Der Liebhaber • Marguerite Duras
Dieses Buch habe ich vor langer Zeit, ohne etwas darüber zu wissen, in einem Bücherschrank gefunden. Es war die Ausgabe von der SZ, die mir optisch einfach nicht gefallen hat. Ohne es zu lesen, habe ich es dann wieder weggegeben. Jahre später bin ich erneut über den Titel gestolpert und meine Neugierde war sehr geweckt. Ich habe es mir nun in der deutlich hübscheren Ausgabe von der Büchergilde nochmal geholt und gelesen. Manchmal trifft man falsche Entscheidungen. Hier erfahrt ihr, ob es richtig oder falsch war, das Buch wegzugeben oder es doch zu lesen.
Ein junges weißes Mädchen aus dem kolonialen Indochina der 30er Jahre geht mit einem wohlhabenden jungen Chinesen eine Liebesbeziehung ein. Aus der rückblickenden Perspektive der Erzählerin entsteht ein Bild von Begehren, Macht und Selbstfindung, das zugleich sehr intim und bewusst fragmentarisch bleibt. Mit dem Hintergrund des von Frankreich kolonialisierten Südostasiens bekommt der Leser einen sehr bewegenden Einblick in das Leben und die Vergangenheit der zu dem Zeitpunkt noch sehr jungen Frau.

Mit 132 Seiten ist das Buch sehr kurz und nachdem es seinerzeit sehr erfolgreich war, hatte ich hier eine sehr bewegende Liebesgeschichte erwartet. Und ich wurde nicht enttäuscht: Das Buch fesselt den Leser schnell und nach kurzer Zeit konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Nach und nach erfährt der Leser mehr über das Mädchen, aber auch über ihre Familie, ihre Mutter und ihre beiden Brüder, welche ihr Leben sehr stark und nachhaltig geprägt haben. Die Beziehung zur Mutter ist komplex und auch die Brüder, mit ihren verheerenden Lebenswegen, formten die Persönlichkeit und die emotionale Welt der jungen Protagonistin.

Die Liebesbeziehung ist also nicht stereotyp, sondern stark von der Kolonialgesellschaft beeinflusst, die eine Beziehung zwischen einer weißen Französin und einem Chinesen nahezu unmöglich macht. Aber nicht nur das gibt der Geschichte ihren Reiz. Es sind die Emotionen des jungen namenlosen Mädchens, die sehr intensiv, sehr detailliert beschrieben werden und die authentisch und im Verlauf des Buchs sehr nachvollziehbar werden. Die Protagonistin ist erst fünfzehn Jahre alt und ihr Liebhaber ist mit Mitte zwanzig deutlich älter, wirkt aber dennoch auch jung und unsicher. Sie ist mitten in der Adoleszenz und beim Lesen wird klar, wie sich diese erste Erfahrung, ihre Gefühle, das körperliche Begehren, aber auch zugleich die emotionale Distanz vermengen und so einen sehr fragilen Hintergrund ergeben. Gerade das macht den Reiz des Buches aus. Die Zartheit, die in dieser Intimität und Leidenschaft liegt und dennoch zeichnet sich die Gesellschaft und das Umfeld darin ab und wirkt wie eine Dissonanz. Und zwar nicht nur durch äußere Einflussnahme, sondern auch in den vielschichtigen Emotionen, in dem Miteinander, in jeder Interaktion.

Ursprung und zugleich den Ausdruck dieser Intimität nach und nach zu entdecken, ist sicher eines der großen Stärken des Romans. Was immer wieder sehr rührend ist. Am Ende ist es aber auch eine Charakterstudie. Die immer nur im Kontext der Gesellschaft zu verstehen ist und gerade dass beide Außenseiter sind, einer wegen der wirtschaftlichen Verhältnisse, der andere aufgrund des kulturellen Hintergrunds, zeigt sehr schön, wie dieses gesellschaftliche koloniale System nicht funktioniert. Ebenso wenig wie familiäre Strukturen darin. Das alles in einer kurzen und gefühlvollen Geschichte zu verpacken und zu zeigen, es anhand eines Schicksals zu skizzieren, das ist schon eine große Leistung. Ich habe mich ertappt, wie ich auch nach der Lektüre noch über die Zusammenhänge nachgedacht habe.
Das Buch ist sehr fragmentarisch aufgebaut. Sprachlich liest es sich einfach, ist aber eindringlich und durchgängig melancholisch. Die Sätze haben mir teilweise sehr gut gefallen. Häufig sind darin Aufzählungen zu finden, die sich steigern und stilistisch wunderbar lesen, denn sie unterstreichen einfach hervorragend die Gedanken und Gefühle. Manche Abschnitte sind sehr kurz, manche erstrecken sich über mehrere Seiten. Es ergibt sich aber dennoch ein angenehmer Lesefluss. Sprachlich variiert Duras, wobei das Buch primär aus der Ich-Perspektive erzählt wird, was natürlich eine große Nähe schafft. Manchmal wechselt sie in die dritte Person, was wiederum Distanz schafft und das Gefühl gibt, von außen auf die Szenen zu blicken.
Folgend findet ihr beispielhaft einen Satz, der einfach meisterhaft ist, weil er die Liebesbeziehung in einen Bezug setzt. Zu der Gesellschaft, zu dem kolonisierten instabilen und ungerechten System und zugleich wieder einen Bogen zurück spannt, zu diesen beiden Individuen, die sich nicht lieben und sich dennoch lieben.
Der Krieg erscheint mir wie er: er breitet sich überall aus, dringt überall ein, stiehlt, nimmt gefangen, ist allgegenwärtig, mit allem vermischt, in alles verwickelt, anwesend im Körper, im Denken, im Wachen, im Schlaf, allzeit, der berauschenden Leidenschaft ausgeliefert, das köstliche Territorium des kindlichen Körpers zu besetzen, den Körper der weniger Starken, der besiegten Völker, weil das Böse da ist, vor den Toren, hautnah.
Seite 74
Der Hintergrund von Indochina war für mich neu. Scheinbar hat der Roman sehr viele autobiografische Züge. Die Autorin Marguerite Duras wurde 1914 in Saigon in Vietnam geboren. Sie wuchs also in Französisch-Indochina auf und auch darüber hinaus gibt es sehr viele Parallelen zwischen ihrem eigenen Leben und dem der Protagonistin. Auch sie hatte eine verarmte und überforderte Mutter, einen gewalttätigen größeren Bruder und auch mit 15 Jahren eine Liebesbeziehung mit einem älteren reichen Mann. Das Buch erschien 1984, der Rückblick, weit zurück zu dieser erlebten Liebesbeziehung, erscheint also ebenfalls sehr realistisch.

Meine Ausgabe ist von der Büchergilde und stammt aus dem Jahre 1985. Auf dem Cover sieht man die Protagonistin, wie sie über der Reling lehnt, mit ihrem Hut und dem Kleid, von Duras in dem Roman näher beschrieben und ganz bewusst gewählt. Das Büchlein hat eine Fadenbindung und einen schönen Leineneinband. Von der Buchgestaltung ist es nun nicht völlig außergewöhnlich, zeigt aber, was für eine hervorragende Qualität gut gemachte Bücher haben können. Auch nach all den Jahren sieht es wie neu und sehr hübsch aus.
Fazit: Der Liebhaber ist eine bewegende und zugleich vielschichtige Liebesgeschichte. Der Roman zeigt auf sehr emotionale Weise, wie Gesellschaft und Familie tief in zwischenmenschliche Beziehungen hineinreichen, wie sie diese prägen und beeinflussen. Als Leser fühlt man die vielen Momente mit, nimmt all die kleinen Details wahr, fühlt den Schmerz und auch die Hingabe. Sicherlich liegt das auch daran, dass die Erzählung autobiografisch ist und zu einem sehr großen Teil auf wirklich Geschehenem beruht. Ein kurzer Roman, den ich an einem Tag verschlungen habe und schon nach wenigen Seiten nicht mehr aus der Hand legen konnte.
Buchinformation: Der Liebhaber • Marguerite Duras • Büchergilde Gutenberg • 132 Seiten • ISBN 9783763254613

Vielen Dank nochmal für diese Erinnerung und Analyse. Das Zitat mit dem Liebhaber, der dem Wesen des Krieges ähnelt, hatte ich schon wieder vergessen. Wirklich große, zeitlose Literatur, auch, wenn der Roman voller Lokalkolorit ist (ich hab‘ ihn in Vietnam gelesen)! https://lightning-bug.de/ce-jour-de-la-limousine-noire/