Es ist keine zwei Monate her, als ich zuletzt Der Graf von Monte Christo von Alexandre Dumas gelesen habe. Und zwar in der Unikat-Prachtausgabe, die ich mir habe fertigen lassen und über die ich bereits gebloggt habe. Ich liebe diese Geschichte und wie Alexandre Dumas hier alle Register zieht und eine Mischung aus Abenteuer- und Gesellschaftsroman erschaffen hat, die an Spannung und Unterhaltung eigentlich nicht zu überbieten ist. Nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, war ich auf der Suche nach der Filmversion, unschlüssig ob ich darauf wirklich Lust habe. Natürlich bin ich auf die bekannte Verfilmung mit Gerad Depardieu gestoßen, aber nachdem ich mir den Trailer angesehen hatte, ist die Lust schnell verflogen. So gut die Schauspieler das auch spielen, ich vergleiche das dann doch immer mit meiner eigenen Vorstellung von den Charakteren und Szenen in dem Buch und irgendwie passt das einfach nicht.

Zufällig ist mir dann ein etwas ungewöhnlicher Manga ins Auge gestochen. Und zwar ein noch nicht erschienener Manga, der doch tatsächlich die ganze Geschichte von Der Graf von Monte Christo in einem dicken Band erzählt. Mit Mangas bin ich sehr wählerisch, denn sie sind einfach sehr schnell gelesen und so richtig faszinieren konnten mich nur wenige. Aber die Kombination Klassiker und Manga fand ich sofort sehr spannend und habe mich gefragt, wie das wohl wirkt, wie die Erinnerung an dieses Meisterwerk der Weltliteratur sich mit einem neu gezeichneten Manga in meinem Gehirn so verträgt und wie gut das unterhält und mich abholen kann.

Die Vorfreude war schon sehr groß und als ich das Buch endlich bekommen habe, habe ich es noch am selben Tag gelesen. Ein guter Manga ist vergleichbar mit einem schönen Filmabend. Er unterhält einen richtig gut, man schaltet ab, geniest die Bilderflut und die Story und schaltet dabei so richtig ab. Bei dem Der Graf von Monte Christo Manga finde ich die Umschlaggestaltung schon ansprechend. Schöne kräftige Farben, übertrieben schnittige Figuren, der orientalische Touch, das alles ist schonmal ein guter Einstieg. Ich hätte mir noch eine Hardcoverfassung gewünscht, aber die bekommt man bei Mangas ja so gut wie nie und meine bibliophile Ader wird bei Mangas wohl immer leer ausgehen.

Auf der ersten Seite erwartet einen dann noch ein großes farbiges Bild, bei dem sich die schöne Haydée an den Grafen heran schmeißt und dabei mit üppigen Reizen besticht. Ich glaube bei so einem Manga dürfte jeder nur geringfügig feministisch angehauchten Betrachterin die Hutschnur hochgehen, aber mir gefällt das immer ganz gut, sozusagen als Salz in der Suppe. Der Manga ist in zwölf Kapitel unterteilt und beginnt, wie das Buch in Marseilles. Und man muss tatsächlich sagen, dass sich alles grundsätzlich sehr stark am Verlauf des Buches orientiert. Das Tempo ist natürlich sehr hoch, denn der Schmöker von Dumas hat, in der ungekürzten Ausgabe vom dtv Verlag, knapp 1500 Seiten. Das in 274 Seiten mit Bildern unterzubringen ist natürlich unmöglich und so ist die Geschichte an zahlreichen Stellen gekürzt und gefühlt eben auch sehr schnell.

Die Zeichnungen sind von der Erzählweise ganz typisch Manga, wobei aber die Figuren und das Setting und der ganze Stil sehr ausgewogen und nicht so überzogen ist, wie das bei manchen Mangas der Fall ist. Vom Setting her ist das Frankreich des 19. Jahrhunderts als Kulisse eher dezent ausgestaltet. Der Fokus liegt auf die Figuren, deren Emotionen, Gesichtern, Handlungen und Gesten. Da hätte ich mir schon ein wenig mehr gewünscht, beispielsweise eine Doppelseite mit einem Opernhaus, denn das ist eines der Orte, an denen im Buch sehr viel passiert. Insgesamt hat mir der Zeichenstil sehr gut gefallen und die Bildchen sind schön anzusehen und man kommt auch gut und schnell in den Manga-Flow hinein.

Die Figuren fand ich von ihrem Ausdruck und insgesamt von dem Gesamtbild, das man als Leser bekommt, sehr gelungen. Im Vergleich zum Buch fand ich Edmond Dantes allerdings viel zu jung und vom Typus her ist er so typisch Manga-Protagonist, der auf eine jugendliches und weibliches Publikum ausgelegt ist. Wirklich hervorragend fand ich Merédès vom Zeichenstil, besonders die Szene mit dem ersten Wiedersehen mit Edmond. Das wird im Manga schon sehr schön vermittelt, besonders auch Edmonds Reaktion. Und ich fand Merédès auch vom Aussehen und der Ausstrahlung sehr nah an dem, wie ich sie aus dem Buch auch in meiner Vorstellung hatte. Allgemein treffen alle Charaktere (mit Ausnahme von Edmond) ganz gut meine Vorstellung, da ist der Manga mit dem Roman sehr stimmig.

Ein echtes Highlight ist aber definitiv Haydée, die in dem Manga immer wieder sehr prachtvoll gezeichnet wurde. Das ist auf jeden Fall etwas für das Auge und sie wird in dem Manga wesentlich stärker hervorgehoben, als es ihr von ihrer Rolle her zustehen würde. Hier hat Moriyama das Pendant zu Edmond Dantes geschaffen und bewegt sich in klassischer Manga-Tradition, in dem eben auch ganz oft eine Lovestory verwurstet ist, die dem Leser bei der Stange halten soll und das umso mehr, je attraktiver die Figuren sind. Bei mir zieht das auf jeden Fall.

Von der Story her ist tatsächlich alles in dem Manga enthalten, was in dem Buch wichtig ist. Ich habe mich bei der Lektüre aber mehrfach gefragt, ob jemand, der das Buch oder die Verfilmungen nicht kennt, überall noch mitkommt und versteht, was passiert. Das sind ja schon einige Handlungsstränge und einige Zusammenhänge werden echt sehr schnell abgehandelt. Für jemanden, der das Buch kennt und gelesen hat, für den ist das aber vom Tempo und vom Aufbau ganz angenehm zu lesen. Wobei aber Abschnitte, die im Buch auch als länger vermittelt werden, wie beispielsweise Edmonds Zeit im Kerker, in dem Manga unverhältnismäßig kurz erscheinen. Zumal Edmond sich in dem Manga vom Aussehen auch nicht so richtig verändert und immer der gleiche attraktive junge Bursche bleibt. Und natürlich sind zahlreiche Szenen aus dem Buch stark gerafft. In Dumas Roman dauert es seine Zeit, bis es zu den ersten Begegnungen mit den Kontrahenten kommt und die werden ordentlich ausgekostet und mit sehr fesselnden Dialogen beschrieben. Das ist natürlich im Manga nicht so, aber das gibt das Medium auch nicht her und da ist ein Vergleich nicht fair, denn es ist ja eine Adaption auf ein anderes Format. Aber ob jemand ohne Vorkenntnisse beispielsweise den Handlungsstrang mit der Vergifterei versteht, das wage ich zu bezweifeln, aber ich mag mich täuschen.

Fazit: Von allen Mangas die ich bisher habe, ist Der Graf von Monte Christo eines der großen Highlights. Das liegt natürlich auch an der Geschichte, die in mir die Erinnerung an das Meisterwerk von Alexandre Dumas weckt, aber natürlich auch an den gelungenen und stimmigen Zeichnungen und Charakteren. Der Manga ist eben eine Adaption und das merkt man natürlich auch an den zahlreichen Kürzungen und gerafften Szenen. Aus meiner Sicht hätte Moriyama sich nicht so stark an die Originalgeschichte halten sollen, denn einige Szenen dürften ohne Kenntnis des Buches nur sehr schwer verständlich sein und stellenweise ist der Manga einfach zu schnell. Auch die Kulissen, wie das Opernhaus, oder das prachtvolle Palais vom Grafen, hätten durchaus etwas ausführlicher ausgestaltet werden können. Meine Erwartungen hat der Manga aber dennoch voll getroffen, denn er erzählt die Story sehr schön nach, hat ansprechende und stimmige Charaktere, ist sehr schön gezeichnet und zudem sehr unterhaltsam. Wer das Buch liebt, der wird auch diesen Manga sehr gerne mögen und jeder, der Klassiker liebt aber noch keinen Manga gelesen hat, findet hier einen wunderbaren Einstieg. Das Buch bekommt bei mir auf jeden Fall einen festen Platz im Bücherregal.

Buchinformation: Der Graf von Monte Christo • Ena Moriyama • Carlsen Verlag • 274 Seiten • ISBN 9783551754714

    6 Kommentare

  1. labyrinthderbuecher 3. Oktober 2018 at 14:28 Antworten

    Danke vielmals für diese ausführliche Rezension. Da ich als Alexandre Dumas Fan insbesondere das Buch „Der Graf von Monte Christo“ extrem liebe, habe ich gleich nach entdecken dieses Mangas diesen auf meine Wunschliste gesetzt, mich jedoch noch nie wirklich daran getraut. Gerade eben, weil das Buch so dick ist und es mir unmöglich erschien dies so zu kürzen, dass es mir noch gefallen würde. Doch deine Rezension hat mir nun auf jeden Fall Mut gemacht 😀 und ich werde diesen Manga wohl so bald als möglich kaufen, denn es kann doch nicht sein, dass man alle Filme gesehen, aber eine Comicadaption ausgelassen hat ;D.

  2. Janine 3. Oktober 2018 at 16:51 Antworten

    Ich kenne das Gefühl, dass man Filme mit den eigenen Vorstellungen (/Erwartungen) vergleicht – und diese oft nicht erreichen. Alexandre Dumas kenne ich vom Buch Die Kameliendame (Kennst Du das auch?) Sein Schreibstil hat mich fasziniert, aber nicht gepackt – zumindest nicht in jenem Buch! Aber die Kombi Klassiker & Manga klingt sehr spannend 😀 Muss ich mir mal anschauen – allgemein Mangas, welche ich bisher nicht beachtet habe 🙂
    Liebe Grüsse
    Janine vom Literaturblog: http://www.vivarubia.com

    • Tobi 3. Oktober 2018 at 23:04 Antworten

      Liebe Janine,

      „Die Kameliendame“ habe ich auch bereits hier rezensiert und das Buch fand ich auch klasse. Allerdings ist das von Alexandre Dumas der Jüngere und „Der Graf von Monte Christo“ ist von seinem Vater, der ebenfalls Alexandre Dumas hieß. Ich finde es auch sehr cool einmal einen Klassiker als Manga zu bekommen, das gibt es ja nicht sehr oft. Im Splitter Verlag erscheint in Kürze der Comic zu „Gefährliche Liebschaften“, einem sehr lesenswerten Briefroman aus dem 18. Jahrhundert von Laclos. Der sieht auch interessant aus.

      Mangas lese ich auch noch nicht so lange und habe lange Zeit Mangas, Comics und Graphic Novels nicht weiter beachtet. Wobei mir schon klar war, dass ich da ein ziemliches Fass auf mache 😉

      Liebe Grüße
      Tobi

  3. Flo 3. Oktober 2018 at 23:00 Antworten

    Ich bin immer wieder maßlos erstaunt, wovon es alles eine Mangaversion gibt.

    (Und weil ich grad merke, dass man den Kommentar negativ lesen kann – er ist absolut positiv gemeint)

  4. Huebi 10. Oktober 2018 at 17:40 Antworten

    Moin,

    habe ich deine bisherigen Blogeinträge noch mit Interesse verfolgt, mir dieses Genra mal näher kommen zu lassen, ist dieses Buch ziemlich rasch bei mkr unten durch. Ich gehe nämliuch nicht mit dir konform, dass Haydée etwas fürs Auge ist. Die ellenlangen Beine, Wespentaille, großen Brüsten und den Mangatypischen Augen ist für mich einfach nuur platt und klischeehaft. Ich weiss dass in Mangas dieses Frauen/Mädchenhafte Aussehen zur „Kultur“ der Mangas dazugehört, halte den Griff hier bei diesem Buch für völlig daneben.
    Jeder hat natürlich die Freiheit der Interpretation und des Gefallens, aber für mich ist das definiv nix.

    //Huebi

    • Tobi 10. Oktober 2018 at 20:43 Antworten

      Hallo Huebi,

      na darüber lässt sich natürlich trefflich streiten. Ich mag diese überzogenen Manga-Figuren ganz gerne. Aber schräg sind sie auf jeden Fall und nicht jedermanns Sache, das kann ich durchaus nachvollziehen. Die Kombination dieses Zeichenstils mit einem Klassiker ist natürlich sehr gewagt. Aber auch etwas Neues und ganz Anderes. Ich fand die Lektüre erfrischend, aber kann auch jeden verstehen, dem dieser Mix nicht zusagt.

      Herzliche Grüße
      Tobi

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