Ein absolutes Highlight der Neuerscheinungen des letzten Jahres ist dieses von mir heiß ersehnte Buch von Lew Tolstoi. Von der Qualität der Hanser Klassiker bin ich schwer begeistert und wenn dann noch so ein Premium-Titel angekündigt wird, ist klar, dass ich da sofort dabei bin. Egal welches Buch ich von der Hanser Klassikerreihe gelesen habe, alle sind einfach lesenswert und ein purer Genuss. Ob das Buch wirklich etwas ist, das erfahrt ihr nun hier.

Tolstoi ist einer meiner absoluten Lieblingsautoren. Seine beiden großen Werke Krieg und Frieden und Anna Karenina habe ich verschlungen und von der ersten bis zur letzten Seite genossen und geliebt. Die Frage ist, ob das Buch, das immerhin in weitem Abstand von 22 Jahre nach Anna Karenina erschien, sich mit Tolstois großen Titeln messen kann. Die Antwort ist einfach: Ja kann es. Und zwar auf seine ganz eigene Art, die sich nicht mit seinen beiden bekannten Werken vergleichen lässt. In Auferstehung stößt man durchaus auf seinen ganz typischen Stil zu schreiben. Es hat ganz wenig Gesellschaftsroman, hat wieder einen starken Fokus auf die charakterliche Entwicklung der Protagonisten, besitzt aber eine neue Komponente. Der Leser folgt Nechljudow und lernt die russische Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts, aber auch den Menschen von einer sehr erschreckenden Seite kennen.

Auferstehung von Lew Tolstoi

Der Klappentext hat sich für mich schon recht interessant angehört. Der Fürst Nechljudow verführt eine junge Frau, die als Angestellte bei seinen Tanten lebt, lässt sie dann aber schnell wieder fallen und vergisst sie mehr oder weniger. Jahre später ist er Geschworener und da sitzt sie als Prostituierte auf der Anklagebank und plötzlich wird ihm klar, dass es sein verantwortungsloses Handeln war, dass ihr Leben komplett verpfuscht hat.

Ganz typisch für Tolstoi und die Realisten beschreibt er auf eine ganz präzise und unumwundene Art und Weise die Gedanken und die Gefühle von Nechljudow und Maslowa. Dabei folgt der Leser Nechljudow und zusammen mit ihm lernt man die Missstände dieser Zeit kennen. Die erschreckende Verhältnisse, die Art und Weise wie Menschen damals (und auch heute) miteinander umgegangen sind, haben mich stellenweise sehr gepackt. Es gibt einige Szenen, wo man schon schlucken muss und einem klar wird, was für ein hohes Gut Freiheit, aber auch ein gerechtes politisches und juristisches System sind. Sehr begeistert hat mich die Beschreibung des bürokratischen Juristenapparats. Irgendwie ist Bürokratie immer ein Thema in Tolstois Büchern und er macht das sehr perfekt, indem er in solchen Szenen dann auch seine Sprache entsprechen anpasst. Das Eindrucksvolle dabei ist der komplette Unsinn, die Unmenschlichkeit, die immer aus so einem starren, formalen System entspringt und auch eine Hauptanklage in dem Buch darstellt. Tolstoi beschreibt ein System, in dem einzelne Personen durchaus nachvollziehbare und für sich sinnvolle Handlungen vornehmen, aber damit der Gesellschaft und dem Einzelnen massiv Schaden zufügen. Eine Tatsache, die jedes gesellschaftliche Konstrukt aufweist. Er benennt die Probleme mit einer Klarheit, die zeigen, dass er die Probleme seiner Zeit verstanden und durchschaut hat. Und zwar mit einem Weitblick, der auch für unsere Zeit steht. Ich habe mich bei der Lektüre oft gefragt, ob unser juristisches System genauso verfault ist. Wahrscheinlich schon, immerhin wurde es ja von Menschen konstruiert. Allerdings auch wieder nicht, denn politisch Verfolgte oder körperliche Gewalt durch staatliche Funktionäre gibt es, dem Himmel sei Dank hierzulande nicht mehr (zumindest soweit man das mitbekommt).

Auferstehung von Lew Tolstoi

Insgesamt bekommt man ein gutes Bild über alle Gesellschaftsschichten. Immer wieder appelliert Tolstoi an die Menschenliebe und an den Glauben. In zwei Kapitel verurteilt er die Dogmen, Hierarchien und die Brauchtümer der Kirche und ihrer Institutionen. Für diese zwei Kapitel wurde er vom Heilige Synod exkommuniziert, was ihn allerdings nicht groß gestört hat. Tolstoi war durchaus sehr gläubig, allerdings ohne dem Kult der bestehenden Glaubensgemeinschaften. Das scheint auch bei seinen Büchern stark durch. Ähnlich wie bei Anna Karenina ist ein intensiver Glaube, aber auch die Menschenliebe für ihn eine Schlussfolgerung um den Grausamkeiten und Verfehlungen der Menschheit zu begegnen. Der Titel Auferstehung steht also für eine Läuterung, für eine Wandlung im Denken der Protagonisten, aber auch für eine Schlüsselszene in dieser Geschichte. So verwundert es nicht, dass zahlreiche Stellen des Buches in allen möglichen Ländern zensiert wurden. Das Bashing gegen die Kirche und ihre Dogmen wurde so ziemlich überall gestrichen. Dabei kann man das Buch als Bestseller bezeichnen. Dem Nachwort nach wurde es in zahlreiche andere Sprachen übersetzt und war einige Zeit überall das Stadtgespräch.

Mich hat das Buch wieder sehr gepackt und die Message, die er hier vermitteln will, ist mit voller Wucht bei mir angekommen. Auch wenn ich mit seinen theistischen Schlussfolgerungen nicht Konform bin, muss man einfach diesen klaren, diesen aufgeklärten Blick und die Fertigkeit dieses komplexe Thema in ein Buch zu packen bewundern. Tolstoi war definitiv seiner Zeit weit voraus und ist es wohl auch dieser noch. Nechljudow durch die verschiedenen Schichten zu begleiten, verschiedenste Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten kennenzulernen, auch die Ignoranz, aber auch die Selbstaufopferung weckt beim Lesen Emotionen. Natürlich ist auch das Schicksal der beiden Protagonisten ein beständiges Zugpferd, das durch die Geschichte führt. Weder Nechljudow noch die Maslowa haben in mir große Sympathie geweckt. Dazu fühlen sich die Charaktere einfach zu echt, zu vielschichtig an. Dennoch fühlt man mit ihnen und kann ihre inneren Konflikte gut nachvollziehen und nachempfinden.

Auferstehung von Lew Tolstoi

Was die Aufmachung angeht, ist das Buch wieder hervorragend gelungen. Es ist sehr gut verarbeitet, kommt wieder mit zwei Lesebändchen, was aufgrund der ausführlichen Anmerkungen sehr praktisch ist, und liegt wieder sehr gut in der Hand. Der dunkelblaue Leineneinband, aber auch das auf den ersten Blick schnöde wirkende Bild auf dem Cover passen perfekt zum Inhalt. An der Übersetzung gibt es auch nichts auszusetzen und mir ist nichts negativ aufgefallen. Barbara Conrad hat ja bereits Krieg und Frieden für den Hanser Verlag übersetzt und 2011 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Hier kann man also nicht viel falsch machen und ist auch in dieser Hinsicht wieder im Premium Bereich unterwegs.

Auferstehung von Lew Tolstoi

Fazit: Es sind wieder die ganz großen Fragen, denen sich Tolstoi in diesem Roman stellt. Danach, was die Gesellschaft ist, wie sie mit ihren Menschen umgeht, wie es um die Gerechtigkeit steht und wie sie sich entwickelt und entwickeln könnte. Mit einer sehr präzisen Sprache, mit einem ganz klaren Blick führt Tolstoi den Leser durch die verschiedenen Gesellschaftsschichten, rührt auf, schockiert und propagiert Menschenliebe und einen von Institutionen gelösten Glauben. Nechljudows und Maslowas Schicksal ist ein roter Faden durch das Buch, der spannend zu verfolgen ist, den Leser aber auch durch das Russland des 19. Jahrhunderts führt und einen Einblick in diese Gesellschaft mit all ihren Strukturen gibt. Auferstehung ist ein Buch, das anders ist als seine großen Erfolge, aber diesen in nichts nachsteht. Die Figuren fühlen sich echt an, die inneren Konflikte und der Veränderungsprozess in ihnen sind hervorragend ausgearbeitet und rühren sowohl an den großen, aber auch kleinen Fragen des Lebens. Sowohl die Aufmachung des Buches, als auch die Übersetzung und sehr informativen Anmerkungen können sich wieder sehen lassen. Ein Buch, dass ich jedem nur empfehlen kann und alle meine Erwartungen mehr als erfüllt hat.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Auferstehung von Lew TolstoiTitel: Auferstehung
Autor: Lew Tolstoi
Verlag: Hanser Verlag
Übersetzung: Barbara Conrad
Erschienen: 26. September 2016
Erstveröffentlichung: 1899
Seiten: 720 Seiten

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verfasst von Tobi

    15 Kommentare

  1. Thomas 15. Januar 2017 at 12:36 Antworten

    Hallo Tobi,
    sehr gelungene Besprechung, danke dafür. Seit Weihnachten steht das Buch auch bei mir im Regal, ich warte noch auf die passende Lesestimmung und freue mich schon auf die Lektüre.
    Beste Grüße
    Thomas

    • Tobi 16. Januar 2017 at 10:06 Antworten

      Lieber Thomas,

      herzlichen Dank! Eine sehr gute Wahl sich das Buch zu holen. Bei mir ist es dann auch ein bisschen im Regal gestanden, bis ich dazu in Stimmung war. Aber nach einigen Seiten packt mich Tolstoi ohnehin immer ziemlich schnell. Also warte lieber nicht zu lange 😉

      Liebe Grüße
      Tobi

  2. Nicci 15. Januar 2017 at 12:46 Antworten

    Hry Tobi!
    Das klingt wirklich super. Ich werde „Auferstehung“ auf meine Wunschliste setzen.

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag,
    Nicci

    • Nicci 15. Januar 2017 at 12:47 Antworten

      *Hey, natürlich..

    • Tobi 16. Januar 2017 at 10:07 Antworten

      Liebe Nicci,

      das Buch kann ich nur empfehlen, also ich bin mir sicher, dass du das nicht bereuen wirst. Aber bei Tolstoi kann man auch nicht viel falsch machen.

      Liebe Grüße
      Tobi

  3. Tinka 15. Januar 2017 at 13:17 Antworten

    Lieber Tobi,

    eine sehr aufschlussreiche Besprechung. Das, was du so über Tolstoi schreibst, klingt ausgesprochen interessant, ich hab leider noch nichts von ihm gelesen. Anna Karenina steht schon sehr lange auf meinem SUB. Momentan hab ich einfach zu viel UNI Kram zu erledigen und Prüfungszeit ist auch noch :/ Aber danach freu ich mich schon auf ein Buch des russischen Meisters. Bis jetzt hab ich nur Gutes über ihn gehört. Sag mal,…spielt „Auferstehung“ im Winter oder ist das nur am Buchumschlag so gestaltet? Ein Winterbuch wäre mir momentan mehr als willkommen 😉

    PS: so schöne Fotos wieder! schmilz !

    • Tobi 16. Januar 2017 at 10:15 Antworten

      Liebe Tinka,

      Anna Karenina ist ein ziemlicher Knaller, also da bin ich mir sicher, dass dir das gut gefallen wird. Allerdings braucht man natürlich schon ein bisschen Zeit. Ich glaub wenn man die Bücher über einen zu großen Zeitraum liest, geht ein bisschen was verloren. Ein Meister ist Tolstoi auf jeden Fall!

      Ein reines Winterbuch ist das nicht, da kommen alle Jahreszeiten vor. Wobei ich mir die Orte wieder gut vorstellen konnte. Die russischen Gutshäuser in der Provinz sind ja immer sehr pittoresk, selbst wenn Tolstoi hier die Armut stark thematisiert. In „Krieg und Frieden“ gab es eine geniale Winterszene. Wo Natascha mit ihrem Bruder bei einem Adeligen eingeladen ist und im winterlichen Russland auf Jagd geht. Sehr stimmungsvoll, die Bilder sind mir noch gut in Erinnerung geblieben. Irgendwie völlig klischeehaft was die Russen angeht.

      Liebe Grüße
      Tobi

  4. Tinka 16. Januar 2017 at 15:15 Antworten

    Ach das hört sich total schön an! Manchmal mag ich Klischees auch ganz gerne, soweit sie natürlich positiv ausfallen 🙂 Vielen Dank für die Antwort! LG aus dem ebenso verschneiten Österreich ^^

  5. Petra Gust-Kazakos 18. Januar 2017 at 14:17 Antworten

    Lieber Tobi, das klingt ja wirklich sehr gut, ich glaube, das muss ich auch lesen : )
    Liebe Grüße
    Petra

    • Tobi 19. Januar 2017 at 22:52 Antworten

      Liebe Petra,

      das Buch kann ich dir wirklich sehr empfehlen! Die russischen Autoren mag ich echt gerne. Hast du da ein paar gute Tipps?

      Liebe Grüße
      Tobi

      • Petra Gust-Kazakos 29. Januar 2017 at 15:39 Antworten

        Da könnte ich dir Tschechow empfehlen, Puschkin hat mir auch gefallen (https://phileablog.wordpress.com/2016/06/25/pique-dame-und-andere-erzaehlungen/) und „Champagner aus Teetassen“ von Teffy, etwas völlig anderes, aber für mich sehr faszinierend (https://phileablog.wordpress.com/2014/12/21/champagner-aus-teetassen/). Hab noch einen gemütlichen Sonntag : )

        • Tobi 29. Januar 2017 at 20:35 Antworten

          Liebe Petra,

          die Rezension zu Puschkin habe ich auf deinem Blog schon gesehen und das Buch ist schon auf meiner Wunschliste gelandet. Da bin ich auch sehr neugierig. Ich mag die russischen Autoren echt gerne, die waren bisher selten eine Enttäuschung und haben zumindest sehr gut unterhalten. Tolstoi ist sowieso einer meiner absoluten Favoriten, an den kommen nur wenige ran. Tschechow hab ich auch schon oft gehört, bisher ist da nichts auf meiner Liste gelandet. Hast du da einen speziellen Buchtipp?

          Liebe Grüße
          Tobi

  6. Angela Busch 24. April 2017 at 10:39 Antworten

    Hallo Tobi,,,
    eine sehr gelungene Besprechung!
    Endlich habe ich einen Blog gefunden, der auch Klassiker würdigt und vernünftig bespricht und nicht nur den Neuerscheinungen hinterherläuft ( ich gebe zu , so mache ich es! Es erschien mir am einfachsten einen Blog SO aufzuziehen, um überhaupt erstmal einen Überblick zu bekommen). Anna Karenina hab ich im Alter von 15 Jahren gelesen und es hat mich damals schwer beeindruckt, wobei ich natürlich wegen des zarten Alters sicher nicht alles aufnehmen konnte,,,inzwischen bin ich 63 Jahre alt,,,
    Herzlich
    Angela

    • Tobi 26. April 2017 at 8:58 Antworten

      Liebe Angela,

      herzlichen Dank für Dein positives Feedback, das mich sehr freut. Das mit den Neuerscheinungen ist so eine Sache. Auf der einen Seite ist das wahrscheinlich von wesentlich mehr Austausch geprägt, wenn man liest, was viele andere auch lesen. Allerdings kann ich mich nicht von den vielen schönen Klassikern losreißen und werde es wohl auch nie schaffen.

      Anna Karenina ist ein super Buch und so etwas mit 15 Jahren zu lesen kann nur eine lange Liebe zu Büchern begründen. Aber es ist schon beeindruckend, dass du das Buch die vielen Jahre hindurch nicht vergessen hast. Und ich finde es sehr cool, dass du selbst einen Buchblog gestartet hast, denn das ist ja eigentlich eine Welt, die eher von jungen Menschen bevölkert wird.

      Liebe Grüße
      Tobi

  7. Angela Busch 26. April 2017 at 11:00 Antworten

    Lieber Tobi,,,Dankeschön für Deine netten Worte!
    Ich habe zwar im Fragebogen keinen Tip für DICH angegeben, aber vielleicht wäre GERMINAL von Émile Zola etwas für DICH. Ich habe Zola in Deinen Rezensionen nicht gefunden. Zu Zola bin ich in den siebziger Jahren gekommen :-).
    LG Angela vom Literaturgarten

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