Den Briefroman Gefährliche Liebschaften von Choderlos de Laclos habe ich vor wenigen Jahren gelesen und war sehr begeistert. Das war ein wirklich geniales Buch und als ich in der Vorschau vom Splitter Verlag auf diesen ersten Band einer neuen Serie gestoßen bin, war meine Neugierde natürlich gleich geweckt. Der Comic gibt nicht das Buch wieder, sondern stellt die Vorgeschichte davon dar und erzählt die Kindheit und Jugend vom Vicomte de Valmont. Die Idee fand ich spannend und die Gelegenheit das Setting des vorrevolutionären Frankreich visuell zu erleben ist ebenfalls ein sehr starkes Argument. Ob nun alle, welche die französischen Romane des 18. und 19. Jahrhunderts gerne mögen, zu dem Comic greifen sollten, erfahrt ihr hier.

Der Briefroman Gefährliche Liebschaften erschient 1782 und war sofort ein Skandalerfolg. Er gibt einen ganz guten Einblick in die Sitten des Ancien régime, dem vorrevolutionären französischen Adel unter einem absolutistischen König. Die Marquise de Merteuil und der Vicomte de Valmont führen ein lasterhaftes Leben und treten als rücksichtslose Verführer auf. Das Buch besteht primär aus den Briefen, welche sich die Marquise und der Vicomte schreiben. Der Roman ist sehr spannend und packend. Wie die beiden Protagonisten darin vorgehen und mit welcher Skrupellosigkeit sie ihre Ziele verfolgen ist einfach sehr unterhaltsam.

Der Comic beschreibt Valmonts Jugend und gibt einem der beiden lasterhaften Adeligen eine Vorgeschichte, daher auch der Untertitel „Vorspiel“. Wobei es natürlich eine frühe Liaison schnell ein Thema wird und es um Valmonts erste Schritte in der sündhaften Welt des Adels geht, welche ihn dann schlussendlich zum Libertin machen. Madame de Senanges ist in dem Comic das Pendant zur Marquise aus dem Roman. Eine sehr attraktive und reiche Frau, aber mit einem zweifelhaften Charakter ausgestattet. Die Geschichte habe ich als unterhaltsam empfunden, nicht übermäßig spannend, aber durchaus fesselnd. Das Tempo ist ganz angenehm und das Buch dann doch viel zu schnell gelesen.

Vom Setting wurde ich nicht enttäuscht: Tatsächlich tauchen hier ganz viele Elemente auf, denen ich schon unzählige Male in meinen Klassikern begegnet bin: prächtige Bälle, ein Besuch in der Oper, vertrauliche Gespräche in einer Equipage, schöne Schlösser und natürlich die hübschen Adeligen in ihren schmucken Toiletten. Der Maler Djief setzt diese auch wunderbar in Szene. Besonders ein Maskenball im orientalischen Stil fand ich wunderbar gezeichnet. Der Orient war damals sehr im Trend, das trifft den damaligen Geschmack sehr und auch das einstige Paris wird sehr schön dargestellt. Das trifft meine Vorstellung schon sehr gut und ist richtig was fürs Auge.

Dabei wird die damalige Gesellschaft gelungen dargestellt. Der damalige Kleidungsstil, Väter die ihre Töchter verheiraten, um von diesen Verbindungen zu profitieren, die Feierlichkeiten in den Salons oder auch das einfache Paris der Arbeiter. Das ist schon konsistent und passt zu dem, was ich aus dieser Zeit bisher so gelesen habe.

Die Charaktere fand ich nicht außergewöhnlich, aber gerade die Madame de Senanges fand ich durchaus gelungen. Wenn auch ihr Wesen nicht die Tiefe hat, wie man sie bei einem Roman erwarten würde, ist doch alles stimmig und passend. Wobei die Figuren auch immer irgendwie unsympathische Züge hatten. Der Comic glänzt hier eher mit seinen schönen Kulissen, als mit fein gezeichneten Figuren, wobei man in Summe nicht meckern kann, das ist zeichnerisch schon alles sehr solide. Es gibt Maler, die schöner zeichnen, aber Djief gehört sicher auch zu den besseren Illustratoren.

Insgesamt ist der Comic aber eher eine schnelle Kost für zwischendurch. Ich würde mir ja immer eher Monstress-Länge wünschen, also so um die 200 Seiten. Aber die Standardlänge ist bei Comics meist so um die 56 Seiten und wenn es nur einen Band gibt, ist das eigentlich immer irgendwie zu wenig. Wobei ich durchaus nachvollziehen kann, dass in einem Comic sehr viel Arbeit steckt und das dann auch gegenfinanziert werden muss. Ich greife daher immer bevorzugt zu Sammelbänden, die vielleicht etwas mehr kosten, dann aber auch gleich die komplette Geschichte bieten. Wobei in diesem ersten Band die Story gut abgeschlossen ist.

Fazit: Gefährliche Liebschaften ist ein solider und unterhaltsamer Comic, der wunderbar die typischen Elemente und Settings der damaligen Zeit darstellt und in eine angenehme visuelle Form bringt. Wer gerne die alten Klassiker aus dem Frankreich des 18. und 19. Jahrhunderts liest, wird mit diesem Buch seine Freude haben. Gerade die Kulissen fand ich hervorragend gezeichnet, wie beispielsweise einen orientalisch anmutenden Maskenball oder die Szenen in den herrschaftlichen Schlössern. Mit dem Roman hat der Comic den Protagonisten Valmont und seine ersten Schritte in der Welt der Liebe und Verführung gemein. Den Geist des Buches findet man hier also durchaus wieder. Insgesamt eine gelungene Comicumsetzung, von der ich mir definitiv auch noch den zweiten Band holen werde (es wird insgesamt leider nur zwei Bände geben).

Buchinformation: Gefährliche Liebschaften – Vorspiel. Band 1: Hoffnung und Eitelkeit • Stéphane Betbeder, Djief • Splitter Verlag • 56 Seiten • ISBN 3962192328

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