Ein Buch, das mir sehr gut in Erinnerung ist, und das ich mit viel Begeisterung gelesen habe, ist der Atlas der abgelegenen Inseln von Judith Schalansky. Als ich dann im Herbstprogramm vom mare Verlag das Lexikon der Phantominseln entdeckt habe, war klar, dass ich es unbedingt haben muss. Die Idee solche außergewöhnliche Atlanten zu erstellen, haben viele andere Verlage aufgegriffen und nun gibt es vom Atlas der seltsamsten Orte der Welt bis Atlas von Weißdergeierwas eine ganze Auswahl. An das Buch von Judith Schalansky kommt da keines ran. Zumindest wenn man die Aufmachung betrachtet und um so gespannter war ich, aus dem gleichen Hause mare ein ganz ähnlich gelagertes Buch zu bekommen.

Die Idee Phantominseln vorzustellen finde ich sehr spannend, besonders nachdem ich Geschichten und Mythen rund um das Meer und der Seefahrt einfach liebe. Alleine der Titel weckt schon Assoziationen und so geht man als Leser mit einer gewissen Erwartung an die Lektüre. Ähnlich wie beim Atlas der abgelegenen Inseln habe ich mir keine erschöpfende Abhandlung über die Inseln erwartet, sondern vielmehr Anekdoten, kurze Geschichten und Reisebeschreibungen. Sprich eine ausgefallene Vielfalt an ganz unterschiedlichen kurzen Texten, die kurios, spannend, seltsam und interessant sind. Und genau diese Erwartung hat das Buch auch erfüllt und so waren die 30 Inseln auf 160 Seiten ein leider viel zu kurzes Vergnügen.

Lexikon der Phantominseln von Dirk Liesemer

Das Vorwort skizziert bereits grob, was den Leser erwartet und ich finde den Hinweis hervorragend und sehr treffend, dass das präzise Bild der Erde, wie wir es kennen, eine sehr junge Errungenschaft ist (vgl. S. 11). Und diesen Eindruck vermittelt das Buch sehr gut, denn über alle Epochen hinweg (primär der Zeitraum zwischen dem 16. und 21. Jahrhundert) werden verschiedene vermeintliche Entdeckungen von Inseln vorgestellt. Und diese Phantominseln sind ein Spiegel ihrer Zeit, erfüllen Wunschdenken, bestätigen wissenschaftliche Theorien oder sind einfach ein Zeichen für die noch nicht ausgereifte Technologie, wie sie beispielsweise die Ortung durch GPS bietet.

So werden im Jahre 1675 die Rechte für die Ausbeutung einer nicht existenten Insel, in britischem Hoheitsgewässer, an ein Handelsunternehmen vergeben. Oder die Datumsgrenze im Nordpazifik wird extra für eine Phantominsel so verschoben, dass der Tag auf dieser Insel endet. Inseln wurden von Autoren oder Kartografen einfach erfunden und den Lesern als existent verkauft. Sehr schön fand ich auch die Beschreibung einer Arktisreise mit einem Zeppelin, die dann offenbart hat, dass es zwei Inseln, die in Karten verzeichnet sind, gar nicht gibt. Eine andere Insel hat sich auch als großer Tafeleisberg mit mitgeschleppten Geröll entpuppt, was Jahre später erst von einem Flugzeug aus erkannt wird. Korea hat man im 16. Jahrhundert für eine Insel gehalten, wobei die Anekdote sehr schön zeigt, wie unentdeckt die Welt zu dieser Zeit noch war. Aber auch dieser Tage gibt es noch fehlerhaftes Kartenmaterial. So tauchte noch 2012 eine Insel in hochwertigen Kartenmaterial, und auch auf Google Maps auf, die es gar nicht gab. Interessant fand ich dabei den Gedanken, dass man lieber eine Insel oder ein Riff zuviel in den Karten hat, als dass man riskiert, dass ein Schiff irgendwo aufläuft.

Der Autor Dirk Liesemer, der Politik und Philosophie in Münster und Rennes (Frankreich) studiert und eine Journalistenschule in Hamburg besucht hat, schreibt regelmäßig für verschiedene Magazine. Auch für die Zeitschrift von mare. Mir war er bisher unbekannt, allerdings hat er das Buch, die Texte und Hintergründe sehr schön aufbereitet und recherchiert, so dass man sofort merkt, dass er darin geübt ist, gut lesbare Texte zu verfassen und dem Leser auf eine unterhaltsame Weise näher zu bringen.

Lexikon der Phantominseln von Dirk Liesemer

Was die Aufmachung des Buches angeht, hat es die gewohnt hohe Qualität vom mare Verlag, kann aber nicht mit dem schönen Atlas von Schalansky mithalten. Das gebundene Büchlein hat auf dem Umgschlag kleine blaue Punkte, im Vorsatzpapier eine Weltkarte mit Markierungen für die Phantominseln und sowohl vom Einband, vom Schnitt, als auch im Inneren eine einheitliche Farbpalette mit einem schönen Blau. Auch das Papier ist etwas dicker und wertiger als bei einem Buch von der Stange und insgesamt liegt das Buch sehr geschmeidig in der Hand.

Lexikon der Phantominseln von Dirk Liesemer

Zu nahezu jeder Insel gibt es eine Übersichtsseite, welche eine neu gestaltete Karte mit der Insel und den umliegenden Landmassen zeigt. Diese Karten beruhen auf historischen Vorlagen und sind nicht immer ganz korrekt, wie eine Notiz am Ende des Buches verrät. Vielmehr greift es den Blick auf die Welt der damaligen Zeit auf. Trotzdem kann man sich gut orientieren und weiß sofort, in welcher Ecke die Insel vermutet wurde. Position, Größe, Sichtungen und Karten sind kurz notiert. Wobei die Position verständlicherweise nur grob angegeben ist. Mit Google Maps kommt man also leider nicht weit, wobei das Buch schon dazu einlädt selbst mit den groben Koordinaten online auf die Suche zu gehen und einen Blick zu riskieren.

Fazit: Erneut legt der mare Verlag ein gelungenes Buch vor, das mit seinen kurzen Anekdoten und Berichten begeistern und sehr gut unterhalten kann. Eine ausgefallene Vielfalt an ganz unterschiedlichen kurzen Texten, die kurios, spannend, seltsam und interessant sind, machen dieses Buch zu einer unterhaltsamen Lektüre für einen entspannten Abend. Die Aufmachung ist gelungen und stimmig, kann aber nicht mit dem Atlas der abgelegenen Inseln von Judith Schalansky mithalten. Insgesamt ein sehr schönes Buch, dass ich nicht mehr hergeben werde und das ich ganz sicher auch weiterempfehlen kann. Für alle die das Meer lieben ein echter Genuss.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Lexikon der Phantominseln von Dirk Liesemer Titel: Lexikon der Phantominseln
Autor: Dirk Liesemer
Verlag: mare Verlag
Erschienen: 23. August 2016
Seiten: 160 Seiten

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verfasst von Tobi

    5 Kommentare

  1. Kathrin 3. September 2016 at 21:17 Antworten

    Ach, Tobi, dein Blog ist einfach nicht gut für meine Bücherregale. Schon wieder finde ich bei dir ein Buch, von dem ich noch nie gehört habe und dass du so schmackhaft machst, dass ich am liebsten sofort in die nächste Buchhandlung laufen möchte, um selber darin zu blättern. Wie du kann ich bei Geschichten rund ums Meer schwer widerstehen. Die Wunschliste schimpft, aber ich bin dir trotzdem dankbar – edel gestaltetes Buch mit einer wirklich außergewöhnlichen Thematik (die momentan aber ein neuer Trend zu werden scheint).

    • Tobi 4. September 2016 at 21:22 Antworten

      Liebe Kathrin,

      das Buch ist echt gelungen und vom Klappentext her konnte es mich auch gleich überzeugen. Wobei es mir momentan wieder etwas schwerer fällt Bücher zu finden. Die Messlatte ist doch mittlerweile recht hoch und ich hab die letzten Monate einfach super Bücher und insbesondere auch schöne Schmuckstücke gelesen.

      Aber dein Geschmack ist auch echt gut, ich glaub durch dein Regal zu stöbern würde auch so einige hervorragende Must-Have-Bücher hervorbringen 😉

      Ich freu mich auf jeden Fall, dass die Rezension Lust auf das Buch wecken konnte und ich deinen Geschmack getroffen habe.

      Liebe Grüße
      Tobi

      P.S.: Was ich dich schon länger fragen wollte: Hast du dir eine Prunkausgabe denn noch geholt?

      • Kathrin 10. September 2016 at 12:49 Antworten

        Hallo Tobi,

        sehr interessante Aussage, dass es dir momentan schwer fällt, Schmuckstücke zu finden. Mir geht es gerade ähnlich: Einerseits bemühen sich immer mehr Verlage um hochwertige Aufmachung, v.a. hinsichtlich Leinenbindung und Lesebändchen (z.B. beim Atlantik Verlag), was mein Herz höher schlagen lässt, andererseits gibt es dadurch aber nur noch wenige Bücher, die für mich extrem positiv herausstechen. Ein Dilemma, für das ich keine Lösung weiß. Ich freue mich jedoch, dass die Verlage sich zunehmend mehr Gedanken um Optik und Haptik machen.

        Die Prunkausgabe habe ich mir noch nicht gegönnt – im Hinterkopf ist sie jedoch als Weihnachtsgeschenk an mich selbst hinterlegt. Wie viel Vorlaufzeit braucht es denn, vom ersten Kontakt bis zum fertigen Unikat?

        Viele Grüße
        Kathrin

  2. Silvia 4. September 2016 at 8:04 Antworten

    Ja, die mare Bücher sind einfach schön…

  3. Cora 5. September 2016 at 8:44 Antworten

    Ich liebe es, wenn Bücher so schön und bis ins Detail gestaltet sind! Und die von mare Verlag sind das definitiv 🙂

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