Wenn in der von mir sehr geschätzten Klassiker Reihe vom mare Verlag ein neues Buch erscheint, dann kann ich da eigentlich nicht widerstehen. Auch wenn mir der Autor nichts sagt oder ich sollte eher sagen besonders dann, denn ansonsten sind bei den mare Klassikern einige von den ganz großen Namen vertreten. Stephen Crane muss also ein echter Geheimtipp sein und ob das tatsächlich so ist, erfahrt ihr in diesem Beitrag.

Mit gerade einmal 28 Jahren ist Stephen Crane an Tuberkulose gestorben, war in seinem abenteuerlichen Leben scheinbar aber doch recht produktiv. Bekannt geworden ist er mit dem Roman Die rote Tapferkeitsmedaille (The Red Badge of Courage, 1895), welcher sehr eindringlich die Erlebnisse eines Soldaten im amerikanischen Bürgerkriegs beschreibt. 1898 lies sich Crane in Südengland nieder, wo er auch in Kontakt mit Henry James und anderen literarischen Größen kam.

Das offene Boot und andere Erzählungen von Stephen Crane

Anfang 1897 unternahm er eine Reise nach Kuba. Und zwar auf einem Filibuster, einem „Freibeuter“ Schiff, welches mit geheimen Waffenlieferungen die Unabhängigkeitsbewegung Kubas von der spanischen Kolonialmacht unterstützt hat. Dabei erlitt er mit der Commodore Schiffbruch und trieb einige Zeit in einem kleinen Rettungsboot. Diese Erzählung und auch eine Schilderung vom Untergang der Commodore stellen die ersten beiden Erzählungen dieses Buches dar. Eine weitere Erzählung beschreibt die gesamte Fahrt eines Filibusters, wie schließlich die Waffen geliefert werden und welchen Widrigkeiten die Mannschaft ausgesetzt war.

Das offene Boot und andere Erzählungen von Stephen Crane

Insgesamt präsentiert sich die Sammlung an Erzählungen durchaus vielseitig. So gibt es kurze Geschichten, beispielsweise über die kleine New Yorker Vergnügungsinsel Coney Island, oder eine Geistergeschichte über eine Frau, die immer wieder an einem Strand erscheinen soll, eine Szene vor einem Obdachlosenheim im Winter und eine komisch anmutende Geschichte von einem Dick und Doof Verschnitt, die bei einem Badeausflug mit der Badeinsel abgetrieben werden. Zuletzt ist aber auch eine Geschichte über den Griechisch-Türkischen Krieg von 1897, den Crane als Kriegsberichterstatter erlebt hat, in dem Buch zu finden.

Hinsichtlich der einzelnen Erzählungen bin ich etwas geteilter Meinung. Einerseits fand ich die die Verschiedenartigkeit sehr schön und habe mich von seiner Art zu schreiben unterhalten gefühlt. Andererseits waren einige seiner Geschichten eher beobachtende Fragmente einer bestimmten Situation, mit nur geringem narrativen Wert. Sie haben eher an kurze Filmszenen erinnert, die aber nicht wirklich Bestandteil eines Filmes waren. Andere Erzählungen haben sich hingegen wieder sehr vollständig angefühlt, wie die beiden ersten Erzählungen vom Schiffbruch. Die sprachlichen Qualitäten konnten dann oft den fehlenden Inhalt nicht kompensieren. Auch eine Pointe oder eine Wendung am Ende habe ich oft vermisst und so hat mich das Buch dann auch nicht so gefesselt, wie das bei einigen anderen Novellenbändchen der Fall ist.

Das offene Boot und andere Erzählungen von Stephen Crane

Literarisch wird Crane zu den Realisten und Naturalisten gezählt und das ist seinen Texten auch deutlich anzumerken. Sachlich und neutral beschreibt er die Geschehnisse, bewertet nicht und erklärt nicht ausführlich, sondern stellt die Situation dar. Zumeist beschreibt er einfache Menschen, die sich einem widrigen Leben oder einer Prüfung gegenüber sehen. Sprachlich liest sich das sehr angenehm und flüssig. Die klaren und kurzen Sätze und Beschreibungen der Situationen lassen einen recht schnell eintauchen, in die Szenen und beschriebenen Kulissen.

Herausgegeben und übersetzt wurde das Buch wieder von Lucien Deprijck. Einem absoluten Garant für Qualität, denn von dem Autoren habe ich auch schon zwei Bücher gelesen, die mir noch immer sehr positiv in Erinnerung sind. Im Nachwort gibt er einen informativen Überblick über den Autoren und sein Werk.

Das offene Boot und andere Erzählungen von Stephen Crane

Optisch reiht sich das Buch wieder nahtlos in meine mare Klassiker Sammlung ein. Wieder mit einem schicken Schuber versehen, wirkt das Leinenbuch hochwertig und sorgsam verarbeitet. Die Farbpalette aus den Grau- und Blau-Tönen sieht edel aus und wird von dem Roten, fast ins Orange gehenden Lesebändchen hervorragend kontrastiert. Sprich: Es macht einfach Spaß das Buch in die Hand zu nehmen, ganz so wie ich das von allen Büchern der mare Klassiker Reihe gewohnt bin.

Fazit: Mit Stephen Cranes Erzählungen hat hier mare seine Klassikerserie um einen weiteren sehr maritimen Erzählband ergänzt. Mit ganz unterschiedlichen Erzählungen, vom spannenden Schiffbruch, bis hin zu einzelnen szenenartigen Beschreibungen verschiedenster Orte und Situationen, wird hier mit einer angenehm lesbaren Sprache gut unterhalten. Zu unspektakulär waren mir allerdings die einzelne Erzählungen, mit zu wenig Neuartigem oder Herausragendem. Die Qualität der Aufmachung und Übersetzung kann wieder überzeugen und so bekommt man hier ein unterhaltsames und schön gemachtes Buch, das aber mit den großen Knallern der mare Klassikern, wie Ein Leben von Guy de Maupassant oder Heute dreimal ins Polarmeer gefallen von Arthur Conan Doyle, nicht ganz mithalten kann.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Das offene Boot und andere Erzählungen von Stephen Crane Titel: Das offene Boot und andere Erzählungen
Autor: Stephen Crane
Verlag: mare Verlag
Übersetzung: Lucien Deprijck
Erschienen: 4. Oktober 2016
Seiten: 240 Seiten

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verfasst von Tobi

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