Nanon • George Sand

Nanon von George Sand

Nanon ist letztes Jahr in dieser schönen Neuausgabe erschienen und wartete seitdem auf meinem Stapel ungelesener Bücher. George Sand war mit Balzac und Dumas gut bekannt und auch Flaubert war von ihrer Literatur begeistert. Dazu eine hochwertige Neuübersetzung von Elisabeth Edl, die schon mit zahlreichen Büchern begeistern konnte. Es war also eine einfache Entscheidung, diesen ansonsten eher unbekannten Titel zu lesen. Ist Nanon eine lesenswerte Neuübersetzung oder ein mittelmäßiges Buch im Fahrwasser der großen Meister der Literatur? Schauen wir uns genauer an, was Sand zu bieten hat.

Nanon erzählt rückblickend ihre bewegte Lebensgeschichte zur Zeit der französischen Revolution. Sie berichtet von ihrer frühen Jugend als einfache Bäuerin und ihrem Werdegang in einer sehr bewegten und politisch instabilen Zeit. Eine große Rolle spielt dabei Émilien, ein jüngerer Spross aus adeligem Hause, dem es bestimmt war, zugunsten seines älteren Bruders in ein Kloster abgeschoben zu werden. Aus Sicht einfacher Bauern taucht der Leser in den einfachen naturverbundenen Lebensalltag ein, der unter dem Einfluss großer Umwälzungen steht, aber dann doch eigenen Gesetzen folgt und einen ganz eigenen Blick auf die Ideale und Ergebnisse der politischen Ideologien hat.

Nanon von George Sand

Die Geschichte beginnt kurz vor der französischen Revolution und die 14-jährige Nanon beschreibt, wie sie bei ihrem Großonkel ein ganz einfaches Leben als Bäuerin führt. Das abgelegene Bauerndorf in der Provinz Marche ist fiktiv, aber stark an die echten Örtlichkeiten angelehnt und ganz bewusst ein ganz gewöhnliches kleines Dorf. Ausgehend davon berichtet sie über ihr Leben, dann aber auch ihre Begegnungen mit Émilien, aber auch den Mönchen des Klosters, dem die Bauern des Kirchensprengels verpflichtet sind. Mit der Revolution ändern sich die Verhältnisse für die Bauern. Aber nicht mit der Heftigkeit, wie das in Paris der Fall war. Und das ist das Besondere an dem Buch. Während Balzac, Hugo, Dumas und die anderen großen Autoren ihren Fokus immer auf das Zentrum der historischen Geschehnisse setzen, bleibt Sand ganz bewusst am äußersten Rande dieser politischen Veränderungen.

Nanon ist dem Leser sehr schnell sympathisch. Sie ist einfach aber aufrichtig, wissbegierig, gütig und hat ein reines Herz. Gerade ihre Bescheidenheit, ihr Fleiß und ihr Streben nach Wissen bringen sie Stück für Stück voran und so werden genau diese Tugenden belohnt. Gleichzeitig emanzipiert sie sich im Laufe der Revolution und steigt sozial auf. Und zwar aus eigener Kraft. Von dem Plot ist die Geschichte spannend und immer wieder hat der Roman Anleihen einer Abenteuergeschichte. Allerdings in gemäßigter Form, womit die Geschichte glaubhaft bleibt und zugleich auch unterhaltsam zu lesen ist.

Nanon von George Sand

Was mir richtig gut gefallen hat, das sind die Beschreibungen der Landschaft und Natur. Das ist in dem Buch einfach wunderbar. Mich hat das fast schon an Daphnis und Chloe von Longos erinnert und das hat einen Hauch von bukolische Dichtung. Nanon und ihre Gefährten verbringen einige Zeit versteckt im einsamen Hinterland, welches Sand an die Gegend um Crevant angelehnt hat. Und diese Naturbeschreibungen sind schon ein echter Genuss. Wie sie sich dort einrichtet und sie sich selbst versorgen, das hat schon ein bisschen was von Robinson Crusoe und auch der Weg dorthin ist wieder sehr abenteuerlich. Das lädt schon zum Träumen ein und ich habe die Lektüre im Schein der ersten warmen Frühlingssonne sehr genossen.

Nachdem Nanon immer weit abseits von den Machtzentren ist, sickern die Nachrichten von den politischen Umwälzungen immer verspätet und verzerrt bei ihr ein. Die Geschichte spielt während der Revolution und auch der Schreckensherrschaft von Robespierre sowie die darauf folgende Zeit. Die Vertreibung des Adels, die Grausamkeiten, die zahlreichen Hinrichtungen, all das ist ein Thema, das berührt auch die Figuren, aber durch die abgelegene ländliche Lage in einer abgeschwächten Form. Trotzdem beschäftigt es Nanon und die Figuren um sie herum sehr und natürlich hat es einen starken Einfluss auf ihren Lebensalltag. Plötzlich sind die Bauern nicht mehr zum Fron verpflichtet und dürfen Land erwerben. Gleichzeitig gibt es die Angst, dass der Adel zurückkehren könnte und im einfachen Volk auch Missbilligung gegenüber den Verbrechen der Revolutionäre, auch wenn diese für eine gerechte Sache kämpfen. Gerade diese Spannung ist immer wieder ein Thema. Diesen gemäßigten Blick habe ich als sehr aktuell empfunden, denn er zeigt die Übertreibungen dieser Zeit und auch, dass Gesellschaften nach immer den gleichen Prinzipien funktionieren, wenn sich die Geschichte auch nie in allen Einzelheiten exakt wiederholt.

„Was man wissen müsste, was man hören müsste, versteht Ihr, ist das ganz leise Gesagte, aber diese Dinge erfahrt Ihr niemals, denn Ihr lebt inmitten von Deklamationen oder Gebrüll.“ (S. 298)

In politische Sicht habe ich das Buch als sehr aktuell empfunden. Die Übertreibungen der Revolution, man findet sie auch in diesen Tage in jedem politischen Diskurs. Natürlich war es eine extreme Zeit, die mit der Situation jetzt nicht vergleichbar ist. Was ich aber faszinierend fand, war die Tatsache, dass nicht mehr alles gesagt werden durfte. Die Menschen haben sich weggeduckt, was auch verständlich ist, denn eine falsche Äußerung und man konnte ohne großes Gerichtsverfahren unter der Guillotine enden. Auch dieser Tage ist die freie Meinungsäußerung vielleicht noch möglich, man kommt nicht sofort aufs Schafott, wenn man etwas sagt, das nicht der vorherrschenden gesellschaftlichen Meinung entspricht, aber es gibt durchaus schon ernstzunehmende Repressionen, wenn man ausschert und ganz schnell politisch eingruppiert und ausgegrenzt wird. Ein freier Diskurs? Das ist etwas, das gerade verloren geht und es ist eines der wichtigsten Ergebnisse dieser grausamen Revolution, die eine so wichtige Grundlage für unsere jetzige Gesellschaftsordnung darstellt.

Man müsste ein Mittel finden, welches Einhalt gebietet, ohne zu bestrafen, und mit Waffen kämpft, die nicht verletzen.[…]Nun, diese Waffen sind gefunden, und man muss nur wissen, wie man sie gebraucht: Es ist die freie Diskussion, die alle Leute aufklärt, es ist die Kraft der Meinung, die brudermörderische Komplotte vereitelt, es ist die Weisheit und die Gerechtigkeit, die tief im Menschenherz verankert sind und durch eine gute Erziehung entwickelt würden, während Unwissenheit und Leidenschaft sie ersticken. (S. 239)

Sand lässt Nanon die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählen, was ihr viel Authentizität gibt und eine angenehme Nähe zur Protagonistin schafft. Die Sätze sind angenehm zu lesen und haben stellenweise eine gewisse Einfachheit, was zu dem Bauermädchen gut passt. Gleichzeitig gehört Sand natürlich zu einem literarischen Dunstkreis, der einfach wortgewandt war und schöne Sätze, die auch einen gewissen altmodischen Anstich haben, gehören hier einfach zum Standardrepertoire. Man kommt in einen angenehmen und geschmeidigen Lesefluss und das Buch liest sich einfach und ohne Probleme.

Nanon von George Sand

George Sand, 1804 in Paris geboren, schrieb Nanon 1872. Es war ihr letzter Roman und nur vier Jahre später stirbt sie in Nohant. Als Tochter eines adligen Vaters und seiner Mätresse, wurde Sand, deren eigentlicher Name Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil war, von ihrer Großmutter streng erzogen und sie erhielt eine überdurchschnittlich gute Bildung. 1836 trennte sie sich von ihrem Ehemann, was damals ein Skandal war und erlangte so aber ihre Freiheit. Sie hatte ein bewegtes Leben, war für ihre Zeit sehr emanzipiert, hatte intensive Liebesbeziehungen, trug sogar Männerkleidung und war als Schriftstellerin sehr produktiv. George Sand wählte diesen Namen zu ihrem Pseudonym, nachdem es zu dieser Zeit als Frau nicht einfach war zu veröffentlichen. Aus meiner Sicht ist sie Teil der großen Schriftsteller ihrer Zeit, auch wenn sie nicht die Berühmtheit von Autoren wie Alexandre Dumas, Honore de Balzac oder Gustave Flaubert erlangt hat.

Wie für die Hanser-Neuübersetzungen üblich, kommt das Buch mit viel Zusatzmaterial. Die Anmerkungen fand ich hervorragend, denn sie ordnen die politischen Geschehnisse ein, ohne dass sie überfrachtet sind. Ich habe sie mir immer vor jedem Kapitel durchgelesen und dann ist klar, was aktuell in Paris passiert und was im Gegenzug in der Provinz dazu ankommt. Das war sehr informativ und lehrreich. Es gibt auch eine kurze Chronologie zur französischen Politik, für alle, die mehr Informationen möchten und auch eine Zeittafel zu Sands Leben. Das Nachwort von Elisabeth Edl gibt einen Einblick in Sands Leben und Werk und zahlreiche weiterführende Hintergrundinformationen. Man merkt, dass die Übersetzerin sich intensiv mit Flaubert beschäftigt hat und so bekommt gerade die Beziehung zwischen Sand und ihm viel Raum. Es ist interessant zu lesen, wie Sand in diese literarische Welt eingebettet war und man erfährt über ihren Umgang mit Balzac, Dumas und vielen anderen Autoren dieser Zeit. Ich fand das Nachwort zu umfangreich, gleichzeitig ist es aber wiederum eine sehr gute Quelle für alle, die sich mehr Hintergrundinformationen wünschen.

Nanon von George Sand

Die Ausgabe ist sehr hochwertig und folgt den hohen Qualitätsstandards der Hanser Klassiker. Es hat eine Fadenheftung, ein Lesebändchen, einen Leineneinband, einen angenehm stabilen und hochwertigen Schutzumschlag und eine sorgfältig gewählte Typographie. Man ist hier, wie gewohnt, im Premiumbereich unterwegs und bekommt eine bibliophile Ausgabe, die keine Wünsche offen lässt. Ich formuliere es mal so: Selbst wenn es eine andere Ausgabe von Nanon geben würde, ich würde dieser Hanser Ausgabe immer den Vorzug geben, weil sie einfach perfekt ist.

Fazit: Die Reise in das wunderschöne ländliche Frankreich, die fast bukolisch anmutende Beschreibung des abgelegenen Bauerndorfes und die abenteuerlichen Szenen zur Zeit der Revolution, machen das Buch zu einer spannenden Lektüre. Besonders habe ich aber Nanon lieb gewonnen und es sehr genossen, die Welt durch ihre Augen zu sehen. Sands Sprache ist ganz in der Tradition der großen französischen Autoren und das Buch trägt viele Botschaften mit sich, die völlig zeitlos sind. Hier hat Elisabeth Edl ein wunderbares Buch neu entdeckt, wie gewohnt perfekt neu übersetzt und dem deutschsprachigen Publikum in Form eines herausragenden bibliophilen Hanser-Klassiker zugänglich gemacht. Nanon ist eindeutig eine Empfehlung.

Buchinformation: Nanon • George Sand • Hanser Verlag • 496 Seiten • ISBN 9783446284180

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