Noch immer haben die deutschen Autoren einen schweren Stand bei mir. Eigentlich wurde ich in der Schule ja nie so richtig mit schnöden deutschen Klassikern gequält. Ok, das stimmt nicht ganz. Mit Georg Büchners Woyzeck wurde ich gemartert und deshalb werdet ihr nie ein Buch von Büchner hier oder in meinem Schrank finden. Aber darüber hinaus bin ich doch ziemlich verschont geblieben. Trotzdem ziehen die deutschen Klassiker einfach irgendwie nicht bei mir. Allerdings lasse ich es mir nicht nehmen, immer wieder einen von den dicken deutschen Knallern zu lesen und habe es selten bereut, auch wenn mich bisher keines so richtig packen konnte. Nachdem Goethe bisher nicht so richtig zum Zuge gekommen ist und dieser Werther noch immer ziemlich bekannt ist, konnte ich nicht widerstehen.

Die Story ist eigentlich ein alter Hut und war es wohl schon zu Goethes Zeiten. Zumindest erwähnt er es in der Geschichte selbst. Der junge bürgerliche Rechtsgelehrte Werther bereist das Land und lernt dabei die schöne Lotte kennen und verliebt sich in sie. So wie sie von Goethe beschrieben wird, wäre sie auch heute noch die totale Rakete. Sehr hübsch natürlich, mit schwarzen Augen, liebevoll und familiär veranlagt kümmert sie sich um ihre zahlreichen Geschwister, die sie als älteste Tochter anstatt der verstorbenen Mutter großzieht. Sie ist einfühlsam, kann wunderschön singen und musizieren, ist sinnlich, anschmiegsam im Tanz und eben eine richtige naturverbundene Schönheit vom Lande. Klar dass da der Werther recht schnell anbeisst. Einziger Haken an der Sache: Die Gute ist leider schon verlobt. Blöderweise hat sie von ihrer sterbenden Mutter bereits den Segen zu der Ehe bekommen und obendrein ist Albert, der Erwählte, auch noch ein ganz ordentlicher Kerl, wo es nichts zu meckern gibt. Um nun mal ordentlich zu spoilern: Der Werther muss in der Geschichte ordentlich leiden.

Um der ganzen Geschichte Authentizität zu verleihen, ist sie als Briefroman ausgelegt. Werther schreibt an seinen Freund Wilhelm kürzere und längere Briefe. Gegen Ende wird dieser Briefstil unterbrochen und durch einen kurzen auktorialen Erzählstrang eines fiktiven Herausgebers fortgeführt. Ein Mittel, das auch Autoren wie Dumas schon benutzt haben, um das Ganze noch realistischer wirken zu lassen.

Vom Stil ist dieser Roman sehr poetisch und wirkt ein wenig altmodisch, was nun bei einem Buch aus dem Jahre 1774 nicht gerade verwundert. Immerhin bin ich sonst Neuübersetzungen gewohnt, die zumeist dann doch sprachlich geglättet sind. An vielen Stellen hat mir das sehr gut gefallen und Goethe dreht oft ordentlich auf.

„Umsonst strecke ich meine Arme nach ihr aus, morgens, wenn ich von schweren Träumen aufdämmere, vergebens suche ich sie nachts in meinem Bette, wenn mich ein glücklicher, unschuldiger Traum getäuscht hat, als säß ich neben ihr auf der Wiese und hielt‘ ihre Hand und deckte sie mit tausend Küssen. Ach, wenn ich dann noch halb im Taumel des Schlafes nach ihr tappe und drüber mich ermuntere – ein Strom von Tränen bricht aus meinem gepressten Herzen, und ich weine trostlos einer finstern Zukunft entgegen.“ (S. 45)

Man kann das Buch trotzdem sehr gut lesen und ich habe gerade die Beschreibungen der Natur sehr genossen. Es gibt immer wieder Klassiker, wo die Natur mit der Geschichte und den Protagonisten verwoben und ganz deutlich als Stilmittel eingesetzt wird. Das geht selten daneben und auch in diesem Buch habe ich das als sehr bereichernd empfunden. Das ursprüngliche, ländlich geprägte und pittoresk wirkende Deutschland ist schon vor meinem geistigen Auge zum Leben erwacht. In so eine Kulisse dann eine perfekte Lotte zu setzen, hat schon seine Wirkung. Die Landschaft und Natur dann als ein Spiegel, manchmal aber auch als Kontrast zu Werthers Innenleben einzusetzen, ist Goethe hervorragend gelungen und wirklich ein Vergnügen zu lesen.

Die Leiden des jungen Werther werden dem Sturm und Drang, einer Literaturgattung zur Zeit der Aufklärung zugeordnet. Es soll der erste deutsche Bestseller gewesen sein und hat entsprechend die Gemüter bewegt und wurde kontrovers bewertet und diskutiert. Weg von den alten Moralvorstellungen und dem starren Rationalismus haben die meist jungen Autoren des Sturm und Drang das Gefühl und die Natur für sich entdeckt und entsprechend schlägt sich diese Freiheit auch in ihren Geschichten nieder. Elemente die man ganz deutlich in Goethes Werther wieder findet, der selbst sensibel ist, die Natur liebt und geniest, der die bestehenden Herrschaftsstrukturen mit Verachtung straft und sich an der Karrieregier der oberen Schicht stört. Und eben seinem Herz folgt, was auch nicht immer gut ist, aber etwas sehr Authentisches hat.

Zu seiner Zeit, im Jahre 1774 und auch viele Jahrzehnte danach, war dieser Roman scheinbar eine ziemlich neue Sache und hat die Gesellschaft ordentlich aufgerührt. Betrachtet man ihn aber isoliert vom jetzigen Standpunkt aus, ist er zwar angenehm und unterhaltsam zu lesen, aber ich habe ihn nun nicht als großen Knaller empfunden. Der Plot ist eben ein alter Hut und birgt wenig Neues oder Überraschendes. Jetzt kann man sagen, klar, das Buch ist ja schon alt und hat vielfach neue Romane inspiriert und beeinflusst, was natürlich wahr ist. Das es aber Bücher aus dieser Zeit gibt, die mich durchaus gepackt haben, beweisen Manon Lescaut oder auch Gefährliche Liebschaften von Choderlos de Laclos. Letzteres ist 1782 erschienen, ist ebenfalls als Briefroman ausgelegt und ein richtiges Meisterwerk. Spannend bis zur letzten Seite, aufrührerisch, mit sehr interessanten Charakteren und eigentlich sehr frivol wie man es nicht für einen Roman aus dieser Zeit vermuten würde. Mit solchen Büchern kann Goethes Werther aus meiner Sicht nicht mithalten. Aber die französischen Autoren sind halt nicht zu toppen.

Als Ausgabe habe ich mich wieder für das Hamburger Leseheft entschieden. Ich mag diese dünnen Heftchen einfach. Sie wirken altmodisch uns speckig und haben etwas Nostalgisches. Ich habe bereits Der Schimmelreiter von Storm aus dieser Reihe rezensiert und fand da dieses Format schon irgendwie ansprechend. Die Heftchen kosten meist nicht mehr als zwei Euro und sind sonst sehr puristisch. Ich hab mir einige aus der Reihe geholt. Die Romane sind meist kurz und als Lektüre für zwischendurch perfekt geeignet. Hier ist das Risiko finanziell und zeitlich sehr gering, wenn man doch daneben greift. Ideal um also Autoren anzutesten.

Fazit: Der erste Bestseller in der deutschen Geschichte ist auch heute noch lesenswert und unterhaltsam. Die Story birgt zwar keine großen Überraschungen und ist schon ziemlich durch, die poetische Sprache, die schöne Kulisse und der damit verbundene Blick in eine längst vergangene Zeit sind ein durchaus empfehlenswerter, wenn auch recht kurzer Lesegenuss. Einen bleibenden Eindruck hat der Roman allerdings nicht bei mir hinterlassen. Die Ausgabe der Hamburger Lesehefte mit ihrer altmodischen Ausstrahlung und ihrem niedrigen Preis sind definitiv eine Empfehlung.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Titel: Die Leiden des jungen Werther
Autor: Johann Wolfgang Goethe
Verlag: Hamburger Lesehefte
Erschienen: 2016
Erstveröffentlichung: 1774
Seiten: 120 Seiten

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verfasst von Tobi

    12 Kommentare

  1. Norman 24. Januar 2017 at 22:47 Antworten

    “Die Story ist durch.“ Ich weiß ja nicht, lieber Tobi, ob das eine angemessene Einschätzung ist. Ich beurteile den Werther jedenfalls ganz anders. Die sich aufbauende, bis zur Raserei steigernde Gefühlsregung, dies Schwanken zwischen Sekunden der Empathie und Stunden des Selbstmitleids, das Anarchisch-Wilde und das feige Ende – das ergibt für mich einen ganz unerhörten Text, der mir beim Lesen noch heute eine Ahnung davon verschafft, wie er die Zeitgenossen aufgewühlte. Das ist so ähnlich wie beim Tristan-Akkord.
    Aber das ist ja das Gute am Buch: man kann darüber diskutieren – jenseits der Dreiecksgeschichte.
    Viele Grüße
    Norman

    • Tobi 26. Januar 2017 at 8:48 Antworten

      Hallo Norman,

      ich bin mir nicht ganz sicher, ob überhaupt eine meiner Einschätzungen angemessen ist 😉

      Die Einschränkung, die vielleicht im Text nicht so deutlich wird, ist „vom jetzigen Standpunkt aus“. Der historische Wert bzw. der Wert der sich aus diesem Werk für die Literatur ergibt ist durchaus bemerkenswert. Nach dem Maßstab betrachtet, könnte man den Werther mit beispielsweise Laclos Roman durchaus gleichsetzen. Beide haben die Menschen ihrer Zeit sicherlich ziemlich aufgerührt, betrachtet man zumindest wie oft Laclos Roman in Büchern des 19. Jahrhunderts erwähnt wird, dann haben beide Bücher noch Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen eine ordentliche Wirkung gehabt. Nachdem ich primär den Fokus auf den Lesegenuss habe, den ein Buch mir im hier und jetzt verschafft, fällt das Urteil ein wenig anders aus. Daher wollte ich mich bei dieser Rezension nicht nur darauf beschränken meine Eindrücke zu schildern, sondern auch ein wenig den Kontext des Romans vorstellen.

      Liebe Grüße
      Tobi

  2. josch pöllath 25. Januar 2017 at 10:44 Antworten

    Versuch es doch mal mit Stefan Zweig „Magellan“ oder Schnitzler „Der Weg ins Freie“ oder Lion Feuchtwanger „Erfolg“ oder „Jod Süß“ oder Stefan Heym „Ahasver“ oder „Schwarzenberg“. Es gibt unzählige sehr spannende und lohnenswerte Romane über Goethe oder Mann hinaus. Zum Beispiel Heinrich Mann „Henry IV“, ein unglaublich toller Text. Ich möchte keineswegs oberlehrerhaft sein. Dies sind nur ein paar wenige Texte, die mein Leseverhalten maßgeblich beeinflusst haben.
    Viele Grüße josch pöllath

    • Tobi 26. Januar 2017 at 8:50 Antworten

      Lieber Josch,

      sicher bin ich mit den deutschen Autoren nicht durch. Momentan baue ich meinen Bücherberg ganz gut ab. Da sind auch bereits einige der großen deutschen Klassiker dabei. Meine Erfahrung sagt mir, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis einem das richtige Buch in die Hände fällt. Verallgemeinerung ist bei Literatur immer recht schwer.

      Herzlichen Dank für die vielen Tipps. Schnitzler wurde mir nun schon sehr oft empfohlen. Den werd ich mir auf jeden Fall mal genauer ansehen.

      Liebe Grüße
      Tobi

  3. Tinka 25. Januar 2017 at 12:26 Antworten

    Huhu

    Also Schnitzler kann ich auch weiterempfehlen, sehr lesenswert! Der Mann war eigentlich Arzt und hat sich sehr mit der Psyche der Menschen beschäftigt. Aber ich weiß schon was du meinst, ich tu mir da auch etwas schwer mit deutschsprachiger Literatur, sie ist oft trocken und langweilig. Leider! Das kann man dann wohl mit den spritzigen und leidenschaftlichen Franzosen schlecht vergleichen ^^ Aber Schnitzler könnte dir gefallen.

    PS: Goethe mag ich sehr!

    • Tobi 26. Januar 2017 at 8:54 Antworten

      Liebe Tinka,

      irgendwie sucht man immer in eine Richtung, die einem schon gut gefällt. Aber ich probiere trotzdem noch viel aus und werde auch nicht aufhören große deutsche Klassiker zu lesen. Als etwas trockener habe ich die deutschen Klassiker auch empfunden und da schimmert natürlich das Naturell der Deutschen durchaus durch. Was ich nicht grundsätzlich schlecht finde, das ist halt auch immer stimmungsabhängig.

      Schnitzler kommt auf jeden Fall auf die Wunschliste, nachdem mir der Autor immer wieder unterkommt und empfohlen wurde.

      Herzliche Grüße
      Tobi

  4. Stefan 25. Januar 2017 at 19:29 Antworten

    Hi Tobi,

    in der Schule wurde ich auch recht wenig mit den Klassikern „gequält“ und so hatte ich später das Gefühl, etwas verpasst zu haben und holte einiges auf. So auch den Werther.

    Gut. Das ist jetzt auch schon wieder ein paar Jahre her aber ich habe ihn in bester Erinnerung behalten. Klar: Die Story ist absehbar! Aber die Beschreibung des Gefühlschaos, des ständigen Hin und Her und dann das Ende…. Das ist schon große Literatur meiner Meinung nach. Vielleicht habe ich ihn aber damals nur in der richtigen Stimmung gelesen. Wer weiß, wie ich ihn heute lesen würde.

    Danach habe ich mich voller Eifer auf die „Wahlverwandtschaften“ gestürzt und bin böse enttäuscht worden. So kanns gehen….

    Gruß
    Stefan

    • Tobi 26. Januar 2017 at 8:57 Antworten

      Hallo Stefan,

      mich treibt auch immer ein wenig die Neugierde an, all diese Klassiker zu lesen. Gerade die verhasste Schullektüre. Glücklicherweise muss ich mich ja am Ende nicht hinsetzen und irgendwelche Textanalysen schreiben.

      Als große Literatur habe ich den Werther nicht empfunden. Da bin ich von Bücher wie Maupassant, Dumas oder Balzac ganz anders geflashed, da kommt der Werther nicht im Ansatz ran. Aber das schmälert aus meiner Sicht nicht den Wert dieses Romans, sondern spiegelt meinen aktuellen Eindruck wider. Sowas hängt schon immer stark von der eigenen Stimmung und Lebensphase ab.

      Herzliche Grüße
      Tobi

  5. Stefan 26. Januar 2017 at 20:03 Antworten

    Stimmt schon… Die „Verlorenen Illusionen“ von Balzac gingen mir z.B. auch näher… 🙂

  6. Caroline 8. Februar 2017 at 21:33 Antworten

    Die Leiden des jungen Werther stehen auch in meinem Bücherschrank, weil es in der Schulzeit dazugehörte. Ich habe mich durch Goethe jedoch niemals gequält gefühlt. Seine Sprache ist unvergleichlich und macht mich stolz auf meine Muttersprache. Seine Erzählkraft ist natürlich und intensiv zugleich. Das Gefühlsdilemma des jungen Werther mitreißend und völlig greifbar. Ich möchte Norman aus dem ersten Kommentar in allem zustimmen.

  7. Gedankennomade 15. Februar 2017 at 13:53 Antworten

    Lieber Tobi,

    Die Lektüre des Werthers liegt bei mir schon einige Jahre zurück. Musste damals fürs Studium je zwei Werke des Sturm und Drangs und zwei Werke der Weimarer Klassik lesen. Entschied mich für den „Werther“ sowie für die „Räuber“ in der ersten, für „Iphigenie auf Tauris“ sowie für „Maria Stuart“ in der zweiten Epoche. Zweimal Goethe, zweimal Schiller also. Und für mich war zweimal Schiller der „Sieger“. Ist aber wahrscheinlich nicht gerecht, solch unterschiedliche Werke miteinander zu vergleichen.
    Am wenigsten von allen vieren mochte ich aber den „Werther“. Diese übertriebene Romantik konnte ich einfach nicht mehr ernst nehmen und bewegte mich null …

    Aber wie du schon richtig sagst, der Wert dieses Buches liegt wohl darin, was es DAMALS ausgelöst hat. Und es ist durchaus interessant, es noch einmal zu lesen und sich dann darüber bewusst zu werden, inwiefern solche Worte vor über 200 Jahren Epoche machen konnten.

    Danke für deine Rezension.

    • Tobi 15. Februar 2017 at 22:30 Antworten

      Lieber Philipp,

      ich finde es ja interessant, dass die Meinungen zu dem Buch doch auseinander gehen. Einige lassen sich von dem Text auch jetzt noch ziemlich mitreißen und dafür begeistern, andere reagieren darauf wie ich. Wahrscheinlich hängt es auch ein wenig davon ab, ob man das Buch nun freiwillig einfach zur Unterhaltung zur Hand nimmt, oder es in Schule oder Studium behandelt. Betrachtet man bei einigen Klassikern, was sie ausgelöst haben, ergibt sich oft ein ganz anderes Bild. Es ist interessant, was der Literatur für ein Entwicklungsprozess zugrunde liegt und diesbezüglich ist das Buch natürlich eine sehr spannende Angelegenheit.

      Herzlichen Dank für deine Worte und Feedback.
      Liebe Grüße
      Tobi

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