Die Gesandten • Henry James

Henry James war mir bisher von Washington Square ein Begriff, wobei ich weder dieses noch ein anderes Buch bisher von ihm gelesen habe. Als im Hanser Verlag dann diese schmucke und neu übersetzte Ausgabe erschien, konnte ich nicht widerstehen und musste sie einfach haben. Der Inhalt hat sich ebenfalls sehr verlockend angehört, denn ich liebe Gesellschaftsromane und das hier erschien mir eine pure Variante davon zu sein. Zudem wollte ich nach meinen doch recht weitschweifenden Ausflügen in die Welt der französischen Literatur endlich einmal etwas von amerikanischen oder englischen Autoren lesen.

Die eigentliche Geschichte umfasst 575 Seiten, die restlichen 130 Seiten sind reichhaltige Anmerkungen und Zusatzinformationen, was ich immer recht gerne mag. Nachdem ich einen Klassiker gelesen habe, verspüre ich oft den Wunsch mich noch ein wenig dazu zu informieren und da sind Nachworte, Zeittafeln und Informationen zur Einordnung des Werks immer eine sehr schöne Ergänzung. Mit seinem Dünndruck und der wertigen Verarbeitung, der stabilen Bindung und den zwei Lesebändchen, hat man hier ein sehr schönes und bibliophiles Büchlein in den Händen, das farblich und von der Verarbeitung wirklich sehr schick ist, im Gegenzug aber auch seinen Preis hat.

Die Gesandten von Henry James

Die Geschichte beginnt mit der Ankunft von Lambert Strether in Chester, der aus einer kleinen Stadt in Amerika angereist kommt. Dort soll er einen, ebenfalls aus Amerika stammenden Freund treffen und sich auf den Weg nach Paris machen, um von dort Chad Newsome wieder Nachhause zu holen. Nachhause ist in dem Fall die fiktive Stadt Woollett, die als zwar wirtschaftlich wichtiger Standort gilt, aber alles andere als eine bedeutende Großstadt ist. Die Mutter von Chad hat ihn ausgesandt, um den vermeintlich lasterhaft lebenden jungen Mann wieder an den Busen der Familie und Firma zurück zu holen.

Ich habe erst einige Zeit gebraucht, um mich an diesen schwurbeligen, verschachtelten und irgendwie seltsamen Stil zu gewöhnen. Alles wird aus der Sicht von Strether geschildert, der sich ganz vornehm und gesetzt gibt, aber eingangs eigentlich nicht gerade eine große Leuchte zu sein scheint. Nachdem ich von Henry James noch nichts anderes gelesen habe, ist es schwer zu sagen, ob das sein Stil ist, oder ob er das ganz bewusst forciert, um seinen Protagonisten besser zu charakterisieren. Auf jeden Fall passt die gewählte Sprache hervorragend zu diesem provinziell wirkenden Spießbürger, der mit 55 Jahren bisher ein solides und gesetztes Leben geführt hat, verwitwet ist, sich dann aber doch ganz gut durch die verschiedenen Begegnungen, in dem weltoffenen Paris, laviert, die vom Wesen so ganz anders sind, als das sie seiner Persönlichkeit entsprechen würden. Zumindest wirkt das so und zusammenfassend dreht James das Bild um: Das alte Europa kommt hier als sehr modern, sehr schick und galant daher, während der Amerikaner antiquiert, schnöde und wenig geistreich wirkt. Ich fand Strether irgendwie anstrengend und auch das Tempo des Buches stellenweise sehr langsam. Manchmal habe ich den Wunsch verspürt, Strether und seinen Gedankengängen einen Schubser zu geben. Wenn ich da an so einige andere Bücher denke, wo es nach fünf Seiten schon heiß her gegangen ist, da wirkt hier alles behäbig und langsam.

Interessant ist hier die Tatsache, dass der Leser erst einmal im Dunkeln tappt und die Beweggründe, die Hintergründe für diese Reise, aber auch die Charaktere und ihr Denken, ihre Vorgeschichte und ihre wichtigen Wesenszüge erst nach und nach im Laufe der Geschichte erfährt. Die Charaktere liegen nicht sofort offen vor dem Leser, sondern das Bild von ihnen wird Schritt für Schritt aufgebaut und erweitert. In diesem Zusammenhang sind die Dialoge einfach ein Genuss und so lahm die Gedanken Strethers eingangs sind, um so spannender sind die Gespräche. Das liegt auch sicher daran, dass die verschiedenen Personen sich als interessante Menschen präsentieren und nicht klar ist, wie sie denken und handeln. Auf diese Weise bleibt immer eine Unbekannte in der Handlung und laufend habe ich gedanklich versucht die Beweggründe der Menschen zu erraten und vorherzusehen.

„[…]und er verspürte wieder das vage Gefühl, sich in einem Labyrinth rätselhafter, geheimer Andeutungen zu bewegen.“ (S. 262)

Dieses kurze Zitat beschreibt dieses Buch wunderbar. Es sind die vielen kleinen Nuancen, die Feinheiten in den Dialogen und die Andeutungen, die das Buch dann doch spannend machen. Insbesondere Madame de Vionnet ist ein sehr faszinierender Charakter, vielschichtig, intelligent und galant. Begegnungen mit ihr waren ein Genuss und die Gespräche von einer Brillanz, wie ich sie bisher nur in Klassiker gefunden habe. Sehr realistisch sind sowohl die Hauptpersonen, aber auch die Nebencharaktere und ich hatte immer das Gefühl, dass es sich hier um reale Menschen handelt.

Strether gewinnt zunehmend mit dem weiteren Verlauf der Geschichte und nimmt plötzlich immer mehr eine beobachtende Rolle ein, die ihm sehr gut steht. James Protagonist ist in diesem Roman tatsächlich bemerkenswert, weil er seine Stimme ist und die ganze Handlung ausschließlich durch seine Augen betrachtet wird. Dabei beobachtet er sehr scharf, wirkt dabei ab der Mitte des Buches auch sehr feinfühlig und macht sich um jedes Detail genaue Gedanken. Dabei macht er sich zahlreiche Illusionen, ist aber sehr passiv und beeinflusst den Verlauf primär durch das, was er nicht tut, als das, was er in Bewegung setzt. An vielen Stellen wird James sehr genau, seziert die Situationen, die Gedanken und die exakte Regung der einzelnen Personen.

Faszinierend ist, wie Henry James ein feines und weites Netz aus Beziehungen knüpft, es nach und nach offenbart und aufdeckt und den Personenkreis erweitert. Auf diese Weise entsteht ein sehr realistisches soziales Gefüge, in dem jeder Mensch einen eigenen Antrieb, eine eigenen Zielsetzung hat, die aber nicht übertrieben ist, sondern durchaus aus dem Leben gegriffen sein könnte. Es geht nicht um das große Drama, um Leben oder Tod, um Liebe oder Hass, wie man es oft in überspitzter Form bei Klassiker findet. Eigentlich geht es nur um die Entscheidung, ob Chad wieder nach Amerika zurück kommt oder nicht und die erscheint auch nach längerer Lektüre erstaunlich unspektakulär, da plötzlich die Beziehungen der einzelnen Menschen untereinander eine immer größer werdende Rolle spielt, die James sehr geschickt nach und nach präsentiert. Aber gerade durch die Dialoge, die viele Fassetten andeuten, aber auch immer ein Licht auf die betreffenden Personen werfen, machen daraus einen sehr interessanten Entwicklungsprozess.

Als Leser bekommt man hier ein immer deutlicher werdendes Bild von den einzelnen Personen und entwickelt für sie eher ein Gefühl, so wie man auch ein abstraktes Bild von einem echten Menschen bekommt, den man nach und nach kennen lernt. Man erinnert sich nicht an die vielen Begegnungen und Gespräche, aber man erfasst das, was ein Mensch ausmacht, wie sein Wesen ist, wie er in gewissen Situationen reagiert, empfindet und denkt. Ich glaube man könnte das Buch zehn mal lesen und würde immer wieder neue Seiten an den einzelnen Personen entdecken. Eine sehr spannende, in diesem Roman eher am Rande stehende Frage, die in Literatur aus dieser Zeit immer wieder auftaucht, so auch in Anna Karenina oder in Effi Briest, ist die gesellschaftliche Legitimation einer Partnerschaft zwischen Mann und Frau. Weniger aus Sicht der Gesellschaft, sondern vielmehr die Bedeutung für die Menschen, die sich hier dem abstrakten Druck der Konventionen ausgesetzt sehen.

Die Gesandten von Henry James

Das Nachwort, ein Essay, das James in der New York Edition Ausgabe von 1909 dem Buch vorangestellt hat, gibt Aufschluss über die Gedanken und Hintergründe, die er sich hinsichtlich des Stils, der Erzählperspektive, der Personen und natürlich des Sujets gemacht hat. Auf so etwas bin ich bisher das erste Mal in der Form gestoßen und ich fand es sehr interessant aus erster Hand zu lesen, was sich der Autor von einem Klassiker so gedacht hat. Darin bezeichnet er Strethers Erkenntnis, ein eher schnödes Leben geführt zu haben und sein Gefühl seine Jugend nicht wirklich genutzt zu haben, auf eine versäumte Zeit und ein scheinbar nicht gelebtes Leben zurück zu blicken, als das zentrale Thema des Romans. Sein Sinneswandel, aber auch sein illusorischer Glaube dies nachholen zu können, machen ihn zu einer ganz interessanten Romanfigur. Auch die starke Selbstreflexion und das Auftauchen einiger Charaktere ist, so erklärt hier James, der eingeschränkten Sichtweise von Strether geschuldet. Sein Anspruch war es aber, genau diese eingeschränkte Sichtweise nicht durch eine Rückbetrachtung oder durch wechselnde Erzählperspektiven oder Erzählpersonen zu verderben. Hier muss man James wirklich Respekt zollen, denn er hat es wunderbar geschafft, das Buch so zu komponieren, dass trotz dieses begrenzten Blickwinkels die gesamte Szene, die innere Logik, nach der die einzelnen Personen handeln, aber auch ihr Antrieb, ihre Persönlichkeit und zuletzt das gesamte soziale Geflecht sehr genau beleuchtet und für den Leser nachvollziehbar wird.

Ein ausführliches Nachwort des Herausgebers und eine Zeittafel geben Einblicke in die Entwicklung des Romans, die zeitliche Einordnung und Henry James Leben. Wie vom Hanser Verlag gewohnt sorgt dies für ein wirklich gelungenes Gesamtpaket. Die Qualität der Übersetzung zu bewerten wäre nun völlig vermessen, allerdings hatte ich bei der Lektüre und den Anmerkungen das Gefühl, dass hier sehr sorgfältig gearbeitet wurde und der Stil, den ich einem Romancier, der diesem Thema sich angenommen hat, auch unterstellen würde, wird gut getroffen.

Fazit: Henry James legt mit Die Gesandten ein sehr geschickt komponierten Roman vor, der es schafft aus der stark begrenzten Sicht seines Protagonisten ein soziales Gefüge und seine einzelnen Personen sehr genau zu durchleuchten, sie in Beziehung zueinander zu setzen und ihr Denken und Handeln auf die Hauptperson zu projizieren. Sehr faszinierend sind die gelungenen und spannenden Dialoge, die vielschichtigen und realistisch wirkenden Menschen und der zu beobachtende Wandel, der in den Gesandten vor sich geht. An vielen Stellen reflektiert James aber zu viel, wird mit den Gedankengängen sehr genau und damit verliert der Roman an Tempo und wird stellenweise langatmig. Die Sätze sind sehr verwinkelt, lange und mit vielen Nebensätzen angereichert. Ein Sog beim Lesen ist für mich ausgeblieben und die vielen Andeutungen, die Menge an Informationen, die zwischen den Zeilen zu finden sind, machen es erforderlich, sich wirklich Zeit für das Buch zu nehmen und es mit viel Aufmerksamkeit zügig durchzulesen, da man sonst recht schnell den Faden verlieren kann oder Details nicht behält. Und genau darin liegt die Stärke des Buches: In den Feinheiten der zwischenmenschlichen Kommunikation im gesellschaftlichen Reigen des schönen Paris. Auch emotional hat mich das Buch nur wenig gepackt. So bleibt Die Gesandten eine Empfehlung für Leser, die sowohl sprachlich, als auch inhaltlich mit einer gewissen Komplexität zurecht kommen, sehr aufmerksame Leser sind und ein Vergnügen in vielen Dialogen und dem Erfassen von fein nuancierten gesellschaftlichen Beziehungen finden.

Buchinformation: Die Gesandten • Henry James • Hanser Verlag • 704 Seiten • ISBN 9783446249172

6 Kommentare

  1. Hi Tobi,

    Gesellschaftsroman? Amerikanische Literatur? Da fällt mir doch gleich John Irving – einer meiner Lieblingsautoren – ein. Und da natürlich Owen Meany und das Hotel New Hampshire. Aber sind das Gesellschaftsromane? Oder eher Familienromane? Oder irgendwas dazwischen. Die Blechtrommel wird jedenfalls dem Gesellschaftsroman zugeschrieben. Also sollte Owen Meany auch einer sein – es sind ja genug Parallelen vorhanden bis zu den Initialen der Protagonisten 🙂
    Hast du von Irving schonmal was gelesen? James schreibt ja eher aus Sicht der Oberschicht, während Irving mehr die Perspektive der Mittelschicht nutzt.Die Gesandten kenne ich gar nicht – auch nicht vom Titel her, sondern nur Washington Square und Überfahrt mit Dame. Von daher ist mir sein Schreibstil schon geläufig.

    1. Liebe huebi,

      von John Irving hab ich bisher noch nichts gelesen, vom Namen hab ich ihn aber schon mal gehört. Ich mag es ja, dem Reigen der Aristokraten beizuwohnen. Das ist schon eine coole Kulisse für rasante Geschichten, auch wenn ich nun die Verhältnisse natürlich nicht gut heiße. Aber wenn du für Irving so begeistert bist, muss ich mir die Bücher mal genauer ansehen.

      So genau würde ich das mit der Kategorisierung nicht sehen. Dem Gesellschaftsroman kann man wahrscheinlich viel zuordnen und am Ende ist es nur ein Tag um sich grob zu orientieren. Washington Square gibt es in einer sehr bibliophilen Ausgabe, das werde ich mir ganz sicher noch holen. Auf „Die Gesandten“ wäre ich wahrscheinlich auch nicht gestoßen, wenn es nicht in dieser wirklich hochwertigen Reihe vom Hanser Verlag erschienen wäre. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich da noch nicht daneben gegriffen habe. Da waren bisher nur große Knaller dabei.

      Viele Grüße
      Tobi

  2. Pingback: Carl Hanser Verlag

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