Marie-Antoinette: Das geheime Tagebuch einer Königin von Benjamin Lacombe

Kathrin von Phantasiereisen schwärmt immer wieder von den Büchern des französischen Illustrators und Zeichners Benjamin Lacombe. Seine Zeichnungen fand ich durchaus ansprechend, aber bisher hat mich thematisch kein Buch von ihm reizen können. Das hat sich geändert, als Kathrin sein neuestes Werk Marie-Antoinette: Das geheime Tagebuch einer Königin auf ihren Blog vorgestellt hat. Ich liebe das Frankreich des 19. Jahrhunderts und die Bücher, die davon handeln und immer wieder stößt man darin auf die gewaltigen Nachwirkungen der französischen Revolution, die in dem Jahrhundert davor zu großen gesellschaftlichen und auch ideologischen Umstürzen geführt hat und die ihren weiten Schatten auf die Menschen und Autoren der nachfolgenden Zeit geworfen hat. Unweigerlich findet man in den Werken der französischen Autoren immer wieder die Geschehnisse und auch Gestalten aus dieser grausamen und brutalen Zeit, in der die Gegensätzlichkeit zwischen Reichtum und Armut schließlich die Menschenrechte und die Republiken in den Köpfen der Europäer aus der Taufe gehoben hat. Beispielsweise betritt man in Die menschlichen Komödie von Honoré de Balzac das Conciergerie-Gefängnis und durchschreitet diese eindrucksvollen Gemäuer, in denen Marie-Antoinette ihre letzten Stunden verbracht hat. Zuletzt hat mich ein Video von dem Buch dann restlos überzeugt.

Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert und besteht aus echten und erhaltenen Briefen von ihrer Mutter Maria Theresa (vereinzelt auch Briefe von ihr selbst, Mercy-Argenteau und Graf Fersen), sowie einem fiktiven Tagebuch, dass sie selbst verfasst hat. Es ist überliefert, dass Marie-Antoinette selbst nicht viel geschrieben hat und so ist dieses Tagebuch, das zum Teil sehr große Sprünge von mehreren Jahren aufweist, rein fiktiv und von Lacombe verfasst. Die Briefe hingegen sind authentisch und echt. Auf diese Weise entsteht eine recht interessante Mischung aus historisch wahren und erfundenen Inhalten, wobei der Autor sich das Ziel gesetzt hat ein möglichst realitätsnahes Bild zu zeichnen. Es geht also nicht darum einen vollständigen historischen Abriss zu geben und Marie-Antoinette völlig korrekt zu porträtieren, sondern es soll ein stimmiges Gesamtbild entstehen, das ein Gefühl davon vermittelt, was für ein Mensch sie mit hoher Wahrscheinlichkeit gewesen ist.

Der Text, die Tagebucheinträge und die Briefe lesen sich gut und flüssig und sind sprachlich sehr stimmig. Man kann sich gut vorstellen, dass eine Königin dieser Zeit diese Texte verfasst hat. Sehr schön setzt Lacombe diese in Szene, mit geschwungener Schrift, und natürlich mit den passenden Gemälden, die all die Texte schön reflektieren, aber auch erweitern und fortführen. Mit viel Symbolik bringt er die Gefühle zum Ausdruck, die in dem Tagebuch angedeutet werden. Die Probleme im Intimleben mit dem König werden gekonnt mit Bildern verklausuliert, ihr Ringen mit den Vorwürfen und den ermahnenden und belehrenden Einfluss der Mutter und ihre Flucht vor den Sitten des französischen Hofs sind Themen die immer wieder auftauchen.

Marie-Antoinette: Das geheime Tagebuch einer Königin von Benjamin Lacombe

Die Zeichnungen sind, wenig überraschend, stark auf Marie-Antoinette fokussiert und zeigen nahezu immer die Königin, mitsamt ihren übertriebenen Putz, ihren riesigen Frisuren und immer einer ganz typischen Extravaganz, die ihr zusammen mit ihren verschwenderischen Luxus auch immer zur Vorwurf gemacht wurde und schlussendlich ihr auch zum Verhängnis wurde. Sehr schön sind die Skizzen von ihr, die Farben, die Kulissen der Gemälde und der Stil, der aus den vielen Gemälden von ihr übernommen, aber in einen ganz eigenen Ausdruck überführt wurden. So entdeckt man im Hintergrund eine mit goldenen Stuck verzierte Decke eines prunkvollen Schlosses, die ganz ähnlich auch auf einem Gemälde aus ihrer Zeit zu finden ist und man auch in einem Schloss wie Versailles erwarten würde. Ganz viel Rokoko und viel von der Kunst dieser Zeit hat Lacombe beeinflusst. So ist das Bild von Marie-Antoinette auf einer Schaukel dem Gemälde Die Schaukel von Jean-Honoré Fragonard aus dem Jahre 1767 nachempfunden.

Marie-Antoinette: Das geheime Tagebuch einer Königin von Benjamin Lacombe

Im Verlauf der Lektüre konnte ich durchaus in diese Welt, in Lacombes Welt von Marie-Antoinette eintauchen. Wie sie sich in ihr Schloss Petit Trianon zurückzog, weil sie die Sitten am Hofe überdrüssig war und sich nach der Natur und einem ländlichen Leben gesehnt hat. Oder ihre Unsicherheit hinsichtlich der Thronfolge. Oder auch die Halsbandaffäre wird kurz thematisiert, die ganz gut zeigt, wie Marie-Antoinette in ein höfisches Leben aus Intrigen eingebettet war und einer Vielzahl an unterschiedlichen Interessen gegenüber stand. Auch Axel von Fersen findet Erwähnung, der möglicherweise ihr Liebhaber, zumindest aber ein enger Vertrauter war. Nicht zuletzt ist natürlich auch die Französische Revolution und auch ihre und die Hinrichtung von König Ludwig den XVI ein Kapitel gewidmet. Hier wird Lacombes Sympathie für Marie-Antoinette doch deutlich und ich bin mir nicht so sicher, ob sie hier nicht zu hilflos, zu naiv und zu sehr als Opfer des höfischen Lebens dargestellt wird. Ausgeschlossen ist das natürlich nicht, aber wenn man sich den Gegensatz zwischen Marie-Antoinettes ausschweifenden Lebensstil und dem Elend der Menschen betrachtet, ist das Bild, das Lacombe von ihr zeichnet doch zu nachsichtig.

Marie-Antoinette: Das geheime Tagebuch einer Königin von Benjamin Lacombe

Das Format des Buches gefällt mir sehr gut und auch der Umfang ist sehr angenehm. Es lässt sich problemlos an einem Abend durchlesen und nachdem die wunderschönen Zeichnungen im Mittelpunkt stehen, ergibt sich hier ein sehr stimmungsvoller Einblick in eine andere Welt. Verglichen mit den Gemälden aus der Zeit der Königin, gefällt mir die Marie-Antoinette von Lacombe viel besser und das Bild, das ich von ihr gewonnen habe, ist wesentlich ansprechender, als das der Realität. Aber so geht es mir bei Büchern oft, auch wenn sie keine Abbildungen haben.

Sehr schön finde ich kleine Zwischensequenzen, die das Buch sehr auflockern. So findet man beispielsweise das Rezept zu Schokoladenpistolen und Halbmonde, die Marie-Antoinette geliebt und in ordentlichen Mengen geschlemmt hat. Oder ein Auszug von Der Barbier von Sevilla, einem Stück, das sie in ihrem Theater auf Petit Trianon hat aufführen lassen. Auch eine Übersicht über Marie-Antoinettes Frisuren ist zu finden und mit all diesen kleinen Ausflügen ist das Buch auch eine kleine Entdeckungsreise in eine fremde Welt, die plötzlich sehr greifbar wird.

Marie-Antoinette: Das geheime Tagebuch einer Königin von Benjamin Lacombe

An das Ende ist eine Zeittafel gestellt, welche die politischen und persönlichen Ereignisse übersichtlich darstellt. Für einen Überblick reicht das, aber ich habe trotzdem nochmal ein wenig mehr nachgelesen um die Inhalte der Briefe und den Ablauf des Buches besser nachvollziehen zu können. Auch das Vorwort ist eine schöne Ergänzung, all zu viel davon ist bei mir aber nicht hängen geblieben und so ist es eher eine schöne Einstimmung.

Die Qualität des Buches hat mir sehr gut gefallen. So sind die Ornamente auf dem Cover als Relief ausgelegt, eine stabile Leinenbindung wirkt edel, die Vorsatzseiten haben ein richtig schönes und ansprechendes Muster und auch die Qualität des Drucks kann durchgängig überzeugen. Durch das etwas dickere Papier hat das Buch insgesamt eine genau richtigen Umfang und liegt gut in der Hand.

Marie-Antoinette: Das geheime Tagebuch einer Königin von Benjamin Lacombe

Fazit: Dieser Bildband ist ein gelungenes kleines Kunstwerk, das mit seinen wunderschönen Zeichnungen, der starken Symbolik, den ausdrucksstarken Skizzen, aber auch mit den liebevoll ausgestalteten Texten eine genussvolle Lektüre ist. Lacombes Bild von Marie-Antoinette ist faszinierend, interessant und die Nähe, die er durch die fiktiven Tagebucheinträge aufbaut ist spannend und in Kombination mit den sehr kunstvollen und an die Zeit des Rokoko angelehnten Stils entsteht ein sehr individuelles und klares Bild. Wie stark dieses Portrait mit der wirklichen Marie-Antoinette in Einklang zu bringen ist, bleibt wohl offen, ist aber für den künstlerischen Genuss dieses Buches eher von untergeordneter Bedeutung. Die großen zeitlichen Sprünge der Tagebucheinträge schmälern allerdings die Empathie und so bleibt über der Marie-Antoinette doch ein großer Schatten der Unnahbarkeit und des Unbekannten. Auch ein etwas umfangreicherer historischer Abriss hätte nicht geschadet. Lacombe macht dies aber mit seinen Zeichnungen wett, die viel in sich tragen und das Buch auch für ein wiederholtes Durchblättern interessant macht. Ein wunderschönes Buch, das ich jedem empfehlen kann, der den Stil dieser Zeit mag, der von der Geschichte Frankreichs fasziniert ist und der hochwertige Illustrationen liebt.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Marie-Antoinette: Das geheime Tagebuch einer Königin von Benjamin LacombeTitel: Marie-Antoinette: Das geheime Tagebuch einer Königin
Autor: Benjamin Lacombe
Verlag: Verlagshaus Jacoby & Stuart
Erschienen: 18. November 2015
Seiten: 96 Seiten

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verfasst von Tobi

    12 Kommentare

  1. Romina Agus 6. Januar 2016 at 19:02 Antworten

    Hallo lieber Tobi,
    also dieses Buch… ich habe mich verliebt Sonst lerne ich aber gerne dazu. Ich finde es immer schade wenn ich nachträglich bei meinen Rezi´s doch noch nen Fehler finde wenn ich sie paar Tage später selber noch mal lese und es kein andere gesehen hat oder sagen wollte : >
    Ganz liebe Grüße
    Romi

  2. Romina Agus 6. Januar 2016 at 19:07 Antworten

    Ok… da oben stimmt was nicht oO jetzt hat er meinen schönen Text verunstaltet und ihn halb gelöscht wie ich sowas nicht mag 🙁 *seufz*

    Erst mal dann „Frohes Neues“ noch : ) Ich hoffe du bist gut ins neue Jahr gekommen. Im Grunde wollte ich schreiben das ich mich in das Buch verliebt habe, durch Weihnachten und noch kommende Geburtstage werde ich noch geschröpft aber es ist auf meiner WL gelandet : > Ich mag die Geschichten vergangener Jahrhunderte und deren Frauen, auch wenn sie leider nicht immer so gut ausgehen 🙁 Und ich mir oft wünsche selbst mal in der Zeit zu reisen, denn oft liest man ja doch recht widersprüchliche Dinge.
    Vielen Dank für deine schöne und ausführliche Rezension 🙂 Zu der ich noch ne Frage habe, im ersten Absatz schriebst du:
    Unweigerlich findet man in den Werken der französischen Autoren immer wieder auf die Geschehnisse und auch Gestalten aus dieser grausamen und brutalen Zeit, in der die Gegensätzlichkeit zwischen Reichtum und Armut schließlich die Menschenrechte und die Republiken in den Köpfen der Europäer aus der Taufe gehoben hat.
    Das liest sich seltsam, ist das so richtig? Ich lerne immer gerne dazu falls ich mich irre : ) Ich hoffe es ist ok wenn ich darauf aufmerksam mache oder danach frage, ich wünschte das auch bei mir öfter mal wer genau drüber liest und noch mal was sagt, wenn ich zwei Tage später noch mal lese und was finde bin ich immer etwas traurig wenns keiner gesehen hat ^^
    Ganz liebe Grüße
    auf bald
    Romi

    • Tobi 6. Januar 2016 at 23:27 Antworten

      Liebe Romina,

      das Buch ist wirklich gelungen, also ich kann dir nur empfehlen es weit oben auf deine Wunschliste zu setzen 😉

      Was den Absatz betrifft, ist der vielleicht zu verschwurbelt formuliert. Das passiert mir manchmal. Mit dem Absatz ist folgendes gemeint: Es ist ja so, dass die Französische Revolution den Startschuss für die Aufklärung war. Besonders wurden dort das erste Mal Menschenrechte und der Bürgerrechte formuliert. Die Restauration und die Julirevolution von 1830 sind in den Büchern von zahlreichen Autoren des 19. Jahrhunderts ein Thema und dienen oft als Hintergrund für die Handlung ihrer Bücher. Beispielsweise bei Victor Hugo oder Honore de Balzac. Ein Ergebnis dieses Aufklärungsprozesses sind die Republiken, welche die europäischen Staaten nun haben und auch zum Selbstverständnis der Europäer gehören. Ich finde dieses ganze Thema sehr interessant, weil es eben genau zu dem Werteverständnis geführt hat, das wir haben, dessen sich viele aber nicht immer bewusst sind. Insbesondere nicht, welcher Entwicklungsprozess dahinter steht.

      Ich wünsche Dir auch ein schönes neues Jahr und hoffe es hat für dich gut begonnen.

      Liebe Grüße
      Tobi

      • Romina Agus 10. Januar 2016 at 12:21 Antworten

        Hey Tobi 🙂 lieben Dank für deine Antwort. Ich meinte eher von der Grammatik, den Inhalt versteht man sehr gut denn du kannst dich sehr gut ausdrücken. Aber müsste es nicht statt: Unweigerlich findet man in den Werken der französischen Autoren immer wieder auf die Geschehnisse und auch Gestalten… so: Unweigerlich findet man in den Werken der französischen Autoren immer wieder die Geschehnisse und auch Gestalten…?
        Gaaaanz liebe Grüße 🙂
        Heute Abend schaue ich mal nach deinem neuen Buchschatz 🙂 Das Cover sah sehr interessant aus.
        Romi

        • Tobi 10. Januar 2016 at 14:37 Antworten

          Huhu Romi,

          ah, vielen Dank, da hab ich wieder zu kompliziert gedacht. Ich hab den Fehler gleich korrigiert.

          Liebe Grüße
          Tobi

  3. lapismont 9. Januar 2016 at 21:30 Antworten

    landet auf meiner Wunschliste, Danke für die Vorstellung!

  4. Petra Gust-Kazakos 10. Januar 2016 at 18:07 Antworten

    Klingt ja bezaubernd! Und wieder sehr schöne Fotos, die das Ganze ansprechend inszenieren. Immer eine Freude, bei dir zu lesen!
    Liebe Grüße
    Petra

    • Tobi 12. Januar 2016 at 11:26 Antworten

      Liebe Petra,

      vielen Dank für deine Worte. Bei so einem Buch muss man aber Fotos sprechen lassen, denn die Kunst bei diesem Buch liegt in der ganzen Aufmachung und dem Gesamteindruck der sich dadurch ergibt.

      Liebe Grüße
      Tobi

  5. Kathrin 16. Januar 2016 at 13:01 Antworten

    Hallo Tobi,

    mit reichlicher Verspätung finde ich heute endlich die Ruhe, um einmal überall zu kommentieren.

    Ich freue mich, dass du dich „Marie-Antoinette“ so schnell gewidmet hast und ich dir nicht zu viel versprochen habe, vor allem aber bin ich froh, dass Lacombe auch dich begeistern konnte. Den Aspekt, dass Marie-Antoinette vielleicht mit zu viel Nachsicht portraitiert war, kann ich nachvollziehen, auch wenn ich sie beim Lesen durchaus nicht als fehlerfrei empfunden habe – und zuletzt fand ich Lacombes Marie-Antoinette noch immer deutlich authentischer als jene in Sofia Coppolas Verfilmung. 😉

  6. Krissy 20. Januar 2016 at 19:30 Antworten

    Hallo Tobi, vielen Dank für den tollen Buchtipp! Bisher kannte ich das Buch noch überhaupt nicht, mich spricht das Thema aber sehr an und die Illustationen sind so wunderwunderschön, dass ich mich gleich in das Buch verliebt habe. Vielen Dank!:)
    Liebe Grüße, Krissy <3

  7. Bianca 2. Februar 2016 at 14:00 Antworten

    Oh man, ich glaube ich habe mich gerade in ein Buch schockverliebt. <3 Danke für die Rezension und die tollen Bilder, ich hatte vorher noch nie von Benjamin Lacombe gehört oder eins seiner Bücher gesehen. Aber bei Themen/Personen wie Marie Antoinette kann ich sowieso nur selten widerstehen, und wenn es dann auch noch so toll aussieht… hach. 🙂
    LG, Bianca

    • Tobi 4. Februar 2016 at 10:07 Antworten

      Liebe Bianca,

      Lacombe kannte ich vorher auch nicht und nur von Kathrins Blog. Aber mir ging es wie dir, das Thema und die schöne Aufmachung war eine Kombination, der ich auch nicht widerstehen konnte. Bin gespannt wie dir das Buch gefällt.

      Liebe Grüße
      Tobi

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