Hervorragende Buchtipps finde ich immer wieder in Büchern selbst. Und wenn ein Autor oder Titel immer wieder Erwähnung findet, dann weckt das zumindest meine Aufmerksamkeit. Ein solches Buch ist Die neue Heloise von Jean-Jacques Rousseau, das zuletzt in einem Buch von Balzac erwähnt wurde und auf das ich schon unzählige Male gestoßen bin. Der Inhalt liest sich auch sehr gut: Ein Briefroman und eine unverheiratete junge Frau, die sich der unsittlichen Liebe hingibt. Und ein Buch, das skandalös genug war, Gesprächsstoff in den Pariser Salons zu werden. Das Ganze noch von einem französischen Autoren. Klar, dass ich hier schonmal gut angespitzt war und nicht lange widerstehen konnte.

Natürlich habe ich mich gleich auf die Suche nach einer schicken Prunkausgabe gemacht und wurde jäh enttäuscht. Ein Ebook findet man recht schnell und sonst siehts echt finster aus. Darüber hinaus gibt es ein paar schlatzrige Taschenbuchausgaben, die auch schon ordentlich teuer sind und recht alte (noch teurere) gebundene Antiquariate. Ich habe dann auf ebay ein ziemlich gutes Schnäppchen gemacht und die beiden Bände in einem kompakten Format für nur wenige Euro ergattert. Erschienen sind die beiden Büchlein im Philipp Reclam jun. Verlag. Es steht kein Jahr dabei, aber aus meinen Recherchen vermute ich, dass die Ausgabe so um 1900 erschienen ist. Auf jeden Fall sind die Bücher auch schon ziemlich durch, in Frakturschrift und beim ersten Band ist mir der Buchrücken beim Lesen etwas aufgebrochen (beim zweiten Band war er das schon). Kein bibliophiler Knaller also, aber irgendwie ist es auch wieder stimmungsvoll, so alte Bücher in Händen zu halten.

Der Inhalt ist recht schnell umrissen: Die schöne Julie aus adeligem Hause verliebt sich in ihren gleichaltrigen bürgerlichen Hauslehrer und beginnt eine Liaison mit demselbigen. Im 18. Jahrhundert war das natürlich gesellschaftlich und moralisch nicht im Ansatz geduldet und so beginnt für die beiden ein Kampf um die wahre Tugend. Das Buch ist als Briefroman ausgelegt und besteht aus der Korrespondenz, welche die Liebenden untereinander und mit Menschen aus ihrem Umfeld, beispielsweise der Cousine, unterhalten haben. Es sind auch einige Briefe dabei, welche sich einige Nebenfiguren untereinander zugesendet haben. Das Format funktioniert sehr gut und ist so angelegt, dass man als Leser sehr gut den Verlauf der Geschichte, die Begegnungen und deren Ergebnisse verfolgen und nachvollziehen kann. Dadurch, dass immer einer der Beteiligten aus eigener Sicht erzählt und beschreibt, entsteht eine angenehme Nähe zu den Protagonisten.

Die neue Heloise wurde 1761 veröffentlicht und meine Ausgabe ist von etwa 1900 und damit ist klar, dass man hier auf eine etwas andere Sprache trifft, als bei einem aktuellen Buch oder neu übersetzten Klassiker. Der Stil ist sehr wortreich, sehr gefühlvoll, sehr schwulstig und altmodisch. Zu der Geschichte, der Zeit und dem Thema passt das sehr gut. Ich mag es sehr, wenn mit so viel Inbrunst und Hingabe berichtet wird und die Franzosen ganz typisch wieder voll aufdrehen. In der Liebe, aber auch in allen anderen Betrachtungen, gibt es nur alles oder nichts. Die ewige Liebe, oder den Tod, die perfekte Tugend oder das Laster. Hier sprudelt es nur so vor Emotionen. Was bei Alarm für Cobra 11 die explodierenden Autos sind, das sind hier die brodelnden Gefühle und bei den französischen Autoren, da explodieren die Liebhaber so zuverlässig, wie im TV die zuvor genannten Autos. Die Protagonisten werfen sich hier regelmäßig gegenseitig zu Füßen, um dieselben mit ihren Tränen zu netzen. Mir hat das alles wieder sehr gut gefallen. Das ist ganz großes Kino und genau mein Stil.

„Weißt du wohl, bis zu welchem Grade dir ein Geliebeter, der nur für dich athmet, Freude am Dasein einzuflößen im Stande ist? Begreifst du es seinem ganzen Umfange nach, daß ich künftighin für dich allein leben, wirken, denken, empfinden werde? Nein, du köstlicher Quell meines Wesens, keine andere Seele als die deine werde ich fürder haben; ich werde nichts mehr sein als ein Theil von deinem Ich, und in der Tiefe meines Herzens wirst du ein so süßes Dasein finden, daß du nicht fühlen sollst, was dein eigenes an Reizen verloren hat.“ (Band 1, S. 452)

Der Roman besteht aus zwei Bänden. Den ersten Band fand ich von der Story her sehr unterhaltsam. Es gibt zwar einige Passagen, wo Saint-Preux, der Liebhaber von Julie, sich ausführlichst über die die Pariser Gesellschaft auslässt (und auch darüber hinaus gibt es einige langatmige Briefe) aber insgesamt wird einem eine packende Geschichte geboten. Ich konnte mich ganz gut in die Protagonisten einfühlen und auch wenn es, wie schon erwähnt, sehr schwulstig zugeht, ist es eine bewegende Liebesgeschichte. Ach was soll ich sagen, ich hab einfach ein empfindsames Herz und lass mich schnell vom Schicksale zweier Liebenden bewegen. Es gibt allerdings auch einige Stellen, wo der gute Saint-Preux schon eine ziemliche Memme ist und eben ein übertrieben emotionaler oder labiler Typ ist. So wirklich realistisch ist das Ganze nicht, dass muss man einfach sagen.

Julie d’Étanges liest einen Brief von Saint-Preux. Zeichnung: Tony Johannot, Stich: Brugnot. (Quelle: Wikipedia)

Zwischen dem ersten und zweiten Band ist dann ein Zeitsprung von rund acht Jahren. Die Spannung, wie es nun weiter geht, war da bei mir noch ordentlich da. Dann nimmt das Tempo aber rapide ab. Die erste Hälfte des zweiten Bandes war dann schon sehr zäh. Hier beschreibt Rousseau recht genau, wie ein fluffiger Landwirtschaftsbetrieb in perfekter Weise läuft und geht auf viele Details ein. Das hatte schon eher philosophischen Charakter, denn hier geht es ihm darum zu zeigen, wie der tugendhafte Landbewohner, über alle Stände hinweg, sein Leben gestallten sollte. Das ist an vielen Stellen erstaunlich fortschrittlich und hat mich ein bisschen an die Firmenkultur von Startups erinnert. Gleichzeitig hat er völlig antiquierte und rückständige Ansichten, bei dem es einem kalt den Rücken hinunter läuft. Beispielsweise was die Stellung der Frau angeht oder die Erziehung von Kindern. Insgesamt schneidet er hier aber eine ganze Menge Themen an. Glaube, Moral, Erziehung, das Recht auf Selbstmord, Atheismus und die Gesellschaft sind alles Komplexe, die er berührt und mal mehr, mal weniger ausführlich ausführt.

Erst die zweite Hälfte des zweiten Bandes wird dann wieder interessant, denn da geht es mit den Protagonisten und ihrem Schicksal wieder weiter. Das Ende kam mir wieder sehr konstruiert vor und konnte mich weniger begeistern. Hier wird das Tempo wieder sehr langsam und auch wenn Rousseau gerade hinsichtlich des Glaubens hier versucht einen Bogen zu spannen, konnte er mich mit keiner Aussage so richtig erreichen.

Was die Briefe wieder etwas glaubwürdiger, wenn auch ziemlich langatmig machen, ist die Tatsache, dass die Beiden immer wieder die gleichen Themen durchkauen. Von allen Seiten wird die Tugend, das Laster und jede Äußerung, welche die beiden machen, genauestens vom Gegenpart analysiert und bewertet. Das ergibt dann oft sehr lange Briefe, die wenig Neues zu bieten haben. Rousseau ist sich dieser Wirkung durchaus bewusst und in einer Fußnote (vgl. Band 2, Seite 321) schreibt er ganz deutlich, dass ihm das egal ist. Ein ziemlich klares Statement auf jeden Fall. Insgesamt macht gerade das, aber auch die vielen Widersprüche und fehlgeleiteten Ansichten der Briefeschreiber die Briefesammlung wieder irgendwie authentisch.

In einem ausgedehnten Vorwort versucht Rousseau eine Erklärung darüber abzugeben, was er mit diesem Buch erreichen will. Teilweise geschieht das in einem Dialog mit seinem Buchhändler, wo er erläutert, dass er sozusagen in dem ersten Buch das Laster und im zweiten Buch eine tugendhafte Lebensweise aufzeigen will. Darin will er seiner ländlichen Leserschaft schmeicheln und schmackhaft machen, wie genial doch das Leben auf dem Lande ist und wie lasterhaft und schlecht in der Großstadt (hier gilt sein berühmter Slogan „Zurück zur Natur“). Im zweiten Band macht er das tatsächlich sehr ausführlich und aus meiner Sicht nicht sonderlich geschickt. Man kann sich das Landleben natürlich so ausmalen, aber er phantasiert sich hier eine Gesellschaft zusammen, die so nie existieren würde, denn immerhin redet er ja vom Zusammenleben von Menschen. Die Realität sieht anders aus und so kam mir alles, was er im zweiten Band beschreibt schon sehr theoretisch vor. Zusammen mit den langatmigen Beschreibungen habe ich mich hier doch oft gelangweilt.

Deutliche Kritik übt Rousseau mit der Geschichte natürlich an den Standesunterschieden und bricht eine Lanze für die Heirat aus Liebe. Im zweiten Band revidiert er aber doch eine ganze Menge und stellt die Religiosität und Tugend, einen ehrlichen und offenen Umgang miteinander und einen gemäßigten Lebenswandel als das anzustrebende Lebensideal dar. So habe ich es zumindest empfunden. In vielen Punkten, insbesondere wenn er beschreibt, wie eine genügsame Bewirtschaftung eine Weingutes aussehen könnte und was die Leitlinien für dessen Gemeinschaft sein könnten, so habe ich das doch in vielen Punkten als sehr fortschrittlich empfunden. Wie die Religion aber als Mittel zur Kompensation der Unfreiheit und der unterdrückten Gefühle proklamiert wird, wie ein tugendhaftes Leben über das persönliche Glück gestellt wird, das wird hier doch sehr deutlich dargestellt. Betrachtet man in diesem Buch die Figuren, so bleiben alle schön in ihrem fest vorgegebenen Rahmen, mucken nur geringfügig auf und fügen sich dann brav in die Leitlinien der damaligen Gesellschaft und machen sich diese zu eigen. Besonders das Ende verdeutlicht noch einmal die Wichtigkeit der Religion für die einzelnen Charaktere. Sowohl im Vorwort, als auch in den Fußnoten distanziert sich Rousseau klar von seinen Figuren, beschreibt ihre Philosophie als ländlich geprägt und beschränkt. Mir fällt es schwer zu interpretieren, was das Weltbild Rousseaus ist und welches er mit diesem Buch wirklich propagieren möchte. Ein guter Grund vielleicht bald zu Rousseaus „Bekenntnisse“ zu greifen.

Die neue Heloise war auf jeden Fall einer der größten Bestseller des 18. Jahrhunderts, wurde über 70 Mal aufgelegt und war zeitweise völlig vergriffen. Ursprünglich hieß das Buch Briefe zweier Liebender aus einer kleinen Stadt am Fuße der Alpen, denn in den Schweizer Alpen ist der Handlungsort angesiedelt. Der Titel Julie ou la Nouvelle Héloïse, unter dem das Buch bekannt wurde, spielt auf die Liebesgeschichte von Heloisia und Peter Abelard an. Diese aus dem 12. Jahrhundert überlieferte Geschichte hat einen ähnlichen Anfang: Heloisia verliebt sich in ihren Hauslehrer Abelard, geht mit ihm eine Liaison ein, die später allerdings auffliegt und so zu einigen Verirrungen führt.

Mich hat Die neue Heloise auch an Goethes Werther erinnert. Eine Geschichte, die ebenfalls als Briefroman ausgelegt ist, einen ähnlichen Stil hat und ebenfalls die Natur sehr stark in die Geschehnisse einbindet. Rousseau beschreibt immer wieder die Natur, verbindet sie mit den Charakteren und setzt sie stark miteinander in Beziehung. Nachdem Goethes Werther dreizehn Jahre nach Rousseaus Roman erschien und es doch deutliche Parallelen gibt, würde es mich nicht wundern, wenn sich Goethe von Rousseaus Roman hat inspirieren lassen.

Rousseau ist auf jeden Fall einer von den ganz dicken Fischen im Teich. Als ein sehr bedeutender Philosoph der Aufklärung ist er in die Geschichte eingegangen und sein Werk ist fest mit der französischen Revolution verbunden. Sein pädagogischer Aufruf „Zurück zur Natur“ ist auch in diesem Buch wieder ganz deutlich zu finden. Wer mehr über Rousseau und seine Philosophie erfahren möchte, dem wird die Lektüre dieses Buches kaum ausreichen. Vermutlich muss man hierfür seine Bekenntnisse lesen. Ob das tatsächlich so ist werde ich noch in Erfahrung bringen und euch dann berichten.

Fazit: Auf dieses Buch war ich sehr gespannt. Sowohl wegen seiner vielen Erwähnungen in den Büchern des 19. Jahrhunderts, aber auch wegen seines Klappentextes (bzw. der Kurzzusammenfassung, die man so findet). Der erste Band konnte mich mit seinen gefühlvollen Szenen, der schönen altmodischen und romantischen Sprache und der Liebesgeschichte wegen sehr begeistern. Stellenweise der erste, aber insbesondere der zweite Band war mir zu geschwätzig, zu ausführlich und ist vom Spannungsbogen zu stark abgeflacht. Rousseaus Ausführungen zu den verschiedensten Themen, beispielsweise wie ein landwirtschaftlicher Betrieb idealerweise geführt werden sollte, die Erziehung, Glaube oder Moral, habe ich als eher durchwachsen und stellenweise sehr langatmig empfunden. Insgesamt eine schöne Liebesgeschichte, die an einigen Stellen sehr packt, an anderen wieder sehr konstruiert wirkt. Sicher kein Buch, dass man gelesen haben muss, aber dessen Lektüre man auch nicht bereut.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Titel: Julie oder Die neue Heloise
Autor: Jean-Jacques Rousseau
Verlag: Reclam
Übersetzung: Hermann Denhardt
Erschienen: ca. 1880 (Band 1) und ca. 1890 (Band 2)
Erstveröffentlichung: 1761
Seiten: 533 Seiten (Band 1) und 495 Seiten (Band 2)

verfasst von Tobi

    3 Kommentare

  1. Angela Busch 29. April 2017 at 12:35 Antworten

    und so liebevoll und ausführlich hast. Briefromane sind also keine Erfindung vom Autor von Daniel Glattauer *Gut gegen Nordwind*. Ich habe grad ein Buch von der südfranzösischen Autorin Thyde Monnier *Der unfruchtbare Feigenbaum* wieder gefunden, deren Werke ich vor Jahrzehnten verschlungen habe ;-). Ich denke sie wird gar nicht mehr verlegt… werde ich mal googeln …
    Ein schönes langes WE für Dich!
    Angela

    • Tobi 29. April 2017 at 19:30 Antworten

      Liebe Angela,

      oh schade, da ist nur ein Teil von deinem Kommentar angekommen. Der beste Briefroman, den ich bisher gelesen habe, ist „Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos de Laclos. Das ist ein richtig gutes Buch. Aber viele Briefromane habe ich nicht im Schrank stehen. Die Richtung kommt doch zu selten vor und ist glaub ich schon sehr schwierig umzusetzen. Weder Glattauer, noch Monnier kenne ich. Das scheinen ziemliche Geheimtipps zu sein.

      Liebe Grüße und auch dir ein schönes langes Wochenende
      Tobi

  2. Angela Busch 29. April 2017 at 12:38 Antworten

    Merkwürdig, mein Lob für Deine Rezi wurde verschlungen,,,Sorry!

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