Ich weiß nicht wieso, aber das Thema Ehebruch ist einfach spannend. Besonders wenn es sich um Bücher aus der Epoche des Realismus handelt. Anna Karenina war hier schon ein echtes Meisterwerk. Entsprechend erwartungsvoll war ich, als ich Madame Bovary zur Hand genommen habe. Die ersten fünfzig Seiten waren dann aber recht geradlinig und schmucklos und ich hatte schon die Befürchtung einen Fehlgriff gelandet zu haben. Im Nachhinein kann man hier nichts sagen, denn die ersten Seiten sind dem Ehemann Charles Bovary gewidmet und den stellt Flaubert eben recht bieder dar. Richtig Fahrt nimmt der Roman erst dann auf, als Charles Emma heiratet und die Perspektive zu ihr wechselt.

Ihr erster richtiger Auftritt beginnt mit einer Schilderung ihrer Kindheit im Kloster und die ist derart wortgewaltig, dass ich einfach nur hingerissen war und noch immer bin. Ein Zitat aus dieser Passage:

Sie ließ sich also fortschwemmen von Lamartineschen Mäandern, lauschte den Harfen auf den Seen, allen Gesängen sterbender Schwäne, allen herabfallenden Blättern, den reinen Jungfrauen, die gen Himmelfahren, und der Stimme des Ewigen, die erschallet in den Tälern. (S. 51)

Die Sprache von Flaubert ist einfach der Wahnsinn. Er hat wunderschöne Sätze, bei denen ich beim Lesen immer wieder hängen geblieben bin und manche davon immer wieder lesen musste. Fast als würde man Musik hören, mit bildhaften und bunten Formulierungen. Hier ist ein Beispiel für einen solchen Satz, der dahin schwingt wie ein Streichorchester, das dazu ansetzt eine sanfte Ouvertüre einzuleiten und sich schließlich in seinem Hauptthema verliert:

Sie stürzte sich darauf, schmiegte sich an, stocherte vorsichtig in der Glut, die zu erkalten drohte, sie suchte nach allem, was zum Anfachen dienen konnte; und die fernsten Erinnerungen wie die unmittelbarsten Anlässe, was sie empfand und was sie ersann, ihr Verlangen nach Lust, das sich verströmte, ihre Glückspläne, die im Wind knarrten wie abgestorbene Äste, ihre fruchtlose Tugend, ihre verkümmerten Hoffnungen, die häusliche Misere, alles raffte sie zusammen, alles nahm und alles benutzte sie, um ihre Traurigkeit zu schüren. (S. 167)

Für mich war es aufgrund der ähnlichen zeitlichen Einordnung beim Lesen nur natürlich, die Geschichte von Emma mit der von Anna Karenina zu vergleichen. Während Anna von ihrer Liebe zu Wronski hinfortgerissen wird, ohne selbst nach ihr zu suchen, ist Emma von der Sehnsucht nach der romantischen Liebe erfüllt. Einer idealisierten Vorstellung der Liebe, die während der Zeit im Kloster, durch Literatur, die dort verbotenerweise ausgetauscht wurde, aber auch durch ihr Wesen herangereift ist und sich fast in eine zügellose Gier zu verwandeln droht. Emma stemmt sich, genauso wie Anna gegen diese Gefühle. Sie sucht eine Antwort in der Literatur, in ihrem Alltag und startet auch einen zuerst zaghaften Versuch, dann mit viel Leidenschaft sich im Glauben zu besinnen. Spannend ist dabei, wie Flaubert ihre Gedanken darstellt. Sehr realistisch und nachvollziehbar, häufig auch nur zu menschlich, wenn sich beispielsweise Emmas verschiedene Emotionen vermengen, so dass sie für Emma und ihre Umwelt undurchschaubar werden:

Nun verschmolzen die fleischlichen Gelüste, die Gier nach Geld und die Melancholien der Leidenschaft zu einem einzigen Schmerz[…] (S. 147)

Im übrigen verbarg sie jetzt alles unter solcher Gleichgültigkeit, hatte so zärtliche Worte und so stolze Blicke, ein so sprunghaftes Benehmen, dass der Egoismus nicht mehr zu unterscheiden war von der Barmherzigkeit noch die Verderbtheit von der Tugend. (S. 283)

Emma charakterisiert Flaubert dabei als nicht besonders ausdauernd und wechselhaft, versieht sie mit einem hohen Maß an Egozentrik, insbesondere ihren naiven und gutmütigen Ehemann gegenüber. Dieses Verhalten steigert sich im Roman und Emma wird immer rücksichtsloser und gieriger. Es entsteht ein Bild von ihr, das stark überzeichnet ist und vielleicht nicht völlig unrealistisch ist, aber für sehr extreme Wesenszüge spricht. Ein Zitat beschreibt Emma sehr gut:

[…]und die besten Küsse hinterließen auf den Lippen nur unerfüllbare Gier nach noch größerer Lust. (S. 369)

Obwohl an einigen Stellen der Glaube Emmas thematisiert wird, erhebt sie die romantische Liebe und das Streben nach dieser als ihre Religion. Es ist ihr Lebensziel die große Liebe zu finden und mit ihr die Schönheit der Welt zu entdecken, wobei Letzteres ein ausschweifendes Leben mit Reisen, Bällen, prunkvollen Kleidern und ein hohes Maß an Konsum voraussetzt. Was diese Verherrlichung der romantischen Liebe angeht, hebt Flaubert hier wohl mahnend den Finger. Dabei musste ich an einen Artikel denken, der erst in der FAZ erschienen ist und genau diesen Hang zur Idealisierung der Liebe auch in unserer Zeit und Gesellschaft eine gewisse Lasterhaftigkeit konstatiert. In ihrem Ehebruch findet sie, zumindest in der Anfangszeit einer Liaison genau diese Erfüllung:

Nun dachte sie an die Heldinnen all der gelesenen Bücher, und die holde Heerschar dieser Ehebrecherinnen sang in ihrer Erinnerung mit schwesterlichen Stimmen die sie verzauberten. Sie selbst wurde gleichsam ein Teil dieser Phantasien und verwirklichte die endlose Träumerei ihrer Jugend, denn sie erkannte sich in jenem Bild der liebenden Frau, die sie maßlos beneidet hatte. Zudem kostete Emma die Befriedigung der Rache. Hatte sie nicht genug erduldet! Doch jetzt triumphierte sie, und die so lang unterdrückte Liebe brach hervor wie ein fröhlich sprudelnder Quell. Sie labte sich ohne Gewissenspein, ohne Furcht, ohne Zweifel. (S. 216)

Die sprachliche Raffinesse Flauberts präsentiert sich auch in einer sehr schönen Passage, einer Landwirtschaftsausstellung, die Emma besucht und wo es zu einer Annäherung zwischen ihr und einem Geliebten kommt. Flaubert vermengt eine Rede dieser Ausstellung, bei der besonders treue und fleißige Arbeiter geehrt werden, mit dem von Emotionen, Wünschen und Sehnsüchten durchtränkten Dialog zwischen den beiden Verliebten. Dieser Gegensatz und das, was hier zwischen den Zeilen mitschwingt, hat mich stark an Tolstoi erinnert oder an Bachs Fugen, denn hier entsteht ein mehrstimmiger Dialog, in dem jede einzelne Stimme in sich stimmig ist, aber auch die Gesamtkomposition eine ganz neue Bedeutung bekommt.

Schon recht früh lassen sich Charles und Emma in Yonville, einem kleinen Dorf in der Provinz, nieder. Bemerkenswert dabei ist die Schilderung der anderen Dorfbewohner, wie der Apotheker Homais oder Lheureux der Händler, die das Wirken von Emma in einen gewissen gesellschaftlichen Rahmen einbetten und so einzelne Entscheidungen in ihrer Bedeutung manchmal verstärken und manchmal abschwächen. Als Leser bekommt man einen schönen Einblick in das Denken und Schaffen der bürgerlichen Schicht des 19. Jahrhunderts.

Der Roman wurde in der Zeitschrift „La Revue de Paris“ zensiert veröffentlicht und von der Zensurbehörde wurde Flaubert wegen „Verstoßes gegen die guten Sitten“ und „Verherrlichung des Ehebruchs“ angeklagt, dann aber freigesprochen. In der Ausgabe vom Hanser Verlag ist ein umfangreiches Nachwort und diese Anklageschrift enthalten, was interessant zu lesen ist, denn es bietet einen ganz guter Einblick in die Werte dieser Zeit.

Fazit: Die sprachliche Perfektion, die einfühlsame Porträtierung Emmas, die sowohl nachvollziehbar, als auch beim Lesen nachempfunden wird und gleichzeitig die Distanz zu der scheinbar zügellosen Ehebrecherin, machen dieses Buch zu einem Meisterwerk. Die Art und Weise wie Flaubert die ganze Szene und seine Charaktere zum Leben erweckt, wie gefeilt und konstruiert, aber auch wie wohlklingend seine Formulierungen sind, wie er die Landschaft, die Kulisse und die einzelnen Momente mit seiner wunderbaren Sprache zeichnet, das lädt auch zum mehrfachen Lesen ein und ist purer Genuss. Ein Buch, dass ich jeden nur empfehlen kann.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Titel: Madame Bovary
Autor: Gustave Flaubert
Verlag: Hanser Verlag
Übersetzung: Elisabeth Edl
Erschienen: 24. September 2012
Erstveröffentlichung: 1857
Seiten: 760 Seiten

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verfasst von Tobi

    12 Kommentare

  1. Ute 17. Januar 2015 at 12:23 Antworten

    Hallo,
    da schaue ich mich hier zum ersten Mal um und finde zu Beginn sofort eines meiner Lieblingsbücher. 🙂
    Ich hoffe, dass es nach Deiner tollen Beschreibung noch viele Leser finden wird!

    Liebe Grüße
    Ute (Liedie40)

    • tobi 17. Januar 2015 at 18:08 Antworten

      Hallo Ute,

      hui also wenn das Buch eines deiner Lieblingsbücher ist und du im #TeamTolstoi bist, dann musst du echt einen Blog starten. Scheinbar hast du einen echt guten Lesegeschmack!

      Ich hoff dir gehts schon besser!?

      Liebe Grüße
      Tobi

  2. Annes Bücherwelt 17. Januar 2015 at 15:08 Antworten

    Hallo Tobi,
    Wie geht es dir?
    Wie läuft es mit der Buchparade?
    Lg
    Anne

    • tobi 17. Januar 2015 at 18:09 Antworten

      Huhu Anne,

      mir gehts gut. Hab schon auf Twitter gesehen, dass du eine kleine Blogrunde machst 😉
      Die Blogparade läuft leider nicht so gut. Glaub mein Blog ist noch zu unbekannt.

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
      Tobi

  3. Saskia 20. Januar 2015 at 15:56 Antworten

    Hallo Tobi!

    Mensch, ich bin gerade durch Kerstins Blog hergekommen und bin total begeistert, dass ich einen Blog entdeckt habe, auf dem auch so grandiose Klassiker rezensiert werden! Ich liebe Tolstoi und Flaubert und finde deine Rezension zu „Madame Bovary“ ganz wunderbar. Auf Deutsch habe ich das Buch, ehrlich gesagt, noch nicht gelesen, aber auch auf Französisch ist der Schreibstil unvergleichlich aussagekräftig und gewaltig. Eines meiner liebsten Buchzitate stammt aus „Madame Bovary“. 🙂

    Ich werde von nun an auf jeden Fall häufig hier vorbeischauen, fühle mich schon jetzt wohl auf deinem Buchblog!

    Liebe Grüße

    Saskia

    • tobi 20. Januar 2015 at 19:44 Antworten

      Hallo Saskia,

      vielen Dank für dein nettes Kommentar. Ich hatte schon die Befürchtung, dass eine Rezension zu einem Buch wie „Madame Bovary“ nicht so gefragt ist und bin überrascht, dass doch viele diese Klassiker einfach schätzen.

      Klasse, dass dir mein Blog gefällt. Hast du auch erst mit dem Bloggen angefangen? Wenn du Klassiker oder eher unbekannte Bücher magst, dann solltest du auch darüber schreiben. Mich würden solche Tipps echt interessieren 😉

      Liebe Grüße
      Tobi

      • Saskia 22. Januar 2015 at 13:34 Antworten

        Hi Tobi,

        ja, richtig, ich habe Anfang Januar mit dem Bloggen begonnen. 🙂 Klassiker werden auf jeden Fall noch ein Thema sein. Ich überlege aktuell noch, mit welchem Klassiker ich beginnen soll (es gibt einfach zu viel Auswahl!).

        Liebe Grüße

        Saskia

        • tobi 22. Januar 2015 at 14:50 Antworten

          Hallo Saskia,

          da bin ich gespannt, worüber du noch so bloggen wirst. Bei mir wird das schon ein Mix aus aktueller Literatur und Klassiker werden. Mal sehen, eben worauf man gerade Lust zu lesen und zu schreiben hat.

          Freu mich schon auf deine nächsten Beiträge.

          Liebe Grüße
          Tobi

  4. Pingback: Effi Briest • Theodor Fontane | lesestunden 10. Februar 2015 at 11:55

    […] Anna Karenina und Madame Bovary ist nun Effi Briest die dritte Ehebrecherin im Bunde. Bisher hat keiner dieser drei Romane meine […]

  5. […] bin ein großer Fan der drei großen Ehebruchromane des 19. Jahrhunderts. Ob Emma, Anna oder Effi, ich find die drei einfach klasse und könnte auch gar nicht genau sagen wieso. […]

  6. Pingback: Die Elenden von Victor Hugo 26. September 2015 at 9:18

    […] guten Eindruck vom Denken und Schaffen der Menschen dieser Zeit. Ganz ähnlich, wie das Flaubert in Madame Bovary […]

  7. Pingback: Fanny von Ernest Feydeau 19. Juni 2016 at 8:55

    […] seinen Prozess wegen Verstoßes gegen die guten Sitten (aufgrund seines veröffentlichten Buches Madame Bovary) gewonnen hat. Auch wenn der Vergleich nahe liegt, mit Flaubert würde ich Feydeau allerdings weder […]

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