Vor einiger Zeit habe ich mir die Verfilmung von Der große Gatsby mit Leonardo DiCaprio angesehen. Eigentlich sehe ich mir kaum Filme an, nachdem mich das Buch nur mittelmäßig begeistern konnte und gerade die Gelegenheit dazu da war, konnte ich mich dem Streifen doch nicht entziehen. Insgesamt fand ich den Film ganz gelungen, auch die Schauspieler für die Charaktere waren sehr gut gewählt. Daisy mit dem damaligen Stil war auch sehr hübsch, wenn mir auch die Partys und Musik zu sehr aus dieser Zeit und überhaupt nicht 20er waren. Also ein ganz netter Filmeabend, allerdings ist mir dabei wieder etwas bewusst geworden, was einen Beitrag hier wert ist und worüber ich ein wenig schreiben möchte.

Ich habe Der große Gatsby Ende 2015 gelesen, fand es nicht schlecht, es konnte mich aber auch nicht begeistern. Angenehme Lektüre, aber nicht der Klassikerknaller. Typischerweise stellt man sich die Szenen und Charaktere in einem Buch immer anders vor, wie sie dann im Film dargestellt werden. Geänderte Dialoge, fehlende Szenen, die im Buch, aber nicht im Film vorkommen, kleine Anpassungen an der Geschichte, alles ist man gewohnt und so hatte ich oft das Gefühl, dass das in dem Buch Der große Gatsby doch alles ganz anders war. Einige Dialoge kamen mir eindeutig komisch vor. Das Ganze endete dann damit, dass ich mit dem Buch vor dem Fernseher saß und parallel geblättert und mitgelesen haben. Und ich war wirklich erstaunt, wie nah der Film am Original war. Einige Dialoge wurden wortwörtlich übernommen, wobei ich davon überzeugt war, dass sie so nie in dem Buch stattgefunden haben.

Die Frage, die ich mir dabei stelle, ist die nach dem Erinnerungsvermögen. Wieso merken wir uns einige Bücher sehr gut, wieso gehen einige wieder komplett verloren und man kann sich an keine einzige Stelle mehr erinnern? Wenn ich so an meinem Regal vorbei gehe, dann gibt es Bücher, die sind mir sehr gut in Erinnerung, einige, die ich noch vor gar nicht so langer Zeit gelesen habe, habe ich wieder weitgehend vergessen.

Liegt es daran, wie gut mir ein Buch gefallen hat? Dann fällt mein Blick auf einige Fantasy Bücher, die mich beim Lesen, vor einigen Jahren, hervorragend unterhalten haben. Bis auf wenige Momente ist doch ziemlich viel verflogen. Das liegt wohl auch am Genre, bei Fantasy tauche ich einfach gerne komplett ab in eine andere, fremde Welt und am Ende ist alles wie ein Traum, an den man sich oft nur ganz schwach erinnern kann. Irgendwie ist das also auch völlig ok.

Oder hat die Komplexität oder Länge eine Auswirkung? Dann denke ich an Horcynus Orca, das mit 1500 Seiten wirklich fett und auch sehr schwere Kost war. Da kann ich mich wiederum sehr gut an wirklich viele Szenen erinnern. Vielleicht wegen der wunderbaren Sprache, die wogend wie das Meer durch meinen Verstand gedrungen ist. Dann sehe ich sehr dicke Bücher, an die ich mich gut, andere wieder weniger gut erinnern kann. Auf jeden Fall liegt es auch daran, wie viel in einem Buch passiert. Sammlungen von Novellen, mit vielen kurzen Geschichten, vergesse ich schneller, als ein dickes Buch, in dem nicht so viel passiert. Auch die Emotionen haben nur eine begrenzte Wirkung. Schlüsselszenen, die mich gepackt haben, vergesse ich sehr selten. Aber das Drumherum, das vielleicht trivial erscheinende, aber dann doch extrem wichtige Beiwerk, verfliegt und verfängt sich scheinbar recht zufällig.

Eine andere Frage ist die, was eigentlich Erinnerung und Vergessen im Kontext des Lesens ist? Was bedeutet es, sich an ein sehr umfang- und ereignisreiches Buch zu erinnern? Jede Szene, jeden Dialog, jede Begebenheit im Gedächtnis haben? Das wäre verrückt. Im Leben erinnert man sich ja auch nicht an jeden Tag, an jeden noch so kleinen Moment. Das Gehirn filtert, es selektiert und lässt nur einen Bruchteil in das Bewusstsein vordringen. Irgendwie ist das beim Lesen auch so. Die Zeilen fliegen vorbei, Situationen entstehen vor dem geistigen Auge und im Kopfkino erlebt man, wie Menschen zusammen interagieren, reden, denken und fühlen. Hier finde ich bei mir schon sehr viele Parallelen. Wenn ich also an meinem Regal vorbei gehe, die Bücher ansehe und die Gedanken schweifen lasse, dann kommen sehr sehr viele Momente in mein Gedächtnis: Tante Lison aus einer von Maupassants Novellen, die verrückte Manon, wie sie ihren Liebhaber mit völliger Naivität vor den Kopf stößt, wie Emma im Hotel Léon liebt und dabei wie ein „Engel“ aussieht oder wie die wunderschöne Schäreninsel aussieht, die der Beamte in Am offenen Meer besucht. Einige willkürliche Beispiele aus hier rezensierten Büchern, wobei nicht jede Szene wichtig für die Geschichte ist. Am Ende ist es also eine Vielzahl an Erinnerungen, die oft auch unbewusst lauern und in bestimmten Augenblicken hervor kommen.

Andererseits gibt es dann doch wieder Bücher, die ich gerne in ihrer Gesamtheit festhalten würde. Fest ins Gedächtnis brennen, weil sie einfach ein Genuss sind, weil extrem viel in ihnen steckt. An Gefühl, an Lebensweisheit und auch an Natur und Leben. In einem Artikel, den ich vor ein paar Monaten gelesen habe (und leider nicht wieder finde), plädiert der Autor dafür, Bücher mehrfach zu lesen. Denn erst beim mehrfachen Lesen würde man die unzähligen Details erfassen, die einem sonst verloren gingen. Man würde beim ersten Lesen nur einen Bruchteil aufnehmen und das Buch nicht vollständig, nicht richtig lesen. Da ist sicher was dran. Ich bin dann immer hin und hergerissen. Für mich ist Lesen auch immer ein Entdecken und wenn ich ein Buch „entdeckt“ habe, dann lockt es mich zum Nächsten. Das Leben ist einfach zu kurz um alles zu lesen, aber man kann zumindest versuchen so viele schöne Bücher wie möglich zu finden. Gleichzeitig habe ich einige Bücher auf dem Stapel, die ich erneut lesen möchte und auch im Augenblick lese ich eine Fantasy Reihe erneut, die ich vor über 20 Jahren zuletzt gelesen habe und bin überrascht, wie viel man von der eigenen Vergangenheit darin wieder findet und wie viel Erinnerung noch vorhanden ist. Bücher mehrfach lesen ist also definitiv sinnvoll und keine Zeitverschwendung.

Was ist also von Der große Gatsby geblieben? Zahlreiche Dialoge und Einzelszenen sind im Nirwana des Vergessens verschwunden. Die Essenz ist aber geblieben. Das Wesen von Daisy beispielsweise. Die Liebe von Gatsby. Der Prunk und auch die gefühlte Sinnlosigkeit der Parties. Das was Fitzgerald mir mit dem Buch bei der ersten Lektüre vermittelt hat, das ist bei mir angekommen. Etwas, womit ich sehr gut leben kann. Und so werde ich wohl auch weiterhin unentschlossen zwischen dem Entdecken neuer Bücher und dem neu Entdecken alter Bücher hin und her schwanken. Am Ende ist es ohnehin der Moment, der für mich zählt.

Wie ist das bei euch? Könnt ihr euch gut an gelesene Bücher erinnern? Was muss ein Buch haben, damit ihr euch gut daran erinnern könnt? Ist es euch wichtig, Geschichten im Gedächtnis zu behalten? Oder ist für euch ein Buch etwas, das wie ein Film vorbei zieht, wo es aber ok ist, dass man es vergisst?

verfasst von Tobi

    11 Kommentare

  1. Simon Segur 3. Februar 2017 at 20:46 Antworten

    Wirklich sehr interessante Frage. Offenbar ist das Erinnerungsvermögen gekoppelt an die emotionale Bindung beim Lesen. Das kann entweder die Nähe sein, die ich zur Story oder den Charakteren empfinde oder die intensiven Lebensumstände (Urlaub, Trennungsschmerz), die ich damit verbinde. Aber letztlich: Keine Ahnung 🙂 Und *neugieirg* welche Fantasy-Reihe liest Du grad erneut?

    • Tobi 5. Februar 2017 at 20:37 Antworten

      Hallo Simon,

      also das ist definitiv bei mir so, dass Bücher, die ich in intensiven Lebensphasen gelesen habe, auch entsprechend im Gedächtnis bleiben. Das ist ganz klar, Dinge die mit Emotionen verbunden sind merkt man sich ja immer recht leicht. Aber grundsätzlich ist es nicht so, dass ein Buch das mich emotional packt auch automatisch gut im Gedächtnis bleibt. Aber ich komm zum gleichen Resumé wie du: keine Ahnung 😉

      Herzliche Grüße
      Tobi

  2. Thomas Roth 3. Februar 2017 at 21:09 Antworten

    Gute Bücher beantworten keine Fragen, sie werfen Fragen auf!
    Außerdem ist immer das gut, was man nicht sofort versteht.
    Ich bin eine Leseratte schon seit meiner Kindheit und weiss kaum eine Ära in meinem Leben, in der ich nicht gelesen
    habe (außer kleinere Ausnahmen).
    Im Grunde habe ich immer mehrere Bücher unter dem Bett, auch wenn das Medium Internet mit einem eigenen
    Wander- und Reise-Blog etwas Zeit zum Lesen bei mir geraubt hat.
    Ich glaube, dass trotz des Reizes des Internets, werde ich Bücher immer höher schätzen…
    Ein Film kann niemals ein Buch ersetzen, denn Lesen regt ja das Denken an und dies ist eine Erweiterung
    des geistigen Horizontes.
    Gute Bücher sind auch die, die man immer wieder lesen kann.
    Viele meiner „Schwarten“ habe ich schon 3 bis 4 mal gelesen.
    MfG
    herrothwandertwieder

  3. Mona 3. Februar 2017 at 22:39 Antworten

    Also ich bin ja so jemand, der sich seine Lieblingsbücher zumindest alle paar Jahre (teilweise auch jedes Jahr) wieder zur Hand nimmt und sie noch mal liest. Manchmal entdeckt man neue Details oder interpretiert eine Szene völlig neu. Schön finde ich auch das Gefühl einen alten Freund (in diesem Fall) ein Buch) wiederzusehen, mit dem ich mich wohl fühle. Gerade wenn ich einen schlechten Tag hatte, kann mir das über ein Tief hinweg helfen!
    Mit dem Erinnern ist das bei mir auch sehr unterschiedlich, an manche Bücher erinnere ich mich unglaublich gut, andere vergesse ich schnell wieder. Das hängt oft nicht mal damit zusammen, ob mir ein Buch gefallen hat oder nicht. Ich kann auch gar nicht so sehr beurteilen, woran das liegt. Trotzdem ist es insgesamt eher so, dass ich mich an Bücher, die mich emotional gepackt haben, eher erinnere.

    • Tobi 5. Februar 2017 at 20:41 Antworten

      Liebe Mona,

      das kenn ich gut, in Bücher und damit eine Welt zurückzukehren, wo man wieder auf alte Bekannte und insbesondere auch schöne Orte trifft. Das hat einfach etwas ganz Besonderes und ist einfach immer ein guter Trost.

      Aber interessant finde ich es, dass keiner so richtig eine klare Antwort auf die Frage hat. Aber irgendwie ist das auch wieder gut so, denn alles andere würde bedeuten, dass die Welt doch zu einfach ist 😉

      Liebe Grüße
      Tobi

  4. Jana 4. Februar 2017 at 10:17 Antworten

    Hallo, bei mir hängt es eindeutig mit der Lesegeschwindigkeit und dem Tiefgang zusammen: Jugendbücher, die ich so schnell wie möglich durchgelesen habe (etwa: Wie kann man nicht wissen, was im neuen Harry Potter passiert, obwohl er schon seit zwei Tagen auf dem Markt ist?!), habe ich größtenteils wieder vergessen, höchstens noch einige wenige Grundzüge in Erinnerung. Ist vielleicht ähnlich wie du es für Fantasy-Romane schilderst – für die Zeit des Lesens unterhalten sie wunderbar, ein paar Monate danach weiß man gar nicht mehr so richtig, worum es ging. Ganz anders bei Büchern, mit denen ich mich wirklich „beschäftigen“ , bei denen ich Wörter und Ereignisse nachschlagen musste, oder die mich für ein Thema an sich begeistern konnten, sodass weitere Bücher folgten. Dann kann ich mich an viele Details, Fachbegriffe und Begebenheiten erinnern. Mehrmals lese ich Bücher übrigens höchst selten, dazu habe ich immer noch zu sehr den Eindruck, sonst zu viele andere „zu verpassen“. Fear of missing out. Viele Grüße!

    • Tobi 5. Februar 2017 at 20:43 Antworten

      Liebe Jana,

      hm ich weiß nicht, also ich kann mich spontan an ein Buch erinnern, eine simple Schmonzette, die hab ich ziemlich schnell gelesen und da ist mir doch noch einiges in Erinnerung. Allerdings ist mir das bei Fantasy oder Schmonzetten auch nicht so wichtig und eigentlich ist das auch ok. Was das verpassen und mehrfach Lesen von Bücher geht, da sind wir definitiv auf einer Wellenlänge, das sehe ich genauso!

      Liebe Grüße
      Tobi

  5. Lili das Bücherwürmchen 4. Februar 2017 at 11:05 Antworten

    Ich finde auch definitiv, dass Bücher, für die man länger gebraucht hat, besser im gedächnis sitzen bleiben. Mei mir ist es aber auch so, dass die Bücher gerade dann emotional länger in Erinnerung bleiben, wenn sie mir zu dem Zeitpunkt des Lesens nicht nur gute Unterhaltung waren, sondern ich richtig mitgefiebert habe, und zum Beispiel gerade eine „Fanphase“ hatte, wo ich alles über den Autor, das Buch und ide Protagonisten herausgesuchtz habe. Oft fertige ich auch Zeichnungen und ähnliches an, dann erinenre ich mich auch.

    Grüße

    Lili

    • Tobi 5. Februar 2017 at 20:48 Antworten

      Liebe Lili,

      eine so richtige Fanphase hatte ich bei keinem Buch. Aber über Autoren informiere ich mich auch echt gerne und das stimmt, um so mehr man von dem Drumherum liest, um so besser kann ich mich auch an ein Buch erinnern. Auch ein ausführliches Nachwort schätze ich ja immer sehr. Das trägt schon dazu bei, dass man die Szenen und den Inhalt in einem anderen Licht sieht.

      Liebe Grüße
      Tobi

  6. Petra Gust-Kazakos 20. Februar 2017 at 17:14 Antworten

    Lieber Tobi,

    das mit dem Erinnern ist wirklich eine komische Sache und so richtig erklären kann ich mir das nicht. Besonders krass fiel mir das auf, als ich nach zig Jahren ein Buch wieder las, das ich im Studium mehrfach und mit großer Begeisterung gelesen hatte. Ich war auch beim Wiederlesen wieder total begeistert, konnte mich aber an fast nichts mehr erinnern. Das war sehr seltsam. Das Buch war übrigens Flaubert’s Parrot von Julian Barnes und gehört definitiv wieder/immer noch zu meinen Lieblingen, wenn ich auch lange nicht mehr wusste, warum ; ) Ich hatte dazu sogar mal gebloggt (https://phileablog.wordpress.com/2014/05/17/flauberts-parrot/).

    Ich fürchte ja immer, wenn ich Krimiserien schaue, eines Tages selbst während irgendwelcher Ermittlungen gefragt zu werden, was ich, sagnwamal, vor zwei Wochen am Mittwoch gegen 19 Uhr gemacht habe. Das könnte ich spontan vermutlich nie beantworten, im günstigsten Fall stünde vielleicht was dazu in meinem Tagebuch ; )

    Liebe Grüße
    Petra

    • Tobi 27. Februar 2017 at 21:13 Antworten

      Liebe Petra,

      schön zu lesen, dass es nicht nur mir so geht. Ich hab z.B. Shadowmarch von Tad Williams gelesen, bin völlig in die Bücher abgetaucht und habe sie von der ersten bis zur letzten Seite genossen, aber ich weiß echt gar nichts mehr. Tad Williams zu lesen ist aber echt extremes Kopfkino, das ist wie träumen und man wird vollkommen in die Geschichte gesaugt und irgendwie gibt es keinen Bezug zur Realität oder dem richtigen Leben. Ich glaub das macht schon was aus.

      Schon wieder ein Buchtipp von dir. Arrr Petra, ich will doch meinen SuB abbauen 😉 Dein Buch mit den vielen Gefahren hat meinem SuB schon nicht gut getan!

      Also so ging es mir ähnlich. Ich kann mich auch oft an Menschen nicht erinnern, denen ich so auf der Straße begegne. Gut in den Öffentlichen sehe ich ja nie jemanden, weil ich immer ein Buch vor der Nase habe. Aber auch darüber hinaus…

      Liebe Grüße
      Tobi

Kommentar verfassen