Du meinst endlich mal keine Chicklit Neuerscheinung, die ich hier bespreche 😉

      Feydeau ist ein echter Geheimtipp und nun kein Buch, das der super Knaller ist, aber sehr interessant, einmal etwas aus dieser Zeit zu lesen, das weniger bekannt ist. Französische Autoren des 19. Jahrhunderts haben einfach die besten Bücher geschrieben. Da können andere Autoren dieser Zeit aus anderen Ecken, wie beispielsweise Mark Twain, Oscar Wilde oder auch Henry James, nicht mithalten. Aber das ist persönliches Gusto, denn ich mag den Stil und die oft rasante Art zu erzählen sehr und kann mich im Gegenzug mit den dagegen oft spartanisch anmutenden Büchern Anfang des 20. Jahrhunderts weniger begeistern (beispielsweise Hemmingway oder Camus). James Joyce habe ich in einer schicken Ausgabe auf dem SuB, da bin ich schon gespannt, was mich erwartet.

      Herzlichen Dank auf jeden Fall für deine Worte und die Empfehlungen!

      • Merowinger 21. Juni 2016 at 19:25 Antworten

        Oh, ich gönne dir deine Luxuswälzer gerne aber mein Fall sind sie nicht. 😉

        Wilde finde ich immer wieder köstlich, seine süffisante Art blitzt in seinen Werken auf jeder Seite durch und es macht einen Heidenspaß sie zu lesen.

        Joyce ist immer wieder ein Erlebnis auch wenn er es einem oft nicht einfach macht. Am sinnvollsten ist es wenn man bei ihm chronologisch vorgeht also mit „Dubliners“ anfängt.

  2. Petra Gust-Kazakos 19. Juni 2016 at 12:50 Antworten

    Wie gut, lieber Tobi, dass du noch eine Ausgabe gefunden hast. Meine ist ja auch aus 2. Hand, doch aus gepflegtem Haushalt, sodass sie trotz ihres Alters kein bisschen müffelt. Ich mag alte Bücher sehr gern, aber wirklich schlimmes Gemüffel kann dem Lesegenuss durchaus etwas abträglich sein …
    Als ich den Beitrag zu „Fanny“ damals schrieb, dachte ich mir gleich, dass dir das Buch zusagen könnte. Das denke ich oft bei manchen älteren Werken, weil ich weiß, dass du gern jenseits der Neuerscheinungen liest. Demnächst kommen zwei Beiträge, die dir eventuell wieder zusagen könnten (also die Bücher), allerdings sind es diesmal keine Franzosen, aber das macht ja nichts ; )
    Liebe Grüße
    Petra

    • Tobi 20. Juni 2016 at 9:07 Antworten

      Liebe Petra,

      ich bin ja noch gut versorgt, was die großen Titel und dicken Fische im Klassiker-Teich betrifft. Aber so kleine Geheimtipps finde ich immer wieder klasse und ein positive Rezension in deinem Blog ist für mich schon ein Kaufgrund. So auch wieder bei der neuen Ausgabe von Irène Némirovsky beim Manesse Verlag. Aber Franzosen müssen es nicht immer sein. Auf meinem SuB sind sie aktuell auch in der Minderheit. Es gibt einfach zu viel noch zu entdecken, als dass man sich da zu stark einschränken sollte 😉

      Liebe Grüße
      Tobi

      • Petra Gust-Kazakos 20. Juni 2016 at 19:34 Antworten

        Da hast du vollkommen Recht, einschränken lassen wollen wir uns ja auf keinen Fall!
        (Ui, fühle mich gerade extremst geehrt, dass eine positive Besprechung bei mir für dich schon ein Kaufgrund ist *-*)

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