Liebe und Salzwasser • Ethel Wilson
Für dieses Frühjahr gibt es wieder einen etwas dünneren mare Klassiker. Erneut optisch sehr ansprechend und diesmal von einer kanadischen Autorin. So viele kanadische Autoren hatte ich noch nicht auf meinem Bücherstapel. Das Buch verströmt etwas von einer Neuentdeckung eines Klassikers. Mit „Klug, einfühlsam und bis heute zutiefst relevant.“ wird der Roman beworben. Die versprochene Relevanz findet man allerdings nicht in diesem Buch, sondern einem andere mare Klassiker.
Der Roman handelt von Ellen Cuppy, die in Vancouver aufwächst und nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter mit ihrem Vater auf eine Schiffsreise geht. Ungefähr in den 1930er Jahren bestreitet die junge Frau ein selbstständiges Leben, verheiratet sich nicht, was zu der Zeit eher üblich gewesen wäre, sondern geht ihren eigenen Weg. Schließlich wird sie noch einmal auf eine harte Probe gestellt und während das Meer, das Salzwasser, schon in jungen Jahren in ihr Leben bricht, so macht es das später noch einmal, mit all seiner Gewalt.

Ethel Wilsons Stil zu schreiben ist klar und geradlinig, so wie die Natur Kanadas. Dabei ist sie eine aufmerksame Beobachterin und beschreibt sowohl die Natur, das Meer, die Buchten der kanadischen Küste und gleichermaßen die Menschen, die Gedanken und Gefühle, mit einer angenehmen Direktheit. Die Sätze sind nicht schlicht, aber auch nicht übermäßig poetisch. Und das passt sehr gut zu den Charakteren. Im Mittelpunkt steht Ellen, die von allen Gypsy genannt wird, da sie einen dunklen Teint und einen ungezähmten und freiheitsliebenden Charakter hat, ganz wie ein Zigeunermädchen. Ellen weiß, was sie möchte, manchmal laviert sie ein wenig, aber am Ende findet sie immer zu sich selbst. Sowohl Stil als auch Inhalt fügen sich hier gut zusammen.
Ich würde sagen, die Charakterisierung der Figuren ist auch die Stärke des Romans. Wilson stellt der Protagonistin ihre Schwester Nora gegenüber. Diese ist das Gegenstück, heiratet früh und fügt sich schnell in die soziokulturellen Strukturen, ist aber weitaus weniger empfindsam als ihre kleine Schwester. Diesen Kontrast fand ich sehr schön. Aber auch Ellens Vater und zahlreiche andere Figuren wirken sehr echt und lebensnah.

Trotz dieser fein gezeichneten Figuren konnte mich der Roman nicht erreichen. Der Plot hatte keine klare Linie und zerfällt in drei Teile, die scheinbar willkürlich zusammenhängen und sich über Ellens Leben verteilen, so dass ich als Leser einfach keine emotionale Verbindung zu Ellen aufbauen konnte. Ja, man kann ihre Gedanken und Beweggründe verstehen und nachvollziehen. Aber ich habe sie einfach nicht gut genug kennengelernt, es bleibt eine zu große Distanz. Zudem verliert sich der Roman auch immer wieder. Die Landschaftsbeschreibungen sind schön und fügen sich gut ein, aber einige Nebencharaktere oder Szenen sind zu ausführlich, bringen die Geschichte zu wenig voran und reißen den Leser aus dem Lesefluss. Eine Passage über den Erdbeerbaum habe ich als zu künstlich eingefügt empfunden. Ebenso wie die Beschreibung einer Tante, die plötzlich verstirbt, das ist einfach nicht gut komponiert. Das hängt da in dem Buch so drinnen und bremst die Geschichte eher aus, als dass sie diese weiterbringt. Auch einige allgemeine philosophische Passagen erschienen mir zu sehr gewollt. Erst im letzten Fünftel des Buches wird es interessant und dann, wenn man als Leser mit Ellen endlich etwas gemeinsam durchlebt, endet das Buch.
Wie man es von den mare Klassikern kennt, bekommt man hier wieder viel von der wichtigsten Nebenfigur zu sehen und zu fühlen: dem Meer. Das gelingt einfach durchgängig bei all den Büchern der mare Klassiker und das ist wirklich eine Kunst, diese Bücher auch auszuwählen. Denn es ist nicht nur die Darstellung des Meeres, es ist auch immer ein Gefühl dafür, das zwischen den Zeilen mitschwingt. Wenn Wilson die Frachter in den Buchten beschreibt, oder gegen Ende ihre Zeit auf Galiano Island und Mayne Island verbringt, dann erweckt sie die Landschaft wunderbar zum Leben. Ich ertappe mich dann immer, wie ich im Internet nach Bildern suche, um das alles zu sehen, und wer das tut, der kommt nicht umhin, diese wunderschöne Landschaft zu bewundern. Im echten Leben oder in Büchern, schöne Landschaften und Inseln funktionieren bei mir einfach immer.
Optisch gefällt mir das Buch richtig gut. Der bedruckte Leineneinband ist wunderschön und farbenfroh. Das impressionistische Gemälde der Landschaft um Ontario von Tom Thomson ist perfekt gewählt. Mit den deutlich sichtbaren Pinselstrichen sieht das auf dem sehr hochwertigen Druck richtig gut aus. Eine Freude ist auch das Papier. Das ist ein absolutes Alleinstellungsmerkmal der mare Klassiker: Dieses geschmeidige weiche Papier. Das ist jedes Mal ein haptischer Genuss. Fadenheftung und Schuber sind in der gewohnten Qualität. Oft vergehen Monate zwischen zwei mare-Büchern und wenn ich dann eines der Bücher in Händen halte ist das einfach immer ein Vergnügen.

Das Nachwort von Katharina Hagena fand ich auch richtig gut. Als ich den Roman ausgelesen hatte, wollte ich schon meine übliche Runde durch das Internet drehen und ein bisschen mit Claude über die Bedeutung einzelner Elemente reden, was dann aber garnicht mehr notwendig war. Das Nachwort von Katharina Hagena ist sehr gelungen und gibt einen angenehmen Rundumblick. Es fasst die Geschichte noch einmal grob zusammen, interpretiert ein wenig die Bedeutung, erzählt über die Autorin und beantwortet einige Dinge, die mir beim Lesen aufgefallen sind.
Ethel Wilson, geboren 1888 in Südafrika, kam mit elf Jahren, nach dem frühen Tod ihrer Eltern, zu einer Tante nach Vancouver, wo sie gut untergebracht war, man sie gut aufgenommen und sich sehr gut um sie gesorgt hatte. In Vancouver arbeitete sie lange als Lehrerin. Erst mit 59 Jahren begann sie Romane zu veröffentlichen. Das fand ich sehr außergewöhnlich und zeigt, dass es nie zu früh und nie zu spät ist, mit dem Schreiben anzufangen. (Anders als beispielsweise bei den großen Mathematikern, die eher in jungen Jahren ihre großen Entdeckungen gemacht haben und ab den 40ern eigentlich nicht mehr viel reißen.). Zahlreiche Elemente in der Geschichte basieren also auf eigenen Erfahrungen Wilsons und die fehlende Mutter, oder plötzliche Ereignisse, plötzlicher Tod oder Veränderung, sind wohl ein Element in all ihren fünf Romanen.
Spannend fand ich, dass es nur zwei Auflagen von dem Buch Love and Saltwater gab. 1956, als es erschien und eine zweite 1990. Übersetzungen gab es wohl gar keine und damit ist das Buch eine Neuentdeckung, was ich wunderbar finde, denn genau solche Bücher möchte ich lesen. Wenn auch die Übersetzung sehr hochwertig ist, wäre an einigen Stellen es vermutlich auch ganz gut gewesen, das Original zu lesen. Wenn Ellen sich über den Namen „False Creek“ wundert, der alles andere als nur ein Bach ist. Oder wenn Ellen eine Hündin „Bitch“ nennt und ihre Schwester sich aufregt, dass sie nicht „Hündin“ sagt. Anspielungen, die im Original besser funktionieren.
Was das Buch nicht hat, ist für mich Relevanz. Die Geschichte spielt in den 1930er Jahren und erschien Mitte der 50er Jahre. Die Rolle der Frau zu dieser Zeit ist nicht mehr vergleichbar mit der Situation in diesen Jahren. Selbst wenn man hinsichtlich Feminismus sehr sensibel ist, sind Ellens Themen einfach nicht mehr die, die wir in diesen Tagen haben. Und das ist der Punkt, an dem andere Bücher deutlich stärker sind. Allen Lesern, denen es darum geht eine moderne Frau in einem Klassiker zu erleben, denen empfehle ich Das Buch der Abenteuer von Elinor Mordaunt. Warum? Weil hier eine Frau einfach ihr Ding durchzieht. Sie schüttelt alles ab, geht auf Reisen und macht einfach. Männer? Die spielen da einfach keine Rolle für die Protagonistin. Ja, Ellen macht das auch auf ihre Weise, aber Mordaunt zieht es bis zum Ende durch und das vor einer stimmigen und durchgängig schönen Kulisse, während Ellens Welt sich dann doch um Männer dreht. Aber vielleicht liege ich falsch und es ist gerade dieser Fokus auf Männer, was dem Buch Relevanz gibt, denn dieser Tage ist das ja auch oft der Fall, auch wenn immer das Gegenteil behauptet wird. Wer auf TikTok, Instagram und Co. unterwegs ist, weiß, dass ich damit recht habe.
Fazit: Wilson lässt mich mit ihren Buch mit gemischten Gefühlen zurück. Man sieht an dieser Besprechung, wie mich dieses Buch in die verschiedensten Richtungen zieht, wie mir Dinge gefallen, wie ich mit anderen Dingen nicht so zufrieden war, wie ich es empfehlen kann und auch wiederum nicht. Landschaftsbilder, das Meer, die Reise über den Atlantik zu Beginn des Buches, die letzten dreißig Seiten, das war wirklich wunderbar. Der unstete und zumeist weniger spannende Plot, die fehlende emotionale Bindung zu Ellen, langweilige Zwischenepisoden, da war ich eher raus. Die Gestaltung und Qualität des Buches ist wieder meisterhaft. Dieses Buch zu entdecken, das ist ebenfalls eine große Leistung, denn es wurde bisher noch nie übersetzt und hat auch in Kanada nur zwei Auflagen erlebt. Lest die mare Klassiker und setzt dieses Buch eher ans Ende der Leseliste. Aber packt es auf euren Bücherstapel, denn jeder mare Klassiker ist am Ende sehr lesenswert und so auch dieses Buch.
Buchinformation: Liebe und Salzwasser • Ethel Wilson • mare Verlag • 222 Seiten • ISBN 9783866487512

Moin,
Ich muss sagen ich bin ziemlich vom mare Verlag enttäuscht. Ich hab ja nur noch wenig Platz und konsumiere dahrr vorwiegend eBooks. Ausgehend von deiner Buchbesprechung Der geträumte Norden von Kluyver zugelegt. Gekauft bei eBook.de. Ich schau ja immer in die ePubs rein und das sah schon recht merkwürdig aus. Also den epub checker drüberlaufen lassen und es kamen mehrere Dutzend Fehler, und zwar hefrige. So waren mehrere Illustrationen und Bilder zwaf vorhanden, aber nicht verlinkt. Das ist schon ein schwerer Bug. Ich hab mir dann die Mühe gemacht und die verfügbare Leseprobe hergenommen und gesehen dass manche Ilustrationen im Buch gar nicht in der epub Version vorhanden waren. Ich hab dann den mare Verlag kontaktiert. Gegen Vorlage der PDF Rechnung haben die mir dann eine neue Version geschickt. War natürlich der gleiche Murks. Nach zwei weiteren eMails ist der Ontakt dann abgebrochen. Enteeder hat man das Problem nicht verstanden oder schlicht kein Interesse. Auf den Vorschlag mir die Papierversion zukommen lassen weil das epub ja offensichtlich mangelhaft ist wurde gar nicht eingegangen. Ich mein, ich jab noch nie ein fehlerfreies epub gesehen, meistens sknd s jodoch Fehler die der (x)html viewer des readers mehr oder weniger gug ausbügelt. Ich lass es immer ein Pytjon script drüberlaufen was das meisstd ausbügelt bevor das Buch den Wev auf den Reader findet. Aber so ekne miese Qualität jnd Support ist mir noch nicht untergekommen. Werde wohl den mare Verlag meiden müssen, auch wenn es dort einige interessante Bücher gibt. SMein letztes Buch Die Nordsee von Tom Blass hatte kaum Fehler, nicht über das übliche Maß und Schwere hinaus. Das ist das Kreuz des ebook Benutzers, der Wert auf svhöne Ebooks legt und in 100% der Fälle sich erstmal selbst dran setzen muss. Das bin ich ja schon gewohnt. Die Bücher werden zumeist in InDesign erstellt und dann durch irgendwelche Konvertierungstools gejagt, was da raus kommt interessiert keinen. Warum auch, der Reader zeigt ja irgendwas an.
Jetzt hat dir das Buch nicht gefallen, also entsteht auch kein haben-wollen Reflex :)
//Huebi
Lieber Huebi,
da bist Du auch echt in der Obernische mit technisch gut gemachten und schönen Ebooks. Also sozusagen die bibliophile Ader in die digitale Welt mit übernommen. Ich kann das auch gut verstehen, wenn man sich eine Sammlung aufbaut, egal ob analog oder digital, soll sie auch schön ordentlich sein. Ich würde auch vermuten, dass die Verlage generell mit Ebooks nicht in der Qualität abliefern, wie das beim klassischen Buchgeschäft sonst der Fall ist. Der mare Verlag hat so wunderschöne Bücher. Ich habe mittlerweile auch kräftig bei mir Zuhause im Regal aussortiert und bin sehr selektiv geworden, was Bücher angeht, die ich mir dauerhaft aufhebe. Die mare Titel sind so schön, die gebe ich alle nicht mehr her.
Liebe Grüße
Tobi
Moin,
Ich weiss auch nicht warum es so schwierig ist gute eBooks zu machen. Ich kann mich nicht erinnern je ein eBook gekauft zu haben dass fehlerfrei durch den epub Validator lief. Das Problem idt halt dass die epub Software im Reader Schnitzer verzeiht und versucht irgendwie irgendwas anzuzeigen. Aber Bilder die nicht da sind oder Bilder die da sind aber nicht verlinkt sind kann auch die beste Software nicht aus dem Hut zaubern.Dazu eerden dann die unmögliche Schriften linlibertine oder dejavu vereendet. Diebsind halt umsonst – haben für den Bildschirm völlig unakzeptable Dickten. Zum Glück habe ich ein paar python scripte die das gröbste gleich mal wegbügeln. Ich scheine mit meinem Wunsch nach ordentlichen eBooks wohl ziemlich alleine da zu stehen.
//huebi