Manchmal umkreise ich ein Buch recht lange, bis ich mich dazu entschließe es mir zu holen und zu lesen. Hier hat der Titel und Verlag sehr gelockt. Auch der Inhalt hat sich ganz gut angehört aber irgendwie doch nicht so richtig bei mir gezogen. Irgendwann konnte ich dann doch nicht mehr widerstehen und hab mir das gute Stück geholt. Nachdem es mit knapp 200 Seiten nicht allzu lange ist, fällt es in die Kategorie Happen-für-zwischendurch. Ob sich dieser Happen lohnt, erfahrt ihr in den nächsten Zeilen.

Franz von Karsch ist Anfang dreißig, Hydrograf und Forscher und verlässt sein Institut in Hamburg und startet eine weite Schiffsreise um eine Formel für die Vorhersage von Wellenbewegungen zu finden. Das Ziel der Posen ist Valparaíso in Chile am anderen Ende der Welt, was für Franz nicht ausschlaggebend ist, denn für ihn ist der Weg das Ziel. Und das in mehrerlei Hinsicht. Nach und nach lernt der Leser Franz kennen, wobei Schröder immer wieder Rückblicke in die Vergangenheit des Sprosses aus reichem Adelshauses aus Pommern einstreut. Recht schnell wird klar, was für ein schnöder und mittelmäßiger Bursche Franz ist. Darüber ist er sich auch selbst im Klaren und somit begleitet man einen Menschen, der alles andere als ein Held ist. Als Franz auf dem Schiff eine geheimnisvolle und schöne Frau begegnet, wird die Reise für den zögerlichen, auf Gehorsam und Pflichterfüllung getrimmten Franz mehr oder weniger zu einer Art Selbstfindungstrip.

Was vom ganzen Setup her zu einer richtig spannenden Geschichte hätte werden können, erweist sich dann doch als ein steter Strom, bei dem sich die Handlung, ganz entsprechend des Charakters des Protagonisten, nur sehr langsam entwickelt. Eine entscheidende Rolle spielen zwei weitere Passagiere, deren Aufeinandertreffen mit Franz einen starken Einfluss auf die Handlung haben. Dabei erschafft Schröder einen interessanten Charakter, der jenseits von altbekannten Prototypen angesiedelt ist. Durch die Rückblicke und die Beschreibung vergangener Szenen aus Franz Leben, aber auch die Art und Weise wie er auf die anderen Passagiere reagiert, portraitiert Schröder Stück für Stück ein mögliches Menschenleben. Ein orientierungslosen Charakter, der zwischen einem in Niedergang begriffenen Adel, Pflichterfüllung und den eigenen Wünschen hin und hergerissen ist, scheinbar aber nicht genug Schneid besitzt sich aus den festen Strukturen zu befreien. Jeder Passagier birgt sein eigenes Geheimnis, das Franz nach und nach aufdeckt und auch verändert, allen voran das der geheimnisvollen Frau.

Ganz typisch für ein Buch aus dem Hause des Mare Verlags, nimmt das Meer eine entscheidende Rolle ein. Über die Tätigkeit eines Hydrografen, einem Meeresforscher, der die See und den Meeresboden vermisst und analysiert, erfährt man leider sehr wenig. Das Meer, die Wirkung der Stimmungen auf offener See, das Wetter, die Eindrücke, alles nutzt Schröder, um Franz einen Spiegel vorzuhalten und seine Emotionen zu veranschaulichen. Das fand ich sehr gelungen und habe die Beschreibungen zum Teil sehr genossen.

Vom Schreibstil her ist das Buch angenehm zu lesen und nimmt eine auktoriale Erzählperspektive ein, welche das Innenleben und die Gedanken von Franz darstellt, dabei aber stets eine sachliche Distanz wahrt, was sehr gut zu Franz seinem Wesen passt. Gegen Ende gibt es eine kurze Passage, wo über Franz berichtet wird und nicht mehr seine Perspektive eingenommen wird. Wie Franz tickt und denkt wird also im Verlauf sehr gut klar. Insgesamt also weder eine minimalistische, noch schwere, noch sprachlich ausladende Kost.

Allard Schröder ist ein niederländischer Schriftsteller und Der Hydrograf ist sein dritter Roman, der mit dem AKO Literaturpreis ausgezeichnet wurde. In den Niederlanden wurde das Buch ein Bestseller.

Fazit: Insgesamt habe ich die Geschichte als unterhaltsam empfunden, wurde aber vom Buch nicht mitgerissen oder begeistert. Dazu ist Franz ein zu farbloser Mensch und auch die anderen Passagiere sind einem nicht wirklich sympathisch. Nennenswerte Spannung hat die Geschichte ebenfalls nicht. Die Darstellung des Meeres und den Bezug, den Schröder immer wieder zu Franz Innenleben herstellt, ist hingegen sehr gut gelungen. Die Stärke von diesem Roman liegt in der Charakterisierung eines durchschnittlichen Menschen, die sich durchaus echt anfühlt und mit dem geschilderten Lebensweg, Gedanken und Gefühlen sehr gut eine Persönlichkeit portraitiert. Als kurzweilige Zwischenlektüre zur Zerstreuung ist das Buch durchaus empfehlenswert, große Gefühle, Emotionen oder eine packende Liebesgeschichte erwarten hier den Leser allerdings nicht.

Eine Leseprobe findet ihr auf der Webseite vom Mare Verlag.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Titel: Der Hydrograf
Autor: Allard Schröder
Verlag: mare Verlag
Erschienen: 4. Oktober 2016
Seiten: 208 Seiten

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verfasst von Tobi

    2 Kommentare

  1. Petra Gust-Kazakos 20. Februar 2017 at 17:22 Antworten

    Lieber Tobi,

    ach, schade, dass dich das Buch nicht so begeistern konnte – ich bin ja sehr angetan davon. Hauptsächlich, weil der Stil so hübsch in Richtung von Keyserling und Zweig geht, die beiden schätze ich sehr. Klar, ein Pageturner ist das Buch nicht, aber mir passte auch das Tempo gut zum Thema. Das mit den großen Gefühlen geht natürlich in dem distanzierten Ton ein bisschen unter, aber die Geschichte ist ja eigentlich sehr tragisch, das habe ich trotz des Tons auch so empfunden.

    Liebe Grüße
    Petra

    • Tobi 27. Februar 2017 at 21:08 Antworten

      Liebe Petra,

      als Gesamtes betrachtet, finde ich das Buch sehr stimmig. Keyserling hab ich nun schon öfter als Empfehlung bekommen. Momentan bin ich aber gut dabei meinen Stapel ungelesener Bücher wieder ordentlich abzubauen. Im Anschluß werde ich ihn unbedingt antesten. Aber du weißt ja, ich mag es sehr, wenn es so richtig leidenschaftlich zu geht 😉 Die letzten Wochen war ich wieder mehr mit Fantasy unterwegs und da ist ja hinsichtlich Spannungskurve nochmal mehr geboten. Da brauch ich jetzt unbedingt wieder ein paar Klassiker, die etwas gleichmäßiger sind um wieder runter zu kommen 🙂

      Liebe Grüße
      Tobi

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