Henry James in meiner sehr geschätzten Mare Klassiker Reihe war für mich natürlich eine Pflichtanschaffung und selbstverständlich gibt es hier auf Lesestunden eine Besprechung dazu. Immer wieder habe ich in den letzten Jahren Bücher von Henry James gelesen und jedes Mal konnte er mich sehr schnell für seine Charaktere gewinnen. Vier Erzählungen hat Mirko Bonné zusammengetragen und neu übersetzt. Was den Leser hier erwartet, ob erlesene Geschichten in gewohnter Henry James Qualität oder schnöde Kost, darüber will ich heute berichten.

Von Henry James habe ich schon einige Bücher gelesen und auch immer wieder über ihn gebloggt. 1843 in New York geboren, ist er in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen und war schon in früher Jugend von Literatur und Klassikern begeistert. Er studierte in New York, aber auch in London, Paris, Bologna, Bonn und Genf und lies sich 1875 in England nieder, wo er 1915 britischer Staatsbürger wurde. Ein ganz zentrales Element in allen Büchern, die Henry James geschrieben hat, ist der Vergleich zwischen der neuen Welt, dem aufstrebenden und modernen Amerika und der alten Welt, dem traditionsreichen und behäbigen Europa. Seine Charaktere und Handlungen werden zumeist zwischen diesen beiden Gegensätzen platziert und in seinen Werken betrachtet er, aus dieser sich gegenüberstehenden Weltbildern heraus, einzelne Personen und die Gesellschaft in der sie sich bewegen. Das ist auch in diesen vier Geschichten ganz deutlich der Fall.

Diese Ausgabe ist hervorragend und gut durchdacht arrangiert. Es enthält vier Erzählungen, die chronologisch ihres Erscheinens nach angeordnet sind, aber in der Reihenfolge auch inhaltlich sehr gut passen.

Tragodie eines Irrtums (A Tragedy of Error) erschien 1864 und war Henry James literarisches Debüt. Der Ehemann der Protagonistin Hortense Berniers  kündigt an, nach einem längeren Auslandaufenthalt nach Le Havre zurückzukehren. Sie ist gar nicht begeistert, denn ihre Liaison mit einem Vicomte ist weithin bekannt und sie fürchtet aufzufliegen. Ihr weiteres Vorgehen ist sehr spannend zu verfolgen und diese erste Geschichte hat mich sehr schnell gefesselt. Sie entwickelt sich in einem angenehmen Tempo und ist schön novellenartig pointiert. Vom Stil und der Handlung ist sie aber noch nicht die volle Ladung Henry James.

Die zweite Geschichte, Vier Begegnungen (Four Meetings) erschien 1877 und fand ich vom Aufbau her sehr gelungen. Ein Erzähler berichtet von einer jungen Frau, der er zuerst in Amerika begegnet und die unbedingt Europa bereisen möchte. Jedes Kapitel ist eine von vier Begegnungen, die er mit dieser Frau hatte. Wie er sie dabei aus einer beobachtenden Haltung heraus charakterisiert ist hervorragend umgesetzt. Das hat er einfach drauf, dafür ist er bekannt und das zu lesen ist schon sehr genussvoll. Wobei die wahren Beweggründe der Protagonistin nie richtig aufgedeckt sondern nur angedeutet werden. Das ergibt einen größeren Interpretationsspielraum, der bei verschiedenen Elementen der Geschichte hervorragend passt, an anderen mir aber dann doch zu weit war.

Weiter geht es mit Wie man es sieht (The Point of View), wobei sie aus mehreren Briefen besteht und 1882 erschienen ist. Dabei haben die Briefe unterschiedliche Autoren und Adressaten, wobei der erste Brief Aufschluss über die einzelnen Personen und ihre Beziehung zueinander gibt. Diese Geschichte hat mir am wenigsten gefallen. Henry James führt hier ausführlich aus, wie die einzelnen Charaktere die alte und neue Welt sehen und was sie an Amerika oder Europa und deren Bewohner besonders schätzen oder als besonders störend empfinden. James sublime Sicht auf die Unterschiede und Eigenheiten der Menschen und Kulturen werden hier hervorragend herausgearbeitet, aber es fehlt eine umfassendere Rahmenhandlung, die den Leser wirklich fesselt. So hängt das alles etwas lose in der Luft und liest sich stellenweise eher wie eine kleine Abhandlung, wenn auch aus sehr subjektiver Sicht.

Ein echtes Meisterwerk ist hingegen die letzte Erzählung Pandora die 1884 veröffentlicht wurde. Hier fährt Henry James das komplette Programm auf und alle anderen Geschichten sind sozusagen Wegbereiter für diese letzte Erzählung. Ein junger deutscher Gesandtschaftssekretär reist mit dem Dampfer nach Amerika um dort in Washington das deutsche Kaiserreich zu vertreten. Auf der Überfahrt lernt er die junge Pandora kennen, eine Amerikanerin, die mit ihrer Familie auf Europareise war und wieder heim kehrt. Zwischen dem konservativen, geradlinigen und wenig sublimen deutschen Adeligen und der emanzipierten jungen Frau kommt es zu einem ersten Kontakt, der dann im weiteren Verlauf der Geschichte sehr spannend wird. Stück für Stück charakterisiert James Pandora, aber auch den deutschen Gesandten und für den Leser werden die unterschiedlichen Charaktere, aber auch die kulturellen Einflüsse des demokratischen Amerikas und des monarchischen Europas ganz plastisch vor Augen geführt. James Stil ist dabei immer gleichmäßig, unaufgeregt und hat oft eher erklärenden Charakter. Er schildert die Dialoge, Gedanken, das Aussehen und die Kulissen auf eine ganz entspannte und sachliche Art die trotzdem Spannung aufbaut und den Leser in die Geschichte zieht. Treibende Kraft ist hier die unbekannte Pandora und die Frage, was sie antreibt, was sie vor hat und wie sie agiert. Der ahnungslose und eher tollpatschige Graf ist dem Leser dabei kaum eine Hilfe, denn er stößt immer wieder auf die für ihn undurchsichtigen Eigenheiten der Amerikaner. Schade fand ich es nur, dass die Geschichte so kurz war. Das hätte noch länger so weiter gehen können. Alleine die Dialoge sind einfach ein Knaller.

Wie immer passt es hervorragend, dass dieses Buch im Mare Verlag erschienen ist. Für diese Erzählungen sind Ozeandampfer eine wunderbare Kulisse die sowohl modernen Luxus als auch eine gewisse Nostalgie zum Ausdruck bringen. Die Charaktere befinden sich tatsächlich zwischen den Welten, mit ihren eigenen Eindrücken im Gepäck, aber auch immer mit der Aussicht auf das Ziel. Dieses auf Reisen sein, diese erstmal flüchtigen Bekanntschaften, das gemeinsame Warten ans Ziel zu kommen und die Erwartungen an Amerika oder Europa sind Elemente, die James gekonnt für seine Geschichten einsetzt. Wenn auch das Meer erstmal nicht so im Mittelpunkt steht, wie das bei vielen anderen Büchern aus der Reihe der Fall ist, passt es von der Stimmung sehr gut und ist doch ist der Atlantik immer auf latente Weise präsent. Als Ort für die Handlung oder als trennendes Element zwischen den beiden Welten.

Die Ausgabe selbst ist, wie die anderen Bücher aus der Reihe, unverändert hochwertig. Fadenbindung, auffallend geschmeidiges Papier, ein farblich passendes Lesebändchen und natürlich wieder ein sehr schöner Leineneinband sind wieder mit dabei. Der Ozeandampfer auf dem Einband macht sich dabei sehr gut und mit den Brauntönen, die ein wenig an einen Reisekoffer erinnern und damit etwas Nostalgisches haben, wirkt das Buch edel und schön. Für mich ist ganz klar, dass es zu den anderen ins Regal wandert und dort fortan für immer gehortet wird.

Auch das Nachwort habe ich als angenehm empfunden. Es informiert zu Henry James Leben, interpretiert aber auch die Erzählungen. Alles aber in einem angenehmen Rahmen. Auch die Anmerkungen sind sehr hilfreich, da James sehr viele französische Worte und Redewendungen verwendet.

Fazit: Angefangen von Henry James Debüt bis hin zu einem Meisterwerk aus der Hand eines erfahren Schriftstellers: In dem Buch Vier Begegnungen begegnet dem Leser einer von den großen Autoren in seiner ganzen Bandbreite. Im Zentrum der Erzählungen steht, ganz typisch für Henry James, der Unterschied zwischen dem alten Europa und dem aufstrebenden und modernen Amerika. Gekonnt schildert er verschiedene Charaktere, führt den Leser mit viel erzählerischen Geschick in die Gedankenwelt seiner Figuren ein und schafft es, ihr Wesen und ihre Handlungsweise in ihren kulturellen Kontext einzubetten. Besonders die vierte Erzählung Pandora konnte mich sehr begeistern. Die Ausgabe ist wie immer sehr schmuck und kommt mit allen bibliophilen Extras, die ich mir wünsche. Wer Henry James kennenlernen möchte, für den ist dieses Buch eine Empfehlung, denn die Erzählungen sind ganz typisch für ihn. Genauso für Henry James Fans, die hier wieder voll auf ihre Kosten kommen. Ich glaube alle anderen Leser dürfte sich in der einen oder anderen Kategorie wieder finden.

Buchinformation: Vier Begegnungen • Henry James • mare Verlag • 256 Seiten • ISBN 9783866482715

    3 Kommentare

  1. Mikka 10. April 2018 at 22:08 Antworten

    Hallo,

    eine sehr schöne Ausgabe! Klassiker lese ich immer lieber in der Originalsprache (wenn ich diese beherrsche), aber bei einer so hochwertigen Edition könnte ich schwach werden…

    Ich muss zugeben: von Henry James habe ich bisher nur „What Maisie knew“ und „The Turn of the Screw“ gelesen, aber ich möchte auf jeden Fall noch weitere seiner Werke lesen. Die in „Vier Begegnungen“ enthaltenen Erzählungen klingen nach einer interessanten Auswahl, die einen guten Querschnitt bietet.

    Obwohl ich auf anderen Blogs immer gerne Rezensionen zu Klassikern lese, schreibe ich solche viel zu selten. Ich habe mir schon länger vorgenommen, einige der Klassiker, die hier stehen, noch einmal zu lesen und dann zu besprechen – andererseits fühle ich mich da oft befangen, weil über diese Bücher schon so viel gesagt und geschrieben wurde.

    LG,
    Mikka

    • Tobi 11. April 2018 at 20:21 Antworten

      Lieber Mikka,

      mit „Vier Begegnungen“ machst du da gar nichts falsch. Das ist ein schöner Mix in einer sehr schmucken Ausgabe. Von Henry James werde ich auch noch mehr Bücher lesen. Er hat einfach einen schönen und unaufgeregten Stil. „Washington Square“ kann ich dir noch sehr empfehlen, das hat mir auch sehr gut gefallen.

      Lass dich nicht davon abhalten auch Klassiker zu rezensieren. Es geht ja nicht darum einen neuen oder inhaltlich komplett vollständigen Beitrag zu schreiben, sondern einfach nur die eigenen Gedanken zu einem Buch zu teilen. Und auch Leselust auf Klassiker zu wecken. Das sieht doch jeder ein wenig anders und das ist auch immer das Interessante.

      Liebe Grüße
      Tobi

  2. Pingback: Daisy Miller von Henry James 7. Dezember 2018 at 16:07

    […] gar nicht langer Zeit habe ich bereits Vier Begegnungen von Henry James vorgestellt. Die Erzählung Pandora darin hat mir besonders gut gefallen, denn […]

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