Graphic Novels und Comics habe ich die letzten Jahre sträflich vernachlässigt und sie haben es bisher nicht geschafft meine Aufmerksamkeit zu wecken. Die Zeit ist einfach begrenzt und da muss man doch selektieren. Die Lust auf diese Sparte ist nun aber bei mir geweckt und nun habe ich einige Zeit damit verbracht mich durch Comics und Graphic Novels zu stöbern. Der Splitter Verlag hat eine hervorragende Webseite und recht schnell bin ich da auf Der Seewolf von Riff Reb’s gestoßen. Ich bin echt zimperlich und wählerisch. Ein Comic muss schon schick aussehen, schön gezeichnet sein, eine ansprechende Geschichte haben, darf nicht zu minimalistisch und nicht zu übertrieben künstlerisch sein. Bei Der Seewolf war nach der Leseprobe klar, dass er allen Ansprüchen gerecht wird. Nachdem ich das Buch Der Seewolf von Jack London vor wenigen Monaten erst gelesen habe, war ich sehr gespannt, wie gut die Story in ein Comic gegossen wurde.

Der Klappentext von Der Seewolf hört sich schon nach einer sehr guten Geschichte an. Der intellektuelle und gut betuchte Humphrey Van Weyden will eigentlich nur einen Freund besuchen und mit der Fähre übersetzen. Aufgrund des dichten Nebels kollidiert sein Schiff aber mit einem großen Ozeandampfer und sinkt. Humphrey wird aus dem Meer gefischt und kommt auf einem Robbenschoner wieder zur Besinnung. Dort herrschen recht krude Umgangsformen und der Kapitän Wolf Larsen ist der ruppigste von allen. Humphrey muss an Bord bleiben und lernt die Besatzung, das Leben an Bord und den überraschenderweise sehr belesenen und tiefgründigen Kapitän immer besser kennen.

Das Buch lebt von dem sehr materialistischen und völlig vom Darwinismus geprägten Weltbild des Kapitäns, der keine Gelegenheit auslässt, Humphreys Moralverständnis vorzuführen. Er terrorisiert seine Mannschaft und der brutale Alltag an Bord verändert Humphrey und stellt sein gutmütiges Wesen immer wieder auf die Probe. Ich war gespannt, wie diese Dialoge, die so viel von dem Buch ausmachen, sich auf ein Comic übertragen lassen. Und ich war positiv überrascht. Natürlich fehlen diese schönen Feinheiten, die so ein geschriebener und wesentlich umfangreicher Dialog eines normalen Buches bietet. Aber der Kern des Konflikts wird hier sehr schön vermittelt. Mir haben auch die gezeichneten Figuren sehr gut gefallen, welche die Charaktere aus dem Buch in überspitzter Form sehr schön wiedergeben. Das muss man als Zeichner erst einmal hin bekommen und das ist hier schon sehr schön gelungen. Natürlich immer überzeichnet, aber dafür sehr stimmungsvoll. Der Schiffskoch Mugridge, Humphrey (besonders wie er sich über die Zeit an Bord auch optisch verändert) und natürlich der Kapitän Larsen, mit seinem ganz eigenen Ausdruck in den Augen, alles hat Riff Reb’s sehr schön in eine Bildsprache übertragen.

Ich habe mich auch gefragt, wie gut sich das Buch auf 144 gezeichnete Seiten zusammenfassen lässt und wie die Szenen sich verteilen. Gerade der Anfang der Geschichte, wie Humphrey an Bord ankommt, kam mir im Vergleich sehr umfangreich vor. Die Gewichtung ist aber auch eine gute Entscheidung, denn hier passieren einige zentrale Szenen, welche das Buch voran bringen und das dafür sorgt, dass man schön in die Geschichte hinein kommt. Gleichzeitig kommen andere Szenen wiederum etwas zu kurz. Im Roman war beispielsweise die Szene mit Humphrey auf der Insel wesentlich umfangreicher und länger, da hat man viel besser mitbekommen, was Humphrey hier eigentlich leistet und wie stark er sich verändert hat. Insgesamt würde ich sagen, dass mit fortschreitendem Verlauf die Inhalte immer stärker gerafft dargestellt werden. In dieser Graphic Novel wird die Geschichte mit wesentlich mehr Action dargestellt, als ich es von der Romanvorlage im Gedächtnis hatte. Die Dialoge schneiden erwartungsgemäß etwas kürzer ab und haben eindeutig das Nachsehen. Was mich gestört hat, ist das Ende, dass nicht so beschaffen ist, wie in Londons Roman. Das fand ich etwas schade, denn ich dachte, das Ziel einer Graphic Novel wäre es, das Original nachzuzeichnen. Dadurch, dass hier der Blick auf das Innenleben der Figuren reduziert und die äußeren Konflikte und Auseinandersetzungen wesentlich deutlicher zu Tage treten, verschiebt sich aber auch die gesamte Wirkung der Geschichte. In dem Kontext finde ich das Ende wieder sehr gelungen.

Die Bilder sind sehr schön gezeichnet und haben einen skizzenhaften aber sehr klaren Stil, der in den einzelnen Kapiteln in unterschiedlicher Hintergrundfarbe eingefärbt ist. Die Atmosphäre und das Meer kommt hier hervorragend zur Geltung, wobei mir die Zeichnungen von stürmischer See am besten gefallen haben. Zwischen den Kapiteln sind drei Doppelseiten mit großen Skizzen eingeflochten, die in klassischem Schwarzweiß das Schiff im Meer zeigen. Das ist sehr stimmungsvoll und sehr kunstvoll. Das hat mir vom Zeichenstil sehr gut gefallen. Das Buch wirkt klassisch wie ein Comic, nicht übertrieben künstlerisch, wird aber durch die doch fein wirkenden Abbildungen dem Buch absolut gerecht.

Das Buch selbst hat mich sehr positiv überrascht. Es sieht echt schick aus und ist auch gar nicht so groß, wie die Vorschau vermuten lässt. Ich hatte so ein Asterix oder Tim und Struppi Format erwartet. Tatsächlich ist es mit seinen 26x18cm schön handlich, aber immernoch groß genug, dass alle Bilder schön zur Geltung kommen. Es hat einen Schutzumschlag und darunter ist es bedrucktes Hardcover mit dem identischen Motiv. Gerade der Schutzumschlag wertet es nochmal sehr auf. Für ein Comic liegt es hervorragend in der Hand, wirkt schön stabil und wartet sogar mit einer Fadenbindung auf. Meinen bibliophilen Ansprüchen wird es auf jeden Fall gerecht. Das einzige, was ich mir anders wünschen würde, ist ein Leineneinband mit einer passenden Prägung. Aber das ist in Anbetracht der Ausstattung First-World-Gejammer.

Fazit: Der Seewolf von Jack London ist ein sehr schönes und fesselndes Buch. Die Atmosphäre, die Stimmung an Bord der Ghost, die zentralen Konflikte und die einzelnen Charaktere gießt Riff Reb’s mit einer hervorragenden Wirkung in ein hochwertiges Comic. Besonders die Szenen auf stürmischer See und die Action hat mir sehr gut gefallen und kommt als Comic sehr gut zur Geltung. Bei den Dialogen und den Feinheiten der Story bleibt diese Graphic Novel wenig überraschend etwas zurück. Es entsteht mit dieser Adaption doch wieder ein verändertes Werk, was schließlich auch in dem zur Romanvorlage alternativen Ende zum Ausdruck kommt. Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Wer den Roman toll fand, der wird auch diesen Comic lieben. Aber auch für alle anderen, die eine gute Geschichte zu schätzen wissen und sich dem Genuss schöner Zeichnungen und Illustrationen hingeben möchten, kann ich Der Seewolf von Riff Reb’s nur empfehlen. Einen festen Platz in meinem Schrank ist diesem kleinen Kunstwerk auf jeden Fall sicher.

Hinweis: Das Copyright der gezeigten Zeichnungen liegen beim Splitter Verlag. Wer weitere Bilder vom Buch sehen möchte, dem kann ich die Verlagsseite zu Der Seewolf empfehlen. Dort kann man die ersten Seiten anlesen und bekommt sehr schön einen ersten Eindruck, was einen hier erwartet.

Über das Buch

Titel: Der Seewolf
Autor: Jack London / Riff Reb’s
Verlag: Splitter Verlag
Illustration: Riff Reb’s
Erschienen: 1. Juni 2013
Erstveröffentlichung: 1904
Seiten: 144 Seiten

Klappentext anzeigen
Der Klassiker von Jack London als grandiose Comic-Adaption! Nach einem Schiffbruch wird der etwas schöngeistige und wohlhabende Humphrey Van Weyden von dem Robbenschoner Ghost aus dem Meer gefischt. An Bord herrscht der brutale Kapitän Wolf Larsen, der Weyden, anstelle ihn an Land zu bringen, mit Gewalt als Küchenhilfe einsetzt. Für Larsen ist der einzelne Mensch nichts wert und dementsprechend behandelt er seine Besatzung. Doch nach und nach entwickelt der grobe, aber überaus intelligente Kapitän eine gewisse Wertschätzung für den gebildeten Humphrey.
verfasst von Tobi

    7 Kommentare

  1. Olaf 29. April 2018 at 21:01 Antworten

    Hallo Tobi, schöne Rezension, die Lust auf die Graphic Novel macht. Tipp von mir: Die Graphic Novel zu einem anderen Klassiker, nämlich Fahrenheit 451 von Tim Hamilton.

    • Tobi 3. Mai 2018 at 21:11 Antworten

      Lieber Olaf,

      vielen Dank für den Tip. Also das Buch sieht echt interessant aus. Besonders, weil es vom Inhalt eine Distopie im Stile von 1984 ist. So etwas lese ich grundsätzlich immer sehr gerne. Das kommt auf jeden Fall auf die Liste.

      Liebe Grüße
      Tobi

  2. Oliver W. 5. Mai 2018 at 10:48 Antworten

    Hallo Tobi, Deine Rezension hat mir sehr gut gefallen, da hier der Vergleich zum Roman explizit mitverschnürt wird. Schau Dir auf jeden Fall im Splitter Verlag noch einen weiteren Klassiker „Moby Dick“ im selben Buch-Format an – lohnt sich ebenfalls!

    • Tobi 5. Mai 2018 at 20:38 Antworten

      Lieber Oliver,

      Moby Dick als Roman hat mich nur bedingt überzeugen können. Aber bei einer Graphic Novel könnte das durchaus sehr gut passen, denn vermutlich wird da die Kerngeschichte im Mittelpunkt stehen. Von der Leseprobe her sieht das schon sehr gut aus. Ich liebe ja diese Abenteuer auf dem Meer. Als Roman sind die schon ein Genuss und die locken auch als Graphic Novel schon sehr.

      Viele Grüße
      Tobi

  3. Andrea 6. Mai 2018 at 17:49 Antworten

    Wow, die Zeichnungen sind wirklich sehr gelungen. Was ist auch noch empfehlen kann, sind die Graphic Novels von „Game of Thrones“, also quasi Klassiker. Auch sehr schön gezeichnet, aber natürlich etwas gekürzt. Haben mir aber sehr gut gefallen.

  4. Pingback: Die Chroniken von Legion von Fabien Nury 26. Mai 2018 at 17:41

    […] gewöhnlich aus. Hier hätte ich mir nochmal einen schönen Schutzumschlag gewünscht, wie das bei Der Seewolf der Fall ist. Die Illustration des Frontcovers und auch das Vorsatzpapier hätte aus meiner Sicht […]

  5. Steffy1 14. Juni 2018 at 12:41 Antworten

    Der originale Seewolf war bereits ein tolles Buch. Die tollen Zeichnungen machen es umso besser.

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