Klassikerinnen: Empowerment oder monetarisierter Feminismus?
Wirft man einen Blick auf die Neuerscheinungen im Bereich Klassiker, dann fällt auf, dass einige Verlage sich stärker auf Bücher von Frauen fokussieren. Auf der einen Seite ist das gut, denn es gibt sicherlich zahlreiche hervorragende Klassiker von Frauen, die nur darauf warten, neu entdeckt zu werden. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass Bücher gerade deshalb neu verlegt werden und damit nur mäßig lesenswerte Bücher angepriesen werden. Mit diesem Beitrag möchte ich meine Erfahrungen und Gedanken dazu mit euch teilen.
Das richtige Buch zu finden, ist eine Kunst und sich selbst gute Literatur zuzuführen, ist nicht einfach. Seit Jahren habe ich meine Lieblingsverlage, die ich immer wieder nach guten Klassikern absuche und mir die Neuerscheinungen sehr genau anschaue. Dabei fällt auf, dass einige Verlage mittlerweile verstärkt auf Autorinnen setzen.
Der Manesse Verlag hat 2017 seine berühmte Reihe „Manesse Bibliothek der Weltliteratur“ neu ausgerichtet. Ab 2022 setzt man nun verstärkt auf weibliche Autoren und zwei Drittel der neu veröffentlichten Bücher stammen aus der Feder einer Frau. Auch der mareverlag hat letztes Jahr vier kleine Büchlein nur von Frauen als Klassikerinnen positioniert und setzt seit drei Jahren für ihre Klassikerreihe auch verstärkt auf weibliche Autoren. Der Reclam Verlag hat mit seinen Reclam-Klassikerinnen ein ganzes Programm ausschließlich Klassikern von Frauen gewidmet. Der ecco Verlag geht einen Schritt weiter und verlegt ausschließlich Bücher von Frauen (hier gibt es kaum Klassiker, aber diese vollständige Ausrichtung auf Autorinnen ist durchaus erwähnenswert).
Andere Verlage zeigen keine Veränderung in ihrer Programmgestaltung. Beispielsweise der Hanser Verlag, S. Fischer Verlag, Nikol Verlag oder der Diogenes Verlag haben unverändert primär männliche Autoren im Klassiker-Bereich.
Für mich stellt sich die Frage, ob das eine gute Idee ist, oder ob mir hier nicht mittelmäßige Literatur präsentiert wird. Das verkauft sich natürlich hervorragend, wenn dann auf dem Klappentext steht, wie aktuell das Buch noch immer in der Debatte um Gleichberechtigung ist. Oder wenn etwas als noch zutiefst relevant gilt. Das hat für mich einen faden Beigeschmack, das muss ich ehrlich sagen. Ich möchte lesenswerte Meisterwerke der Literatur. Da muss man einfach ehrlich sein: Früher hatten Frauen leider nur eingeschränkte Möglichkeiten und entsprechend gibt es weniger Material. Frauen hatten einen deutlich erschwerten Zugang zu Bildung, durften nicht veröffentlichen und mussten unter männlichen Pseudonymen publizieren. Gerade das hat die Menge an von Frauen Geschriebenen und zugleich Überlieferten massiv reduziert. Das hat für mich also mehr mit Wahrscheinlichkeiten zu tun. Wenn ein bedeutendes Selektionskriterium eines Verlages nun das Geschlecht der Autoren ist, dann besteht hier das hohe Risiko, dass dies wiederum zulasten des Inhalts geht und die Qualität mindert.
Wie hin- und hergerissen ich diesbezüglich bin, sieht man gut an zwei der vier kleinen mare Klassikerinnen. Das Buch Und ich lass dir als Pfand das Meer von Carme Riera fand ich genial, das war ein richtiger Knaller. Eine kurze Erzählung, die aber eine richtig schöne Pointe hat, die mich voll überzeugen konnte und eine wunderbare Neuentdeckung ist. In der Bucht von Katherine Mansfield fand ich nicht gut und die Erzählung ist auch keine Neuauflage wert. Klar, vom Thema lässt sich das natürlich wunderbar platzieren, immerhin geht es um „regretting motherhood“ und ist zudem von einer sehr bekannten Autorin. Inhaltlich fand ich das Buch nicht besonders lesenswert und ich kann mich auch an nahezu nichts mehr daraus erinnern. Das liegt natürlich auch an mir als Leser: „regretting motherhood“ ist jetzt für mich kein Thema, aber auch sachlich betrachtet, steckt nicht sonderlich viel in dem Buch.

Ich würde nicht sagen, dass ich männliche Autoren bevorzuge, weil ich Frauen diesbezüglich etwas absprechen würde. Das macht überhaupt keinen Sinn: Warum sollten Frauen besser oder schlechter als Männer schreiben können? Es gibt zahlreiche Meisterwerke von Frauen, die ich liebe, die ihren Platz in meinem Regal für immer haben und bei der Wahl meiner Bücher achte ich nur begrenzt auf das Geschlecht des Autoren. Da denke ich an Meisterwerke wie Der Report der Magd von Margaret Atwood, die Romane der Brontë-Schwestern, Rebecca von Daphne du Maurier oder Vom Winde verweht von Margaret Mitchell.
Ein anderes Beispiel, wo ich merke, wie schwierig es ist, das einzuordnen, ist Liebe und Salzwasser von Ethel Wilson. Das Buch ist nicht schlecht, es hat viele hervorragende Elemente, gleichzeitig ist es für mich im Mittelfeld anzusiedeln. Es mag sein, dass das Sujet nicht auf mich ausgerichtet ist, ich bin nun mal keine Frau, die ein selbstbestimmtes Leben führen und ihren eigenen Weg gehen möchte. Und ich denke genau da liegt auch das Problem. Glaubt man verschiedenen Studien, so lesen Frauen deutlich mehr und bevorzugen Belletristik, während Männer seltener zum Buch greifen und eher Sachtexte als Lektüre wählen. Das heißt, aus wirtschaftlicher Sicht macht es als Verlag einfach Sinn, sich an ein weibliches Publikum zu richten und entsprechende Literatur zu verlegen. Und es ist auch aus Marketingsicht sinnvoll das zunehmende Bewusstsein für Gleichberechtigung, Feminismus und Empowerment zu thematisieren und als Zielmarkt zu erschließen.

Ich muss bei diesem Thema auch immer an das Buch Prosaische Passionen denken, einer Sammlung von über einhundert Kurzgeschichten von Frauen aus der Moderne. Das wurde zum Zeitpunkt der Veröffentlichung in der Buchblogger-Bookstagrammer-Szene gelobt und immer wieder erwähnt und besprochen. Die Anzahl der Bewertungen und auch den Preisverfall des Buches geben einen Hinweis darauf, dass das nur ein kurzer Erfolg war und das Buch ist ebenso schnell wieder in der Versenkung verschwunden, wie es auf Social Media gehyped wurde.
Betrachtet man also einen wiederentdeckten Klassiker einer weiblichen Autorin als Verkaufsargument, dann würde ich sagen, dass sich in den letzten Jahren gezeigt hat, dass es nur als flankierendes, zusätzliches Argument fungiert. So wie das Thema Feminismus viel Sichtbarkeit hat, für durchschnittliche Konsumenten aber vermutlich nur eine positive Verstärkung als Kaufanreiz für ein Buch sein kann. Das entspricht dem Verhalten, das ich auch so oft beobachte. Da bezeichnen sich Frauen als Feministinnen, werfen mit ein paar der oft erwähnten Argumenten um sich, sind aber sonst nur stark begrenzt für das Thema engagiert oder interessiert. Ein Umstand, der zumindest mir immer wieder begegnet. Diese These stützt auch die Tatsache, dass nur wenige Verlage auf diesen Zug aufspringen und viele (wie der Hanser Verlag) das im Klassikerbereich vollständig ignorieren.
Was bedeutet das für mich als Leser? Die Suche nach guten Büchern wird etwas schwerer. Nicht viel, aber durchaus spürbar. Ich bin ohnehin sehr kritisch mit der Wahl der passenden Lektüre und habe mittlerweile ein gutes Gespür entwickelt. So gibt es beispielsweise auch Bücher, die bestimmte Ideologien bedienen, was man schnell erkennt und um die ich dann einen großen Bogen mache. In Zeiten einer zunehmend zerrissenen Gesellschaft, in der Debatten auf eine immer aggressivere und polemisierendere Weise geführt werden, schlägt sich das auch in der Welt der Bücher nieder. Da scheidet für mich vieles von dem aus, was als Literatur oder moderne Klassiker vermarktet wird.
Ethel Wilsons Roman hat mich mit gemischten Gefühlen zurückgelassen. Trotzdem habe ich mich sehr gefreut, dieses Buch zu entdecken und die Autorin kennenzulernen. Und da sind wir bei dem nächsten Punkt, den ich bei diesem Klassikerinnen-Trend als sehr problematisch empfinde: Zumeist werden einfach stumpf die großen Autorinnen neu aufgelegt. Jane Austen, Virginia Woolf, Katherine Mansfield werden da schon reflexartig auf den Markt geworfen. Anne of Green Gable, The Secret Garden oder Little Woman fallen in die gleiche Kategorie. Klar, da ist die Nachfrage da, aber ich bin auch immer enttäuscht, wenn es die tausendste Ausgabe von immer den gleichen Büchern gibt. Die Klassikerinnen vom mareverlag hingegen sind schon hervorragend gewählt und eine bereichernde Lektüre, auch wenn es nicht immer große Knaller sind (die ebenfalls in der Reihe zu finden sind). Es ist eine Gratwanderung und während der mareverlag das sehr gut hinbekommt, ohne zu übertreiben, hat das Programm vom Manesse Verlag mittlerweile für mich schon ein bisschen Schlagseite bekommen.
Die Arbeit von Verlagen ist wichtiger denn je und viele von ihnen leisten diese Arbeit in hoher Qualität. Ich wünsche mir die Klassiker von Frauen, die wirklich übersehen wurden, die weder übersetzt noch kanonisiert wurden, aber dennoch in der Liga der großen Werke mitspielen. Wenn Verlage mit Neuveröffentlichungen wunderbare Bücher von Autorinnen ans Licht bringen, ist das auch eine Form kultureller Reparaturarbeit. Das ist jedoch extrem anspruchsvoll und zeitintensiv und erfordert viel Recherche- und Sucharbeit. Etwas, das bei der tausendsten Jane-Austen-Neuveröffentlichung gerade nicht passiert. Bei einem Buch wie Reise einer Frau in die Arktis von Léonie d‘ Aunet hingegen schon. Und auch bei Nanon von George Sand ist das der Fall.

Als Leser, der Klassiker liebt, wünsche ich mir mehr Bücher von Frauen. Aber nur dann, wenn es auch sehr lesenswerte Geschichten oder gar Meisterwerke der Literatur sind. Und noch mehr freue ich mich über neu entdeckte Erstübersetzungen, die etwas Besonderes sind, welche die Leser fesseln und mit ihrer Geschichte voll überzeugen können. Bücher, die zufällig diskutierte Themen aufgreifen, ideologisch gerade gut passen oder die tausendste Neuauflage von Jane Austen gehören da für mich nicht dazu.
