Als ich vergangenes Jahr Alles für ein bisschen Ruhm von Alfred Hayes gelesen habe, da hatte ich nochmal so richtig Lust auf eine Geschichte aus der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit dieser ganz eigenen Ausstrahlung, diesem dekadenten, melancholischen und verrauchten Stil der dem Amerika dieser Zeit anhaftet. Handlungsort ist zwar die Côte d’Azur, aber die Charaktere und der Stil haben genau das versprochen, was ich auch in Hayes Roman sehr genossen habe. Maikes Rezension und ein recht günstiges Angebot bei Booklooker haben mich dann am Ende zum Kauf bewogen.

Die Autorin Klaussmann kannte ich vorher nicht und auch den Klappentext habe ich mal wieder nicht komplett gelesen. Das ist zwar dann oft ein Blindflug, aber hier ist der Klappentext wieder einmal ein super Spoiler und ich bin sehr froh, dass ich nach dem ersten Satz nicht mehr weiter gelesen habe. Aber Nicht-Klassiker-Bücher sind immer ein erheblich größeres Risiko daneben zu greifen und so ist es dann oft auch nicht so wichtig den gesamten Klappentext zu kennen.

Es gibt drei Protagonisten, das ist Gerald, Sara und Owen. Das Buch beginnt damit, dass es knapp die Lebensumstände dieser drei darstellt. Das ganze Buch ist sozusagen dann die Vorgeschichte davon. Die beginnt mit der frühen Jugend der drei Hauptfiguren, die aber nur episodenhaft dargestellt wird. Wie sie den Krieg erleben, wie Gerald und Sara zusammen und sie an die Côte d’Azur kommen. Etwa 170 Seiten nimmt sich die Autorin dafür Zeit, was ausreicht um einem die Charaktere näher zu bringen. Erst im Anschluss geht es um das dekadente Treiben von Sara, Gerald und den vielen Berühmtheiten.

Dank des starken Dollars konnten reiche Amerikaner in Europa, insbesondere aber im vom Krieg ruinierten Frankreich, ein luxuriöses Leben führen. Die Lost Generation besteht aus einigen bekannten Autoren der amerikanischen Moderne, sowie Künstlern, die es in den 1920ern an der Côte d’Azur ordentlich haben krachen lassen. Hemingway, Fitzgerald, Picasso, John Dos Passos sind die bekanntesten Figuren, die in diesem Buch ihren Auftritt haben und in engem Kontakt mit Gerald und Sara stehen. Insgesamt kommen sie allerdings in dem Buch nicht gut weg. Das dekadente und verschwenderische Treiben besteht eigentlich primär aus Party, Saufen, Affären, Baden am Strand, Kaviar fressen, literweise Champagner schlürfen und oberflächliches Schwurbeln. Es wird zwar schon das Gefühlsleben der einzelnen Personen geschildert, aber alle oben genannten Figuren und auch Gerald und Sara kommen dabei irgendwie nicht gerade gut weg und insgesamt konnte ich mit keinem von ihnen wirklich mitfühlen. Zufrieden ist die Truppe auch irgendwie nicht gewesen. Gerald und Sara machen in den fetten Jahren auch nichts anderes, als das ererbte Geld zu verprassen ohne wirklich etwas zu leisten oder im eigenen Leben etwas zu verwirklichen.

Ich habe das Buch stellenweise als langsam empfunden, habe mich aber an anderer Stelle wieder ganz gut unterhalten gefühlt. Besonders die Dialoge und Begegnungen auf den Partys waren dann ganz interessant. Das ist zwar alles nicht spektakulär, aber hat doch Unterhaltungswert. Die Charaktere waren mir oft nicht fein genug ausgestaltet. Für den Wandel den Gerald und Owen beispielsweise hinlegen, kamen mir die inneren Konflikte etwas flach und wenig realistisch vor. Die Riviera, die Orte und Villen und die Atmosphäre der Orte hat Klaussmann allerdings sehr schön in Szene gesetzt und dahingehend bin ich wirklich in das Buch abgetaucht.

Als problematisch habe ich die historisch echten Charaktere empfunden. Hemingway, Zelda und Scott Fitzgerald, Picasso und John Dos Passos haben hier ihren Auftritt. Ich finde das sehr schwierig, was davon ist echt, was hat sich die Autorin ausgedacht? Die Anmerkungen der Autorin verraten, dass sie gut recherchiert, viel gelesen und aus echten Briefen übernommen hat. Wenn sie dann aber beispielsweise einen sehr persönlichen Blick auf Zeldas und Scotts Beziehung wagt oder aus Saras Sicht über Hemingways Frau urteilt, stellt sich mir schon die Frage, wie authentisch das wirklich ist? Ist das für diese Geschichte erdacht, oder Dinge hinzugedichtet? Ganz klar ist das nicht, wie die Autorin selbst anmerkt, was mich dann doch gestört hat. Die Frage ist also, ob das Bild, das durch den Auftritt, durch die Beschreibung der Worte und Handlungen der Charaktere entsteht, glaubhaft ist oder nicht. Hemingway wird auf jeden Fall wieder als ziemlicher Arsch dargestellt und war mir erneut wieder sehr unsympathisch. Ich schätze ihn mit seinem reduzierten Stil auch als Autor nicht sonderlich und kann immernoch nicht verstehen, wie er so viel Berühmtheit hat erlangen können. Andererseits mögen die Leute eine ganze Menge, wo ich mich frage was da los ist, also verwundert Hemingways Beliebtheit auch wieder nicht.

Insgesamt bekommt man einen sehr guten Eindruck vom Treiben der Lost Generation. Überrascht hat mich am Ende, dass Sara und Gerald keine fiktiven Figuren sind. Nachdem Klaussmann Saras und Geralds Gedankenwelt am genauesten darstellt, hätte ich erwartet, dass sie dazu da sind, die Geschichte voran zu treiben, aber nicht wirklich existiert haben. Aber wie ihre Anmerkungen verraten, gab es die beiden, ihre Partys, die Villa America und auch die Partys für Hemingway zusammen mit den Fitzgeralds tatsächlich. Für ihre Recherche hat sie auf ein Buch von Amanda Vaill zurückgegriffen, von der ich bereits Hotel Florida gelesen habe (in dem ebenfalls Hemingway eine bedeutende Rolle einnimmt).

Das Buch orientiert sich stark an den Biographien der Figuren, die tatsächlich einmal gelebt und viele der Dinge erlebt haben. Als Leser bekommt man also genau das, was man hier liest. Wie sie in einem Zitat dem Buch vorangestellt hat, stellt das Buch Menschenleben dar, wie sie sein können und hat keine tiefere Moral, als die, die das Leben selbst jedem Menschen bietet. Aber das muss natürlich auch nicht sein und so bekommt man als Leser sehr gute Unterhaltung.

Fazit: Angelehnt an historischen Ereignissen mit Menschen, die tatsächlich existiert haben, bietet Villa America einen sehr stimmungsvollen Einblick in die Lost Generation der 1920er Jahre. Mit all den großen Protagonisten dieser Szene, wie Hemingway, den Fitzgeralds, Picasso oder Dos Passos, taucht man beim Lesen in die dekadente und vergnügungssüchtige Welt an der Riviera ein. Auch wenn nicht ganz klar ist, was sich nun tatsächlich so zugetragen hat und ob die so porträtierten Menschen wirklich so waren, bekommt der Leser eine unterhaltsame Geschichte geboten. So richtig begeistern konnte mich das Buch und seine Charaktere allerdings nicht. Ich habe doch immer eine gewisse Distanz zu den Charakteren empfunden und immer das Gefühl gehabt, das ihre Gedanken nicht vollständig dargestellt sind und irgendwie etwas fehlt. Wem das Setting zusagt, dem kann ich das Buch nur empfehlen. Ein must read ist es allerdings nicht.

Und wer sich in die passende Stimmung zu dem Buch bringen möchte, der kann sich nochmal mein schickes Grammophon anhören.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Titel: Villa America
Autor: Liza Klaussmann
Verlag: Droemer Knaur Verlag
Erschienen: 1. April 2016
Seiten: 496 Seiten

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verfasst von Tobi

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