Vor einiger Zeit habe ich Graphic Novels für mich entdeckt und bin dabei mir einen Überblick zu verschaffen und die vielversprechendsten Titel zu holen. Brodecks Bericht ist ein solches Buch, dass vom Inhalt eigentlich gar nicht mein Beuteschema ist, aber das mich von der ganzen Aufmachung und den ausdrucksstarken Bildern überzeugen konnte. Besonders die Kulisse einer unberührt wirkenden Wildnis ist ein Element, das mich restlos überzeugt hat. Hier erfahrt ihr, ob sich der Kauf lohnt und was euch bei Brodecks Bericht erwartet.

Wer das Buch zur Hand nimmt, der wird schon auf dem Schuber mit für das Buch ganz typischen Bildern konfrontiert. Mit den Gesichtern der Dorfbewohner, mit der einsamen Natur, mit Vögeln, die in einen grauen und leeren Himmel aufsteigen. Zieht man dann das Buch aus dem Schuber, so stellt man fest, dass es im Landschaftsformat gelesen wird. Wie man es eigentlich von manchen Filmen her kennt, beginnt es ganz ohne Worte, mit Bildern von der Natur, die für das gesamte Buch ganz typisch sind. Brodeck, der Protagonist der Geschichte, ist auf dem Weg in ein einsames und karg wirkendes Dorf. Der Aussenseiter betritt das Wirtshaus, um dort Butter zu kaufen und trifft dort das versammelte Dorf an. Sie haben kollektiv einen Fremden ermordet und Brodeck soll einen Bericht verfassen, der diese Tat rechtfertigt. Gezwungenermaßen stimmt Brodeck zu und beginnt Hintergründe der Tat zu recherchieren. Der Leser erfährt aber nicht nur das, was Brodeck in den Bericht aufnimmt, sondern auch Hintergründe zu ihm selbst, zu seinem Leben und seiner Vergangenheit, die in einer engen Verbindung zu dem Dorf und seinen Bewohnern steht.

Laut Klappentext ist der Hintergrund ein Dorf im deutsch-französisches Grenzgebiet kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Von der Landschaft her wirkt es eher wie die Wildnis Kanadas, mit dichten Wäldern, viel Schnee und eisiger Kälte. Die Einsamkeit, die unberührte Natur und das karge Dorf, alles hat eine ganz dichte und authentische Stimmung. Brodeck lebt mit seiner Familie in einem einsamen Häuschen außerhalb des Dorfes in sehr armen Verhältnissen. Von den Zeichnungen her hat mir das sehr gut gefallen. Das ist hervorragend umgesetzt und wirkt von der ganzen Atmosphäre sehr dicht. Immer wieder sind schön gezeichnete Bilder von den Tieren der Region eingestreut und der Leser begleitet Brodeck beispielsweise beim Eisfischen oder wenn er durch die Wälder streift.

Eine sehr wichtige Rolle spielt der Krieg und die Erinnerungen daran, die Brodeck besonders im Schlaf in Form von Flashbacks heimsuchen. Das sind dann Einschübe, in denen Brodecks Zeit in einem Kriegsgefangenenlager zeigen und wie er dort grausame Szenen erleben und durchleiden musste. Die feindlichen Soldaten und Generäle werden von Larcenet dabei immer als zombiehafte Monster skizziert, was seine Wirkung nicht verfehlt. Gerade diese Einschübe, aber auch die rückblickenden Szenen, die sich im Dorf abspielen, sind sehr verstörend und grausam.

Im Zentrum der Geschichte stehen allerdings die einzelnen Bewohner des Dorfes und natürlich Brodeck und seine Familie. Es gibt sehr viele Nahaufnahmen von den einzelnen Figuren, die Larcenet hervorragend charakterisiert. Es sind zumeist verhärmte, introvertierte, abweisende, vom Krieg gezeichnete und gealterte Menschen, denen die Armut und das karge Leben ins Gesicht geschrieben steht. Zusammen mit der einsamen und kalten Natur, entsteht hier eine Grundstimmung, die bedrückend und sehr beklemmend ist. Nach der Hälfte des Buches ist es echt kein Vergnügen mehr weiter zu lesen. Besonders dann, wenn man spür, was für eine bedrohliche und eisige Beziehung zwischen Brodeck und den Dorfbewohnern besteht und eigentlich auch vor den dargestellten Geschehnissen bestand. Genau das ist auch der Schwerpunkt der Geschichte: Wie die Dorfgesellschaft mit dem Krieg, mit der Bedrohung der feindlichen Besatzungsmächte und den eigenen Leuten umgeht. Welcher tatsächliche historische Hintergrund hier besteht und wo der Handlungsort genau ist, das erfährt der Leser nicht und so bekommt die Geschichte etwas sehr Abstraktes, das dieses Buch zu einem kleinen Kunstwerk macht. Larcenet, bzw. Philippe Claudel, nach dessen Roman diese Graphic Novel gezeichnet ist, zeigt sehr eindrucksvoll, wie Gesellschaften agieren, wenn sie bedroht werden. Da werden auch einmal Außenseiter geopfert und auch wenn es vielleicht einzelne Personen gibt, die Courage zeigen, wird ihr Handeln von der Masse untergraben, die immer versucht, sich selbst zu retten und selbst ihren Vorteil aus einer Situation zu ziehen. Besonders beeindruckt hat mich eine Szene, in der sich Brodeck dem Pfarrer anvertraut, der selbst den Glauben an Gott verloren hat und ihm seine wahren Gedanken offenbart:

„Die Menschen sind perverser als das wildeste Tier…[…]. Sie begehen leichthin das Schlimmste, und dann können sie mit ihren Taten nicht weiterleben, ihre Erinnerungen, Brodeck, tief im Innersten bewahrt, die lügen nicht.[…]In mein Hirn lassen sie ihre Exkremente und allen Unrat ab, um sich zu erleichtern… Dann gehen Sie gereinigt und bereit, bei erster Gelegenheit von vorn anzufangen.“ (S. 145)

Sehr oft hatte ich das Empfinden, dass das, was hier an einem kleinen Model vorgeführt, ein perfekter Spiegel der Gesellschaft ist und sehr eindrucksvoll zeigt, wie der Mensch tickt und immer ticken wird.

Die Lektüre hat mich gefesselt, einige Gedanken fand ich im Kontext der stark wirkenden Zeichnungen sehr gelungen, gleichzeitig herrscht das ganze Buch hindurch eine schwere, drückende und albtraumhafte Stimmung. Das wirkt alles sehr stark und hat mich auch noch Tage nachdem ich das Buch gelesen habe, beschäftigt. Es ist nicht nur der Krieg, der hier vielleicht eine Grundlage für die Situation schafft, sondern auch die Schuld, die die Dorfbewohner auf sich laden, diese doch wahrscheinliche Handlungsweise einzelner Personen aber insbesondere einer Gruppe, welche absolut realistisch ist.

Die Zeichnungen sind alle in schwarz weiß und wirken skizzenhaft, transportieren aber die Atmosphäre, die Persönlichkeit und die Ausstrahlung der einzelnen Charaktere sehr gut. Besonders faszinierend finde ich, dass durch die einzelnen Bilder sehr deutlich ein Eindruck davon vermittelt wird, wie die Menschen miteinander kommunizieren, wie ihr Ausdruck und ihre Körpersprache in dem Augenblick ist. Die Abbildungen der Landschaft, die einzelnen Wetterstimmungen und auch die Abläufe bestimmter Handlungen werden hervorragend wiedergegeben. Wenn beispielsweise zahlreiche Vögel in den Himmel aufsteigen, dann spürt man die Stille förmlich, die durch das Kreischen der Vögel durchbrochen wird und sich grell von der ruhigen Natur abhebt.

Das Buch selbst hat mir sehr gut gefallen. Es kommt in einem Schuber der im Hochformat bedruckt ist, wobei das Buch im Querformat zu lesen ist. Der Einband ist mit einem Muster bedruckt, das durchaus einer Tapete aus den einfachen Behausungen entsprechen könnte. Mit der Fadenbindung und dem schwarzen Vorsatz und Lesebändchen, ist es farblich sehr stimmig. Sogar eine Fadenbindung wurde verwendet. Das liegt insgesamt gut in der Hand, ist wertig und wirkt sehr hochwertig.

Fazit: Die Graphic Novel Brodecks Bericht ist eine sehr fesselnde Geschichte, welche das Verbrechen einer ganzen Dorfgemeinschaft eindrucksvoll porträtiert. Mit wunderbar gezeichneten Landschaftskulissen, hervorragend charakterisierten Personen und einer tragischen Geschichte, werden hier dem Leser auf eine abstrakte Weise menschliche Abgründe vorgeführt, die besonders in Zeiten des Krieges deutlich hervortreten. Ein Buch, dessen Lektüre ich stellenweise, durch die beklemmende Grundstimmung, als anstrengend empfunden habe und das mich sehr nachdenklich zurückgelassen hat. Larcenet hat hier ein Kunstwerk geschaffen, das auch mit seiner schönen und wertigen Aufmachung auch bibliophile Leser überzeugen kann. Es ist nichts für einen entspannten Leseabend und keine leichte Kost, kann aber von der Umsetzung her voll überzeugen.

Eine Leseprobe findet ihr auf der Seite des Verlages.

Über das Buch

Titel: Brodecks Bericht
Autor: Manu Larcenet
Verlag: Reprodukt
Übersetzung: Ulrich Pröfrock
Erschienen: 1. April 2018
Seiten: 328 Seiten

Klappentext anzeigen
Es ist Winter kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Abseits von einem kleinen Dorf im deutsch-französischen Grenzgebiet lebt Brodeck. Als er eines Abends in das Wirtshaus geht, trifft er auf eine schauerliche Szene: Die Dorfgemeinschaft hat soeben kollektiv einen Fremden ermordet. Brodeck ist entsetzt, doch die Männer zwingen ihn, einen Bericht zu verfassen, der ihre Tat rechtfertigen soll. Widerwillig beginnt er für die Dorfbewohner zu schreiben und während er mehr und mehr von den Abgründen der Tat erfährt, gerät er allmählich selbst ins Visier ihrer Drohungen…

Mit Philippe Claudels Bestseller “Brodecks Bericht” geht Manu Larcenet erstmalig eine Adaption an und haucht dem tragisch-düsteren Roman stimmungsvoll Leben ein. In umwerfenden Bildern zeichnet Larcenet die Abgründe der Menschheit und setzt sie vor eine Kulisse roher Natur.

Kommentar verfassen