Im Hause Longbourn • Jo Baker

Manche Bücher liegen bei mir richtig lange auf dem Stapel ungelesener Bücher, bis sie endlich einmal zum Zuge kommen. Zu welchem Buch ich greife, hängt immer von der aktuellen Stimmung ab und da kann es schon einmal dauern, bis ich auf ein bestimmtes Setting oder Genre wieder Lust bekomme. Im Hause Longbourn musste über ein Jahr warten. Aber nun hat mich die Lust auf das schöne England von Jane Austen gepackt und ich habe zu diesem Buch gegriffen, dass ich von der lieben Marina von nordbreze.de bekommen habe. An der Stelle herzlichen Dank an Marina und ein Verweis auf ihre Rezension, die ähnlich wie meine, eher durchwachsen ausfällt.

Im Hause Longbourn hat als Hintergrund das Anwesen und die Geschichte von Jane Austens Stolz und Vorurteil. Es umfasst den zeitlichen Rahmen von Austens Roman, hat allerdings das Leben der Dienstboten und deren Schalten und Walten im Fokus. Die Liebesgeschichte um Elizabeth und Mr. Darcy ist hier also ein Hintergrundrauschen, flackert hier und da auf, aber die eigentliche Hauptperson ist Sarah. Das Dienstmädchen lebt auf dem Anwesen Longbourn bei den Bennets, rackert sich ordentlich ab und hat ihre ganz eigene Liebesgeschichte.

Jane Austens Bücher waren immer in der ersten Hälfte recht fad und dann im weiteren Verlauf sehr unterhaltsam. Jo Bakers Buch entspricht diesem Konzept vom Spannungsbogen her recht gut. Die ersten 200 Seiten waren nach allen Regeln der Kunst so richtig öde. Der Leser erfährt ein wenig über das Leben und die Arbeitsweise der Dienstboten der damaligen Zeit. Das fand ich ganz schön zu lesen, nutzt sich aber recht schnell ab und durch das extrem langsame Tempo kommt die Geschichte nur sehr träge voran. Sehr eindimensional wird die Ungerechtigkeitskeule strapaziert und während es die Bennets krachen lassen, müssen die armen Dienstboten schuften. Das war sicher so in dieser Zeit, das ist dem Leser auch im Vorhinein klar, aber das Buch hat dieses Element nicht voran gebracht und für eine vernünftige Betrachtung der Ungleichheit der Gesellschaft dieser Zeit hat es nicht gereicht. Eher erschien es mir als ein Mittel um den Leser irgendwie emotional zu rühren oder für die Figuren einzunehmen, was bei mir ordentlich danebengegangen ist. Über einige der Beschreibungen vom Waschen, Putzen, Locken machen mit Brenneisen, Wäsche aufhängen usw. habe ich dann nach der gefühlt tausendsten Wiederholung irgendwann hinweg gelesen.

Die Figuren sind sehr eindimensional und haben auf mich wenig greifbar und echt gewirkt. Jede hat ihre feste Rolle und wurde darüber hinaus nicht weiter mit Leben gefüllt. Was das angeht, liegt die Messlatte bei mir recht hoch, denn gerade die kleinen ganz individuellen und menschlichen Facetten finde ich in Literatur sehr spannend und wichtig. Sarah habe ich als unzufriedene junge Frau wahrgenommen, die etwas erleben möchte und sich selbst gerne im Mittelpunkt wiedergefunden hätte. Aber dass sie beispielsweise die schöne und unberührte Natur Englands liebt, das wird nur sehr schwach thematisiert. Wobei Baker die Beschreibungen der englischen Landschaft stellenweise wirklich hervorragend gelungen sind und ich mir das Anwesen und das Drumherum sehr gut vorstellen konnte. Auch das Gefühl des Zuhauses, das Sarah Longbourn gegenüber hat, ist zu kurz gekommen oder ihre Beziehung zu Polly und den anderen Bewohnern Longbourns. Allen voran den Bennet-Töchtern. Das kam mir alles irgendwie unfertig vor, als hätte die Autorin überall nur einen kleinen Teil erzählt und den Rest schlicht vergessen.

Ab der Hälfte des Buches wird auch die Geschichte etwas interessanter. Manchmal hatte ich aber, von den Figuren und dem zentralen Plot her, das Gefühl eine dieser Schmonzetten mit rotem Schnitt und übertriebenen Cover vor mir zu haben. Irgendwie hatte ich dieses Bild vor Augen, wie ein gut gebräunter, starker und muskulöser Mann mit heroischer Pose eine schöne Frau in den Armen hält. Zumindest erfüllt ein männlicher Protagonist einige der Attribute, von denen wahrscheinlich einige Frauen träumen. Die Liebesgeschichte und die gesamte Story von dem Buch habe ich als herkömmlich, wenig originell und von der Stange empfunden. Im letzten Viertel nimmt das Buch dann zumindest ein wenig Fahrt auf und bekommt in einem Kapitel sogar die Züge eines Abenteuerromans. Die Episode soll dem Leser einen der Charaktere näher bringen. Allerdings fand ich diese Stelle sehr übertrieben, wenig glaubwürdig und irgendwie auf die eigentliche Geschichte aufgesetzt. Die einzelnen Bestandteile sind einfach nicht gut miteinander verzahnt. Weder mit dem Hauptplot, noch mit dem Wesen der Figuren.

Die Sätze und die Sprache sind sehr herkömmlich und nicht bemerkenswert, lässt sich allerdings flüssig und ohne Anstrengung lesen. Der Geist dieser Zeit ist darin aber überhaupt nicht zu finden und so hat man das Gefühl eher zeitgenössische Figuren mit der heutigen Denkweise anzutreffen.

Wie ist das nun mit Austens Stolz und Vorurteil? Davon ist in dem Buch nicht allzu viel zu finden. Gut, immer wieder wird Bezug genommen, auf das was in Stolz und Vorurteil geschieht. Mal blickt ein Dienstbote ins Fenster, wenn die Bennets auf einem Ball sind, den man aus Austens Buch kennt. Oder wenn Lydia mit Wickham durchbrennt herrscht Aufruhr im Haus. Aber eigentlich ist das nur ein Hintergrundrauschen und die Story der Dienstboten läuft ziemlich parallel ab, ohne dass sich diese beiden Welten maßgeblich gegenseitig beeinflussen. Erst gegen Ende vermischt sich das Schicksal der Bennets ein wenig mit dem der Dienstboten und hat einen gewissen Einfluss auf deren Leben. Wer Austens Stolz und Vorurteil liebt, der wird in diesem Buch kein Revival erleben. (Dass so etwas durchaus geht, beweist Andrew Morton mit dem Buch Silver, Rückkehr zur Schatzinsel). Da hilft es wenig, dass alle Dienstboten, laut Anmerkung der Autorin, auch in Austens Roman vorkommen (wenn auch namenlos).

Fazit: Das Buch Im Hause Longbourn konnte mich nicht begeistern. Die erste Hälfte des Buches ist sehr langweilig, dort passiert nur sehr wenig und auch die Darstellungen vom Alltag der Dienstboten und der schönen Natur Englands reißen das nicht heraus. Im weiteren Verlauf ist der Plot dann sehr herkömmlich, an einigen Stellen nicht sonderlich glaubwürdig und erinnert an eine billige Schmonzette. Zu dem Bild tragen die eindimensionalen Figuren bei, die wenig facettenreich sind und nicht sonderlich viel Tiefgang haben. Das Wiedersehen mit Elizabeth Bennet und ihrer Familie fällt ebenfalls sehr dünn aus und was übrig bleibt ist eine platte Geschichte, die weitgehend isoliert von der Romanvorlage Austens abläuft. Ein Buch, das ich nicht empfehlen kann, aber immerhin zu Ende gelesen habe.

Buchinformation: Im Hause Longbourn • Jo Baker • Knaus Verlag • 448 Seiten • ISBN 9783813506167

4 Kommentare

  1. Puh, schade. Von der Beschreibung her hat es mich schon neugierig gemacht, aber deine Kritikpunkte haben mich eindeutig davon überzeugt, dass es nix für mich ist. Ich habe grad eh schon zu wenig Lesezeit, um mich durch langweilige Bücher durchzukämpfen.

  2. Dieses Buch schlummert schon länger in meinem Regal und gerade bin ich ganz froh, es noch nicht gelesen zu haben. An sich finde ich die Idee ja immer noch ganz interessant und ich mag Austens Romane sehr gerne, aber deine Rezension hört sich eher so an, dass diese Lektüre kein unbedingtes „Muss“ ist. Na ja, vielleicht überkommt es mich mal an einem verregneten Herbsttag es zu lesen.

    1. Liebe Annika,

      das Buch kann man nicht wirklich empfehlen. Aber als seichte Unterhaltung ist es ganz angenehm und kein kompletter Flop. Aber die Zeit ist auf jeden Fall besser investiert wenn man zu einem Austen Roman greift.

      Liebe Grüße
      Tobi

  3. Hallo lieber Tobi,
    ich mag Austen sehr gern. Dieses Buch war bisher also auch für mich sehr interessant und ich wollte es lesen, doch nach deiner Rezi bin ich mir nun nicht mehr ganz so sicher. Gerade an Austens Geschichten mag ich, das im Grunde nichts total dramatisches bzw. Action reiches ^^ passiert. Das „Leben“ mit den normalen Auf und Abs. Doch wenn eine Sache immer wieder wiederholt wird, der Alltag (der mit Sicherheit damals so eintönig war) sich nur so im Buch darstellt, muss auch ich mir die Frage stellen ob ich das lesen möchte. Ich hatte gehofft mit einem Buch das so zu sagen „hinter die Kulissen schaut“ ist es eine spannende andere Sicht, doch dies scheint mir nun nicht ganz der Fall zu sein.
    Vielen lieben Dank für deine gewohnt ausführliche Meinung zu diesem Buch.
    Liebe Grüße
    Romi

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