Der Manesse Verlag ist mir primär aufgrund seiner Bibliothek der Weltliteratur ans Herz gewachsen. Neben diesem riesigen und unerschöpflichen Quell von hervorragenden Büchern gibt es aber auch immer wieder Neuerscheinungen, um die ich nicht herum komme. Zumeist schön gestaltete Bücher oder neu entdeckte Schätze vergangener Tage. So auch Wein und Haschisch von Charles Baudelaire, das mir immer wieder unter gekommen ist, bis ich nicht mehr widerstehen konnte. Der Autor war mir bisher nur in Zusammenhang mit Gustave Flaubert ein Begriff. Ein schönes Büchlein, ein vielversprechender Autor und der Manesse Verlag: eine gute Kombination.

Charles Baudelaire war insbesondere als Lyriker bekannt und mit seinem Gedichtband Les Fleurs du Mal wurde er der „Beleidigung der öffentlichen Moral“ angeklagt. Ganz ähnlich wie sein gleichaltriger Freund Gustave Flaubert, nur das Baudelaire verurteilt, wohingegen Flaubert freigesprochen wurde. Das war alles, was ich bisher von Baudelaire wusste und nachdem ich Lyrik nicht sonderlich schätze, hatte ich ihn nicht weiter auf dem Schirm. Dieses Buch hat allerdings trotzdem meine Neugierde geweckt. Wein und Haschisch, das ist schon ein provokanter Titel, aber vielmehr als das hat mich das gesamte Konzept überzeugt. Ein kleines, bibliophiles Buch, das in einem Samteinband mit goldener und verzierter Schrift lockt, das Essays von einem „ironischen Lebenskünstler und wortmächtiger Protagonist der Pariser Boheme“ enthält, das passt konzeptionell sehr gut zusammen.

Die Zusammenstellung der Essays ist ausgewogen und durchdacht kombiniert und durchaus gelungen. Es geht natürlich um Wein und Haschisch, aber auch um Liebe, Musik, Flauberts Emma und um Gott und die Welt. In einem lockeren Stil philosophiert Baudelaire über alle möglichen Themen und das zu lesen ist tatsächlich unterhaltsam und anregend. Ich kann nur empfehlen tatsächlich ein Glas Wein, oder wie ich ein Bier dazu zu geniesen, sich ein wenig zu berauschen. Am Wein und am Text gleichermaßen, denn die Worte Baudelaires haben etwas vom Dunst der Gespräche, die sich zuweilen zur fortgeschrittenen Stunde bei einem gemeinsamen ausgedehnten Abendessen und Umtrunk einstellen (natürlich nicht in dieser fein formulierten Form).

„In der Tat ist der Hass ein kostbarer Likör, ein teureres Gift als das der Borgia – denn er wird aus unserem Blut, unserer Gesundheit, unserem Schlaf und zwei Dritteln unserer Liebe gebraut! Damit muss man geizen!“ (S. 24)

Sechs Essays enthält das Buch und beginnt mit der Auswahl tröstlicher Maximen über die Liebe. Das Kapitel konnte mich eher mäßig begeistern. Einige seiner Gedanken kamen mir recht platt vor, hatten schon einen Hauch von Gemeinplätzen, wobei es dennoch ganz unterhaltsam ist. Ratschläge an junge Literaten enthält einige Tipps für angehende Dichter, wobei Baudelaire laut Nachwort sich selbst nicht so wirklich an diese Ratschläge gehalten hat. Am markantesten ist mir hier in Erinnerung geblieben, dass er „Freudenmädchen oder dumme Frauen“ (vgl. S. 32) als passende Partnerinnen für Schriftsteller empfiehlt. Ein Essay, das immer wieder provokant ist und natürlich im Gesamten nicht wirklich ernst zu nehmen ist.

Das tatsächlich schönste Essay ist Wein und Haschisch und ist wirklich wie versprochen wortmächtig und ironisch geschrieben. Er verherrlicht darin den Wein, beschreibt die Wirkung von Haschisch, sinniert darüber, wie der Rausch einen Genie hervorbringt, wie der Wein den schnöden Alltag des Arbeiters lebenswert macht und wiegelt am Ende dann doch wieder ab und besinnt sich darauf, dass der Konsum von Haschisch vielleicht doch nicht so empfehlenswert ist und die „Großen Dichter, Philosophen, Propheten[…]kraft ihres Willens einen Zustand erreichen, in dem sie sowohl Ursache als auch Wirkung sind, Subjekt und Objekt, Magnetiseur und Schlafwandler.“ (S. 73). Auch hier kann man ihn natürlich nicht komplett ernst nehmen, aber an seiner Beschreibung merkt man doch, dass er dem Rausche sehr zugetan war, was das Nachwort auch bestätigt.

„Verschwände der Wein aus der Reihe menschlicher Erzeugnisse, dann, so glaube ich, würde sich in Wohlergehen und Intellekt des Planeten ein Mangel bemerkbar machen, etwas würde fehlen, und das wäre eine weit fürchterlichere Lücke, als sie alle vom Wein verursachten Ausschreitungen und Verirrungen jemals reißen könnten.“ (S. 43f)

Sein Freund Théophile Gautier hat zusammen mit Moreau den „club des hachichiens“ gegründet, der sich einmal im Monat traf. Laut Anmerkungen basieren die Beschreibungen der Wirkung von Haschisch den Augenzeugenberichten dieser Treffen. Scheinbar war Baudelaire dem Konsum von Drogen nicht abgeneigt und hat nicht nur zu Wein, sondern auch immer wieder zu Opium gegriffen. Nachdem ich die berauschende Wirkung von Drogen nicht kenne, kann ich nicht beurteilen, wie nahe die Beschreibung an der Realität ist. In der Art und Weise wie der Rausch hier beschrieben wird, hat er etwas kultiviertes, einen Hauch von schickem Boudoir in angenehmer Gesellschaft und wird als etwas Harmloses dargestellt. Aber alleine der nicht ganz vorausschaubaren Wirkung würde mich eher dem Genuss eines frisch gezapften Bieres zuführen, als irgendwelcher berauschender Mittelchen. Und auch Baudelaire scheint sich am Ende doch zu besinnen:

„Der Wein ist nützlich, er befruchtet. Das Haschisch ist nutzlos und gefährlich.“ (S. 72)

Das Essay Was uns das Spielzeug lehrt beschreibt eine seiner Kinderheitserinnerung und geht auf die Wirkung und Wahrnehmung von Spielzeug ein. Das passt durchaus zu heutigen Tagen und an einigen Stellen musste ich wirklich lachen, denn einiges hat mich doch an Szenen aus meinem Leben erinnert. Es gibt wohl Dinge, die sich nie ändern werden. Die blühende Phantasie von Kindern ist so etwas.

Ein Essay ist der Madame Bovary von Gustave Flaubert gewidmet. Das fällt erstaunlich kurz aus, hier hätte ich mit mehr Inhalt gerechnet. Erwartungsgemäß bricht er eine Lanze für seinen Leidensgenossen und einige seiner Formulierungen bringen es wirklich auf den Punkt.

„Wir werden auf einer banalen Leinwand einen nervösen, bildhaften, subtilen und exakten Stil entfalten. Wir werden die glühendsten und gärendsten Gefühle in dem denkbar trivialsten Abenteuer unterbringen.“ (S. 95)

Insgesamt pickt er sich aber einige Sachverhalte heraus und behandelt dieses Meisterwerk nicht erschöpfend. Unterhaltsam, aber wirklich viel ist dabei bei mir nicht hängen geblieben. Aber über meine liebe Emma könnte ich immer wieder etwas lesen. Wenn es um sie geht, dann wird es einfach nie langweilig.

Im letzten Essay widmet sich Baudelaire Richard Wagner und der Tannhäuser in Paris. Der große Komponist war damals gerade dabei sich in Frankreich zu etablieren und seine Opernwerke wurden im damaligen Paris kontrovers diskutiert. Einige kaiserkritische Aristokraten haben die Aufführungen in der italienischen Oper gestört und auch das Feuilleton und die Presse hat Wagner ordentlich aufs Korn genommen. Baudelaire outet sich hier als Außenseiter und hat damals bereits das herausragende Talent Wagners erkannt. In diesem Essay interpretiert er wirklich schön und wortgewandt die Bedeutung von Wagners Werke, beschreibt wunderbar die Ouvertüre von Tannhäuser, fasst die bis dahin erschienenen Opern zusammen und deklamiert einen Wagner, der die Musik mit dem Drama verschmilzt, um die Lücken der jeweilig anderen Kunst zu füllen.

„Ich habe oft sagen hören, die Musik könne sich nicht brüsten, irgendetwas mit Gewissheit wiederzugeben, wie es Malerei und Worte vermögen. In gewisser Hinsicht ist das wahr, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Sie drückt alles auf ihre Weise aus, mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen. Wie die Malerei und sogar das geschriebene Wort hinterlässt die Musik immer eine Lücke, die zu füllen der Fantasie des Zuhörers überlassen bleibt.“ (S. 112)

Ich habe mich in diesen Essays immer wieder selbst gefunden. Wenn er beispielsweise darüber schreibt, wie er die Musik Wagners wahrgenommen hat. Besonders die dort sich wandelnden aber wiederholenden Melodien, die sich durch die gesamte Oper winden und immer wieder auftauchen. Seine Interpretation für diese Beobachtung ist wirklich sehr lesenswert.

Übersetzt wurden die Essays von Melanie Walz, was für mich ebenfalls ein Argument für dieses Buch war. Auch das Nachwort von Tilman Krause ist durchaus lesenswert. Erwähnenswert ist auf jeden Fall auch die schöne Aufmachung. Der Einband besteht aus einem rotem Samt und ist mit goldenen Verzierungen versehen. Das Buch ist recht klein, so wie man es auch von der Bibliothek der Weltliteratur kennt. Aber es sieht wirklich sehr schick aus, ist in seiner ganzen Erscheinung sehr stimmungsvoll und trifft optisch das Thema sehr gut. Als Geschenkbuch ist es sehr gut geeignet. Ein fester Platz im Regal ist dem Buch bei mir auf jeden Fall sicher.

Fazit: Diese kleine Sammlung an Essays ist eine unterhaltsame und vielseitige Lektüre. Mir haben die vielen Gedanken, das Philosophieren, aber auch der oft nicht ganz ernst zu nehmende Unterton gut gefallen. Besonders das namensgebende Essay Wein und Haschisch ragt hier natürlich heraus. Am Ende erinnert das Buch ein wenig an ein gemütliches und angeregtes Gespräch mit einem guten Freund. Nach einem Abend hat man viele Gedanken ausgetauscht, über Gott und die Welt diskutiert, sich dabei ein wenig am Wein (oder Bier) berauscht, sich an Erlebtes und Erfahrenes erinnert und wenn man dann auseinander geht, dann hängt über diesem Philosophieren doch ein Dunst des Vergessens. Ein bibliophiles und stimmiges Buch, das aber nur mäßig im Gedächtnis bleibt und mit seinen vielseitigen Themen und gedanklichen Ausflügen gut unterhält.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Titel: Wein und Haschisch
Autor: Charles Baudelaire
Verlag: Manesse Verlag
Übersetzung: Melanie Walz
Erschienen: 13. Juni 2017
Erstveröffentlichung: 1846 bis 1861
Seiten: 224 Seiten

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verfasst von Tobi

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