Russische Liebesgeschichten

Neujahr haben wir mit einem Spaziergang begonnen und haben unsere ganze Meute gelüftet. Dabei sind wir auch bei einem Bücherschränkchen vorbei gekommen, der bisher sogar in meiner App gefehlt hat. Und darin habe ich doch tatsächlich dieses schöne Manesse Buch mit russischen Liebesgeschichten gefunden. Was für ein Glückstreffer und bevor ich gemerkt habe, was das für ein Büchlein ist, dass ich da in Händen halte, hat mein Unterbewusstsein es schon in die Tasche gesteckt. Die Ausgabe ist aus den 60er Jahren und schon ein bisschen speckig, aber insgesamt in einem schönen ordentlichen Zustand und mit dem Inhalt natürlich ein perfekter Start in das neue Jahr.

Insgesamt sind in dem Buch dreizehn Liebesgeschichten zu finden, von namhaften Autoren wie Puschkin, Gogol, Turgenjew oder Tschechow, aber auch von einigen mir bisher unbekannten Autoren wie Bunin, Lawrenjew oder Gorkij. Herausgegeben wurde das Büchlein von Alexander Eliasberg. Die Titel lasen sich vielversprechend und tatsächlich habe ich das Buch dann sofort zu lesen angefangen und innerhalb weniger Tage ausgelesen.

Ich weiß nicht wieso, aber das hat vom Thema bei mir gerade richtig gepasst. Die ersten Geschichten sind von den bekannten Autoren und Der Schneesturm kannte ich schon von meiner Puschkin Meisternovellen Ausgabe. Das ist ein richtig guter Einstieg, denn die Story ist einfach einfallsreich und hat am Ende eine richtig schöne Pointe, die einfach ein richtiger Genuss ist. Gogol portraitiert, wie von ihm gewohnt, richtig schön die einzelnen Figuren, mit ihren Eigenheiten, eines ländlich geprägten Russlands. Turgenjews Klara Militsch stimmt nachdenklich und fand ich sehr einfallsreich. Aber überhaupt ist das Spektrum der Liebesgeschichten sehr breit und reichen vom Hin- und Her des Kennenlernens und erster Verliebtheit, bis hin zu Momentaufnahmen, wie in Einst im Herbst, oder auch ganz skurrile Geschichten, wie Die trauernde Braut, oder gar sehr finstere Betrachtungen, wie Der Abgrund. Was alle die Erzählungen gemeinsam haben, ist ihr unkonventioneller und so gar nicht vorhersehbarer Verlauf. Mich haben alle Geschichten gefesselt und ich konnte das Buch erst wieder aus der Hand legen, wenn ich eine der Erzählungen fertig gelesen hatte, nur um dann festzustellen, dass ich sofort mit der Nächsten starten wollte. Das Buch zu lesen hat etwas von Entdecken und meine Neugierde hat es mich so schnell durchlesen lassen. Jede Geschichte war auch spannend und ich habe mich bei der Lektüre immer gefragt, wohin das wohl führen wird und auch wenn am Ende manchmal die Pointe nicht ganz so stark ausgeprägt war, fand ich jede Erzählung für sich sehr lesenswert und gelungen.

Die Erzählungen sind chronologisch angeordnet und Der Schneesturm von Puschkin erschien 1831 und die letzte Geschichte Der Einundvierzigste von Lawerenjew erschien 1924. Auch vom Stil und der Ausrichtung der Autoren ist hier ein sehr breites Spektrum geboten. Im Anhang befinden sich zu jedem Autoren Informationen zu dessen Lebenslauf und Wirken, was ich sehr interessant fand und vor der Lektüre einer jeder Erzählung gelesen habe. Das Buch ist also auch sehr gut geeignet um neue Autoren zu entdecken, wobei mir zwar die kurzen Geschichten alle sehr gut gefallen haben, ich aber nur von einigen Autoren mehr lesen wollen würde. Der Abgrund von Leonid Andrejew beispielsweise passt hervorragend in diese Sammlung und konnte mich auch sehr fesseln, war aber auch sehr finster und eine längere Lektüre von so einem gearteten Text würde mich nun schon ganz schön runter ziehen und wäre wenig genussvoll. Natalie von Iwan Bunin hingegen hat mich richtig begeistern können, von ihm will ich unbedingt noch mehr lesen, einfach weil das vom Stil ganz in der Tradition der Realisten war, was einfach genau das ist, was ich gerne lese. Puschkin, Gogol, Turgenjew und Teschechow sind ohnehin Knaller, das ist klar, dass die gut sind und ich nun auf Bücher von allen vier wieder richtig Lust habe.

Vom sprachlichen Stil bekommt der Leser hier solide Kost, stellenweise schöne Sätze und durchgängig angenehm lesbare Erzählungen, die man auch Abends, wenn man müde ist, flüssig und entspannt lesen kann. Die großen Unterschiede habe ich eher in dem Ausdruck der jeweiligen Geschichte empfunden, die auch tatsächlich im Anhang sehr treffend für den jeweiligen Autoren erläutert werden. Insgesamt ist das Buch auch hinsichtlich seiner sprachlichen Ausgestaltung sehr stimmig, was sicherlich auch daran liegt, dass die meisten Erzählungen von Eliasberg übersetzt wurden.

Was die Ausgabe angeht, kann man nun mit Fug und Recht behaupten, dass sie wertig ist, denn das Büchlein hat ja immerhin schon mehr als 60 Jahre auf der Uhr und ist in einem top Zustand. Die Manesse Bibliothek der Weltliteratur ist einfach hochwertig und das merkt man dann immer ganz deutlich, wenn man ein älteres Buch davon zur Hand nimmt. Nur ein Lesebändchen fehlt und der Leineneinband ist nicht so schön strukturiert und geschmeidig, wie bei meinen neueren Ausgaben. Wobei die ganz neuen Manesse Klassiker ja wieder nur einen Pappeinband haben, man muss also die richtige Zeit erwischen.

Fazit: Dieser kleine Zufallsfund hat sich für mich als eine richtig schöne und lesenswerte Lektüre erwiesen, die ich geradezu verschlungen habe. Die Russischen Liebesgeschichten sind sehr unterhaltsam, wenig vorhersehbar und haben zu jeder Zeit meine Neugierde auf mehr geweckt. Das Buch liest sich sehr angenehm und flüssig. Die hochkarätigen Autoren, aber auch mir bisher unbekannte russische Romanciers, bieten hier eine schöne bunte Mischung an sehr unterschiedliche Geschichten. Das Buch ist aus meiner Sicht ein richtiger Geheimtipp, zumal es beispielsweise bei Booklooker für wenig Euros zu haben ist. Die Kunst ist es immer, solche alten Bücher zu finden und ich hoffe mit dieser Rezension den ein oder anderen ein paar schöne Lesestunden zu bescheren. Auch über 60 Jahren nach seinem Erscheinen kann ich dieses Buch sehr empfehlen.

Buchinformation: Russische Liebesgeschichten • Manesse Verlag • 552 Seiten • ISBN 3717513486

5 Kommentare

  1. Toller Fund! Deshalb mag ich Deinen Leseblog so – weil er ganz unterschiedliche Genres und Ausgaben behandelt und eben auch mal Fundstücke. Sind die Geschichten von unterschiedlichen Autoren?

    1. Liebe Grete,

      vielen Dank für Deinen netten Kommentar! Die Geschichten sind von unterschiedlichen Autoren und keiner der Autoren kommt doppelt vor. Vom 19. bis Anfang des 20. Jahrhundert sind die Erscheinungsdaten der Erzählungen. Also eine gute Gelegenheit die verschiedenen russischen Autoren anzutesten.

      Liebe Grüße
      Tobi

  2. Schön, dass es hier Gleichgesinnte gibt, mit denen man/frau, v.a. Literaturfreundlinnen und Literaturfreunde sich auf Augenhöhe austauschen können.
    „Natürlich, wenn wir die Liebe poetisieren, dann glauben wir immer, dass diejenigen, die wir lieben, Vorzüge besitzen, die sie oft gar nicht haben, nun, und das ist für uns dann die Quelle ständiger Irrtümer und ständigen Leidens.“ (Anton Tschechow, „Ariadna“, Die Dame mit dem Hündchen. Erzählungen, Berlin 1979, S. 91).
    Und bei allem bleibt für mich neben den „Weiße(n) Nächte(n)“ von Fjodor Michailowitsch Dostojewski Tschingis Aitmatows „Djamilja“ in unbedingt geteilter Einschätzung von Louis Aragon „…die schönste Liebesgeschichte der Welt“…
    Und solche Bücher sind es dann auch, die Tschechows o.g., eher desillusionierendes Urteil ein wenig relativieren.
    Ihnen allen in diesem Sinne viele solche relativierende Erfahrungen und ein wunderschönes Jahr 2022, voll von Zuversicht und Liebe!

  3. … und allen, die, wie ich einen ebenso verlässlichen wie liebenswerten Ehepartner haben, mit dem man/frau durch „dick“ und „dünn“ gehen kann: Lassen Sie ihn nicht los und zeigen Sie ihm, was er/sie Ihnen bedeutet. Denn – hier noch ein literarisches – wenn auch nicht russisches Zitat: „Die Erfahrung lehrt uns, dass Liebe nicht darin besteht, dass man einander ansieht, sondern dass man gemeinsam in gleicher Richtung blickt.“ Antoine Saint-Exupéry, Wind, Sand und Sterne, Berlin 1969, S. 218 🙂

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