Auf dieses Buch bin ich mehrmals gestoßen. Erst hat mich der Klappentext nicht so ganz überzeugt. Was mich dann aber doch zum Kauf bewogen hat, ist die Reihe der Hanser Klassiker, die mich doch von der Qualität bisher sehr begeistern konnte. Zudem wollte ich nach einigen russischen und französischen Autoren wieder einmal etwas aus einer anderen Richtung lesen. Und das Wort Ehebruch in einen Klappentext zu einem Klassiker zieht bei mir auch immer irgendwie (genauso wie Kurtisane und Dandy).

Im Zentrum des Buches steht Hester Prynne, eine Frau, die aufgrund eines Ehebruchs in Ungnade gefallen ist und als Zeichen ihrer Schande stets einen scharlachroten Buchstaben auf der Brust tragen muss. Hintergrund ist eine puritanische Kolonie Neuenglands, die sich Mitte des 17. Jahrhunderts an der Ostküste Nordamerikas, in der neu gegründeten Siedlung Boston niedergelassen hat. Die streng gläubigen Puritaner führten nach protestantischen Vorbild ein sehr asketisches und gottesfürchtiges Leben, geprägt von der Angst vor dem Teufel, von Hexenverfolgungen und rauen Strafen aufgrund kleiner und großer Sünden. Zentrale Themen sind also Moral, die Wirkung einer streng religiös geprägten Gesellschaft, Ausgrenzung von Gemeindemitglieder, die dem Teufel und der Schande anheim gefallen sind und die inneren Konflikte, die daraus entstehen.

Der Leser bekommt hier einen sehr interessanten und detaillierten Blick auf die Sitten und Bräuche dieser Zeit. Hawthorne öffnet ein Fenster in eine ganz andere, fremd erscheinende Zeit und ausgehend von der Mitte des 19. Jahrhunderts skizziert er Gesellschaftsstrukturen, die fast zweihundert Jahre vor der Veröffentlichung seines Buches liegen. Ein sehr spannender Faktor ist dabei die Vorstellung von einem ganz ursprünglichen Nordamerika, von einer Kolonie, die dieser Tage eine riesige Stadt ist und man kann sich schwer vorstellen, dass Amerika damals fast völlige Wildnis und nahezu unbesiedelt war. Die strengen und gottesfürchtigen Menschen, die starren und wenig veränderlichen Strukturen, die obrigkeitshörigen, frommen und dem Genuss und Vergnügen abgewandten Einwohner bieten ein völlig verändertes Umfeld für den feinen psychologischen Blick auf das Seelenleben der Protagonisten. Und genau das macht Hawthorne in diesem Buch: Er stellt mehrere Personen dar, beschreibt sie in ihrem Leben und ihren Taten. Dabei offenbart er dem Leser ein sehr detailliertes Bild von den Gefühlen, den Gewissenskämpfen, den Zweifeln, den religiösen Bestrebungen und den Konflikt zwischen der strengen religiösen Moral und der emotionalen Wirklichkeit der menschlichen Psyche, zwischen der Natur und der Gesellschaft.

Der Stil des Buches ist von langen und geschachtelten Sätzen geprägt, die durch ihre unnötige Längen keinen Vorteil gewinnen und die Lesbarkeit dämpfen. Wett gemacht wird das durch eine beständige Spannung, die durch eine recht klare Konstellation der Figuren und einem deutlich sichtbaren Antagonisten hervorgerufen wird. Dabei ist das Buch manchmal sehr langsam, geht stark ins Detail, gerade wenn es darum geht die Gedanken, die Emotionen, die inneren Konflikte der Figuren und insbesondere deren Entwicklung zu beschreiben. Diese Stellen haben mir sehr gut gefallen, sie werden auch nicht langweilig, weil Hawthornes Beschreibungen mit einer wirklich lesenswerten Feinheit in die Gedankenwelt der Protagonisten blickt. Gleichzeitig verliert er sich aber auch in zu deutliche, ein wenig stereotypisch anmutende Muster, die zum Teil dann sehr symbolhaft wirken. Ich konnte ihm an einigen Stellen die Entscheidungen und Schlussfolgerungen, die beispielsweise Hester für sich trifft, nicht ganz abnehmen, selbst wenn man die starke religiöse Indoktrination und gesellschaftlich aufgezwungene und gelebte Moral als Grundlage annimmt. Und auch das Wesen und der Charakter von Pearl ist doch etwas überzogen und übertrieben einer Rolle zugeschrieben. Gerade diese Symbolik hat ihn auch Kritik von seinem Kollegen und Zeitgenossen Henry James eingebracht, die für mich definitiv nachvollziehbar ist.

An anderer Stelle hingegen, macht er deutliche Zeitsprünge, welche die Geschichte dann voran bringen, aber auch ein wenig eine Distanz zu Hester herstellt. An nur wenigen Stellen habe ich so richtig mit ihr mit gefühlt. Vielmehr ist sie ein Gegenstand von Hawthornes Beobachtung, was wohl auch sicher seine Absicht war. Auf diese Weise arbeitet er die puritanische Lebenseinstellung nachvollziehbar und irgendwie auch fühlbar heraus. Schon nach dem ersten Drittel spürt man die schädliche Wirkung jeglicher Form gesellschaftlich etablierten und auferlegten Theismus und man ist für die Säkularisierung unserer Gesellschaft plötzlich sehr dankbar.

Der scharlachrote Buchstabe von Nathaniel Hawthorne

Hawthorne ist mir als Name ein paar Mal schon untergekommen. Zuletzt im Nachwort zu Herman Melvilles Moby Dick, wo Hawthornes inspirierende Wirkung auf Melville und die Freundschaft zwischen den beiden Autoren betont wurde. Bei Der scharlachrote Buchstabe handelt es sich um den ersten Roman, den Hawthorne nach einigen, wenig ertragreichen Erzählungen im Jahr 1850 veröffentlicht hat. Hawthorne ist in Salem geboren und aufgewachsen und kennt natürlich die Historie seiner Heimatstadt, der Hexenverfolgungen und auch der schändlichen Taten eines seiner Vorfahren.

Interessant ist dabei eine einleitende kurze Einführung mit dem Titel „Das Zollhaus“. Darin geht es in rund 60 Seiten um eine autobiographisch geprägte Beschreibung von Hawthornes Zeit, als er im Zollhaus von Salem als Zollbeamter gearbeitet hat. Dort beschreibt er, wie er auf Unterlagen stößt, die ihn stark zu diesen Roman inspiriert haben. Er versucht so, dem Roman so etwas Authentisches zu geben, was nahezu gar nicht gelingt, da er selbst erklärt, dass er sehr viel dazu erdichtet hat und nicht zwischen Fiktion und Realem abgrenzt. Im Nachwort werden hier Bezüge zwischen Hawthornes eigenen Erfahrungen, die in dieser Einleitung erzählt werden und des eigentlichen Romans hergestellt. Ich halte das eher für aus der Luft gegriffen und doch arg konstruiert und habe die Einleitung „Das Zollhaus“ als sehr langweilig empfunden.

Diese Ausgabe vom Hanser Verlag ist wie gewohnt sehr gelungen und wieder mit einem üppigen Anhang versehen. Das Nachwort hat mir nicht so gut gefallen, da wurde mir einfach zu viel spekuliert und hier werden Zusammenhänge erklärt, die mir nicht deutlich genug sind. Eine Zeittafel und sehr informative Anmerkungen sind, wie bei den anderen Ausgaben auch wieder dabei. Zudem sind drei Texte von Hawthorne beigefügt, die sich ebenfalls mit der ersten Siedlerzeit Nordamerikas durch die Engländer und deren Kultur beschäftigt und einige Themen des Buches berühren. Diese habe ich auch als sehr langweilig empfunden, denn viele Szenen und Begebenheiten davon ist bereits in diesem Roman enthalten, nur dort eben in einer Geschichte verpackt und somit mit Emotionen gefärbt, die einfach ganz anders wirken, als es bei einem Essay der Fall ist, das nur bestimmte Begebenheiten schildert. Interessant hingegen sind Brief- und Tagebuchauszüge, die einen Einblick in das kreative Schaffen Hawthornes geben und zeigen, dass ihn viele Teilaspekte der Geschichte bereits zu einem früheren Zeitpunkt beschäftigt haben. Nicht zu vergessen sind die schön skizzierten Karten von Salem und Boston, die im Vorsatz und Nachsatz zu finden sind und das Buch nochmal optisch aufwerten.

Der scharlachrote Buchstabe von Nathaniel Hawthorne

Fazit: Der Einblick in eine durch strenge religiöse geprägte Gesellschaft der frühen Siedlerzeit in Neuengland, aber auch der moralische Konflikt und das psychologisch fein ausgestaltete Portrait der Menschen dieser Zeit machen das Buch zu einer lesenswerten Lektüre. Dabei entsteht auch eine deutliche Spannung, denn Hawthorne hat nicht darauf verzichtet den Roman mit Elementen zu versehen, die den Leser fesseln und trotz detailreicher Beschreibung der Emotionen und inneren Konflikte eine unterhaltsame Geschichte entstehen lassen. Die Sätze erschienen mir hingegen oft als unnötig komplex und auch die Entscheidungen der Figuren haben auf mich, selbst unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Strukturen der Puritaner, nicht immer eine nachvollziehbare Wirkung gehabt. Auch das längere einleitende, autobiographische Kapitel, das der eigentlichen Geschichte vorangestellt ist, konnte auf mich keinen Eindruck machen. Dennoch ist das Buch eine empfehlenswerte Lektüre, die den Wert einer säkularen Gesellschaft und die Verdienste der Aufklärung dem Leser deutlich vor Augen führen.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Der scharlachrote Buchstabe von Nathaniel Hawthorne Titel: Der scharlachrote Buchstabe
Autor: Nathaniel Hawthorne
Verlag: Hanser Verlag
Übersetzung: Jürgen Brôcan
Erschienen: 24. Februar 2014
Erstveröffentlichung: 1850
Seiten: 480 Seiten

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verfasst von Tobi

    10 Kommentare

  1. Kathrin 2. Juli 2016 at 11:20 Antworten

    Und wieder stellst du eines der Bücher vor, die schon ewig auf meiner To-Read-Liste stehen… Mir ist „Der scharchlachrote Buchstabe“ häufig in US-Serien und -Filmen begegnet, wodurch ich vor einigen Jahren neugierig auf die Geschichte wurde. Ich hatte sogar schon zweimal begonnen, die englischsprachige Ausgabe zu lesen, aber jedes Mal aufgegeben, weil mir die Sprache zu langatmig und sperrig war – und weil ich „Das Zollhaus“ (genau wie du) als langweilig empfunden habe. Trotzdem reizt mich die Geschichte sehr – vielleicht sollte ich es ebenfalls mit der deutschen Übersetzung probieren. Die Ausgabe des Hanser Verlages sieht optisch auf jeden Fall einladend aus und führt mich gerade in Versuchung.

    • Tobi 2. Juli 2016 at 22:43 Antworten

      Liebe Kathrin,

      dass die Sätze in einer Fremdsprache noch sperriger wirken wundert mich nicht. Die Übersetzung von Brôcan lässt sich aber trotz der langen Sätze gut lesen und durch die beständige Spannung auch erstaunlich schnell. Der gesellschaftliche Rahmen der Geschichte ist aber wirklich sehr interessant, ich kann es dir nur empfehlen, dem Buch noch eine Chance zu geben. Und bei den Hanser Klassiker liegt man ohnehin nie verkehrt.

      Liebe Grüße
      Tobi

      • Kathrin 3. Juli 2016 at 10:06 Antworten

        Ja, ich dachte ursprünglich, dass es wohl besser wäre, diesen Roman im Original zu lesen, allein schon weil die Bedeutung des Buchstaben „A“ im Deutschen ohne Vorkenntnisse oder Erläuterung nicht nachvollziehbar ist, während es im Englischen eigentlich selbsterklärend ist. Aber wie schon gesagt, musste ich feststellen, dass das Lesen des Romans auf Englisch alles andere als leicht ist. Daher bin ich froh, dass die deutsche Übersetzung wohl gut gelungen ist. Daher wird „Der scharlachrote Buchstabe“ auf jeden Fall noch gelesen. Danke für deine Einblicke und dass du in mir noch einmal neue Motivation zur Lektüre geweckt hast 🙂

  2. karin 2. Juli 2016 at 17:49 Antworten

    Huhu,

    ich habe mir vor vielen Jahren mal den Mehrteiler dazu angeschaut im TV und ich war hellauf begeistert. Eine tolle Geschichte und es zeigt, wie die Gesellschaft mit Frauen umgegangen ist gerade in einer Zeit, wo man jede Frau eigentlich gebraucht hat. Gerade bei einer Neubesiedelung, aber gerne hat man seine alten Vorstellung mit ins Neue-Land mitgenommen.

    Schade oder?

    LG..Karin…

    • Tobi 2. Juli 2016 at 22:47 Antworten

      Liebe Karin,

      das muss damals schon sehr übel gewesen sein, wie die Leute miteinander umgegangen sind. Von der Besiedlung der neuen Welt hatte ich mir auch etwas anderes erwartet. Wenn dich das Thema interessiert, dann kann ich dir das Buch sehr empfehlen, denn die Stimmung und die Art und Weise, wie die Gesellschaft zu dieser Zeit getickt hat, bekommt man als Leser schon sehr gut mit.

      Liebe Grüße
      Tobi

  3. Petra Gust-Kazakos 3. Juli 2016 at 14:35 Antworten

    Sehr schöne Besprechung, lieber Tobi. Ich kenne ja nur eine ganz lustige Filmkomödie, die auf den Roman anspielt, Easy A. Leichter Spaß für zwischendurch ; )
    Liebe Grüße
    Petra

  4. karin 3. Juli 2016 at 19:05 Antworten

    Hallo lieber Tobi,

    komischer- oder interessanterweise…Auswanderer hatten oft ihre Probleme in der Heimat und statt es in neuen Landen besser zumachen. Hat man meistens gerne die Verhaltensmuster 1:1 übernommen. Man muss ja den Ureinwohnern zeigen das man besser ist als sie! Traurige Wahrheit.
    Siehe …auch das Piano…bei solchen menschlichen Dramen schaue ich mir gerne, die entsprechenden Filme an…nur bei Roots habe ich eine Ausnahme gemacht und mir fast zeitgleich das Buch gekauft.

    Aber danke für den Hinweis

    LG..Karin…

  5. Mikka Liest 23. Juli 2016 at 10:29 Antworten

    Huhu ,

    eine sehr schöne und ausführliche Rezension! Das Buch steht auch noch auf meiner Klassiker-Leseliste. Ich habe vor Kurzem beschlossen zu versuchen, mindestens einen Klassiker im Monat zu lesen und zu rezensieren (bisher waren das erst „Mrs Dalloway“ und „Der Report der Magd“), und dabei eben vor allem Klassiker, die nicht schon im Deutsch-Leistungskurs oder in der Buchhandelsschule auf der Leseliste standen.

    LG,
    Mikka

    • Tobi 23. Juli 2016 at 23:06 Antworten

      Lieber Mikka,

      die Vorbelastung durch den Deutschunterricht ist bestimmt bei einigen ein Grund, Klassiker links liegen zu lassen. Was schade ist, denn man muss sie ja nicht bis ins Detail analysieren und zerpflücken, sondern kann sie einfach zum Genuss und zur Unterhaltung lesen. Auf lesestunden.de findest du einige sehr gute davon, also klick dich einfach durch.

      Liebe Grüße
      Tobi

  6. Tinka 22. September 2016 at 12:51 Antworten

    huhu,

    toll geschrieben & sehr informativ. Ich finde die Art, wie Hawthorne schreibt und das Konzept seiner Bücher einfach toll! Für mich ist das gr. Kunst und feine Literatur, die sich vom Rest abhebt. Seine verschachtelten Sätze mag ich und auch wie er Sachen bis ins Detail beschreibt! Außerdem sind seine Bücher so atmosphärisch – genau mein Ding! Bis jetzt hab ich nur „Das Haus mit den sieben Giebeln“ von ihm gelesen und mich gleich in das Buch verliebt, also muss ich unbedingt dieses Buch auch noch von ihm lesen! Ich finde es toll, dass du hier sein Buch rezensierst 😉 Glg

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