Die Früchte des Meeres • Émile Zola

Die Früchte des Meeres von Émile Zola

Vor einigen Jahren hat der mare Verlag seine Klassiker Reihe um kleinere Ausgaben erweitert. Diese haben ein deutlich kompakteres Format und in den letzten Veröffentlichungen war deren Inhalt zumeist Kurzgeschichten oder Novellen. Bisher hat mir das sehr gut gefallen, denn es sind sozusagen kleine Schmankerl für zwischendurch. Natürlich immer mit dem Meer als Kulisse werden hier besonders herausragende Novellen mit der ein oder anderen Besonderheit präsentiert. Die Früchte des Meeres von Émile Zola ist der aktuellste Band der Reihe. Erfahrt hier ob die zwei Novellen in dem Büchlein auch tatsächlich lesenswert sind.

Die erste Novelle mit dem Titel Die Muscheln des Monsier Chabre handelt von einem ehemaligen Getreidehändler, der mit seinen Geschäften zu Wohlstand gelangt ist und eine deutlich jüngere und sehr hübsche Frau geheiratet hat. Allerdings stellt sich kein Nachwuchs ein und so empfiehlt ihn sein Arzt mit seiner Frau ans Meer zu fahren, tüchtig Meeresfrüchte zu essen, um so die Potenz zu steigern. Dort treffen sie auf den jungen und attraktiven Bretonen Hector. Die Geschichte nimmt ihren Verlauf.

Die zweite Novelle Das Fest in Coqueville handelt von einem kleinen Fischerdörfchen. Zwei verfeindete Familien konkurrieren seit Jahrhunderten in dem abgeschiedenen kleinen Ort, das direkt an der Küste gelegen ist und vom Fischfang lebt. Eines Tages wird plötzlich ein Faß mit köstlichen Alkohol angespült. Das trifft bei der kleinen Bevölkerung auf große Begeisterung und von dem Tage an werden immer wieder Fässer mit den köstlichsten alkoholischen Getränken angespült. Ein Umstand, der sich dann erstaunlich nachhaltig auf das kleine soziale Gefüge auswirkt.

Ich habe mal gelesen, dass man entweder die Bücher von Honoré de Balzac oder die von Émile Zola mag und nie die von beiden Autoren gleichzeitig (mit Ausnahme von Zolas Nana vielleicht). Ich war immer im Lager von Balzac, wobei ich von Zola außer Nana (das mir richtig gut gefallen hat) und Thérèse Raquin (das mir zu düster und negativ war) nicht viel gelesen habe. Ich war also gespannt, was mich mit diesem Buch für zwei Novellen erwarten würden. Zola, einer der wichtigsten Vertreter des Naturalismus, war bekannt für einen schonungslosen Blick auf die Gesellschaft und menschlichen Schicksale. Zwei Novellen die also ähnlich wie Thérèse Raquin sind?

Mich hat der Ton der beiden Novellen sehr überrascht. Anders als erwartet ist er leicht und humoristisch, hat immer einen leicht satirischen Unterton. Glaubt man dem Nachwort, so hat Zola mit diesen Novellen sich von dem realistischen naturalistischen Blick seines Romanwerks eine Pause gegönnt. Zola, der selbst sehr gerne Zeit am Meer verbracht hat, hat hier auch literarisch Urlaub gemacht. Die Novellen lesen sich leicht, man muss doch immer wieder schmunzeln. Über den unbeholfenen Monsier Chabre oder die Bewohner von Coqueville, wenn sie sich komplett abschießen und die Kante geben. Gerade letztere Novelle hat mich fast schon an Daphnis und Chloe erinnert. Eine ursprüngliche Gesellschaft, die dann doch irgendwie ihren ganz eigenen Lebenswandel hatte. Leicht, naturverbunden und sehr authentisch.

Beide Novellen sind sehr angenehm zu lesen und Zola hat ein gutes Tempo und eine ausgewogene Spannungskurve, die den Leser durchgängig sehr gut unterhält. Man möchte wissen, was da nun heraus kommt. Gleichzeitig bietet die maritime Szenerie eine wunderbare Kulisse. Perfekt als Strandlektüre und auch für den Winter, um von warmen Tagen am Meer zu träumen. Ich liebe das Meer als Element in Büchern. Als Spiegel der Menschen, als Handlungsort, als ungezähmte Naturgewalt, egal in welcher Form es in Literatur in Erscheinung tritt, es bereichert einfach jede Geschichte.

Die kleine Klassiker-Reihe vom mare Verlag gefällt mir sehr gut. Bei diesem Büchlein hatte ich auch wieder den Effekt, dass für mich völlig klar war, warum diese Novellen es wert sind, neu aufgelegt und gelesen zu werden. Sie haben dieses gewisse Etwas, eine Pointe, die selbst wenn sie vorhersehbar ist trotzdem ein Genuss zu lesen ist. Ein Schmankerl trifft es hier sehr gut. Es ist wie ein Feierabendbier: Es geht auch ohne, man gönnt es sich sicher nicht jeden Tag, aber wenn doch, dann ist es ein angenehmer Genuss, der das Leben lebenswerter macht.

Die kleinen Büchlein finde ich wunderschön und bibliophil muss man keine Abstriche machen. Der bedruckte Leineneinband mit dem passenden Gemälde ist sehr hochwertig und schön anzusehen. Besonders in der Sonne schimmert er sehr schön und hat eine sehr angenehme Texturierung, die sich einfach gut anfühlt. Sogar eine Fadenheftung wurde für die Bindung verwendet, was mittlerweile grundsätzlich eine absolute Seltenheit ist. Auch ein Lesebändchen fehlt nicht. Ein offener Schuber wertet es ebenfalls nochmal auf. Über den Preis lässt sich streiten, das Büchlein ist mit 22 Euro auch nicht ganz günstig, dafür bekommt man in Summe schon echt was geboten. Als Geschenk ist es durch diese Aufmachung perfekt. Das Nachwort ist informativ, gibt eine Einordnung in Zolas Gesamtwerk und gibt Hintergründe, welchen Bezug er zum Meer hatte.

Fazit: Die kleinen Klassiker des mare Verlags enthalten immer bemerkenswert schöne Novellen und Kurzgeschichten. So auch Die Früchte des Meeres, das zwei erstaunlich humorvolle und leichte Geschichten von Émile Zola präsentiert. Es ist entspannend und unterhaltsam Abends zu diesem schönen Buch zu greifen und in die stimmungsvolle maritime Welt einzutauchen. Mit seiner bibliophilen Ausstattung ist das Buch hervorragend als Geschenk geeignet. Besonders für einen selbst. Ein schönes Buch, das seinen festen Platz in meinem Regal, bei den anderen Klassikern der Reihe bekommt.

Buchinformation: Die Früchte des Meeres • Émile Zola • mare Verlag • 192 Seiten • ISBN 9783866487369

2 Kommentare

  1. mE ist Zola schon sehr deutlich besser darin, eine Handlung zu entwickeln und auch sprachliche Atmosphäre aufzubauen. Da kommt Balzac in seinen besten Romanen höchstens ganz knapp heran. Zola hat dahingehend keinen wirklich schwachen. Andersherum – deshalb wird Balzac ja auch häufiger mit Shakespeare verglichen – bleiben dessen Figuren deutlich stärker in Erinnerung. Es ist nicht so, dass Zolas Figuren direkt blass sind, aber ihnen fehlt dieses etwas Verrückte, Überlebensgroße, das die wichtigsten Balzac-Figuren ausmacht. Trotzdem hat Balzac am Ende, neben einer Handvoll heute noch gut lesbarer Romane, vieles geschrieben, was wirklich nicht viel mehr ist als ein Pamphlet, Ideen lose an ein paar Figuren aufgehängt, handlungsarm, hastig zu Ende geführt. Das ist bei Zola definitiv anders. Neben ebenfalls einer guten Handvoll wirklich herausragender Romane stehen dann noch einmal zehn, fünfzehn weitere, die man weiterhin gut lesen kann, wenn man spannende Handlungen, schöne Sprache, atmosphärische Bilder und so weiter und so fort sucht.

    1. Lieber Sören,

      mir fällt der Vergleich zwischen Zola und Balzac recht schwer. Für mich ist Balzac der unerreichte Meister. Er schreibt mit einer Nonchalance die unerreicht ist und dann kommen dabei Geschichten, Emotionen und auch Weisheiten, die mich immer wieder komplett umgehauen haben. Und die entspringen genau aus diesem Stil, der mit erzählerischen Strukturen bricht und sich um nichts schert. Ich habe noch nichts von ihm gelesen (und ich habe wirklich viel von Balzac gelesen), das ich als Pamphlet bezeichnen würde. Da sind Sätze dabei, die sind einfach wunderbar. Ich denke da an „Eine Evastochter“, wo richtig viele seiner Charaktere aus diesem gigantischen Kosmos aufeinandertreffen und ihren Auftritt haben. Einfach genial. Oder eine Honorine in ihrem Garten. Oder Vautrin, der dem jungen Rastignac erklärt, wie die Gesellschaft funktioniert. Ja, Balzac wollte das aber auch unterhaltsam machen und seine Art zu schreiben, die ist nicht jedermanns Geschmack. Besonders wer den Stil der Moderne sehr schätzt, wird sich da etwas schwerer tun. Zola ist mit seinem Naturalismus nochmal was anderes als Balzac mit dem Romantik-Realismus-Stil. Aber es ist auch so, als würde man verschiedene Bentley-Modelle vergleichen.

      Dein Kommentar ist auf jeden Fall sehr interessant, vielen Dank dafür. Ich kenne noch jemand, der Balzac sehr skeptisch gegenüber steht. Ich liebe Balzac und ich kann nicht genug von ihm bekommen.

      Liebe Grüße
      Tobi

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