Aufzeichnungen aus dem Untergrund • Fjodor M. Dostojewski
Zu diesem Buch bin ich über Umwege gekommen und es zeigt einmal mehr, wie skeptisch man bei Künstlicher Intelligenz sein muss und wie nützlich sie zugleich ist. Dostojewski ist ein Autor, der bei mir mit Sicherheit noch nicht durch ist und von dem ich noch weitere Bücher lesen werde. Auch wenn sein Blick auf die Welt nicht vollständig dem meinigen entspricht, sind gerade die Fragen, die er aufwirft, der tiefe Blick auf das menschliche Denken und seine Sprachfertigkeit einfach unglaublich inspirierend. Warum dieses Buch für ziemliche Verwirrung bei mir gesorgt hat, will ich hier genauer beschreiben.
Ich nutze Künstliche Intelligenz sehr intensiv und sie ist ein fester Bestandteil meiner täglichen Werkzeuge geworden und wird in verschiedenster Weise von mir genutzt. Ich habe mich mit Gemini über Philosophie unterhalten und das ist schon interessant. Man muss sich natürlich bewusst sein, dass eine KI kein echter Gesprächspartner ist und sich vollständig steuern lässt. Dadurch bekommt man aber auch sehr faszinierende und spannende Inhalte sehr leicht zugänglich gemacht. Nach dem Austausch über ein sehr rationales und materialistisches Weltbild habe ich die KI nach passender Literatur gefragt. Und zwar keine Bücher, die diese Thesen stützen, sondern sie herausfordern, sie in Frage stellen. Ein Vorschlag war Aufzeichnungen aus dem Untergrund.

Mir war allerdings nicht klar, dass es auch ein weiteres Buch von Dostojewski gibt, das einen sehr ähnlichen Titel hat: Aufzeichnungen aus einem toten Haus. Ich hatte diesen Unterschied zwischen „Untergrund“ und „toten Haus“ einfach für eine unterschiedliche Übersetzung gehalten, wie das sehr oft der Fall ist. Ich habe sogar den Link zu dem „falschen“ Buch Aufzeichnungen aus einem toten Haus an Gemini gegeben und gefragt, ob diese Ausgabe gut ist. Und Gemini hat mir bestätigt, dass es genau das Buch ist. Also habe ich mir Aufzeichnungen aus einem toten Haus geholt und mich gefragt, warum es keinerlei Bezüge zu den Themen hat, die ich mit der KI besprochen habe. Es handelt von Dostojewskis Zeit im Gefangenenlager und war in Summe sehr lesenswert. Ein Irrtum, der also kein Schaden war, mich dann aber doch zum Lachen gebracht hat, weil es zeigt, dass KI doch auch immer wieder in die Irre führen kann. Direkt im Anschluss habe ich dann das richtige Buch gelesen.

Aufzeichnungen aus dem Untergrund handelt von einem sehr finsteren Gesellen. Der Protagonist ist ein sehr zynischer, finsterer und ekelhafter Typ, ein völliger Antiheld, der außerhalb der Gesellschaft steht, der von allen gemieden wird und selbst auch wirklich ein unangenehmer Mensch ist. Im ersten Teil legt er seine Erkenntnisse, seine Lebensphilosophie dar. Im zweiten Teil erzählt er dann Szenen aus seinem Leben, die darstellen, wie er zu dieser Lebensphilosophie gelangt ist. Während der erste Teil keine eigentliche Geschichte erzählt, taucht man im zweiten Teil in sein Leben und seine Begegnungen ein.

Die Aufzeichnungen aus dem Untergrund sind im Grunde ein literarischer Angriff auf die hitzigsten intellektuellen Debatten Russlands der 1860er Jahre. Das Buch ist eine direkte, polemische Antwort auf ganz bestimmte Strömungen, die damals die russische Jugend und intellektuelle Welt stark beschäftigt haben. Besonders Tschernyschewski und die Dominanz der Vernunft und Wissenschaft kritisiert Dostojewski und zeigt den Zynismus und die Herzlosigkeit, die darin liegen, indem er es mit seinem „Untergrundmenschen“ ins Extreme treibt. Und ich denke, das ist dieser Tage noch viel stärker der Fall, denn die Erkenntnisse der Physik, die Technisierung unserer Gesellschaft und nicht zuletzt auch eine starke Säkularisierung führen dazu, dass die Menschlichkeit, die aktive unbedingte Liebe und das Mitgefühl trotz allem für eine gesunde Gesellschaft überlebensnotwendig sind.
Sprachlich ist das Buch auf dem Level des 19. Jahrhunderts. Also sehr angenehm zu lesen, aber nicht außergewöhnlich poetisch. Bei einzelnen Szenen empfindet man schon so etwas wie Fremdschämen, denn der Protagonist ist schon ein unangenehmer Mensch und bringt sich in Situationen, in denen man sich selbst einfach extrem unwohl fühlen würde. Es ist auch ein eher finsteres Buch, also nicht unbedingt für dunkle Winterabende geeignet. Es liest sich in Summe aber schon gut und schnell.

Ich habe die Ausgabe vom Manesse Verlag gewählt, die von Ursula Keller 2021 übersetzt wurde und da kann man nichts sagen, das ist von der Qualität hochwertig. Man merkt, dass die Übersetzerin wieder nah am Original bleiben wollte, was alleine schon an dem Titel deutlich wird. Sie hat das Wort „Untergrund“ ganz bewusst dem „Kellerloch“ vorgezogen, da beim Lesen klar wird, dass der Protagonist nicht im Keller lebt und dass das russische Wort auch etwas leicht Anrüchiges hat. Das ist etwas, was ich an aktuellen Übersetzungen wirklich schätze: Die Nähe zum Original.
Das Buch hat eine bunte Fadenheftung und eine sehr schöne Typographie, leider aber nur einen Pappeinband und ein echt hässliches Cover. Ich frag mich echt, was diese schrillen Farben sollen. Sie repräsentieren vielleicht, wie abgefahren die Hauptfigur ist, aber es sieht einfach nicht gut aus. Aber das Buch kommt mit Lesebändchen und auch mit einem informativen Nachwort, das ich als sehr gelungen empfunden habe. Die Anmerkungen helfen ebenfalls sehr gut, einzelne Begriffe im Text einzuordnen. In Summe also durchaus eine empfehlenswerte Ausgabe.
Fazit: Dostojewskis Auseinandersetzung mit einem sehr rationalen und wissenschaftlich geprägten Weltbild und sein Aufruf zur Menschlichkeit, zu Mitgefühl und Liebe, sind zeitlos und auch dieser Tage durchaus angebracht. Bewusst übertrieben zeigt Dostojewski, wie herzlos, widersprüchlich und unangenehm ein Mensch wird, der sich in seinem eigenen, zynischen Intellekt gefangen hält und die Welt nur noch zerdenkt, statt sie zu fühlen. Die Struktur des Buches, in der er im ersten Teil seine Philosophie darlegt und im zweiten Teil anhand von Szenen aus dem Leben der Hauptfigur zu dieser hinführt, ist sehr gelungen. Die Manesse-Ausgabe ist hochwertig, mit Fadenheftung und Lesebändchen, von der Farb- und Covergestaltung aber doch zu schrill für mich. Ein gutes Buch, dessen Lektüre sicher den Horizont erweitert.
Buchinformation: Aufzeichnungen aus dem Untergrund • Fjodor M. Dostojewski • Manesse Verlag • 320 Seiten • ISBN 9783717525363
