Wer es sich Abends mit einem guten Buch in seinem Sessel gemütlich macht, der kommt erst einmal nicht auf die Idee, dass sein Hobby irgendwie gefährlich sein könnte. Niemand reagiert ängstlich, wenn er zu seiner Lektüre greift und auch die Versicherung verlangt keinem Aufschlag, wenn man sich als Vielleser outet. Wie ich aber nun nach der Lektüre von Petras neuem Buch Gefahren des Lesens weiß, lauern einige Gefahren auf den Lesenden, aber auch auf Autoren und Blogger. Aber eigentlich geht es in dem Buch nicht nur um die Gefahren des Lesens, vielmehr wartet es mit einem viel breiterem Spektrum auf. Worum es also wirklich geht und warum das Buch wirklich lesenswert ist, das erfahrt ihr in meiner Rezension.

Ich weiß nicht wieso, aber Bücher über Bücher mag ich irgendwie nicht. Ja ich weiß, von Bibliophilen wird immer erwartet, dass sie solche Bücher toll finden und das um so mehr, um so stärker darin Bücher überhöht und gepriesen werden. Aus meiner Sicht hat das immer etwas Klischeehaftes und bietet meistens wenig Neues. Trotzdem lass ich mich dann doch oft zu der Lektüre solcher Bücher hinreißen, wie auch in diesem Fall. Was die Gefahren des Lesens angeht habe ich es kein bisschen bereut, denn hier trifft weder das eine, noch das andere zu. Das Buch ist voll mit sehr unterhaltsamen, informativen und manchmal auch überraschenden Fakten und Erkenntnissen.

Die Gefahren des Lesens habe ich dabei eher als einen roten Faden empfunden. Die locker und angenehm lesbaren Kapitel benennen und decken durchaus Gefahren auf, also der Titel ist auch Programm. Dabei werden aber sehr viele Themen beleuchtet, auf eine sehr reflektierte Weise erläutert und auch ganz aktuelle Themen, wie beispielsweise die Bedeutung der Literaturblogger, ihr Verhältnis zum Feuilleton oder die Frage ihrer Monetarisierung und Professionalisierung, werden hier sehr sachlich, aber auch mit der richtigen Prise Subjektivität und Erfahrung der Autorin dargestellt. Eigentlich konnte ich den Schlussfolgerungen nahezu immer zustimmen, denn sie bewegen sich auf einem sehr rationalen, menschlichen aber insbesondere auch freiheitlich orientiertem Niveau.

Jetzt schwärme ich von der hohen Qualität, aber worum geht es denn nun in dem Buch? Nach einer kurzen Einführung wird mit der Frage der Glaubwürdigkeit von Texten begonnen. Sehr schöne Beispiele für erfundene Geschichten, die zum Teil eine ganze Menge Menschen an der Nase herumgeführt haben, werden ausgeführt und auch dem Leser nochmal ganz praktisch vor Augen geführt. Es geht um die Frage, wie wichtig die Glaubwürdigkeit ist, wie viel Vertrauen wir Geschriebenen entgegen bringen, bis hin zu Verschwörungstheorien und der Bedeutung oder besonderen Authentizität, die ein Tagebuch hat. Sehr interessant fand ich hier die Aussage, dass auch Tagebücher für ein Publikum geschrieben werden. Das Kapitel ist sehr aktuell, wenn man die aktuelle politische Diskussion betrachtet und so konstatiert Petra hier zwei sehr richtige Schlussfolgerungen, denen ich nur voll zustimmen kann.

„Vielleicht scheinen die Texte umso glaubwürdiger, je mehr sie die eigene Haltung bestätigen.“ (S. 19)

Eine Meinung die mittlerweile schon vielfach diskutiert wurde (Stichwort Filterblase). Auf der anderen Seite warnt sie auch ganz richtig und auch hier will ich sie zitieren, weil sie auch hier genau den richtigen Gedanken trifft:

„In der Tat, das ist gefährlich: Wird ein unbequemer Kritiker von einflussreicher Seite, etwa von Politik oder Wissenschaft, als Verschwörungstheoretiker abgetan, wird er es künftig schwer haben, ernst genommen zu werden.“ (S. 23)

Weiterführend werden Fakten aufgezeigt. Ein Kapitel das ich sehr spannend fand, weil es Fragen beantwortet, die ich mir schon öfter gestellt habe, aber nie recherchiert habe. Beispielsweise wieviele Menschen garnicht und sehr viel lesen. Nur 3% der deutschen Bevölkerung sind Vielleser, die mehr als 50 Bücher im Jahr lesen. Das hört sich erst einmal wenig an, aber eigentlich ist das auch wieder mehr als ich vermutet hätte. Erschreckend: 33% lesen gar nicht und greifen nie zum Buch. Folgend erzählt sie davon, welche Blüten das Lesen so geschlagen hat, angefangen von Büchersucht, Heilen mit Bücher bis hin zum Werthereffekt. Unterhaltsame Fakten, Gedanken und Anekdoten, die sehr unterhaltsam sind und den Horizont erweitern.

Ein sehr aktuelles Thema ist die Literaturkritik, die ebenfalls genauer betrachtet wird. Ein Resumé, dem ich nur zustimmen kann, ist die Aussage, dass Rezensionen immer subjektiv sind, so objektiv sich diese auch geben, bzw. wie es im Feuilleton suggerieren wird. Die Frage nach Kriterien für gute Literatur wird gestellt und wie Ratgeber für Autoren sich darin positionieren. Sehr spannend fand ich die Liste an berühmten Bücher, die erst einmal von Lektoren abgelehnt wurden (wie Der Herr der Ringe, Ulysses oder Im Westen nichts Neues).

Ebenfalls sehr hervorragend geschrieben ist das Kapitel über Bearbeitung, Übersetzung und Zensur. Gerade was Übersetzungen angeht, bin ich mir immer unsicher, wie ich die in Rezensionen bewerten soll. Wenn man nicht das Original gelesen hat, kann man tatsächlich nur danach urteilen, ob der Stil holprig war oder nicht, oder ob die Wortwahl seltsam anmutet. Wirklich prüfen kann man das nicht und somit ist nicht nur die klassische Zensur eine Gefahr. Eine Aussage, die mir gut in Erinnerung geblieben ist, ist aber eine etwas andere. Eine Form der Zensur, die ich in der Vergangenheit unbewusst immer wieder durchbrochen habe und es auch weiter tun werde:

„Das Geschmack ein unbarmherziger Zensor ist, zeigt sich auch bei Büchern.“ (S. 119)

Aber auch aktuelle Entwicklungen sind eine Gefahr, wie die übermäßige political correctnes (der Zensor in uns) und finden hier Erwähnung.

Mit dem Kapitel Informationsflut und Transparenz geht Petra auf die Gefahren des Internets und der Qualität und Zielsetzung der Quellen ein. Es geht darum, wie das Internet die menschliche Verarbeitung von Informationen verändert, aber auch darum, wie der Einzelne einer Informationsflut ausgesetzt ist. Ein Zitat zum aufgeklärten und informierten Bürger will ich hier unbedingt anbringen, das sich besonders in den aktuellen politischen Debatten jeder verinnerlichen sollte. Besser und präziser kann man es nicht formulieren:

„Sie[Informationen aus dem Internet] erzeugen damit eine Pseudo-Transparenz, die uns in der Sicherheit wiegen soll, wir wüssten, wie die Wahrheit aussieht, selbst wenn dies nicht der Fall ist und gewisse Fakten[…]dabei unter den Tisch fallen.“ (S. 154)

In dem letzten Kapitel werden auch Literaturblogs betrachtet, was natürlich sehr interessant ist, denn auch auf die Gefahren durch Rezensionsexemplare und die Debatte der Kommerzialisierung von Buchblogs wird eingegangen. Abschließend findet sich ein Fragebogen, der ermittelt, wie gefährdet man selbst ist. Eifrig habe ich ihn gleich durchgemacht und bin natürlich der Petra wieder ordentlich auf den Leim gegangen.

Ein paar Worte muss ich natürlich zur Autorin verlieren, denn Petra ist selbst Literaturbloggerin und mir sehr gut bekannt. Wer auf Lesestunden mitliest, der weiß, dass ich Petras Blog sehr schätze und ihr Blog mein absoluter Favorit in der ganzen Blogosphäre ist. Sie hat einen erlesenen Geschmack und in diesem Buch finde ich ihren ganz eigenen Stil wieder. Gefahren des Lesens liest sich mitunter wie ein sehr langer Blogbeitrag von ihr: Ein persönlich geprägter, aber informativer, intelligent geschriebener Text. Man merkt, dass sie ein differenziertes Weltbild hat, nicht in schwarzweiß denkt, sondern all die Farben dazwischen im Blick hat. Was ich bei Petra ebenfalls sehr schätze, ist die Art, wie sie ihren Lesegenuss teilt. Völlig ohne Dünkel oder festgelegtes Ziel, lässt sie sich sich gefühlt in der Literatur treiben und geniest einfach, was die Welt der Literatur zu bieten hat. Das vermittelt sie zumindest sowohl auf ihrem Blog, als auch in diesem Buch.

Gefahren des Lesens ist durchaus für mehr als eine Lektüre geeignet. Beim Lesen hatte ich öfter den Wunsch selbst zu den angesprochenen Themen Stellung zu nehmen. Sie trifft einfach den Nerv, was aktuell ist, was Vielleser beschäftigt und was interessant ist. Was wohl daran liegt, dass das alles auch auf sie zutrifft. Sie erwähnt eine ganze Menge Bücher und so ist es nicht verwunderlich, dass man mit diesem Buch auch eine ganze Menge Lesetipps bekommt.

Ich will natürlich nicht versäumen auch auf die Aufmachung des Buches einzugehen. Die Gestaltung gefällt mir ganz gut. Mit den kleinen Totenköpfen, der Umschlaggestaltung, den Farben und auch der Größe ist es ansehnlich und auch als Geschenk hervorragend geeignet. Wer also noch etwas für Weihnachten sucht, ist hier gut beraten. Auch im Inneren wird der Totenkopf nochmal aufgegriffen, ein Detail, das mir sehr gut gefallen hat. Lediglich ein Lesebändchen hat mir gefehlt.

Wer nun neugierig geworden ist, kann auch einmal in das Buch reinhören. Am 25. November gab es eine Lesung, in der Petra ein wenig aus ihrem Buch vorgelesen hat. Knapp 20 Minuten könnt ihr lauschen und ich muss sagen, dass sie das wirklich angenehm vorliest. Also als Hörbuch wäre das auch gar nicht schlecht.

Fazit: Wer sich für Lesen und Literatur interessiert, der wird mit Gefahren des Lesens seine wahre Freude haben. Dieses Buch behandelt eine ganze Vielzahl an Themen, ist informativ, unterhaltsam und enthält eine Menge Denkanstöße. Angefangen von der Frage nach der Glaubwürdigkeit von Texten, zu Fakten und Anekdoten über das Leseverhalten von heute und damals, einem Blick auf die Literaturkritik mit all ihrer Subjektivität, bis hin zu den Gefahren durch Zensur, Bearbeitung, Übersetzung. Aber auch aktuelle Themen wie die Informationsflut durch das Internet, dem kritischen Hinterfragen ihrer Transparenz oder der Bedeutung und Beschaffenheit von Literaturblogs nimmt sich dieses Buch an. In einem wertigen und schicken Buch wird ein kleiner Blick über den literarischen Tellerrand mit seiner ganzen Aktualität gewagt und zusammen mit dem roten Faden, der Gefahr des Lesens, eine viel zu kurze Lektüre ist. Ein Buch, das trotz aller Gefahren die Lust auf das Lesen weckt.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Titel: Gefahren des Lesens
Autor: Petra Gust-Kazakos
Verlag: adson fecit
Erschienen: 17. November 2016
Seiten: 200 Seiten

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verfasst von Tobi

    5 Kommentare

  1. Petra Gust-Kazakos 11. Dezember 2016 at 13:42 Antworten

    Ich freue mich sehr, dass es dir so gut gefallen hat, lieber Tobi! Und außerdem bin ich gerade um zehn Zentimeter gewachsen vor Freude ; )
    Liebe Grüße
    Petra

    • Tobi 11. Dezember 2016 at 20:06 Antworten

      Liebe Petra,

      dass hast du auch sehr gut hin bekommen. Eine sehr schöne und unterhaltsame Lektüre, die es verdient gelobt zu werden! Ich hoffe, dass du damit auch gut Erfolg hast. Das Thema ist zwar nicht für die breite Masse (also primär für die 3%), aber ein solches Buch hat es verdient gelesen zu werden. Ich kann mir gut vorstellen, wie viel Arbeit in Recherche und Schreiben du investierst hast und finde das bemerkenswert und schön, dass du dich eines so schönen und interessantem Thema angenommen hast.

      Ich bin ja gespannt, was für ein Projekt du als Nächstes startest 😉

      Liebe Grüße
      Tobi

  2. Valerie 11. Dezember 2016 at 19:53 Antworten

    Lieber Tobi!

    Ich kann nur beipflichten: Nur weil ein Buch mehrere Male abgelehnt wird, heißt das noch lange nicht, dass es nicht Weltliteratur wird.
    Bestes Beispiel, das ich kenne, ist Harry Potter. Zwölf mal abgelehnt, und JKRowling hat auf ihrer alten Schreibmaschine das Manuskript zwölf mal abgtippt und verschickt. Das ist HINGABE!

    Das Buch scheint sehr interessant und auf jeden Fall lesenswert zu sein, aber ich muss sagen: Bekomme ich dann da kein schlechtes Gewissen, wenn ich das lese?

    Naja, ich habe erst heute wieder ein Buch beendet, Die Seiten der Welt von Kai Meyer, ab morgen geht’s mit dem zweiten Teil weiter, bevor ich mich (noch ungelesen) in den dritten Band stürze. Ich mag ja Bücher über Bücher voll gern.
    Und ja, ich feiere auch so Sachen wie Layout und Zeilenabstand und Seiteneinzug und Schriftart und -größe mittlerweile sehr! Ganz der Buchnerd eben:)

    Liebe Grüße,
    Valerie

  3. LadyAngeli 12. Dezember 2016 at 11:17 Antworten

    Klingt interessant und die Denkanstöße, die Du hier schon aufgreifst kann ich auch nur bestätigen. Werde mal beim nächsten Buchkauf auf dieses mit achten!

  4. Sabrina 2. Januar 2017 at 22:14 Antworten

    Huch, lesen soll Gefahren bergen. Eine interessante Vorstellung. Am Anfang konnte ich mir da gar nichts vorstellen. Dank deiner Rezension habe ich nun eine Idee in welche Richtung die Gefahren gehen könnten. Klingt nach einer spannenden Lektüre. Schließlich will ich mich nicht leichtfertig in Gefahr begeben, wenn ich mich mit einer schönen Tasse und einem Buch auf die Couch zurückziehe.

    Liebe Grüße
    Sabrina von Lesefreude

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