Eine von mir heiß ersehnte Neuerscheinung dieses Jahr war Drei Geschichten von Gustave Flaubert. Sein Meisterwerk Madame Bovary ist mir noch sehr positiv in Erinnerung. Darüber hinaus liebe ich die Reihe der Hanser Klassiker, die mit ihren hochwertigen Neuübersetzungen, dem umfangreichen ergänzenden Material und der bibliophilen Verarbeitung einfach immer perfekt sind. Wer also meine Rezensionen durchstöbert, der wird dort zahlreiche Beiträge zu diesen Klassikern finden. Ob Drei Geschichten wie die anderen Bücher ebenfalls eine klare Kaufempfehlung ist, erfahrt ihr in dieser Rezension.

Beim Titel Drei Geschichten dachte ich zuerst, der Hanser Verlag hat hier selbst einen kleinen Band zusammengestellt, um nochmal ordentlich mit den großen Namen zu punkten. Elisabeth Edl ist eine vielfach ausgezeichnete Übersetzerin, die mit der hoch gelobten Neuausgabe von Madame Bovary sicherlich vielen in Erinnerung geblieben ist. Und Gustave Flaubert, ich glaube zu ihm muss man nicht mehr viel sagen. Allerdings ist Drei Geschichten tatsächlich ein Buch, das in dieser Form von Flaubert selbst zusammengestellt wurde. Darin sind drei Kurzgeschichten enthalten, die er 1877, mit Geldsorgen belastet, veröffentlicht hat. Aufgrund politischer Unruhen kam durch wirtschaftliche Turbulenzen das Verlagswesen in starke Bedrängnis und so hat sich das Buch nicht ganz so ausgezahlt wie gewünscht. Betrachtet man aber die Entstehung dieser drei Geschichten, so stellt man schnell fest, dass Flaubert mit seiner üblichen Sorgfalt und Hingabe an diesen Texten gearbeitet hat. Es sollte das letzte Buch sein, das er selbst zum Abschluss bringt und veröffentlicht (Bouvard und Pécuchet wurde posthum unvollendet veröffentlicht).

Die erste Geschichte heißt Ein schlichtes Herz und handelt von der einfachen Dienstmagd Félicité und umreißt auf nicht einmal 50 Seiten ihr gesamtes Leben. Das macht Flaubert mit seinem ganz typischen und gekonnten, ganz klar und treffend formulierten Stil, den man auch aus Madame Bovary kennt. Über die verschiedenen Stationen ihres Lebens, das sie primär im Dienste von Madame Aubain und deren Kinder verlebt, charakterisiert er eine einfache Frau mit schlichtem Gemüt. Er porträtiert ihr Wesen, ihre Art zu Denken und erschafft eine Figur, die völlig realistisch und plausibel erscheint. Eingebettet in den ländlichen Rahmen der Normandie bekommt der Leser Einblick in die Sitten dieses Umfeldes und auch vom gesamten Setting der Provinz her erinnert diese Geschichte an Madame Bovary.

Ich bin von dieser ersten Geschichte sehr begeistert und habe hier wieder ein Meisterwerk vorgefunden, das mich beim Lesen völlig eingesaugt hat und das einfach vollendet gelungen ist. Wer Flaubert kennenlernen möchte, dem kann man diese Geschichte nur empfehlen, denn sie enthält alles, was Flaubert ausmacht. Und wer seine Bücher bereits kennt, für den ist Ein schlichtes Herz ebenfalls eine klare Empfehlung, denn hier kommt man noch einmal voll auf seine Kosten.

Flauberts Ziel war es die perfekte „äußere Schönheit“, die einzig richtige und mögliche Formulierung zu finden. Das Buch enthält einige seiner Briefe und wenn man diese liest, dann wird schnell deutlich, wie stark er mit seinen Texten gerungen hat und wie hoch sein Ehrgeiz in diesem Punkt war. Da saß er dann schon einige Tage an einer Seite, bis die Formulierung genau so war, wie er sich das wünschte und hat unermüdlich gearbeitet. Das merkt man den Texten natürlich an, denn er beschreibt die Situationen, die Landschaft, die Gedanken mit einer solchen Präzision, mit so wenigen und treffenden Worten, dass ich dann oft einen Abschnitt noch einmal gelesen habe, um dann festzustellen, mit wie wenig Worten er auskommt, um dem Leser eine atmosphärisch dichte Situation zu vermitteln.

Wie schon bei Madame Bovary habe ich mich auch hier unweigerlich an Johann Sebastian Bachs Fugen erinnert gefühlt. Wenn man den Text konzentriert aber in normalen Tempo liest, so evozieren die Zeilen ein recht klares Bild von der Situation, den Kulissen und auf eine abstrahierende Ebene das Gefühlsleben der Menschen. Das ist ungefähr so, wie wenn man sich eine Fuge als Ganzes anhört und seiner Gesamtheit lauscht. Betrachtet man aber die einzelnen Sätze genauer, die Formulierungen und wie er die Worte gewählt hat, so verliert man unweigerlich das Ganze aus den Augen. Man kann sich irgendwie nicht auf Beides, die gesamten Melodie, oder den einzelnen Stimmen konzentrieren und so unterliegt man immer dem Eindruck dieses Stils.

Im Garten gibt es eine Terrasse, von der aus man die Seine erblickt. Hier ging Virginie an ihrem Arm spazieren, auf herabgefallenen Weinblättern. Manchmal zwang die hervorbrechende Sonne sie, mit den Augen zu blinzeln, während sie die Segel in der Ferne und den ganzen Horizont betrachtete, zwischen dem Schloss von Tancarville und den Leuchttürmen von Le Havre. Danach ruhte man in der Laube.“ (S. 37)

Die zweite Geschichte Die Legende vom heiligen Julian dem Gastfreien spielt im Mittelalter und ist so etwas wie eine Heldensage. Darin geht es um das Leben von Julian, der mit Vergnügen Tiere zur Strecke bringt und dann Opfer einer sich rächenden Prophezeiung wird, die er abzuwenden versucht. Die Geschichte ist irgendwie ein seltsamer Mix auf Märchen, Sage und Erzählung. Flaubert arbeitet mit vielen Bildern und Symbolen und ich fand die Story eigentlich recht interessant. Für mich kam dabei aber nicht so wirklich etwas heraus und dem Nachwort nach liegt auch kein tiefer gehender Sinn in dem Plot, was ich dann angesichts des Aufbaus wieder irgendwie seltsam fand. In einem Brief schreibt er, dass diese Geschichte nur eine Art Fingerübung ist und er sie „einzig und allein um mich mit irgendetwas zu beschäftigen, um zu sehen, ob ich noch einen Satz hinkriege“ (S. 231) verfasst hat. Inspiriert zu der Geschichte wurde er durch eine Abbildung auf einem Kirchenfenster in der Kathedrale zu Rouen, wobei er nicht streng einer Vorlage gefolgt ist. In Summe konnte mich diese Geschichte wenig begeistern und fesseln.

Auch die Inspirationsquelle zur dritten Geschichte Herodias waren Abbildungen auf dem Hauptportal der Kathedrale zu Rouen. Hintergrund ist die Antike und es geht darin um Herodes Antipas und seine Frau Herodias und der biblischen Geschichte von der Enthauptung von Johannes des Täufers. Flaubert hatte zu diesen historischen Themen bereits beim Verfassen seines Buches Salambo reichlich recherchiert und kannte sich hier sehr gut aus. Zudem hatte Flaubert zwischen 1949 und 1950 eine große Orientreise unternommen und konnte sich so von Palästina, Syrien, den Libanon, Jerusalem und Bethlehem selbst ein Bild machen, was man in den Beschreibungen dieser Geschichte auch deutlich merkt. Mich konnte diese dritte Geschichte überhaupt nicht überzeugen und sowohl der Hintergrund, als auch vom Lesevergnügen her, konnte ich damit nichts anfangen. Flaubert verwendet zahlreiche historische und biblische Figuren, die man einfach kennen muss. Im Anhang ist zwar alles hervorragend verzeichnet und erklärt, so dass man dem Inhalt durchaus folgen kann, das macht die Lektüre allerdings entsprechend anstrengend, langsam und wenig genussvoll.

Die Ausgabe selbst, ist so hervorragend, wie alle in der Hanser Klassiker Reihe. Die eigentlichen Geschichten umfassen 159 Seiten. Dann folgen 52 Seiten mit einer Auswahl von Flauberts Briefen, die er in der Zeit, als er diese drei Geschichten verfasst hat, mit seiner Nichte, George Sand und anderen, ihm nahe stehenden Menschen ausgetauscht hat. Die habe ich als sehr interessant empfunden, weil sie tatsächlich einen Einblick in den Schaffensprozess geben. Im Nachwort wird dann ebenfalls sehr gut auf den Entstehungsprozess, aber auch auf Flaubert selbst eingegangen. In Summe ist das definitiv sehr lesenswert. Ebenso wie die Anmerkungen, die auch immer wieder einen Bezug zu Madame Bovary und Flauberts Leben herstellen. Zusammen mit der bibliophilen Ausstattung ist das Buch wieder hervorragend gelungen.

Fazit: Mich konnte die erste der drei Geschichten, Ein schlichtes Herz, sehr begeistern. Hier bekommt der Leser den Flaubert des Realismus pur und wer Madame Bovary mag wird auch diese Geschichte lieben. Die typischen präzisen und treffend formulierten Sätze, die „äußere Schönheit“ von Flauberts Stil ist hier uneingeschränkt zu finden. Die zweite und dritte Geschichte Die Legende vom heiligen Julian dem Gastfreien und Herodias konnten mich nicht begeistern. Von der Story, dem Hintergrund und der Idee habe ich sie als nicht rund empfunden und konnte auch nicht so richtig in sie eintauchen. Die Lektüre von Herodias ist, aufgrund der nur durch Anmerkungen eingeführten Figuren, zudem recht holprig. Die Briefe, Anmerkungen und das Nachwort sind wieder höchste Qualität und der Leser gewinnt einen guten Eindruck von Flauberts Schaffen und den Hintergründen zur Entstehung dieser Geschichten und seinem Leben. Für Flaubert Fans und alle, die von Madame Bovary sehr begeistert waren, ist dieses Buch ein absolutes Muss. Ansonsten würde ich Madame Bovary oder L’Education sentimentale den Vorzug geben.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Titel: Drei Geschichten
Autor: Gustave Flaubert
Verlag: Hanser Verlag
Übersetzung: Elisabeth Edl
Erschienen: 21. August 2017
Erstveröffentlichung: 1877
Seiten: 315 Seiten

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verfasst von Tobi

    9 Kommentare

  1. Leselaunen 4. September 2017 at 21:12 Antworten

    Das Cover ist wirklich hübsch gestaltet. Schade, dass Dich nicht alle Geschichten begeistern konnten.

    Neri, Leselaunen

    • Tobi 5. September 2017 at 19:56 Antworten

      Liebe Neri,

      von der Buchgestaltung sind die Hanser Klassiker echt immer top. Eine meiner absoluten Lieblingsbücher. Das Cover finde ich auch echt gelungen.

      Die Lektüre bereue ich auf jeden Fall nicht. Auch wenn mich die beiden Geschichten nicht so sehr begeistern konnten, macht die erste Geschichte und das gelungene Begleitmaterial doch einiges wett.

      Herzliche Grüße
      Tobi

  2. Angela Busch 6. September 2017 at 10:10 Antworten

    Hallo Tobi , die erste Geschichte habe ich dort gefunden und gelesen http://gutenberg.spiegel.de/buch/drei-geschichten-6756/1 übrigens eine tolle Seite, die Du sicher kennst.
    *Ein schlichtes Herz* hat mir auch am besten gefallen. Flaubert schreibt schön ausschweifend und als Leser hat man genug Zeit, die Gedanken wandern zu lassen,,,
    LG Angela vom Literaturgarten

    • Tobi 10. September 2017 at 12:34 Antworten

      Liebe Angela,

      Gutenberg kenne ich, die haben ein echt gutes Archiv. Allerdings liebe ich schmucke und schöne Bücher und kann mich einfach nicht dazu durchringen ein Ebook zu lesen. Daher habe ich auch die Seite nicht so auf dem Schirm. Aber zum Reinlesen ist das eine gute Sache, gerade wenn man sich unsicher ist.

      Liebe Grüße
      Tobi

  3. Jana 7. September 2017 at 8:18 Antworten

    Hallo Tobi,

    ich bin gerade passender weise auf deinen Artikel gestoßen. Gerade heute habe ich mit ,,Madame Bovary“ angefangen, das du so lobst. Ich bin bisher auch begeistert: So eine schöne, klare Sprache mit feiner Ironie. Damit werde ich bestimmt noch viel Spaß haben.

    Viele Grüße
    Jana

    • Tobi 10. September 2017 at 12:35 Antworten

      Liebe Jana,

      oh ja, „Madame Bovary“ ist genial. Da wünsche ich dir viel Vergnügen mit dem Buch. Hast du dir auch die Ausgabe vom Hanser Verlag geholt? Also die Übersetzung von Elisabeth Edl? Wollte schon immer mal eine andere Ausgabe lesen, um mal zu prüfen ob ich den Unterschied wahrnehme.

      Liebe Grüße
      Tobi

  4. Huebi 10. September 2017 at 9:48 Antworten

    Moin,
    anhand deiner Beschreibung sagt mir das Buch nicht so zu, habe es aber als Anlass genommen, mir Madame Bovary auf den SuB zu legen.

    //Huebi

    • Tobi 10. September 2017 at 12:36 Antworten

      Lieber Huebi,

      das ist eine sehr gute Wahl. „Madame Bovary“ ist ein Meisterwerk, da wirst du ganz sicher Dein Vergnügen haben. SuB ist doch bei dir bestimmt der virtuelle Stapel 😉

      Liebe Grüße und viel Spaß beim Lesen
      Tobi

      • Huebi 10. September 2017 at 20:31 Antworten

        Ja,

        diesmal ist es er virtuelle Stapel. Mein realer SuB hat derzeit die Höhe Null, schlicht und ergreifend wegen des Platzes und da kommen nur sehr selten neue Bücher drauf.
        Der virtuelle SuB hat da Platzmässig keine Probleme, das ist ein Vorteil und gleichzeitig auch sein größter Nachteil, man ist versucht im lle des Falles ein Buch dazuzulegen, was man im realen Leben dann eher nicht getan hätte. Dafür muss ich ihn aber weder nach dem LIFO noch nach dem FIFO Prinzip bearbeiten, sondern kann Randommässig drauf zugreifen, ohne dass er umfällt 🙂
        Aber es geht ja jetzt gen Herbst, und bei einer Tasse Tee braucht man dann einen Vorrat für lange, dunkle Abende.

        //Huebi

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