Seitdem ich den Atlas der abgelegenen Inseln von Judith Schalansky in seiner ganzen schmucken Pracht mir geholt habe, bin ich von der Idee besondere Orte in Form von Anekdoten und kurzen Beschreibungen vorzustellen sehr begeistert. Das Format hat etwas sehr unterhaltsames und zusammen mit einer schönen Buchgestaltung ist das ein ganz besonderer Genuss für einen entspannten Abend. Scheinbar geht es nicht nur mir so und es gibt zahlreiche Bücher, die als Atlas auftreten. Atlas der Länder, die es nicht gibt hat mich besonders aufgrund seiner schönen Aufmachung überzeugt und so musste dieses Schmuckstück einfach seinen Platz in meinem Bücherregal einnehmen. Was den Leser darin erwartet, erfahrt ihr nun hier.

Eher durch Zufall bin ich auf diese Ausgabe gestoßen. Der Quadriga Verlag gehört zum Bastei Lübbe Verlagshaus und hat zahlreiche Sachbücher und eben auch diesen schönen Atlas im Programm. An der Stelle hätte ich nicht mit einem so schmucken Buch gerechnet, es lohnt sich also immer auch abseits der ausgetretenen Pfade nach Büchern zu suchen. Das Buch wird als Geschenkbuch geführt, was durchaus passend ist, denn so schön wie es ist, eignet es sich hervorragend als Geschenk (wobei die Kategorie „Geschenkbuch“ sehr weit ausgelegt ist, beim Thalia im Laden findet man darunter auch Klassiker).

Beim Atlas der Länder, die es nicht gibt werden fünfzig nicht anerkannte und auch zumeist unbekannte Staaten vorgestellt. Eine Einführung gibt genaueren Aufschluss darüber, worauf der Fokus dieses Buches gerichtet ist. Dabei stellt Middleton eine ganz zentrale Frage: Was ist ein Land? Er versucht zu definieren, was denn einen Staat ausmacht, wann ein Land wirklich ein Land ist. Was trivial erscheint, ist eigentlich nicht selbstverständlich. Man hat sich an klare Grenzen gewöhnt und glaubt, dass die Aufteilung der Länder klar geregelt ist, aber immer ist das nicht der Fall.

Im 19. Jahrhundert waren klar definierte Grenzen, wie sie in Europa existierten, in großen Teilen der Welt unbekannt und unnötig. (S. 15f)

Aber auch dieser Tage ist häufig nicht klar, ob ein Staat ein Staat ist. Die Weltkarte ändert sich laufend und so wundert es nicht, dass sich dabei auch nicht klar definierte Bereiche bilden. So gibt es Länder, die nicht von den Vereinten Nationen anerkannt werden, von einzelnen Mitgliedstaaten aber durchaus. Ein Beispiel ist Nordzypern, das nur von der Türkei als Land anerkannt wird. In Kapiteln zusammengefasst, welche in Kontinente organisiert sind, wird hier eine willkürliche Auswahl an Ländern vorgestellt, bei denen es unklar ist, ob sie ein Land sind oder nicht. Die Auswahl kann nur willkürlich sein, denn es gibt keine exakte Definition, was ein Land ist und ausmacht. Unter Ländern mit ähnlichen Eigenschaften hat Middleton allerdings nur eines ausgewählt, so dass hier verschiedene Situationen vorhanden sind (vgl. S. 15).

Insgesamt ergibt sich also eine heterogene Sammlung an Ländern bzw. Gebieten, die sich in einem nicht eindeutigen Zustand befinden. Bei manchen ist eine Anerkennung als eigenständiges Land recht wahrscheinlich, bei anderen wiederum nicht. Manche sind schon wieder aufgelöst worden, manche existieren schon recht lange. Häufig handelt es sich auch um Inseln, wie beispielsweise die Insel Forvik bei den Shetlandinseln. Andere Länder wiederum wurden Spielball der großen Player, wie beispielsweise Abchasien, das von der Sowjetunion geschluckt wurde und nun zu Georgien gehört. Ein anderes Beispiel ist Katalonien, das zwar zu Spanien gehört, sich aber doch unabhängig fühlt. An das Referendum kann ich mich noch aus den Nachrichten erinnern. Allerdings ist dabei nicht wirklich etwas heraus gekommen, da die Befragung vom Verfassungsgericht als ungültig erklärt wurde. Seltsamerweise wird in dem Buch gar nicht Bayern erwähnt 😉

Ein paar Länder gab es nur einen Tag lang, wie Ruthenien. Natürlich fehlt auch eine Stahlbeton-Plafttform nicht (Sealand) die in der Nordsee vor der Küste Englands liegt, aber nicht mehr in der britischen Jurisdiktion liegt. Auch die Halbinsel Krim findet hier ihren Platz. Viermal wurde sie als unabhängig erklärt. Auch eine kleine Festungsanlage der Tempelritter auf Madeira wird vorgestellt, die aus historischen Begebenheiten staatliche Souveränität besitzt. Natürlich gibt es auch einige Länder, bei denen die eigentlichen Bewohner vertrieben wurden (beispielsweise Lakotah in Amerika). Interessant ist auch Lubicon, dass man bei der Gründung von Kanada einfach vergessen hat, aber am Ende doch von Kanada regiert wird (wobei die Bewohner auf Eigenständigkeit pochen). Sogar eine kleine Kommune in Israel, Akhzivland ist dabei.

Bei der Auswahl der Länder trifft man also auf einen ganz gute Mischung. Manche der Texte erzählen sehr kurze Anekdoten, allerdings habe ich sie als nicht so unterhaltsam und ausgefallen empfunden, wie das bei den oben genannten Atlas der abgelegenen Inseln der Fall ist. Das verwundert mich nicht, denn der Hintergrund zur Entstehung eines Landes lässt sich wohl kaum in wenigen Worten, dazu noch pointiert, zusammenfassen. Zudem haftet Inseln immer etwas ganz Besonderes an, eine Verlassenheit, eine Isoliertheit, die anzieht und zugleich abstößt. Ein Zauber, den Staaten und die Frage ihrer Existenz nicht ausstrahlen.

Middleton hat seine Texte aber durchaus so verfasst, dass sie angenehm zu lesen sind und es hat mich gut unterhalten über diese verschiedenen Orte zu lesen. Allerdings hätten hier die Beschreibungen der Länder etwas umfangreicher sein können. Irgendwie ist es mir schwer gefallen mir einen richtigen Eindruck von diesen Ländern machen zu können und so richtig werden mir nur einige wenige Länder in Erinnerung bleiben. Allerdings muss ich gestehen, dass es mir bei dem Atlas der abgelegenen Inseln nicht viel anders geht. Die Beschreibungen und Anekdoten sind einfach zu kurz, als dass man sich alle Einzelnen merkt. Was auch wieder sein Gutes hat, denn die beiden Bücher kann man problemlos immer wieder zur Hand nehmen und findet eine angenehme Zerstreuung darin.

Das Buch selbst ist richtig schön gestaltet und ein echter Hingucker. Eine Doppelseite fasst alle Informationen zu einem einzelnen Land zusammen. Name, wann es gegründet wurde, die Hauptstadt, Einwohnerzahl, Fläche, der Kontinent, wann es ggf. wieder aufgelöst wurde, die Sprache, die Nationalflagge und ein kurzer zusammenfassender Text. Das ist sehr übersichtlich aufbereitet und als Besonderheit ist die Kontur des Landes ausgeschnitten.

Die zweite Doppelseite enthält den Text und die Karte. Das macht optische was her, das muss man einfach sagen.

Die Karten sind übersichtlich und je nach Ort des Landes werden auch mal zwei Karten dargestellt, so dass man sich besser orientieren kann. Ein kleiner Globus zeigt immer die Position auf der Weltkarte. Von der Qualität und Aufmachung haben mir die Karten sehr gut gefallen. Sehr schmuck ist auch die Skala mit dem Maßstab, die auf der gegenüberliegenden Seite angebracht ist. Hier merkt man sofort, dass sich jemand viel Mühe mit dem Buch gegeben hat.

Das zeigt sich auch in dem Einband mit einer sehr ansprechenden Typografie und dem ausgeschnittenen Buchdeckel. Auch auf eine wertige Fadenbindung hat der Quadriga Verlag nicht verzichtet und so ist das Buch ein echtes Stück Buchkunst und ich hoffe, dass der Verlag das Buch bei der Stiftung Buchkunst einreicht. Eine Auszeichnung hätte es ganz sicher verdient.

Den Autor und Geograf Nick Middleton kannte ich bisher nicht, was wohl nicht verwundert, denn mit Geografie bin ich nicht sehr befasst. Er moderiert allerdings eigene Dokumentarfilme im Fernsehen und lehrt am St. Anne’s College der Universität von Cambridge. Er wurde bereits ausgezeichnet, hat einige Reisebücher geschrieben und scheint sich zweifellos in seinem Metier auszukennen. Auf jeden Fall machen die Informationen einen grundsoliden Eindruck und so ist man hier auch inhaltlich auf hohem Niveau unterwegs.

Eine Leseprobe findet ihr auf der Webseite des Quadriga Verlags. Wer also einmal reinblättern will kann das dort gerne tun, die Fotos in diesem Beitrag sollten einen ganz guten Eindruck vom Buch selbst vermitteln.

Fazit: Von eher unerwarteter Seite hat der Quadriga Verlag hier ein Schmuckstück im Programm, das ein echter Geheimtipp ist. Dieses wunderbar aufgemachte Buch stellt fünfzig Länder vor, die keine sind. Die Geschichten hinter den Ländern sind unterhaltsam und die Lektüre bietet eine angenehme Zerstreuung. Dabei zeigt Middleton sehr schön, dass die so vermeintlich starre politische Weltkarte sehr beweglich und nicht ganz eindeutig ist. Es kommt doch recht häufig vor, dass unklar ist, ob ein Land ein Land ist. Die Grauzonen steckt er sehr schön ab, porträtiert die Länder visuell sehr ansprechend und übersichtlich und gibt einen guten Einblick in die verschiedensten Regionen dieser Welt. Die Texte habe ich als etwas zu kurz empfunden und die Geschichten hinter den Ländern haben keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Inhaltlich hat mir das gewisse Etwas irgendwie gefehlt. Für jeden, der schöne Bücher liebt oder die ausgefallene Atlanten mag ein absolutes Muss.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Titel: Atlas der Länder, die es nicht gibt
Autor: Nick Middleton
Verlag: Bastei Lübbe (Quadriga)
Erschienen: 11. März 2016
Seiten: 240 Seiten

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verfasst von Tobi

    6 Kommentare

  1. Karin L. 29. Januar 2017 at 23:06 Antworten

    Das Buch habe ich letztens auch in der Buchhandlung entdeckt und es ist auch sofort ganz weit oben auf meinen Merkzettel gelandet. Ich finde die Gestaltung auch einfach nur wunderbar! Da dir bei den Texten etwas die „Tiefe“ gefehlt hat, werde ich mir das Buch wohl noch einmal etwas genauer anschauen und dann entscheiden, ob sich die Anschaffung, allein für den schönen Anblick lohnt. 🙂 Danke für die Vorstellung!

    Liebe Grüße
    Karin

    • Tobi 31. Januar 2017 at 8:37 Antworten

      Liebe Karin,

      die Leseprobe gibt einen ganz guten Eindruck davon, was einen erwartet. Das Buch ist schon echt schön, also ich werde es auf jeden Fall behalten. Wenn du schöne Bücher magst, dann ist es eigentlich ein Muss 😉

      Liebe Grüße
      Tobi

  2. Sabrina 30. Januar 2017 at 21:00 Antworten

    Wow… deine Bilder machen richtig Lust auf das Buch. Eine gewisse Tiefe bei den Beschreibungen wäre natürlich wünschenswert. Ich könnte mir aber vorstellen, dass mir das Buch auch einfach nur so zum Durchblättern und vor sich hin philosophieren gefällt.

    • Tobi 31. Januar 2017 at 8:40 Antworten

      Liebe Sabrina,

      sehr cool, wenn die Fotos Lust auf das Buch machen. Genau das ist ja das Ziel, weil schöne Bücher einfach ein Genuss sind. Ich finde ja alle Bücher dieser Art (wie beispielsweise „Lexikon der Phantominseln“, oder der „Atlas der abgelegenen Inseln“) sehr unterhaltsam. Das ist zum Stöbern perfekt geeignet.

      Liebe Grüße
      Tobi

  3. Daniela 24. März 2017 at 17:33 Antworten

    Hallo Tobi,

    aufgrund deiner Rezension hat ich dieses Kompendium angeschafft, und verschenkt. Ich finde es großartig!

    Meine Rezension ist hier: http://buchvogel.blogspot.de/2017/03/atlas-der-lander-die-es-nicht-gibt-von.html

    Grüße
    Daniela

    • Tobi 25. März 2017 at 6:57 Antworten

      Liebe Daniela,

      vielen Dank für dein Feedback. Ich bin mir ja immer nicht sicher, ob meine Rezensionen für andere auch Tipps sind und meine Leser sich dann auch ein Buch von hier holen. Schön, dass das dich das schmucke Stück überzeugen konnte. Bei mir hat es einen festen Platz im Regal bekommen. Aber als Geschenk ist so ein schönes Buch natürlich perfekt geeignet.

      Liebe Grüße
      Tobi

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