Seit einiger Zeit lote ich auch ein wenig die Welt von Graphic Novels, Comics und Mangas aus und auch wenn mein primärer Fokus noch immer auf Klassiker liegt (wie könnte es auch jemals anders sein), habe ich in letzter Zeit auch viel abseits gelesen. Das kann ich auch immer nur empfehlen, denn dadurch findet man sehr spannende Inhalte und auch Darstellungsformen. Eine davon möchte ich euch heute vorstellen. Ich habe nämlich meine erste Buchrolle gelesen und wer sich fragt, was das nun wieder für ein neuer Trend ist, der sollte diesen Beitrag nicht verpassen.

Eher zufällig bin ich auf die Buchrolle Shipwreck gestoßen, die von Round not Square verlegt wird. Der Verlag wurde 2015 erfolgreich via Kickstarter mit vier erste Buchrollen erfolgreich finanziert und gestartet. Ende 2016 wurde dann die Graphic Novel Shipwreck nachgelegt. Das Konzept hat mich sofort begeistert. Es wird in Form einer sehr langen Buchrolle ein Werk gedruckt, dass dann beim Lesen abgerollt und auf der anderen Seite wieder eingerollt wird. So kann man beim Lesen selbst entscheiden, wie viel auf einmal sichtbar ist und kann sich sozusagen durch den Comic rollen. Ich war sehr gespannt auf das Päckchen mit der Buchrolle und konnte es kaum erwarten, das ersehnte Stück auszupacken.

Die Story handelt von einer dystopischen Galaxie, über die ein sogenannter Shogun herrscht. Einst blühte die Welt in technischen Fortschritt auf und wurde von verschiedenen Clans bevölkert. Es kam zu einem großen Krieg um Macht, der dann nahezu alles zerstört hat und die Welt in ein riesiges Trümmerfeld verwandelt hat. In den Überresten leben die Clans nun ein spärliches Dasein, kämpfen ums Überleben, konkurrieren um die Ressourcen, bergen alte Technologien und schlagen sich eher schlecht als recht durch. Oishi, ein Samurai Krieger vom Asano Clan, erzählt wie sein Clan in dieser Zeit mit dem mächtigen Shogun in Konflikt gerät. Vom Setting ist das also eine Science Fiction Story mit Samurai Elementen und ein bisschen Krieg der Sterne Raumschiffkrieg. Also ein ganz schöner Mix.

Grundsätzlich habe ich mich gefragt, wie sich so eine Buchrolle wohl anfühlen und lesen würde. Zu Beginn ist es tatsächlich eine Umstellung und ich bin der kurzen Anleitung gefolgt und habe die Buchrolle an einem Tisch gelesen und zuerst ausgebreitet. Das hat ganz gut funktioniert und gerade das Format konnte mich sehr begeistern. Das sieht einfach gut aus, wenn sich der weiße und unendlich anmutende Weltraum von Paul Rietzl vor einem erstreckt. Die Figuren präsentieren sich farbenfroh und auch der Weltraum mit dem Planeten Eno präsentiert sich in kräftigen und bunten Farben. Das ist sehr schön anzusehen und hat mir sehr gut gefallen.

Wenn man dann ein wenig gelesen hat, muss man tatsächlich nur noch etwas weiterrollen, was sehr mühelos geht, wobei ich aber immer darauf achten musste, dass ich nicht schief aufwickle. Sehr uncool sind auch Krümel, die man sehr schnell mit einrollt, was mir natürlich ein paar mal passiert ist. Eine saubere Unterlage ist also sehr empfehlenswert. Laut Anleitung lassen sich die Rollen auch ganz frei in der Luft lesen, aber das hab ich nicht probiert und ich vermute, das würde mir mit meinen zwei linken Händen auch nicht gelingen.

Vom haptischen Gefühl her konnte mich die Buchrolle zu 100% überzeugen. Das fühlt sich einfach gut an, wenn das Papier durch die Finger rauscht. Die Druckqualität ist hervorragend und das Papier hat genau die richtige Stärke, so dass man die Rolle gut bewegen kann, während das Papier sehr geschmeidig in der Hand liegt. Was den Kontakt mit dem Papier angeht, hat die Rolle definitiv die Nase vorn und konnte meine bibliophile Ader sehr treffen. Genauso finde ich sie ein echter Hingucker, wenn sie so im Regal liegt, dass man das aufgerollte Papier sieht. Das macht sich schon gut und ich habe mich gefragt, wie das wohl aussieht, wenn man davon ein komplettes Regal hat.

Der Umschlag der Rolle, also sozusagen die erste Umdrehung der Rolle, ist in Leinen gehalten, das mit dem Cover bedruckt ist. In dem Leinen sind Magnete eingearbeitet, so dass die Rolle schön verschlossen bleibt und nicht von selbst aufgeht. Das ist schön stabil und ebenfalls wertig verarbeitet.

Während mir die Rolle optisch und haptisch sehr gut gefällt, finde ich sie doch in Summe eher unpraktisch. Man muss sie schon am Stück lesen, oder einen Platz haben, wo man sie gut ablegen kann. Für die Bahn ist sie eher nichts. Selbst wenn ich geschickter wäre und sie auch frei in der Luft lesen könnte, hätte ich zu sehr Angst, dass ich sie beim Einstecken einreißen oder zerknittern würde. Aber für mich ist die Rolle etwas, das man einfach daheim lesen und ganz bewusst genießen muss. Das ist schon ein bibliophiles Erlebnis und nichts für den schnellen Konsum. Was mir auch nicht so gut gefallen hat, ist das Zurückrollen, denn das muss man machen, wenn man die 15 Meter ausgelesen hat. Ich habe etwa 45 Minuten an der Geschichte gelesen, bis ich am Ende angelangt war und hab dann schon ganz schön rumgeschwurbelt, bis ich sie wieder zurückgespult habe. Das hat schon stark an die 80er mit ihren Kassetten erinnert.

Eine echte Besonderheit ist tatsächlich das Format. Die Rolle ist einfach hervorragend geeignet für Inhalte im breiten und weiten Panoramaformat. Ich weiß nicht, wie gut das alles für ein konventionelles Buch funktionieren würde. Im Shop von Round not Square findet man einige Buchrollen und alle haben auch eine inhaltliche Ausrichtung, die genau dieses Format gut ausnützt. Catching the Eye präsentiert zum Beispiel die Fotografien von Larry Yust, der ganze Straßenzüge fotografiert und kunstvoll in Szene gesetzt hat. Da passt das einfach hervorragend. Krieg und Frieden in dem Format zu lesen, wäre wahrscheinlich eher anstrengend. Für Comics finde ich das Format, und Shipwreck beweist das sehr gut, einfach perfekt. Paul Rietzl hat seine ganzen Zeichnungen auf das Format ausgelegt und so präsentiert sich diese Geschichte fast schon filmisch als eine ablaufende Folge von Bildern. Ich glaube aber, dass auch ein gewöhnlicher Comic mit verschiedenen, einzelnen Bildern, oder gar ein Manga als Rolle ein echter Genuss wäre.

Die Geschichte Shipwreck konnte mich gut unterhalten, ist wunderbar gezeichnet, farbenfroh und wartet mit prachtvollen Panoramabildern auf. Es wird viel erzählt und wenig von den Charakteren gesprochen, was hat das Lesetempo etwas bremst. Die Charaktere haben mir aber gut gefallen, sind schön ausgearbeitet und passen sehr schön in diese karge, vom Krieg zerstörte Welt. Die Story kommt ohne große Pointe aus und skizziert eher eine fiktive Welt und erweckt sie sehr gut zum Leben. Die Geschichte ist kein großer Knaller, aber in Summe its die Rolle ein sehr schönes Leseerlebnis.

Paul Rietzl ist ein freier Illustrator und Comiczeichner aus Augsburg. Einige seiner Arbeiten zeigt er auf seiner Homepage. Dort findet ihr auch weitere Bilder von Shipreck.

Wer etwas mehr über die Buchrollen erfahren möchte, dem empfehle ich das Video von der Kickstarter Kampagne (Round not Square – The Reinvention of the Scroll auf Vimeo). Hier bekommt man einen ganz guten Einblick, wobei sich die Verarbeitung der Rolle Shipwreck von der gezeigten Rolle unterscheidet. Aber das Prinzip ist identisch.

Fazit: Ich war sehr gespannt auf die Buchrolle und finde die Idee sehr genial. Jede Art mit bibliophiler Verarbeitung zu variieren und hier neue Wege zu gehen, führt nahezu immer zu sehr spannenden Projekten. Auch wenn die Buchrolle aus meiner Sicht eher nichts für den täglichen Gebrauch ist und sie ihre Vorzüge für Inhalte mit breitem Format hat, konnte sie mich sehr begeistern. Shipreck ist ein Comic, der sehr geschmeidig vor dem Leser abläuft, eine bunte und wunderbar gezeichnete dystopische Welt zum Leben erweckt und zeigt, wie viel Potenzial in so einer Buchrolle steckt. Für besondere Lesestunden ist die Rolle ein echter Genuss. Wer schöne Bücher liebt, der wird auch diese Rolle sehr mögen. Ich hoffe Round not Square veröffentlicht noch ein paar Comics dieser Art.

Bestellen kann man die Buchrollen im Online Shop der Round not Square Webseite: https://round-not-square.com. Dort findet ihr auch noch weitere Buchrollen, wie beispielsweise die illustrierte Kindergeschichte Wilma und Wolf.

Über das Buch

Titel: Shipwreck
Autor: Paul Rietzl
Verlag: Round not Square
Erschienen: 2016
Länge: 15 Meter
Höhe: 20 cm

Klappentext anzeigen
Bevor der heilige Planet Edo zerstört wurde, war er der Mittelpunkt der Galaxie. Von dort herrschte der Gottkaiser über alle Welten, repräsentiert durch seinen Stellvertreter, den Shogun. Doch dann geriet die Galaxie in den größten aller Kriege. Zahllose Planeten wurden unbewohnbar, ganze Clans ausgelöscht und das, was von Edo übrig blieb, steht nun in lodernden Flammen. Vom Reich des Gottkaisers, einst voller Licht der Sterne und fortschrittlichem Wissen, bleibt nur ein gigantisches Trümmerfeld.

Zwischen den Überresten der alten Zivilisation fristen die verbliebenen Clans als Schrottsammler ihr Dasein. Nichts Neues entsteht, das Leben wird bestimmt durch Verteilungskriege über zerstörte Raumschiffe und Technik aus anderen Zeiten. Das Ausschlachten des riesigen Trümmerfelds ist die Existenzgrundlage der Verbliebenen geworden. Nur die starren Regeln und Hierarchien haben ihre Gültigkeit behalten. Inmitten der Verteilungskriege um Ressourcen versucht Oishi, als oberster Samurai vom Clan der Asano, sich und den Seinen ein würdiges Überleben zu sichern. Nach einem missratenen Zusammentreffen mit Kira, der rechten Hand des Shogun, gerät Naganori, die Fürstin der Asano, zwischen die Mühlsteine der Macht. Oishi, der sich bisher nur in den Gegebenheiten zurechtfinden wollte, beginnt, seine eigene Rolle und die destruktiven Strukturen in der Galaxie zu hinterfragen…

verfasst von Tobi

    3 Kommentare

  1. Harald 11. Juni 2018 at 21:38 Antworten

    Tobi, das ist ja genial – ist bestimmt auch ein Hingucker in der S-Bahn :-P. Wie ist denn das Ende der Rolle gelöst – ist da ein Rohr aus welchem Material auch immer? Sonst stelle ich es mir sehr schwer vor das Teil wieder ordentlich eingerollt zu bekommen.

    • Tobi 13. Juni 2018 at 20:56 Antworten

      Lieber Harald,

      ja also die Buchrolle ist nun schon ein echt exotisches Stück in meinem Bücherschrank. Aber in der S-Bahn hab ich sie nicht gelesen. Ich glaub da braucht es dann schon etwas Übung. Im Ende ist die Rolle verklebt, so dass sie wie ein kleines Röhrchen geformt ist, das man nicht mehr weiter abrollen kann. Das reicht ganz gut aus, um sie wieder zusammen zu rollen. Es hat ganz gut geklappt sie wieder aufzurollen, es war nur etwas mühsam. Gerade für einen ungeschickten Nerd wie mich 😉

      Liebe Grüße
      Tobi

  2. Steffy1 14. Juni 2018 at 12:32 Antworten

    Das sieht wirklich wunderschön aus. Shipwreck ist zum Glück ja eine der günstigeren Rollen. Ich glaube das gönne ich mir mal :).

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