Ein Winter auf Mallorca • George Sand

Ein Winter auf Mallorca von George Sand

Den Winter von 1838 auf 1839 verbrachte George Sand mit ihren Kindern und Frédéric Chopin auf Mallorca. Auf ärztlichen Rat hin sollte sich dort der Gesundheitszustand ihres Sohnes und auch Chopins verbessern. Also machte sich die literarisch gut vernetzte Autorin mit ihrer Familie und ihrem Geliebten auf den Weg. Natürlich sollte sie dazu ein Buch schreiben, und nachdem es mich in diesem Urlaub auch an diese Gestade verschlagen hat, war natürlich klar, dass dieses Buch meine Urlaubslektüre werden sollte. Selbstverständlich habe ich der malerisch gelegenen Kartause in Valldemossa auch einen Besuch abgestattet. Lest hier über meine literarische Reise und ob sich die Lektüre auch auf der hiesigen La Terraza lohnt.

Ein Winter auf Mallorca von George Sand

Von George Sand habe ich schon einige Bücher gelesen, zuletzt Nanon, und gerade ihre Landschaftsbeschreibungen mochte ich sehr. Un hiver à Majorque erschien 1842 und erzählt von ihrem Winter auf Mallorca. Ihr Sohn hatte eine rheumatische Erkrankung und ihr Geliebter Frédéric Chopin litt an Tuberkulose und so schien das Klima der Insel perfekt geeignet zu sein. Was sich später als Fehler herausstellte, denn im Winter regnet es dort wohl sehr stark, was das Leiden von Chopin zumindest deutlich verstärkt hat. Aber offensichtlich hat das der künstlerischen Inspiration nicht geschadet, denn Chopin hat einige seiner bekanntesten Stücke in der einsamen Kartause komponiert.

In drei Teile gegliedert, stellt Sand die Insel Mallorca vor und berichtet über ihre Zeit auf dem Eiland. Wobei sich Persönliches mit sachlichen Themen mischt, was der Lektüre durchaus Schwung verleiht. Im ersten Teil leitet Sand ein, gibt einige Informationen zur Insel, betrachtet mit einem satirischen Blick die Landwirtschaft und Ökonomie, reflektiert über das Reisen an sich und schreibt über ihre Anreise und erste Zeit auf der Insel. Im zweiten Teil gibt sie einen kulturellen Überblick, berichtet über die maurische Vergangenheit, die arabische Baukunst, geht auf die wichtigsten Bauwerke Palmas ein, verzichtet aber auch nicht auf die eine oder andere Anekdote. Dabei wagt sie auch einen Seitenblick auf die Inquisition, die sie kunstvoll mit einem Dialog zweier Männer kritisiert. Den zweiten Teil habe ich eher als langsam und wenig unterhaltsam empfunden, auch wenn man hier doch das eine oder andere erfährt. Erst der dritte Teil konnte mich dann begeistern. Dort beschreibt sie ihren Umzug nach Valldemossa, stellt das klösterliche Leben vor, beschreibt die Mallorquiner, aber besonders auch den Winteralltag in der Kartause. Hier finden sich auch wieder einige sehr schöne Landschaftsbeschreibungen und man findet dort auch wieder ihr übermäßig romantisiertes Bild von der schönen jungen Bäuerin, das einem schon in Nanon sehr intensiv begegnet. Das habe ich als sehr gelungen empfunden.

Ein Winter auf Mallorca von George Sand

Valldemossa, der Blick Richtung Meer, über die Berge der Serra de Tramuntana, das kleine Bergdörfchen, das in den Sommermonaten voll mit Touristen ist (aber dennoch nicht überlaufen wirkt), die kleine Kartause, die gewundenen Straßen hinauf zu dem Kloster, all das ist wunderschön und ein Vergnügen anzusehen. Es ist sofort nachvollziehbar, warum Sand sich dieses schöne Fleckchen Erde als Wohnsitz ausgesucht hat. Wenn Sand dann beschreibt, wie sie sieben Stunden von Palma zurück zur Kartause gebraucht hat, im strömenden Regen des Winters, dann ist das schon faszinierend, wenn man selbst mit dem Auto durch einen Tunnel abkürzt und innerhalb von vierzig Minuten an dem Kloster steht. Die größte Hürde dieser Tage? Der Parkscheinautomat, der anscheinend seit George Sands Aufenthalt nicht erneuert wurde. Wenn man in dem schönen Garten der Kartause steht und zwischen Zypressen hinaus auf das Meer am Horizont blickt, dann kann man sich sehr gut vorstellen, wie Sand hier ihre Zeilen geschrieben hat, begleitet von Chopins Regentropfen-Prélude. Der Ort ist wunderschön und definitiv einer der schönsten Flecken auf der Insel.

„An jeder Wegbiegung bot sich uns von beachtlicher Höhe aus über die schönste Vegetation hinweg eine grandiose Aussicht auf das Meer. Es war das erste Mal, dass ich bewachsene Ufer sah, bedeckt von Bäumen und üppigem Grün bis hinauf zur Wellenlinie, ohne bleiche Klippen, öde Gestade oder schlammigen Sandstrand. […] Auf Mallorca war es endlich wie in meinen Träumen, das Meer kristallklar und blau wie der Himmel, sanft gewellt wie eine Fläche aus in regelmäßigen Rillen gearbeiteten Saphiren, die sich von einer gewissen Höhe aus betrachtet kaum bewegte und von dunkelgrünem Wald eingerahmt war. Jeder Schritt auf dem gewundenen Bergpfad eröffnete uns eine neue Aussicht, eine schöner als die andere. Gleichwohl war diese Küste, während wir tief zur Einsiedelei hinunterstiegen, zwar sehr schön, doch nicht von der Großartigkeit, wie ich sie an einem anderen Ort ein paar Monate später erleben sollte.“ (S. 231 f.)

Ein Winter auf Mallorca von George Sand

Die Mallorquiner vermarkten das Kloster natürlich und so kommen jedes Jahr zahlreiche Touristen, um durch diesen hübschen Ort und die kleinen Gassen des Bergdorfes zu lustwandeln. Was ökonomisch Sinn macht, ist aus kultureller Sicht zumindest fragwürdig, denn Sand lässt an den Mallorquinern kein gutes Haar. Mit ihrer kulturellen Überlegenheit blickt sie erbarmungslos auf die Menschen und Bauern der Insel herab. Sie geht sogar weiter und nennt Mallorca die „Insel der Affen“ und setzt die Bewohner eher mit Tieren als mit Menschen gleich. Das ist schon sehr grenzwertig. Gleichzeitig ist das aber auch irgendwie nachvollziehbar, denn Mallorca war zu dieser Zeit sehr ursprünglich und von Tourismus war noch keine Spur.

„Und doch, der mallorquinische Bauer ist sanftmütig, gütig, friedlich, von ruhiger und geduldiger Natur. Er mag das Böse nicht und kennt nicht das Gute. […] Er ist nicht hassenswerter als ein Rind oder Schaf, denn er ist kaum mehr Mensch als die in der Unschuld des Tiers gefangene Kreatur. Er sagt Gebete auf, er ist abergläubisch wie ein Wilder, aber er würde ohne Umschweife seinesgleichen fressen, wenn es den Sitten seines Landes entspräche und es nicht Schweine im Überfluss gäbe. Er betrügt, prellt, lügt, beleidigt und plündert ohne jegliche Gewissensbisse. Ein Ausländer ist kein Mensch für ihn. […] Wir nannten Mallorca die Insel der Affen, weil wir uns von diesen heimtückischen, räuberischen und doch unschuldigen Biestern umgeben sahen, aber angewöhnten, uns vor ihnen zu schützen und ihnen nicht mehr zu grollen als die Inder ihren Languren oder schelmischen Orang-Utans.“ (S. 222)

Man muss auch ergänzen, dass die Inselbewohner große Angst vor Chopins ansteckender Tuberkulose hatten. Als sie von seiner Erkrankung erfuhren, wurde er prompt aus dem gemieteten Haus geworfen und sämtliche Möbel wurden verbrannt. Gleichzeitig war Sand zweifellos ein Kulturschock für die Mallorquiner: Sie lief in Männerkleidung herum, rauchte Zigarren und lebte unverheiratet mit einem jüngeren Mann zusammen, was für das erzkatholische, sittenstrenge Mallorca damals ein handfester Skandal war. Man darf ja nicht vergessen: Es gab den Bierkönig noch nicht.

Interessant ist auch, dass Chopin im gesamten Buch nie beim Namen genannt wird. Sand schreibt stets nur von „unserem Kranken“ oder einem „Künstlerfreund“, dass hier einer der berühmtesten Komponisten der Musikgeschichte gemeint ist, muss man als Leser selbst wissen.

Ein Winter auf Mallorca von George Sand

Ich habe mich für die Anaconda-Ausgabe entschieden. Sie ist mit ihrer Covergestaltung am hübschesten, und eine bibliophil ansprechendere habe ich nicht gefunden. Es gibt von der Büchergilde zwar eine illustrierte Ausgabe, die hat mich optisch aber nicht überzeugt. Die Anaconda-Ausgabe fällt also eher bescheiden aus, hat nur eine einfache Klebebindung, kein Lesebändchen, nichts. Dafür ist sie schön günstig und man empfindet keine Reue, wenn das Buch am Pool doch mal einen Tropfen abbekommt. Die Übersetzung hat sich ganz angenehm gelesen. Da das Buch aber auch kein Meisterwerk ist, war ich hier auch mit einer mittelklassigen Übersetzung zufrieden. Die Übersetzerin Carolin Wiedemeyer liefert hier meinem Empfinden nach einen soliden Text ab.

Fazit: Ein Winter auf Mallorca ist kein Meisterwerk, aber eine unterhaltsame und erfrischende Urlaubslektüre. Gerade wenn man die Gelegenheit hat, Valldemossa und die Kartause zu besichtigen, dann ist das Buch ein großes Vergnügen. Für Daheimgebliebene ist es definitiv keine Pflichtlektüre: Zu geschwätzig und wenig fokussiert ist das Buch, da gibt es bessere Reiseberichte. Mit seinen etwa 250 Seiten ist es aber auch schnell gelesen und gerade den dritten Teil mit Sands eigenen Erfahrungen und Alltagserlebnissen fand ich sehr unterhaltsam. Wer George Sand kennenlernen möchte, dem würde ich eher Nanon empfehlen, das mich sehr begeistern konnte. Wer aber einen Urlaub auf Mallorca verbringen möchte und die Möglichkeit hat, die Kartause zu besichtigen, der sollte das Buch unbedingt mit einpacken.

Buchinformation: Ein Winter auf Mallorca • George Sand • Anaconda Verlag • 256 Seiten • ISBN 9783730604694

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