In letzter Zeit habe ich echt wieder ein Händchen was Bücher angeht. Dunkelsprung hat einen Klappentext, da hätte alles drinnen sein können. Vom größten Mist bis zu einer echt gelungenen Geschichte. Letzteres ist der Fall und wieso das so ist, will ich hier berichten.

Einen für mich meist sehr deutlichen Unterschied zwischen Klassiker und aktueller Literatur ist das Bild, das vor dem geistigen Auge entsteht und der Prozess, wie dieses erschaffen wird. In Klassiker entsteht das irgendwie auf eine andere Weise, eher durch die Gedanken der Protagonisten, Handlungen und meist weniger durch eine detailgenaue Beschreibung einer Szene. Bei zeitgenössischer Literatur ist das oft anders, insbesondere bei Büchern aus dem Fantasy Genre (wozu ich Dunkelsprung nicht zähle, dazu aber weiter unten mehr). Ich glaube es ist dem Einfluss von Film und Fernsehen geschuldet, der sich hier ganz gravierend niederschlägt und so bedient sich auch Dunkelsprung einer sehr bunten, sehr beschreibenden und mit zahlreichen Adjektiven angereicherten Sprache. Als Leser sieht man die ganze Szene vor sich, sieht sich nicht mit einem abstraktes Bild konfrontiert, sondern die Geschichte läuft vor dem geistigen Auge ab wie ein Film. Leonie Swann schafft das meisterhaft und es ist ein wahres Vergnügen ein solches Buch zu lesen.

Die Geschichte hat ein sehr hohes Tempo, zahlreiche Szenenwechsel und Orte, was meiner Erfahrung nach meistens eher ein Zeichen für schlechte Qualität einer Geschichte ist. Hier ist das aber ganz und gar nicht der Fall, es passt sowohl hinsichtlich der Geschichte, als auch sprachlich sehr gut zu dem Stil der Autorin. Es werden wahnsinnig bildhafte und stimmungsvolle Vergleiche bemüht und die Autorin zieht alle Register und zerrt zahlreiche emotional vorbelegte zum Teil klischeehaft anmutende Settings durch die Geschichte. Eine magische Theateraufführung in einem geheimnisvollen Hinterhof, ein Hausboot, welches an einem Londoner Kanal im Nebel gelegen ist oder ein Privatdetektivbüro im Stile der 30er Jahre, um einige Beispiele zu nennen.

Von dem ganzen Rahmen hat mich Dunkelsprung stark an Baba Jaga von Toby Barlow erinnert. Die Geschichte könnte ich keinem Genre zuordnen, sie hat zahlreiche unterschiedlichste Elemente. Es werden Wesen aus Fabeln bemüht (in Baba Jaga die Hexen), mit Spannungs- und Gangsterelementen angereichert (auch das gibt es in Baba Jaga), mit einer Brise Humor und Komik versehen und in eine stimmungsvolle Umgebung wie London (in Dunkelsprung) oder Paris der 50er Jahre (in Baba Jaga) versetzt. Die Helden sind dabei keine Helden und sehen sich bizarren Situationen und übersinnlichen Phänomenen ausgesetzt. Ein Mix an scheinbar widersprüchlichen Elementen, aber es funktioniert. Ich liebe solche Bücher, die über alle Konventionen hinaus gehen und so großartig reich an Phantasie sind, die Neues probieren und den Leser in einen Sog, in einen Bann ziehen, aus denen man sich nicht mehr befreien kann und auch nicht möchte.

Die beiden Hauptpersonen Julius Birdwell und Frank Green sind beide irgendwie verwirrte Antihelden mit einer stark verzerrten Blick auf die Realität. Ich habe mich oft gefragt, ob da nicht die die Autorin auch zum Vorschein kommt, denn das Buch hat auch auf sprachlicher Ebene etwas verdrehtes. Im Mittelpunkt steht Julius, ein Flohzirkusdompteur, was sich beim Lesen des Klappentextes irgendwie eher abgeschreckt hat. Aber in der Geschichte ist seine Sichtweise und sein Beruf sehr schön verwoben und so wirkt Julius authentisch und ist alles andere als ein Stereotyp. Durch die leicht verschrobene Art der Hauptfiguren hat es bei mir dann aber ein wenig an Empathie für Julius und Green gefehlt.

Besonders hervorzuheben ist die sprachliche Ausgestaltung des Buches. Die ist sehr individuell und besticht, wie oben schon erwähnt, durch zahlreiche, sehr bildhafte Adjektive, die manchmal in Aufzählungen aneinandergereiht werden. Es werden dabei Worte verwendet, die mit der zu beschreibenden Sache nicht unmittelbar, sondern nur durch ihre Zusammenhänge, oder die Emotionen, die sie hervorrufen, verbunden sind. Folgendes Zitat ist beispielhaft für zahlreiche Stellen dieser Art:

Ein Geräusch war zu hören, sacht wie Wind im Schilf, Schwanenflug, Mond auf Wasser. Elizabeth flüsterte, keine Worte, eher eine Melodie aus Regentropfen.

Hier beschreibt die Autorin ein Geräusch und ein Windhauch im Schilf und kombiniert dies mit einem Schwanenflug und dem Mondschimmer auf dem Wasser, erzeugt so eine Stimmung, ohne sich in große Beschreibungen zu ergießen, nur mit einzelnen Stichworten. Oft beginnt Swann einen Satz mit bunten Beschreibungen, kombiniert lange und kurze Sätze und streut sogar einzelne Worte ein. Das hat für mich manchmal den Lesefluss etwas gestört und wirkt irgendwie auch gekünstelt. Eigenartig fand ich auch die rhetorischen Fragen, die manchmal an den Leser gerichtet werden und komisch wirken sollen, aber eigentlich eher stören. Folgendes Zitat zeigt sehr schön wie die Autorin lange und kurze Sätze kombiniert, in einzelne Worte endet und wie sie sehr bildhaft spielerisch mit Worten umgeht.

Nebel tanzte auf dem nachmittäglichen Parkett der Themse, einen Walzer vielleicht oder möglicherweise einen faulen Foxtrott. Weiden räkelten sich in den etwas halbherzigen Sonnenstrahlen, feuchte Luft schmiegte sich um die Dinge, die Mauern und Kähne und Straßenlaternen, und weichten sie auf, selbst das Licht schien sich nicht entscheiden, zu können und zerfloss zwischen gelblichem Grau und blauem Rauch.

Alles bewegte sich, sanft, aber stetig, wie ein Schläfer kurz vor dem Aufwachen. Fast alles. In der Nähe des Ufers, im Schutze eines rostigen Bootes stand ein Reiher, aquarellgezeichnet, umflossen von Nebel, die Flügel zu einer Glocke geformt. Stand. Still.“

Orte und Personen werden dabei nicht umfassend charakterisiert, sondern oft nur punktuell, mit dem Fokus auf Merkmale und Eigenschaften, die der Wahrnehmung der beobachtenden Protagonisten entspricht. Manchmal enstehen verrückte Zusammenhänge und Sätze, die im aktuellen Kontext an Sinnlosigkeit grenzen, durch die Geschichte dann aber ihre Bedeutung erlangen und dadurch für die Figuren auch oft einen philosophischen Wert bekommen (ein gutes Beispiel hierfür ist der Inhalt von Greens Notizheft). Durch diese sprachlichen Mittel, und der verrückten Geschichte mit diesem bunten Genremix, entsteht eine Stimmung, die magisch ist und wie ein Märchen anmutet, aber trotzdem keines ist. Auch vor zahlreichen Wortneuschöpfungen schreckt Swann nicht zurück und gerade durch die bekommt das Buch eine ordentliche Brise Humor. Zumindest ist es das erste und wahrscheinlich auch das letzte Mal, dass ich in einem Buch das Wort „Fabelwesenfeldwebelmanier“ gelesen habe:

Elizabeth marschierte in bester Fabelwesenfeldwebelmanier neben dem Sofa auf und ab. (S. 219)

Auch sehr gut ist „Totenvogelhaftes“ (S. 235).

Das Buch hat zahlreiche Elemente die vor Ideenreichtum und Kreativität nur so strotzen. So gibt es einen Vergessenstherapeut, wunderbare Fabelwesen die sehr schön beschrieben werden und geradezu zum Träumen einladen, mystische Labyrinthe in Waldform, Edelsteine mit finsteren Karma und imaginäre Strümpfe werden zu einem Geschenk, dass in der passenden Situation sehr hilfreich ist.

Die Autorin Leonie Swann steht für ein Pseudonym und man bekommt nur wenig Informationen zu der tatsächlichen Autorin hinter dem Roman. Aus Dachau bei München soll sie kommen und Philosophie, Psychologie und englische Literaturwissenschaft in München studiert haben. Ansonsten hält sie sich bedeckt und hat das Pseudonym gewählt um berufliches und privates klar zu trennen. Sie hat angeblich einige Zeit in Paris und London verbracht und lebt nun in Berlin.

Fazit: Mit Dunkelsprung ist Leonie Swann ein sprachlich hervorragendes Buch gelungen, das zudem mit einer spannenden und rasanten Geschichte überzeugen kann. Die Charaktere sind alles andere als Stereotypen und Helden von der Stange, das Setting so bunt wie Swanns ganz eigener Stil zu schreiben. Eine Lesegenuss der definitiv empfehlenswert ist und ich jeden, der etwas außerhalb jeder Norm lesen möchte nur empfehlen kann. Die Geschichte selbst steht für sich, hat aus meinen Augen keinen literarischen Tiefgang oder Bezüge allgemeiner Art und die Sätze wirkten an einigen Stellen gekünstelt, daher einen Stern Abzug. Die Lektüre von Dunkelsprung kann ich dennoch uneingeschränkt empfehlen.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Dunkelsprung

Titel: Dunkelsprung
Autor: Leonie Swann
Verlag: Goldmann Verlag
Erschienen: 10. November 2014
Seiten: 384 Seiten

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verfasst von Tobi

    9 Kommentare

  1. Lauretta 29. März 2015 at 11:27 Antworten

    Hallo Tobi!

    Ich freue mich sehr, dass du dieses Buch rezensiert hast! Ich hatte es schon so oft in der Hand, bin im Buchladen darum geschlichen, habe es bei Amazon angeklickt… Und dann doch nie in irgendeiner Form mitgenommen, weil ich mir nicht sicher war.
    Dein Eintrag bestätigt mich aber in der Auffassung,dass es doch ein gutes Buch ist und so wird es mit Sicherheit schneller als gedacht den Weg zu mir finden.

    Danke schön. 😉

    Liebe Grüße,
    Lauretta

    • tobi 29. März 2015 at 12:51 Antworten

      Hallo Lauretta,

      schön, dass dich mein Beitrag überzeugen konnte. Das Buch ist echt sehr gut und bisher konnte ich auch keine schlechte Rezension dazu finden, was auch nur nachvollziehbar ist. Bin schon auf deine Rezension dazu gespannt.

      Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
      Tobi

  2. huebi 29. März 2015 at 14:42 Antworten

    Hallo,

    hast du auch Glennkill gelesen? Mich hat Glennkill von der Idee her sehr interessiert, fand aber die Ausführung insbesonders im letzten Drittel mehr als enttäuschend. Falls du Glennkill gelesen hast: wie würdest du die beiden Bücher von Ihrer Erzählweise her vergleichen?

    //Huebi

    • tobi 29. März 2015 at 18:32 Antworten

      Hallo Huebi,

      Glennkill habe ich nicht gelesen, mag keine Krimis und daher kommt das auch nicht auf die Liste. Im Schrank steht es allerdings schon, denn die bessere Hälfte hat das mal gelesen. Daher kann ich da leider keine Aussage treffen.

      Liebe Grüße
      Tobi

  3. Irve 29. März 2015 at 15:05 Antworten

    Das Buch finde ich einfach nur genial…so gut, dass ich jetzt gerade das Audiobook davon höre….Das Hörbuch ist noch einen Tacken besser…Andrea Sawatzki liest die Geschichte einfach nur magisch.
    Ich kann sowohl Buch als auch Audiobook allen uneingeschränkt empfehlen, deren Leserherz offen ist für verrückte, phantastische Geschichten, die durch einige Passagen und Aussagen immer wieder ihren Weg zur Realität finden und die durch skurrile Charaktere geprägt sind, die man einfach mögen muss.
    Tolle Rezension übrigens 🙂

    • tobi 29. März 2015 at 19:02 Antworten

      Hallo Irve,

      oh ja, als Audiobook kann ich mir das sehr gut vorstellen. Die Sätze sind sehr schön, bildhaft und fast schon malerisch geschrieben, gesprochen wirkt das bestimmt sehr gut.

      Liebe Grüße
      Tobi

  4. Pingback: Die Spieluhr: Eine Novelle von Ulrich Tukur 11. November 2015 at 19:57

    […] wie Dunkelsprung oder Baba Jaga von Toby Barlow würde ich diese Novelle in eine neues Genre „Modernes […]

  5. Bücherwurm 3. Februar 2017 at 1:15 Antworten

    Schöner Roman, habe ich auch gelesen.

  6. Pingback: Mein Wort zum Sonntag #5 | Kielfeder 22. Mai 2017 at 22:37

    […] von Lesestunden hat eine sehr vielfältige und umfangreiche Rezension zu „Dunkelsprung“ von Leonie Swann geschrieben. Dieses Buch subt bei mir auch, deshalb ist sie mir […]

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