In jedem Jahr erscheinen zwei neue Bücher im Programm der mare Klassiker. Und jedes Mal warte ich gespannt, was mich diesmal in der Reihe der sehr schmucken Ausgaben erwartet. Von Die Arbeiter des Meeres von Victor Hugo, dass Anfang des Jahres erschien, war ich sehr begeistert. Was sich hinter John Steinbecks Logbuch des Lebens verbirgt, dass ist wieder ein ganz typisches Buch im Stile des mare Verlags. Ein Lesevergnügen mit viel Meer und Natur natürlich, aber auch wieder mit dem besonderem Etwas.

Anfang 1940 machte sich John Steinbeck, zusammen mit seinem Freund Ed Ricketts, an Bord eines Fischerkutters auf dem Weg, um die Niederkalifornische Küste und deren Tierreich zu erkunden. Ed Ricketts war Meeresbiologe und Steinbeck teilte seine Begeisterung für die Tierwelt des Meeres, so dass sie sich entschlossen sechs Wochen lang den Golf von Kalifornien zu erkunden. Dabei schipperten sie mit ihrem Sardinenkutter die Küste des Golfes entlang, machten an einigen mexikanischen Ortschaften halt und starteten an zahlreichen Stellen Sammelaktionen, bei denen sie unzählige Meerestiere aus dem Litoral, dem von Gezeiten geprägten Küstenbereich, sammelten, präparierten und eingruppierten.

Erst einmal hört sich das nach einem schnöden Reisebericht an. Das Gegenteil ist der Fall, denn Steinbeck liefert hier einen wunderbaren Text über die Erlebnisse der kleinen Gruppe. Mit einer humorvollen Leichtigkeit schreibt Steinbeck in einem sehr angenehm lesbaren und unterhaltsamen Stil. Schildert die Rahmenbedingungen, interessante Begegnungen, philosophiert über Gott und die Welt, über Land und Leute, beschreibt natürlich die wunderschöne Landschaft, die Artenvielfalt, die Eindrücke, die sie in dieser damals noch wenig ergründeten Natur gesammelt haben. Mittlerweile ist Baja California ein beliebtes Urlaubsziel und sehr überlaufen. Damals war besonders der Golf von ärmlichen Verhältnissen geprägt, wurde wenig bereist und bot einige menschenleere Regionen. Immer wieder schreibt Steinbeck auch darüber, wie sie auf die Einwohner, einfache Mexikaner oder arme Indianer stießen, an welchen kleinen mexikanischen Ortschaften sie halt machten und natürlich über die ausgedehnten Sammelaktionen.

Alleine zu lesen, mit welcher Ausrüstung und was für einem Kutter sie sich auf den Weg gemacht haben, ist schon abenteuerlich. Eine wirklich ernsthafte Forschungsreise war das auf jeden Fall nicht. Vielmehr ein Abenteuer, der erfüllte Traum aus der Wirklichkeit zu fliehen, dem gerade beginnenden zweiten Weltkrieg auf einem kleinen Schiff den Rücken zu kehren und vollkommen in die Welt des Meeres und der Tiere einzutauchen. Oft hatte ich das Gefühl hier eine Mischung aus Forschungsreise, Abenteuer und Urlaubsreise zu lesen. Steinbeck betont, für ihn ist die Meeresbiologie mehr als nur das stupide Sammeln und Auswerten der verschiedenen Arten. Es zählt das Gesamtbild, die einzelnen Tiere, ihr Biotop, die umgebende Landschaft, aber auch der philosophische Blick auf diese sich laufend verändernde Welt. Diese Sichtweise transportiert Steinbeck in diesem Reisebericht auf sehr gelungene Weise. So werden die Sammelaktionen beschrieben und auch die gefundenen Arten geschildert und stellenweise aufgelistet. Dabei wird es aber nie langweilig, denn plötzlich schweift Steinbeck ab und schafft elegant den Bogen zum Menschen selbst, zu unserem Denken, hinterfragt Dinge, die in einem völlig anderen Kontext auftauchen, aber doch plötzlich einen Bezug zu dieser begrenzten Welt im Litoral haben. Das hat mir jedes Mal sehr gut gefallen.

„Ist das Wasser warm, gibt es Nahrung in Hülle und Fülle, dann verfallen viele Tiere in ein träges, unproduktives Glück. Auf den Menschen trifft das jedenfalls zu. Kraft, Klugheit und Vielseitigkeit erwachsen eindeutig aus Hindernissen. Nicht ohne Grund schlägt Tacitus in seinen Annalen vor, dass man die Heere der Germanen in eine warme Region mit üppiger Nahrung locke. Dies, schreibt er, führe Armeen am raschesten ins Verderben. Wenn das in einem biologischen Sinn zutrifft, was mag dann wohl aus der gut ernährten und gut gewärmten Bevölkerung eines idealen Zukunftsstaates werden?“ (S. 249)

Das gesamte Buch hat einen lockeren Stil und mir gefällt Steinbecks Sichtweise auf die Welt sehr gut. Insbesondere, dass sie sich und ihr Vorhaben nicht so ganz ernst nehmen. So wartet er immer wieder mit humorvollen Anekdoten auf, beschreibt ganz authentisch, wie sie eben doch ziemlich oft ein kühles Bierchen gezischt haben und wie die kleine Männertruppe zusammengewachsen ist, welche Marotten sie so hatten und was so alles schief gegangen ist. Durch diese Eindrücke und der Beschreibungen der Landschaft, der Meerestiere und der kleinen Orte, entsteht ein sehr schöne Bild von dieser Reise. Das ist so richtig das, wofür die Bücher des mare Verlags stehen. Heute dreimal ins Polarmeer gefallen ist ein Buch, das ganz ähnlich gelagerte Eindrücke bei mir hinterlassen hat. Oder der Bildband Antarktische Wildnis. Nach diesen Büchern hat man das Gefühl eine kleine Reise unternommen zu haben. Natürlich ist das nicht vergleichbar damit, wenn man sich selbst auf den Weg macht. Aber für eine kurze Zeit entführen einen diese Bücher in eine andere, in eine schöne Welt, mitten hinein in eine romantische und unberührte Natur. Ohne irgendwelche Strapazen zu erleiden, kann man so dem Alltag entfliehen und komplett abschalten. Und diese Bücher wecken die Erinnerung und die Sehnsucht nach dem Meer.

John Steinbeck ist einer der erfolgreichsten US-amerikanischen Autoren des letzten Jahrhunderts und bekam 1940 für seinen sozialkritischen Roman Früchte des Zorns den Pulitzer-Preis und 1962 den Nobelpreis für Literatur. Einige seiner Bücher, wie Jenseits von Eden wurden verfilmt. Er ist also einer der dicken und lesenswerten Fische im Literaturteich des 20. Jahrhunderts. Jenseits der großen Titel ist dieses Buch sicher ein Geheimtipp und eine echte Neuentdeckung. Seine sozialkritische Haltung klingt auch in diesem Buch immer wieder an.

„Das Geben kann für das gleiche Überlegenheitsgefühl sorgen wie das Raffen, und Philanthropie ist vielleicht nur eine geistige Form von Gier.“ (S. 360)

Die letzten 60 Seiten des Buches umfassen einen Nachruf an seinen Freund Ed Ricketts, der mit ihm diese Reise unternommen hat und 1948 bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Zuerst hat mich dieses plötzliche Ende und dieser Kontextwechsel überrascht. Allerdings hatte auch dieser Text einen lockeren Stil, der mit Anekdoten, einer Prise Humor und viel Menschlichkeit einen nahe stehenden und scheinbar interessanten Freund charakterisiert. Wie der Reisebericht selbst hat es Spaß gemacht, die Zeilen zu lesen, auch wenn sie irgendwie seltsam an das Buch angehängt sind. Dort erfährt der Leser aber auch, dass ursprünglich eine weitere Forschungsreise dieser Art geplant war. Und dass Steinbeck und Ricketts ziemlich versoffene Burschen waren, was sie einfach sehr sympatisch macht.

Die Ausgabe ist wie gewohnt sehr hochwertig, mit Fadenbindung, Lesebändchen und geschmeidigen Leineneinband. Im Vorsatz findet sich eine Karte in der die von Steinbeck zurückgelegte Route verzeichnet ist. Die habe ich als sehr hilfreich empfunden, denn so behält man grob den Überblick, wo sich das kleine Schiffchen gerade befindet. Insgesamt ist hier alles bestens, genau so wie von den anderen Ausgaben gewohnt.

Fazit: Logbuch des Lebens ist ein unterhaltsamer und locker geschriebener Reisebericht, der den Leser in die wilde und unergründete Welt von Niederkalifornien der 1940er Jahre entführt. Steinbeck schafft es auf sehr leichte Weise die Beschreibung der Landschaft, der mexikanischen Einwohner, des Meeres und der zahlreichen gesammelten Meeresbewohner mit philosophischen Gedanken und einem hinterfragenden Blick auf die moderne Welt in Einklang zu bringen. Dieses Buch ist ein Ausflug in die Welt des Meeres, ein Abenteuer und Streifzug durch eine maritime Welt, ganz so, wie ich es von der Reihe der mare Klassiker gewohnt bin und wofür ich sie so schätze.

Wertung in Sternen

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Über das Buch

Titel: Logbuch des Lebens
Autor: John Steinbeck
Verlag: mare Verlag
Übersetzung: Henning Ahrens
Erschienen: 26. September 2017
Erstveröffentlichung: 1941
Seiten: 368 Seiten

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verfasst von Tobi

    12 Kommentare

  1. Stefan Heidsiek 10. Oktober 2017 at 20:17 Antworten

    Habe den Mare Verlag erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit für mich (u.a. durch das Buch von Sir Arthur Conan Doyle) entdeckt und bin von Aufmachung und Titelauswahl sehr angetan. Bis auf wenige Ausnahmen wird da sicher ein Großteil in mein Regal wandern. Und Steinbeck ist – egal, wo veröffentlicht – für mich eh ein Muss, zumal ich „Logbuch des Lebens“ noch nicht kenne. Danke für den Hinweis und die gelungene Besprechung. Das kommt gleich in meinen Warenkorb.

    Falls Dich übrigens die Thematik Meer auch außerhalb des Mare Verlags interessieren sollte, werfe mal einen näheren Blick auf „Der Goldsucher“ von J.M.G. Le Clézio. Eines der schönsten und exotischsten Bücher, die ich bis dato gelesen habe und auf einer Ebene mit den Klassikern von Stevenson, Cooper und Co.

    Beste Grüße und schönen Abend
    Stefan

    • Tobi 10. Oktober 2017 at 20:47 Antworten

      Lieber Stefan,

      der Mare Verlag ist super, die Klassiker Reihe hab ich komplett und die Bücher sind einfach top. Inhaltlich wie von der Aufmachung. Neben den Hanser Klassikern meine absolute Lieblingsreihe. So schöne Bücher findet man nicht so leicht. Zum Start hol dir unbedingt die beiden Bücher von Guy de Maupassant und „Die Arbeiter des Meeres“ von Victor Hugo. Das sind echte Knaller. Das optisch schönste Buch ist „Von Ozean zu Ozean“ von Kipling. Eine wunderschöne Ausgabe.

      „Der Goldsucher“ hört sich echt gut an. Vielen Dank für den Tipp. Das kommt auf meine Liste.

      Liebe Grüße
      Tobi

  2. Stefan Heidsiek 10. Oktober 2017 at 21:23 Antworten

    Ja, du hast mir mit Deinem Blog und speziell halt mit den Mare-Besprechungen den Mund ziemlich wässrig gemacht. Obwohl ich den ein oder anderen Titel bereits in älterer Auflage im Regal stehen habe, spricht das mein Buchliebhaberherz einfach an. Die Hanser-Klassiker kenne ich bereits und nenne schon mehrere mein Eigen. Wunderschön, wobei mir hier vor allem „St. Ives“ von Stevenson gefällt.

    Die Tipps nehme ich doch gerne mit. Die beiden Maupaussants waren eh schon auf dem Wunschzettel, Hugo kommt jetzt gleich mal dazu. Bei Kipling ist erstmal „Kim“ von Hanser fällig.

    Wünsche Dir viel Spaß, für den Fall, dass du Le Clézio lesen solltest. Er hat ja 2008 den Nobelpreis bekommen und ich – damals noch Azubi im Buchhandel – habe da einfach mal zugegriffen. Ist mir bis heute nachhaltig in Erinnerung geblieben.

    Liebe Grüße zurück
    Stefan

  3. Tinka 11. Oktober 2017 at 8:36 Antworten

    Huhu

    Steinbeck zählt zu meinen absoluten Lieblingsauroren 😍😍😍 ich liebe seine Bücher und finde es echt cool, dass dir sein Buch so zugesagt hat! Hast du auch andere Sachen von ihm gelesen?

    Lg Tinka

    • Tobi 13. Oktober 2017 at 14:09 Antworten

      Liebe Tinka,

      von Steinbeck ist das mein erstes Buch. Ich bin mir nicht sicher, vom Klappentext ziehen seine anderen Bücher einfach nicht so richtig bei mir. Welches Buch kannst du denn besonders empfehlen?

      Liebe Grüße
      Tobi

      • Tinka 15. Oktober 2017 at 9:45 Antworten

        Hm…also ich mochte eigentlich alles von ihm 🙂 jaaaaaaa! Ich bin ein Fan gg aber besonders in Erinnerung geblieben sind mir folgende Werke: Die Straße der Ölsardinen (ein Buch über Außenseiter und alternative – living, ich mag sowas ja total gerne), dann Tortilla Flat (liest sich total schnell und hat nur wenige Seiten) und der gesellschaftskritische Roman Früchte des Zorns. Bei Steinbeck ist es halt so, dass seine Bücher über den Unterhaltungswert gehen, sie sagen immer etwas aus und sind meist kritisch. Sein Faible für die Armen und Unterdrückten in der Gesellschaft ist in allen seinen Werken zu finden. Das muss man halt mögen. Wenn jmd lieber romantische Bücher liest, Liebesschnulzen und Heiterkeit bevorzugt, der ist bei Steinbeck falsch. Ich mag aber politisch affine Bücher und irgendwie könnte ich bei Steinbech fast jeden Satz in meine Zitate-Liste aufnehmen ^^

  4. Huebi 11. Oktober 2017 at 20:24 Antworten

    Moin,

    in der Schule hat man bei mir literarisch einiges vergeigt. Ich weiss gar nicht wie oft ich Die Weber, Mutter Courage, Die Leiden des jungen Werther oder den Bahnwärter Thiel lesen musste. Da musste dann jeder Winkel durchleuchtet werden, ob und was mit der Autor sagen will. Spass am Lesen hat das nicht gerade gebracht. So sind einige Autoren bei mir regelrecht verbrannt. Auch im Englischen (da lese ich Shakespeare sehr gerne, besonders Der widerspenstigen Zähmung, aber Shakespear MUSSTE ich ja auch nie lesen. Dafür aber Jack London, Jack London und dann noch Jack London. Und John Steinbeck – The Pearl.
    Nun hat mich deine Besprechung dazu gebracht, es doch mal mit John Steinbeck zu probieren, nachdem mir Flauberts Mde Bovary recht viel Spass gemacht hat. Also flugs den nächsten virtuellen Buchladen aufgesucht – und ach herrje, Logbuch des Lebens gibt es nicht als eBook 🙁 Klar, die Perle, die gibt es. Will ich aber nicht. Soll anscheinend nicht sein. Aber der eSuB ist ja auch groß genug und so werde ich mir (vielleivht) die Hexenholzkrone zu Gemüte führen, onwohl ich mir vorgenommen hatte, auf den 2ten Teil zu warten.

    Gruss
    Huebi

    • Tobi 13. Oktober 2017 at 14:08 Antworten

      Lieber Huebi,

      also mit der Schule hatte ich Glück, da wurde ich nur mit Georg Büchner gequält und sonst weitgehend verschont. Das kann ich gut verstehen, dass du da dann keine Lust mehr auf die Autoren und Bücher hast. Ein Glück, dass man beim entspannten Lesen keine Analyse machen muss und das Buch bis zum letzten Detail ausquetschen muss. Dieses Buch von Steinbeck ist auf jeden Fall eine sehr entspannte und unterhaltsame Lektüre. Da ist keine Spur von hohem literarischen Anspruch.

      Mit deinen eBooks hast du ja echt kein Glück. Vielleicht solltest du dir doch einen handfesten zweit SuB zulegen? 😉

      Herzliche Grüße
      Tobi

  5. Leselaunen 12. Oktober 2017 at 22:38 Antworten

    Das Buch schaut wirklich faszinierend aus!

    Neri, Leselaunen

  6. Sebastian Koch 13. Oktober 2017 at 15:04 Antworten

    Hallo! Dieses Buch habe ich noch nie gelesen, auch wenn ich John Steinbeck einen absoluten Literatur-Meister finde! Danke für den Bericht, jetzt weiß ich wonach ich das nächste mal in der Bücherei suchen soll.
    Viele Grüße, Sebastian

  7. Büchervergleich 13. Oktober 2017 at 19:11 Antworten

    Das Buch schaut, obwohl ich nicht der Steinbeck Fan bin, echt interessant aus.
    LG Joel von Büchervergleich.org

  8. Nerede 15. Oktober 2017 at 15:48 Antworten

    Danke für die Präsentation

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