Mali, der Schlangenbändiger • Louis Rousselet

Vor zwei Wochen habe ich von Jules Verne Reise zum Mittelpunkt der Erde gelesen, ein Buch, das schon längere Zeit harrte, um von mir zur Hand genommen zu werden. Das war dann wieder ein so schöner und unterhaltsamer Lesestoff, dass ich mich sofort auf die Suche nach alten Abenteuerromanen gemacht habe. Die sind einfach gut, da lohnt sich einfach jede Lektüre. Eigentlich neige ich ja immer zu neuen und schmucken Ausgaben, aber bei den Abenteuerklassikern sind gerade die ganz alten Bücher einfach wunderbar, denn sie verströmen eine Einfachheit, eine Nostalgie und den Charme einer Zeit, in der diese Bücher noch die Welt bedeuten konnten. Gut ich übertreibe, aber stimmungsvoll ist es dennoch so ein Buch zur Hand zu nehmen. Auf Mali, der Schlangenbändiger bin ich schon letztes Jahr gestoßen, denn ich stöbere ja immer nach schönen Büchern und das ist mit seiner Buchgestaltung ja sofort ein Hingucker. Allerdings gab es damals das Buch leider nicht zu einem Preis, der dem Zustand auch gerecht wurde und so habe ich es wieder verworfen. Nun, im Zuge meines Jules-Verne-Kaufrausches bin ich aber wieder darüber gestolpert und habe eine noch sehr gut erhaltene Ausgabe für einen echt guten Preis bekommen. Die Lektüre und besonders die wunderschöne Aufmachung des Buches war nun so ein Vergnügen, dass ich einfach darüber schreiben muss. Das Buch ist für mich der absolute Favorit des Jahres und ich will es nicht versäumen, diesen bibliophilen Geheimtipp mit euch zu teilen.

Hintergrund der Geschichte ist das von den Engländern kolonialisierte Indien. Robert und Bertha sind die jugendlichen Kinder eines wohlhabenden Besitzers einer kleinen Indigofaktorei. Es kommt zu einem Aufstand, der von den ehemaligen Machthabern Indiens ausgeht und ein ehemaliger Prinz, der seit vielen Jahren auf Rache sinnt, beginnt eine Revolution gegen die britische Herrschaft. Und der Aufstand beginnt natürlich ausgerechnet in der Faktorei von Roberts Vater, wobei er mit ansehen muss, wie derselbe niedergestreckt und seine Schwester Bertha entführt wird. Wie durch ein Wunder überlebt er und schwört, seine Schwester zu befreien. Es beginnt ein Abenteuer, das ihn quer durch Indien führt und bei dem er zahlreichen Gefahren trotzen muss.

Was mich an dem Buch so begeistert, ist das Gesamtpaket. Es strahlt einfach mit jeder Faser das Indien der Kolonialzeit aus. Das Buch ist mit zahlreichen Illustrationen versehen, die von Adriene Marie gezeichnet wurden und dieses klischeehafte Bild nochmal unterstreichen. Der wunderschöne braune Einband mit der großen Illustration des Prinzen auf seinem großen Elefanten, der schön schwungvollen Schrift auf dem Buchrücken mit dem angedeuteten Mali, das vergilbte Papier und die alte Frakturschrift, all das wirkt sehr stimmungsvoll. Und dann ist auch all das in der Geschichte wieder zu finden. Der Leser durchquert zusammen mit den Protagonisten den indischen Dschungel, stößt auf verlassene und überwachsene Tempel, in denen sich wilde Affen herumtreiben, betritt einen schönen indischen Palast und nimmt darin an traditionellen Festlichkeiten teil, begleitet Robert in die Tempel der Hindus und findet sich an all den Orten wieder, die ganz typisch für das Bild sind, das man vom Indien dieser Zeit so hat.

Die Sprache von Rousselet, bzw. die Übersetzung von L. Mannheim, ist schön altmodisch und wirkt an vielen Stellen altbacken. Dabei schweift er nie ab und beschreibt Fauna, Flora und all die Orte mit wenigen Sätzen, erschafft dabei aber trotzdem ein detailreiches und stimmungsvolles Bild. Ich habe mich an keiner Stelle des Buches gelangweilt und Rousselet hält ein paar Wendungen bereit, die für ein durchgängig unterhaltsames Buch sorgen. Na was soll ich sagen, das ist eben ein Buch von einem französischen Autoren des 19. Jahrhunderts, die hatten es damals einfach drauf. Die Geschichte ist eine runde Sache und sehr stimmig, da passt eigentlich alles.

Louis Rousselet wurde 1845 in Frankreich geboren und lebte bis 1929. Er war nicht nur Schriftsteller, sondern reiste auch sehr viel, war Geograf und auch Fotograf. Er bereiste 1864 Indien und wollte für nur wenige Monate bleiben, woraus dann aber vier Jahre wurden. Besonders bekannt war er für seine zahlreichen Fotos, die er auf seiner Reise durch Indien aufgenommen hat. Über 600 Fotografien hat er schließlich mitgebracht und veröffentlicht. Diese Fotos dienten dann auch für viele Radierungen als Vorlage. Man kann also davon ausgehen, dass auch die Illustrationen in diesem Buch auf seinen Fotos basierten. Mali, der Schlangenbändiger war wohl sein einziger Abenteuerroman. Er hat allerdings ein Buch über seine Reise durch Indien geschrieben, das ein ziemlich großer Erfolg wurde.

Mali, der Schlangenbändiger erschien 1884, wobei ich die zweite Ausgabe erstanden habe, die etwa vier Jahre später erschien. Das Buch ist einfach wunderschön und ein Prachtexemplar, wie man es sich nur wünschen kann. Der Einband fühlt sich wertig an und ist mit der Illustration, der passenden goldenen Schrift, dem braunen Farbton und mit seinen vielen Details sehr schön anzusehen. Wenn man es in die Hand nimmt, dann strahlt es in seiner Gesamtheit eine ganz besondere Stimmung aus. In dem Buch sind 16 großformatige Bilder und über 50 Illustrationen. Jedes Kapitel wird mit einer Illustration eingeführt und mit einer kleinen Vignette abgeschlossen. Die Bindung besteht aus langen Heftklammern, die aber noch gut halten und so liest sich das knapp 150 Jahre alte Buch sehr angenehm. Insgesamt wird da schon eine Menge geboten, da kann man echt nichts sagen. Das ist schon für die Ewigkeit gemacht, so eine super Qualität findet man dieser Tage nicht mehr oft.

Fazit: Dieser alte Abenteuerroman, der im Indien der Kolonialzeit spielt, ist einfach wunderbar. Mit der hochwertigen und bibliophilen Ausstattung, der atmosphärisch dichten Geschichte, den zahlreichen Illustrationen und der spannenden Story, hat mich das Buch richtig gut unterhalten. Hier passt einfach alles, das ist ein Abenteuerklassiker, den ich nur jedem empfehlen kann. Wer eine gut erhaltene Ausgabe dieses gelungenen Buches ergattern möchte, muss allerdings ein wenig Geduld mitbringen, denn so groß ist das Angebot leider nicht. So ein prächtiges Buch sollte eigentlich genau so, wie das Original aus dem 19. Jahrhundert, neu aufgelegt werden. Ein wunderschönes Buch, das zu den prächtigsten in meinem Regal gehört und dasselbige nie wieder verlassen wird.

Buchinformation: Mali, der Schlangenbändiger • Louis Rousselet • Ferdinand Hirt & Sohn • 215 Seiten • 2. Auflage ca. 1888

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