Dieses Buch ist mir als Leseexemplar zugeflogen und erst einmal auf die hinteren Plätze meines Stapels ungelesener Bücher gewandert. Irgendwie hat der Klappentext nicht gleich gezogen, aber nach gar nicht so langer Zeit habe ich es dann doch heraus gezogen und gelesen. Als „so gut wie Balzac, so tief wie Joyce, so raffiniert wie Thomas Mann“ wird es beworben und auch vom gesellschaftlichen Rahmen her erschien es mir als eine ganz verlockende Lektüre. Ob dieser erste von 12 Bänden des Romanzykluses Ein Tanz zur Musik der Zeit wirklich der große Wurf ist, erfahrt ihr hier.

Im Zentrum des Geschehens steht Nicholas Jenkins, Spross einer Familie aus wohlhabenden englischem Hause, aus dessen subjektiver Sicht eine ganze Gesellschaftsschicht im Zeitraum zwischen 1921 und etwa 1971 porträtiert wird. Dieser erste Band beschreibt Nicholas Zeit auf dem Privatinternat Eton, einen kurzen Sprachaufenthalt in Frankreich und seine Zeit an der Universität. Powell war selbst Teil der englischen Oberschicht und so sollen diese Bücher starken autobiografischen Bezug haben, wenn auch die Figuren frei erfunden sind und es sich um eine rein fiktive Geschichte handelt. In Deutschland ist Powell, der im Jahr 2000 mit 94 Jahren verstorben ist, noch weitgehend unbekannt und so ist diese Reihe ein neuer Versuch, diesen Romanzyklus hierzulande einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Die weiteren Bände werden aktuell im dtv Verlag neu übersetzt und halbjährig bis zum Herbst 2019 erscheinen.

Ausgehend von dem Vergleich mit Balzac, hatte ich in den Roman zu Beginn falsche Erwartungen. Es wird Eingangs die trist wirkende Umgebung von Eton beschrieben und dann detailreich über die Mitschüler Jenkins berichtet. Über ihre Wesenszüge, wie Jenkins sie wahrnimmt und wie sie untereinander in Beziehung stehen. Gewürzt mit recht knappen Dialogen ist das genau der Stil, der das gesamte Buch beibehalten wird. Aus der Ich-Erzählperspektive lernt man so die Menschen kennen und gewinnt nach und nach, aus der äußeren Beschreibung und der subjektiven Einschätzung Jenkins heraus, ein genaueres Bild darüber wie sie ticken, was sie bewegt und wie sich ihr Charakter zusammensetzt. Auf eine nennenswerte Story verzichtet Powell und so treibt man in diesen Beschreibungen und knappen Dialogen so dahin. Das hat tatsächlich etwas Meditatives, etwas Ruhiges, Entspanntes, ja fast „Tanzartiges“, so als würde jemand einfach so „über den Esstisch hinweg“ (S. 253) berichten. Genau so wollte Powell sein Romanwerk auch verstanden wissen und nicht als ausgewogen formulierte Geschichtsschreibung (vgl. Nachwort S. 253).

Die Figuren lernt der Leser nur über die Beschreibung Jenkins kennen und so ensteht keinerlei Nähe zu den einzelnen Akteuren. Der Leser bleibt außen vor, beobachtet zusammen mit Jenkins, bewertet, beurteilt und fühlt nicht mit und ist auch nicht, stellvertretend durch einen Protagonisten, ein Teil dieser Gesellschaft. Dabei wirken die einzelnen Personen zwar durchaus echt und realistisch, erscheinen aber entsprechend kühl, distanziert und in ihren sozialen Kontakten eher lose miteinander verbunden. Dem Nachwort entsprechend spiegelt das sehr gut die Verhältnisse dieser Schicht damals wie heute wieder. Dadurch entsteht natürlich eine gewisse und mit Sicherheit gewollte Kritik an diesen jungen Menschen, für deren Lebensweg bereits von der Wiege aus eine große Karriere in der herrschenden Elite vorgesehen ist. Und zwar unabhängig von Bildung, denn ihr Studium an der Universität brechen die meisten Figuren ab oder besuchen sie erst gar nicht.

Interessant fand ich hierzu das kurze und hervorragende Nachwort das postuliert, „dass in den letzten 150 Jahren in England so gut wie keine soziale Mobilität stattgefunden hat“ (S. 252). Eine ähnliche Aussage habe ich schon öfters gelesen, insbesondere im Vergleich mit Deutschland, dessen herrschende Elite im letzten Jahrhundert zweimal weitgehend vollständig ausgetauscht wurden. So kommen auch heute noch die maßgeblichen politischen und wirtschaftlichen Persönlichkeiten Englands aus einer Handvoll teurer Privatinternate.

Ich habe die Figuren als sehr unterkühlt, übertrieben lässig, wenig emotional und sehr abgebrüht empfunden. Jedem schien klar zu sein, dass er für Großes bestimmt ist und eine gewisse Blasiertheit ist nicht abzustreiten. Wirklich tiefe soziale Beziehungen sind nicht vorhanden und zusammen mit den zumeist trist und kalt wirkenden Orten entsteht hier ein trostloses Bild. Hier ist keine packende Persönlichkeit dabei und alles fließt so dahin, alles erscheint fest vorbestimmt und wenig emotional. Ich glaube in dieser Hinsicht ist Powell wohl tatsächlich eine sehr gute Schilderung dieser sozialen Gesellschaftsschicht gelungen.

Gleichzeitig konnte mich die Lektüre wenig begeistern. Powell schreibt wirklich gut und seine Sätze, die Analysen und Bewertungen, die Jenkins vornimmt, sind sehr schön formuliert, voller guter Gedankengänge und zeugen von einer hervorragenden Beobachtungsgabe. Die Dialoge der Figuren haben mich allerdings durchweg enttäuscht. Zumeist sind es sehr kurze Sätze die hin und her gehen, ohne wirklich irgendwie Tiefe zu bekommen. Selbst für eine distungierte und distanzierte Gesellschaft ist das zu wenig und auch nicht ganz realistisch. Natürlich ist das ein bewusst eingesetztes Stilmittel, aber dem Lesegenuss ist das wenig zuträglich.

Was mich ebenfalls sehr gestört hat, ist der Verlauf der Geschichte: Es gibt gefühlt keinen. Es wird kurz das Setting beschrieben (Schule in Eton, das Anwesen in Frankreich, …) und dann stürzt Powell sich sofort auf die Beschreibung der Menschen. Ausführlich und detailreich, aber ohne, dass daraus groß etwas entsteht. An den einzelnen Stationen von Jenkins Werdegang gibt es dann zwar schon vereinzelt kleinere Nebenhandlungen, die sind dann auch tatsächlich unterhaltsam, oft endet alles aber in noch detailreichere Charakterisierungen. Ich glaube man kommt bei diesem Romanzyklus tatsächlich erst dann auf seine Kosten, wenn man alle Bücher liest. Über 400 Charaktere soll Powell in dieser Reihe auftreten lassen, wobei manche stärker in den Mittelpunkt rücken, manche wieder verschwinden oder nur noch rückblickend in Gedanken oder Dialogen auftauchen. Es deutet sich im ersten Band schon an, dass erst das Zusammenspiel all der eingeführten Figuren über einem zeitlichen Verlauf, also über die Dauer von Jenkins Leben hinweg, eine tragende Bedeutung bekommen. Dabei sind die Einzelpersonen so angelegt, dass sie sich weiter entwickeln, ein eigenes Schicksal haben, dass sich mit dem Jenkins vermischt und durch ihre Entscheidungen Gestalt annimmt. Das ist im ersten Band schon in Ansätzen der Fall und wird, wenn man dem Nachwort glaubt, mit den weiteren Bänden immer deutlicher. Insgesamt kam mir dieser Roman aber sehr fragmentiert vor. Er scheint primär aus losen zusammenhängenden Einzelszenen zu bestehen, die zwar Jenkins Leben und Begegnungen mit Menschen umschreiben, aber zahlreiche Details auslassen. Es kam mir immer so vor, als wüsste ich nur einen kleinen Teil. Auch das ist wohl beabsichtigt, stößt bei mir aber nicht auf große Begeisterung.

„Auf der Bühne werden Masken in einem gewissen Zusammenhang mit dem gesamten Handlungsverlauf angenommen; im täglichen Leben aber spielen die Teilnehmer ihre Rolle ohne Rücksicht darauf, ob sie in die Szene passt oder den Worten angemessen ist, die von der übrigen Besetzung gesprochen werden. Das Resultat ist die allgemeine Tendenz, dass das Geschehen auf die Ebene der Farce gerät, selbst wenn das Thema sehr ernsthaft ist. Diese Missachtung der Einheiten ist etwas Unumgängliches im menschlichen Leben; doch manchmal offenbart genaue Beobachtung am Ende der Vorstellung, dass die Dinge vielleicht nicht so unvereinbar gewesen sind, wie sie im zweiten Akt erschienen mochten.“ (S. 59)

Der Vergleich mit Balzac ist also durchaus berechtigt, der mit seiner Die menschlichen Komödie ein ähnliches großes und komplexes soziales Netzwerk gezeichnet hat. Auch die ausführlichen Beschreibungen der Figuren hat mich an Balzac erinnert. Allerdings ist Balzac doch eine ganz andere Liga, denn in seinen Büchern ist sehr viel mehr Leben, Spannung und Dynamik. Balzac legt auf eine ganz allgemeine abstrahierende Weise menschliches Handeln und denken offen, zeigt ihre Abgründe und Höhen und fesselt den Leser indem er ordentlich aufdreht. Das würde wohl zu einem Portrait der unterkühlten englischen Oberschicht der 20er Jahre nicht passen. So gut wie Balzac ist Powell dadurch aber sicher nicht.

Eine Parallele zu Joyce zu ziehen halte ich für berechtigt, denn oft haben mich die Beschreibungen ein wenig an den Gedankenstrom erinnert, der beispielsweise auch Ulysses auszeichnet. Die Erlebnisse und Erzählungen von Jenkins umfassen oft auch Details und Kleinigkeiten in der Wahrnehmung und auch die Sprunghaftigkeit der Szenen, die begrenzte Sicht des Lesers auf das Geschehen und die Personen, aber auch die Tatsache, dass alles durch Jenkins Augen erzählt wird, haben oft den Eindruck vermittelt, seine Gedankenwelt nachzuempfinden. Natürlich ist das nicht mit Joyce zu vergleichen, bei dem dieses Stilmittel tragend ist, aber dennoch ist diese Kombination bei Powell bemerkenswert.

Auch an Henry James hat mich dieser Roman immer wieder erinnert, der mit Die Gesandten ebenfalls ein sehr feines gesellschaftliches Geflecht präsentiert. Auch Henry James schildert die Eindrücke aus der Sichtweise seines Protagonisten, verpackt das Ganze aber in einer runden Handlung und offenbart den Charakter seiner Figuren durch ihre Handlungen und ihrer sozialen Interaktion und weniger durch ausführliche Beschreibungen.

Fazit: Zusammenfassend bewertet konnte mich dieses Buch eher weniger begeistern. Zu flach war die Story, zu unterkühlt und distanziert die Charaktere und zu ereignislos das ganze Geschehen. Powell hat eine schöne und angenehme Sprache, das Lesen fließt angenehm dahin, auch wenn man sich konzentrieren muss und nicht besonders schnell lesen kann. Die Dialoge konnten mich gar nicht begeistern und waren mir zu knapp und dadurch wenig realistisch. Um wirklich in den Genuss der vielen Feinheiten dieser menschlichen Beziehungen zu kommen ist wohl die Lektüre weiterer Bände dieses Romanzykluses notwendig. Die Figuren wirken echt und real, aber ich habe sie und ihre Lebensgeschichte nicht als interessant genug empfunden, als dass ich nun zu einem weiteren Buch greifen würde. Der Vergleich mit Balzac hinkt, denn seine Romane beschreiben komplexere Gesellschaftsstrukturen, haben mehr Tiefe und sind dabei noch sehr spannend und fesselnd. Interessiert einen allerdings dieser Hintergrund, die englische Oberschicht des letzten Jahrhunderts, so kommt man hier sicher voll auf seine Kosten.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Titel: Eine Frage der Erziehung
Autor: Anthony Powell
Verlag: dtv Verlag
Übersetzung: Heinz Feldmann
Erschienen: 8. September 2017
Erstveröffentlichung: 1952
Seiten: 264 Seiten

Klappentext anzeigen
verfasst von Tobi

    7 Kommentare

  1. Kathrin 30. September 2017 at 8:24 Antworten

    Hallo Tobi,

    bei mir liegt das Buch auch noch ungelesen und ich bin eigentlich sehr neugierig darauf gewesen, auch wenn ich mir nach dem Klappentext keine sonderlich ausgefeilte Handlung erwartet habe. Deine Eindrücke haben mir nun aber doch einen kleinen Dämpfer verpasst. Aber ich habe bisher auch wenig/ keine Erfahrung mit den Autoren, die als Vergleich herangezogen werden – vielleicht finde ich dadurch einen anderen Zugang zu „Eine Frage der Erziehung“…

  2. Leselaunen 3. Oktober 2017 at 0:25 Antworten

    Bisher ist mir sowohl Autor als auch Werk noch völlig unbekannt. Der Titel macht eigentlich Lust auf mehr. Schade, dass Deine Meinung eher mässig ausfällt.

    Neri, Leselaunen

  3. Tobias Hackl 5. Oktober 2017 at 7:41 Antworten

    Hallo Tobi,

    Die Bewertung macht mich doch ziemlich stutzig, ich bin bei Band 8 und ich empfinde es als einen der größten englischen Romane, die ich gelesen habe. Henry James habe ich viel gelesen, aber Powell ist deutlich tiefgründiger, humorvoller und typisch englisch.

    Neben Austen, Dickens, Trollope, Hardy, Waugh, einer der größten englischen Autoren aus meiner Sicht.

    LG
    Tobi

    • Tobi 8. Oktober 2017 at 15:22 Antworten

      Lieber Tobi,

      was meinen Geschmack angeht, verwundert mich das am Ende nicht. Ich liebe die großen französischen Autoren und da kochen regelmäßig die Emotionen über und es geht richtig rund. Die englischen Autoren sind da schon verhaltener und haben eben ihren ganz eigenen und typisch britischen Style. Bei Powell kann ich mir gut vorstellen, dass sein Stil und sein Werk nach und nach seine gesamte Wirkung entfaltet und damit begeistert.

      Herzliche Grüße
      Tobi

  4. Petra Gust-Kazakos 7. Oktober 2017 at 19:20 Antworten

    Lieber Tobi,
    das Buch weckte neulich in der Buchhandlung auch mein Interesse, das sich allerdings nach kurzem Reinlesen nicht hielt … Dein Fazit passt ganz gut zu meinem ersten Eindruck. Vielleicht, wenn man alle Bände liest … Aber dann sollte es einen natürlich schon begeistern und „reinziehen“.
    Liebe Grüße
    Petra

    • Tobi 19. Oktober 2017 at 10:54 Antworten

      Hallo Petra, Hallo Tobi,

      ich finde es nach wie vor schwierig (wie oben beschrieben) ein zwölfbändiges Werk auf ein Anlesen auf die ersten 50 Seiten zu beschränken.

      Habt Ihr schon mal 50 Seiten von „Herr der Ringe“ gelesen oder Hugos „Die Elenden“ …und damit das ganze Buch bewertet? Macht das Sinn?

      Powell bildet in seinem Romanwerk sehr gut den Verfall des englischen Adeltums nach dem ersten Weltkrieg ab. Die Bände behandeln zeitlich gesehen keine großen Handlungsstränge, bilden aber die gesellschaftliche Struktur, die englische Lebensweise und dessen Verfall sowie den englischen Humor extrem gut ab.

      Und bzgl. Balzac (Verlorene Illusionen) oder Hugo (Arbeiter des Meeres)…an welcher Stelle enden diese Bücher positiv? Hugo beschreibt aus meiner Sicht endlos lange und ohne Humor Naturereignisse oder auch Gesellschaftsformen…und sehr viele französische Romane (Maupassant, Hugo, Balzac, …) enden nicht positiv.

      Bei Powell kommt mir hingegen regelmäßig das Grinsen auf das Gesicht bzgl. des englischen Humors…aber dazu reichen 50 Seiten nicht aus…

      • Petra Gust-Kazakos 19. Oktober 2017 at 11:19 Antworten

        Hallo Tobi,

        wie kommst du denn auf 50 Seiten? Ich schrob nur, dass ich in der Buchhandlung reinlas und nicht fasziniert genug war, um es mir zu kaufen. Tobi, der das Buch offenbar komplett gelesen hat, war auch nicht völlig zerflasht davon und seine Einschätzung bestätigte meinen Reinlese-Eindruck. Das heißt aber erst einmal nur, dass wir beide keine Riesenfans geworden sind. Sonst nichts. Ein, zwei Meinungen unter sehr vielen und meine ist ganz bestimmt nicht die wichtigste. Niemandes, übrigens. Was den einen gefällt, muss den anderen noch lange nicht …
        Das heißt nicht, dass das Buch (oder gar das Gesamtwerk) schlecht ist, es traf nur einfach nicht meinen Geschmack.
        Übrigens habe ich tatsächlich mal um die 50 Seiten vom Herrn der Ringe gelesen und war auch nicht fasziniert genug, um es komplett zu lesen. So kann’s gehen.

        Herzliche Grüße von
        Petra (im Reisefieber, weil sie nachher nach Griechenland fliegt)

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