mare ist jetzt eine Genossenschaft
Wer durch diesen Blog stöbert, wird feststellen, dass ich hier zahlreiche Bücher vom mareverlag vorstelle. Ich liebe diese wunderschönen und hochwertigen Klassiker sehr und man findet dieser Tage bei Büchern nur noch selten eine so hohe Qualität. Da ist sich der mareverlag über viele Jahre auch treu geblieben und entsprechend habe ich eine schöne Sammlung bei mir im Regal stehen. Von der Klassiker-Reihe habe ich mir auch kein Buch entgehen lassen. Natürlich verfolge ich sehr aufmerksam, was bei mare so passiert und los ist. Umso überraschter war ich, als ich gelesen habe, dass der Verlag zu einer Genossenschaft werden soll. Was bedeutet das für die Zukunft von mare? Ist es der Anfang vom Ende oder der Beginn einer Erfolgsstory? Lest hier meine Einschätzung.
Der mareverlag wurde Mitte der 90er-Jahre von dem Meeresbiologen Nikolaus Gelpke gegründet. Seit Anfang der 2000er-Jahre veröffentlicht der Verlag neben den Zeitschriften auch Bücher. 2010 ging dann die mare Klassiker-Reihe an den Start und seitdem erscheinen regelmäßig neue wunderschöne Ausgaben. Für mich die hochwertigsten und besten Klassikerausgaben, die im deutschsprachigen Raum zu finden sind. Mit Schuber, Leineneinband, Lesebändchen, immer sehr feinem Papier, sorgfältig gewählter Typographie und abgestimmten Farben, kommen hier bibliophile Vielleser sehr auf ihre Kosten. Auch inhaltlich wird natürlich viel geboten. Neu übersetzte Texte, die oft das erste Mal in deutscher Sprache erscheinen. Manchmal echte Entdeckungen. Manchmal aber auch richtig schöne solide Klassiker. Eine wunderbare breite Palette. Inhaltlich ist in den Büchern immer das Meer und eine ganz wunderbare maritime Stimmung zu finden.

Die zwei Programmvorschauen sind für mich jedes Jahr Pflichtprogramm. Der mareverlag ist immer eher spät mit den Vorschauen dran. Aber ich warte schon jedes Mal auf den neuen Klassiker. (Kleiner Tipp: Wer auf Amazon in der Kategorie Klassiker nach gebundenen deutschen Ausgaben, die demnächst erscheinen sucht, der findet die Klassiker meist schon ein bisschen früher gelistet, bevor die Vorschau erscheint).
Neben den Klassikern hat der mareverlag schon auch andere sehr populäre Bücher im Programm, die man auch auf Instagram oft findet und in der Sparte Gegenwartsliteratur angesiedelt sind. Ich liebe ja auch die schönen Bücher über die Abenteuer an den Polen oder Sachbücher, wie den wunderschönen Atlas der abgelegenen Inseln oder Niemandsland.

Die spannende Frage für mich ist, was die Umwandlung von einem privat geführten Unternehmen zu einer Genossenschaft hin nun für den Verlag bedeutet. Den Buchbereich übernimmt Judith Weber, was sehr dafür spricht, dass alles bei der etablierten und bewährten Strategie bleibt. Judith arbeitet seit 2008 bei dem Verlag, also ist nicht davon auszugehen, dass sich hier etwas groß ändern wird. Was für mich ein gutes Zeichen ist. Nikolaus Gelpke zieht sich auch nicht komplett zurück, sondern wird als normales Mitglied noch mitwirken. Auch die Sparte für die Zeitschrift bleibt mit langjährigen Mitarbeitern in gewohnten Fahrwasser. Also alles ein gutes Zeichen, dass sich nicht so viel verändert und es weiterhin gute und schöne Bücher von mare geben wird.
Die zweite Frage, die ich mir gestellt habe, ist die wirtschaftliche Entwicklung. Und machen wir uns mal nichts vor: Der Buchmarkt befindet sich gerade massiv im Abschwung. Aus rein wirtschaftlicher Sicht würde man sich für den Verlag so richtig straffe Kapitalisten wünschen. So wie sie bei den großen Tech-Konzernen sitzen. Aber als Vielleser will man das ganz sicher nicht, denn da würde die Abrissbirne schwingen und die Klassiker wären vermutlich die ersten Opfer. Ist also die Gesellschaftsform einer Genossenschaft eine gute Strategie? Genossenschaft, das hört sich alleine vom Begriff her schon sehr nach Sozialismus, also wirtschaftliche Zerstörung an. Ein Verlag, der diesen Weg gegangen ist, das ist die Büchergilde Gutenberg. Und die Büchergilde hat mit ihren bibliophilen Büchern eine ähnliche Ausrichtung. Wie hat sich die Büchergilde als Genossenschaft also entwickelt?
Im Jahr 2014 wurde die Büchergilde in eine Genossenschaft umgewandelt. Genauso wie beim mareverlag, kostet ein Anteil 500 Euro. Genug, um einen guten Kapitalstock aufzubauen, aber vom Wert gering genug, so dass auch Privatpersonen sich beteiligen können. Wie hat sich die Büchergilde entwickelt? Schaut man sich den Geschäftsbericht von 2024 an, dann sieht man, dass die Büchergilde Genossenschaft 1965 Mitglieder (also Genossen) hat. Ende 2020 zählte die Büchergilde Genossenschaft rund 1400 Mitglieder. Also ein Wachstum, das sich durchaus sehen lassen kann.
Wirft man einen Blick auf die Zahlen des Büchergilde Gutenberg Verlags, dann hat er mit den üblichen Schwierigkeiten des Buchmarkts zu kämpfen. 2024 gab es einen Verlust von 257.000 Euro, 2023 gab es einen Verlust von knapp 195.000 Euro, 2022 einen Verlust von ca. 98.000 Euro. Der schrumpfende Buchmarkt und zugleich die massive Inflation schlagen hier voll durch. Auch das negative Eigenkapital ist sehr bedenklich. Betrachtet man die Genossenschaft, so ist sie sehr stabilisierend, sie ist das finanzielle Rückgrat und sie erzielte sogar einen kleinen Überschuss. Ohne die Genossenschaft hätte der Verlag vermutlich massive Probleme. Auch die Mitgliederzahlen (Kunden) des Verlags sind seit einigen Jahren stabil bei ca. 60.000 Mitgliedern (also Kunden). Aber auch hier gab es in der Vergangenheit scheinbar einen deutlichen Rückgang. 2021 wurde auf der Webseite noch mit 80.000 Mitgliedern geworben.
Mit einem Blick auf den schrumpfenden Buchmarkt und den weiterhin kritischen Problemen, mit denen die Verlagswelt in einer stagnierenden Wirtschaft zu kämpfen hat, ist die Umwandlung in eine Genossenschaft wohl tatsächlich eine hervorragende Wahl. Es ist nicht davon auszugehen, dass der Zielmarkt des mareverlags weiter wächst. Das durchschnittliche Alter der Leser des mareverlags wird mit 51 Jahren angegeben. Das halte ich für sehr plausibel. Wirft man einen Blick auf die demografische Entwicklung in diesem Land, dann wird die Anzahl der mare-Leser vermutlich schon mittelfristig schrumpfen. Und das Medium Buch hat an sich ja schon sehr zu kämpfen. Ich bin mir sicher, dass die neue Genossenschaft des mareverlags bei der Akquise von Mitgliedern sehr erfolgreich sein wird. Nachdem die Leserschaft wohlhabender ist, kann ich mir gut vorstellen, dass hier mehr Mitglieder gewonnen und mehr Anteile ausgegeben werden, als es bei der Büchergilde der Fall ist. Und mit einem guten Kapitalstock ist ein weiterhin stabiler Verlag gewährleistet. Und da bin ich mir ziemlich sicher, dass es so kommen wird.

Aus meiner Sicht ist der Wandel hin zu einer Genossenschaft ein sehr positives Zeichen und eine sehr kluge Entscheidung. Der Verkauf an eine der großen zentralisierten Verlagsgruppen hätte ziemlich sicher zu einer deutlichen Straffung des Verlagsprogramms geführt. Oder zumindest zu einer starken Einflussnahme und Umgestaltung des Portfolios. Den Verlag als Privatunternehmen weiterzuführen wäre auch riskant gewesen, denn dann hängt es an einer Person bzw. irgendwann an den Erben. (Wer wissen will, wie riskant das ist, dem empfehle ich die Buddenbrooks zu lesen). Eine Genossenschaft sorgt dafür, dass das Geschäft stabil weitergeführt wird. Und man muss Nikolaus Gelpke hoch anrechnen, dass er nicht versucht hat, für sich so viel Kapital wie möglich herauszuholen. Das ist ganz sicher nicht selbstverständlich und zeugt auch von der großen Liebe, die er gegenüber seinem Lebenswerk empfinden muss. Ein Umstand, den man den Büchern auch sofort ansieht.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Interview mit Judith Weber im Deutschlandfunk. Dort verrät sie, dass die Genossenschaft nach einer Woche schon 200 Fördermitglieder gewonnen hat. Der Transfer zur Genossenschaft hat Nikolaus Gelpke schon länger geplant und ich stimme ihr zu, dass es natürlich sehr klug ist, den Wandel aus einem stabilen Betrieb heraus durchzuführen und nicht erst später aus einer prekären Situation heraus. Es scheint aber so, dass Nikolaus Gelpke sich aus dem operativen Geschäft zurückziehen möchte. Sehr spannend finde ich auch die Aussage von Judith, dass man sich guten Journalismus auch „leisten wollen“ muss. Da höre ich schon heraus, dass man in den Verlagen begriffen hat, in was für einem Wandel der Buchmarkt sich aktuell befindet und wie schwer das Geschäft in dem Bereich geworden ist.
Ich blicke für den mareverlag sehr positiv in die Zukunft. Und ich finde diesen Schritt wunderbar, denn er gibt auch Gelegenheit dazu, meinen Lieblingsverlag zu unterstützen und wenn auch nur ganz wenig, so doch zu einem ganz kleinen Teil dieses Projekts zu werden. In dem Sinne freue ich mich auch über weiterhin wunderbare schöne Bücher und einen hoffentlich nie endenden Strom an handverlesenen schmucken Klassikern.
Weiterführende Informationen zur mare Genossenschaft findet ihr hier.

Hallo Tobi,
ich muss gestehen, dass ich mir noch nie näher Gedanken darüber gemacht habe, welchen Einfluss die Rechtsform auf einen Verlag hat. Deine Einordnung fand ich daher sehr spannend und aufschlussreich, gerade auch durch die einbezogenen Werte der Büchergilde.
Ich hoffe, es wird sich für den mare Verlag als gute Entscheidung erweisen. Die Klassiker und ihre hochwertige Gestaltung verdienen ihren dauerhaften Platz auf dem ansonsten so schnelllebigen Buchmarkt.
Viele Grüße
Kathrin
Hallo Tobi,
Genossenschaften sind viel älter als der erwähnte Sozialismus. Ihnen zugrunde liegen ein Solidaritätsprinzip, die Gemeinschaft der GenossInnen und gleichberechtigte Partizipation. Ich bin selbst überzeugte Büchergilde-Genossin und in einer weiteren Genossenschaft aktiv. Diese Form zieht sich durch alle Lebensbereiche und ich finde es großartig, wenn sich Menschen zusammentun und gemeinsam für eine „Sache“ aktiv. Wahrscheinlich wird der mare Verlag nicht der letzte sein, der diese Form für sich wählt. Und du hast völlig recht, es ist eine wunderbare Möglichkeit, das zu fördern, was einem wichtig ist.