Einer der besten, einflussreichsten und obendrein meiner liebsten Autoren ist Honoré de Balzac. Sein Lebenswerk ist unübertroffen, sein Einfluss auf die Literatur, die Autoren seiner Zeit, aber auch der folgenden Literaturepochen bis in die Gegenwart ist unbestreitbar. Sein Lebenswerk ist gigantisch, seine Romane damals wie heute faszinieren, unterhalten und sind voll mit philosophischer Weisheit. Einem Weitblick und einer Aktualität, die in seiner Zeit, die der französischen Restauration, aber auch in die Gegenwart passt und das menschliche Denken und Handeln auf eine abstrahierende Art porträtiert, das etwas Allgemeingültiges und Universelles hat. Als absoluter Balzac Fan stelle ich euch heute etwas ganz Besonderes vor. Heute würde man sagen, eine sehr schicke Infographik, ein Addon für sein Gesamtwerk, etwas, dass man aus einer Vorbesteller-Collectors-Edition, neben einer kleinen Balzac Sammlerfigur, fischen würde.

1799 in Tours (Frankreich) geboren, hat er die Nachwirkungen der Revolution und die Zeit der Restauration selbst miterlebt. Seine freudlose und lieblose Kindheit verbrachte er im Internat und wurde dann von seinen Eltern dazu gedrängt Jura zu studieren. Das hat er aber glücklicherweise recht bald abgebrochen und seinen Vater davon überzeugt, ihn zwei Jahre lang finanziell zu unterstützen und die Möglichkeit zu geben, sich als Schriftsteller zu etablieren. Die Anfangsjahre waren für ihn ziemlich karg und nur vom mäßigen Erfolg gekrönt. Sein Werdegang liest sich zum Teil wie ein Roman und zeigt eine bewegtes und vielfältiges Leben. Anfang der 1830er Jahre schafft er seinen Durchbruch und erschafft ein Werk, dass unübertroffen ist: Die menschliche Komödie heißt sein Romanprojekt, namentlich angelehnt an Dantes Göttliche Komödie und soll ein umfassendes Sittenbild seiner Zeit, der französischen Gesellschaft der Restauration geben. Quer durch alle Schichten, vom kleinen Bürger, zum Bewohner der Provinz, bis hin zum hohen Adel, ist in seinen Romanen alles zu finden. 137 Romane sollte seine menschliche Komödie umfassen, bis zu seinem Tod vollendete er leider nur 91.

Erstmal lockt einen das nicht hinterm Ofen hervor. 91 Romane ist schon eine ganze Menge, aber Sitten, das hört sich erstmal wenig spannend an. Balzacs Romane sind aber alles andere als schnöde. Richtig spannend beschreibt er die Menschen, ihre Geschichten, die Hintergründe zu den einzelnen Figuren, aber insbesondere auch zum Umfeld zu den Umständen, dem gesellschaftlichen Rahmen und zum Charakter der einzelnen Personen selbst. Seine Bücher beginnen immer mit einer recht geschwätzigen Beschreibung des Settings und der Menschen und manchmal schiebt er einfach eine Biographie einer Person ein und unterbricht die aktuelle Handlung. Oder beschreibt mehrere Menschen, bis dann die eigentliche Geschichte los geht. Er macht das aber so geschickt, in einem so angenehmen Stil, mit einem tiefgründigen, weitschweifenden, philosophischen und weltmännischen Blick, der einfach faszinierend und wahnsinnig unterhaltend ist.

Seine Figuren mit ihrer Gedankenwelt, ihrer Art zu handeln, ihrem Werdegang und dem gesamten gesellschaftlichen Rahmen arrangiert er so geschickt, so plastisch und echt, dass man das Gefühl hat, hier echte Biographien zu lesen. Natürlich übertreibt er auch oft und das macht seine Romane sehr spannend. Vater Grandet, der alte Geizhals, wird mir immer in Erinnerung bleiben. Oder Vater Goriot mit seinen undankbaren Töchtern, Lucien der Dandy und Draufgänger aus Verlorene Illusionen, oder Carlos Herrera und nicht zuletzt Esther die Kurtisane, alle diese Protagonisten hat Balzac für mich zum Leben erweckt und sind für mich echte Menschen geworden.

Über 3000 Figuren soll er in seinen Romanen erschaffen haben. Auf jeden Fall sind es extrem viele und das Faszinierende dabei ist, dass sie immer wieder auftauchen. Manchmal nur ganz am Rande, manchmal aber auch in einer bedeutenden Neben- oder Hauptrolle. Eugène de Rastignac, Graf Henri de Marsay, Baron Frédéric de Nucingen sind beispielsweise Figuren, die immer wieder auftauchen. Für Balzac sind Menschen und ihr Handeln auch immer ein Ergebnis ihres Umfeldes, ihrer sozialen Gattung, die er mit den Gattungen des Tierreiches, welche von ihrer Umgebung geprägt werden, vergleicht. Seine menschliche Komödie ist also mehr als eine Sammlung von Romanen, sondern beschreibt ein zusammenwirkendes Gesellschaftssystem mit seiner umfassenden Komplexität.

Fängt man also an, diese ganzen Romane und Novellen zu lesen, dann kommt man recht schnell an den Punkt, wo es schwierig wird, den Überblick über alle Figuren zu behalten. Zwar kann man jeden Roman für sich betrachten und den übergreifenden Kontext ausblenden, seine ganze Faszination entfaltet Balzac aber erst, wenn man beide Ebenen im Blick behält. Eine gute Hilfe ist die Übersicht der einzelnen Personen in meiner Ausgabe, die jedem Roman hinten angestellt sind. Was aber fehlt, ist ein Überblick über die ganzen Familien und Personen, wie sie zueinander in Bezug stehen. Balzac beschreibt immer wieder sehr ausführlich die Verwandschaftsbeziehungen und die Herkunft der einzelnen Figuren.

Relativ schnell habe ich im Netz gegoogelt was es da so gibt. Insbesondere eben Infographiken, denn so etwas schreit gerade zu danach und ich liebe gelungene Visualisierungen sehr. Auf einen interessant aussehenden Stammbaum bin ich schließlich auf der Seite des Maison de Balzac in Paris gestoßen. Das Museum ist in einer der Wirkstätten Balzacs angesiedelt und bietet zahlreiche Einblicke in das Leben und Schaffen des Autors. Sollte ich noch einmal nach Paris kommen, wird das ein absoluter Pflichtbesuch. Im Jahre 2005 hat Anne-Marie Meininger für dieses Museum einen Stammbaum der Figuren aus der menschlichen Komödie erstellt. Auf der Webseite des Maison de Balzac kann man einen kleinen Ausschnitt aus diesen Stammbaum mit dem Titel Généalogie des personnages de La Comédie humaine bewundern. Dieses kleine Fitzelchen war auf jeden Fall groß genug, dass ich ordentlich angefixt war. Daraufhin habe ich das ganze Internet nach diesem Stammbaum abgesucht und abgegrast. Ich bin durch die tiefsten Tiefen des Internets gesurft und selbst im Darknet war nichts von dem Stammbaum zu finden. Kreditkartennummern in 1000er-Packs, Kalaschnikows und Drogen, alles wurde mir angeboten, nur kein Balzac Stammbaum. Ok, ich übertreibe, aber nach einiger Suche im Netz habe ich dann an das Museum geschrieben, aber auch dort keine Antwort bekommen. Einzig auf Abebooks habe ich für 120 Euro eine Ausgabe bei einem französischen Antiquitätenhändler gefunden.

Schließlich bin ich aber doch fündig geworden und habe das gute Stück an einem Ort gefunden, der für viele wohl so etwas Unergründliches wie das Darknet ist: der bayrischen Staatsbibliothek. Dort sollte es laut OPAC eine einzelne Ausgabe geben. Also bin ich in das prunkvolle, große, kastenförmige Gebäude und habe mir dort einen Ausweis geholt. Dann konnte ich den Stammbaum endlich bestellen, wobei es eine Woche gedauert hat, bis sie das begehrte Stück aus dem hintersten Eck ihres Magazins gezogen haben. Und ich durfte es dann auch nicht mitnehmen, sondern nur im Lesesaal anschauen. Glücklicherweise gibt es dort aber Buchscanner und damit habe ich alle einzelnen Seiten eingescannt und auf einen Stick gezogen. Der ganze Spaß hat mich 50 Cent gekostet, denn den Ausweis gibt es für umsonst und lediglich für das Einscannen muss man bezahlen, was eigentlich nichts ist für die hervorragenden Scanner.

Zuhause habe ich dann die einzelnen Bilder zusammengesetzt, nachbearbeitet, Schnittstellen vom Scann entfernt und drei riesige 120 x 30 cm Poster erstellt. Bei PosterXXL gab es wieder irgendwelche Angebotswochen und da habe ich die drei Drucke dann entwickeln lassen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, ist sehr edel und schmuck aufbereitet. Die Wappen hat Michel Pastoureau gezeichnet und zusammen mit dem sorgsam aufgebauten Stammbaum, kommt man hier als Balzac Fan voll auf seine Kosten.

Anne-Marie Meininger hat den eigentlichen Stammbaum erstellt und das muss wirklich eine riesen Arbeit gewesen sein. Aus den Texten all diese Informationen zu extrahieren und aufzubereiten. Anne-Marie Meininger hat auch ein paar französischsprachige Bücher über Balzac verfasst und ist wohl so etwas wie eine Spezialistin. Im Netz findet man sie allerdings leider nicht, denn an die Autorin dieses Stammbaums hätte ich ihr sonst auch geschrieben und versucht ihn direkt bei ihr zu bekommen.

Alle dicken Fische aus den Romanen sind hier zu finden. Auch kleinere, weniger vernetzte Familien sind in einem extra Bereich aufgeführt. Beispielsweise die Familie von Eugénie Grandet. Aber auch die Figuren aus Verlorene Illusionen, Glanz und Elend der Kurtisanen und von zahlreichen Novellen, die ich von ihm gelesen habe, sind hier aufgeführt. Wie viele Figuren nun wirklich in dem Stammbaum verzeichnet sind, kann ich nicht sagen. Es sind auf jeden Fall sehr sehr viele.

Fazit: Der Stammbaum ist eine gelungene Visualisierung der man ansieht, wie viel Aufwand darin steckt. Alle diese Informationen aus den Romane zu extrahieren muss sehr zeitintensiv gewesen sein. Wie oft ich nun als Leser dieses wunderbaren Werkes diesen Stammbaum als Informationsquelle nutzen werde, ist noch nicht ganz sicher. Hinsichtlich der Bücher, die ich bereits gelesen habe, ist es durchaus nochmal eine gute Übersicht. Besonders dann, wenn man auf Charaktere stößt, an die man sich nur noch schwach erinnern kann. Dann stellt dieser Stammbaum eine sehr gute Orientierung dar. Hinter all den Namen stecken zum Teil allerdings auch ausführliche Biographien und es schadet nicht, wenn man eine gute Ausgabe hat, in der die wichtigsten Personen nochmal vorgestellt werden. Meine Gesamtausgabe vom Goldman Verlag hat das sehr gut aufbereitet und zusammen mit dem schönen Stammbaum lässt das bei mir keine Wünsche offen.

Wertung in Sternen

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verfasst von Tobi

    5 Kommentare

  1. Simon Segur 16. Juni 2017 at 14:27 Antworten

    Wow – ich bin absolut beeindruckt!
    Von Balzac habe ich bisher nur Vereinzeltes gelesen. Hast Du einen Tipp, wie man die „Menschliche Komödie“ angehen sollte? Mit dem ersten Band anfangen? Einen besonders herausragenden Roman nehmen? Eine Abfolge von vier oder fünf?
    Liebe Grüße und Danke für den schönen Beitrag!

    • Tobi 16. Juni 2017 at 20:00 Antworten

      Lieber Simon,

      vielen Dank für Dein positives Feedback! Also wenn du noch gar nichts von Balzac gelesen hast, dann empfehle ich Dir Vater Goriot oder Modeste Mignon. Das sind hervorragende Romane die richtig schön den typischen Stil von Balzac haben. Wenn du etwas mehr Zeit mitbringst, dann kann ich dir sehr „Verlorene Illusionen“ und „Glanz und Elend der Kurtisanen“ empfehlen. Die beiden Bücher hängen direkt zusammen und sind sehr genial und haben mich sehr gefesselt. Da ist wirklich alles dabei. Wenn du die gesamte menschliche Komödie lesen willst, dann kann ich Dir die Gesamtausgabe vom Goldmann Verlag empfehlen. Die gibt es antiquarisch und ist in genau der richtigen Reihenfolge.

      Liebe Grüße
      Tobi

      • Simon Segur 16. Juni 2017 at 20:42 Antworten

        Lieber Tobi, meinen Dank für dieTipps. Ein paar Balzacs habe ich mir schonmal zu Gemüte geführt, allerdings ist das ewig her (und ich kann mich kaum noch erinnern. War prinzipiell eher der Hugo-Fan, was die Franzosen angeht) 🙂 Ich denke, ich werde mir „Verlorene Illusion“ und den Folgeband schnappen! Liebe Grüße zurück!

  2. Eva 16. Juni 2017 at 15:57 Antworten

    Wow, super Idee, tolles Poster. Ich habe mal so eine Übersicht für Unendlicher Spaß online gefunden. Das wäre auch mal ein Poster wert! 🙂 Viele Grüße, Eva

  3. Pingback: Blogbummel Juni 2017 – 2. Teil – buchpost 30. Juni 2017 at 20:37

    […] Lesestunden beeindruckt mit seiner Verbeugung vor Balzac und ist der Frage nachgegangen, wie man einen Überblick über die unzähligen Figuren bekommen könnte. Da spricht ein echter Fan. […]

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